Zeit für Brettspiele: 16 Porträts – Eine Rezension

von Johannes Fischer
08.02.2020 – Von Schiller stammt der oft zitierte Satz, "der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt". Aber warum spielt der Mensch so gern, was macht den Reiz des Spielens aus? Diesen Fragen sind Jörn Morisse und Felix Gebhard in ihrem Buch "Zeit für Brettspiele" nachgegangen. Mit 16 Porträts leidenschaftlicher Spieler und Spielerinnen.

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Seit Jahren verzeichnet die Spieleindustrie kontinuierlich steigende Umsätze. Bei Computer- und Videospielen, aber auch bei Brettspielen. Diese Renaissance der Brettspiele wollten Jörn Morisse und Felix Gebhard besser verstehen und haben deshalb 16 Menschen porträtiert, die sich professionell oder halbprofessionell mit Brettspielen beschäftigen: Spieleentwickler, Spieleredakteure, Betreiber von Spielecafés oder so genannten "Ludotheken", den mehrfachen Weltmeister im Carcassonne, Ralph Querfurth, aber auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die das Phänomen Spiel akademisch untersuchen.

"Mit Schwerpunkt auf der deutschsprachigen Spieleszene dokumentiert unser Buch ... den gegenwärtigen Boom der modernen Brettspiele in Word und Bild. … 'Zeit für Brettspiele' macht auf Trends aufmerksam, weckt Erinnerungen, erklärt – auch wirtschaftliche – Zusammenhänge und wirbt für die analoge Unterhaltung. Inklusive Spieletipps als Ideentrampolin, die hoffentlich für Vielspieler und Einsteiger gleichermaßen interessant sind." (S. 7)

Jedes Porträt umfasst ungefähr 10 bis 15 reich bebilderte Seiten und lässt die Porträtierten im eigenen Duktus und Jargon zu Wort kommen und so sind diese Porträts Interviews ohne Fragen. Das macht das Lesen zwar nicht immer leicht, aber sorgt für Abwechslung und illustriert die vielen Facetten und unterschiedlichen Zugänge zum Spiel. Die sich nicht zuletzt in der Sprache zeigen.

So erklärt Dr. Karin Falkenberg, Leiterin Spielzeugmuseum und Deutsches Spielearchiv, Nürnberg:

"Das Spielzeugmuseum ist 1971 eröffnet worden und galt als nahezu revolutionär, obwohl es andernorts bereits Impulse für Spielzeug als Kulturgut gegeben hatte. Spielzeug als Objektivationen unserer kulturellen Werte zu verstehen, war Anfang der 70er-Jahre völlig neu. Das Spielzeugmuseum stand damals im Kontext der sozialgeschichtlichen und sozialkritischen Ansätze der 68er. Im Zuge dessen wurde an den Universitäten der Fachbereich Kulturwissenschaften hinterfragt und neu definiert – weg von der 'Deutschen Volkskunde' hin zur 'Europäischen Ethnologie', hin zur Alltagskulturforschung und damit zu der Wahrnehmung, dass Kultur nicht ausschließlich durch Hochkultur wie Theater oder Kunstmuseen mit wertvollen Artefakten gekennzeichnet ist, sondern ebenso durch die Lebenswelt aller Menschen, durch Gebrauchsgegenstände, zu denen auch Spielzeug und Spiele gehören." (S. 91)

Johannes Jaeger, der zusammen mit Jan Cronauer bei Hunter & Cron die Brettspiel-Convention Berlin Con organisiert und einen Videokanal über Brettspiele betreibt, formuliert seine Faszination für Brettspiele und die gesellschaftliche Bedeutung von Brettspielen persönlicher und direkter:

"Kindheit, Jugend, Brettspiele gespielt, später nicht mehr, Computerspiel. Bis zu diesem speziellen Punkt in der Biografie, wo man keine Lust mehr hat, allein vorm Rechner zu sitzen, weil man Kinder hat oder weil man sich an die schönen Erlebnisse von früher erinnert.

Und diese Generation der Leute, die jetzt Anfang, Mitte, Ende 30, Anfang 40 ist, die zum analogen Spiel zurückfindet, trifft gleichzeitig auf eine Brettspielwelt, die sich komplett unterscheidet von dem, was man aus der Kindheit kannte. Früher erschien ungefähr einmal pro Jahrgang ein besonderes Spiel. Heute wird man überschüttet mit qualitativ hochwertigen Produkten, wird abgeholt mit Franchises, die man schon liebt aus Film und Fernsehen, mit vollkommen neuen Spielerlebnissen, die man überhaupt nicht für möglich gehalten hätte, wenn man nur seine Kinderzimmererinnerungen als Maßstab nimmt.

Und diese Mischung sorgt dafür, dass viele Leute Brettspiele als neues Hobby für sich entdecken. Dazu kommt, das macht ganz viel aus, dass es etwas Haptisches hat." (S. 113)

Am Ende der 16 Porträts folgt stets eine Liste mit Lieblingsspielen der Porträtierten – was Anregungen bietet, welche Spiele man ausprobieren oder wieder einmal spielen könnte, und zugleich zeigt, wie vielfältig und abwechslungsreich moderne Brettspiele sind.

Aus der Sicht eines Schachspielers (und Mitarbeiters von ChessBase) ist erfreulich, dass bei all diesen modernen Brettspielen das Schach nicht vergessen wird. So berichten Matthias Wüllenweber und Frederic Friedel, die Co-Gründer von ChessBase, von ihrem Zugang zum Schach und erzählen von den Anfangsjahren von ChessBase. Heutzutage wirkt der Zugriff auf Datenbanken mit Millionen von Partien und die Analyse mit spielstarken Engines für die meisten Schachspieler selbstverständlich, und so ist es reizvoll, noch einmal an die Anfänge dieser Entwicklung erinnert zu werden. So erzählt Matthias Wüllenweber:

"Wir haben Hunderte, Tausende, Zehntausende Partien in der Datenbank erfasst. Ich weiß noch, was es für ein unfassbares Gefühl war, als wir 1.000 Partien zusammengetragen hatten. Wahnsinn! Dass wir jemals auf 10.000 kommen, glaubte ich nicht. Vielleicht. Mit viel Glück. Und heute haben wir 8 Millionen Partien. ... Und mit der Einführung der ChessBase-Datenbank 1986 und später mit den Fritz-Analysewerkzeugen konnten Länder wie z.B. Türkei, Italien, Indien in den folgenden Jahren auf einmal Großmeister hervorbringen. Und das ist eigentlich unser Beitrag, der die Schachwelt verändert hat." (S. 154)

Matthias Wüllenweber testet am Atari eine frühe Version von ChessBase

Frederic Friedel ergänzt: "Wir haben in einem sehr kleinen Bereich Pionierarbeit geleistet und etwas richtig Gutes erschaffen. Darauf bin ich persönlich sehr stolz." (S. 155)

Frederic Friedel (rechts) und Garry Kasparov (links)

So unterschiedlich die 16 Porträtierten in "Zeit für Brettspiele" auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: die Leidenschaft für das Spiel: wenn sie über Spiele und ihre Leidenschaft für diese Spiele reden, wirken sie glücklich. Schiller, wenn dieses Gedankenspiel erlaubt ist, hätte sich gefreut.

Jörn Morisse, Felix Gebhard, Zeit für Brettspiele – 16 Porträts, Ventil Verlag 2019, 176 Seiten, 28,00 Euro.

Über die Autoren

Jörn Morisse ist Kulturwissenschaftler und Amerikanist. Er arbeitet als Agent, Lektor und Übersetzer in Berlin. Zusammen mit Rasmus Engler veröffentlichte er das Interviewbuch "Wovon lebst du eigentlich?" und gab (mit Oliver Koch) den Band "Never get old. Vom Älterwerden im Pop" heraus.

Felix Gebhard ist Fotograf und Musiker und lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von Jörn Morisse und Felix Gebhard im Ventil Verlag "Plattenkisten. Exkursionen in die Vinylkultur" (2015) und "Bücherkisten. Von Menschen und Büchern" (2017).



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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