Zu Ehren von Michail Tal

von Holger Blauhut
08.03.2017 – Zu Ehren von Michael Tal organisierte Alexey Shirov letzte Woche in Jurmala ein Schachfestival, dessen Höhepunkt gut besetzte Turniere mit Blitz- und Schnellschachbedenkzeit waren. Holger Blauhut nahm teil und begab sich natürlich auch auf Spurensuche in Erinnerung an Michail Tal.

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In der ersten Märzwoche organisierte Alexei Shirov traditionell wieder eine ganz Reihe von Turnieren in Jurmala. Neben dem Shirov-Winter-Cup für Schüler gab es Amateurturniere sowie zwei IM- und ein GM-Rundenturnier. Der Hamburger Jonathan Carlstedt konnte eines der IM-Turniere gewinnen.

Die Schachwoche wurde mit dem Michail-Tal-Memorial beendet. Am Freitag wurde geblitzt und am Sonnabend und Sonntag folgte ein Schnellschachturnier.

Meine Anreise aus Norwegen verlief in diesem Jahr angenehm reibungslos, nur hätte ich dem Taxifahrer am Flughafen Lidosta nichts von dem Blitzturnier erzählen sollen. Er hat vermutlich nicht allzu viel verstanden, fühlte sich aber irgendwie herausgefordert und da ich einen Pauschalpreis bezahlt hatte, war das Verkürzen der Fahrtzeit für ihn kein Problem. Im Gegensatz zu mir genoss er die Fahrt sichtlich.

Das Memorial war in diesem Jahr vom Stadtteil Majori nach Bulduri in das Hotel Lielupe umgezogen. Das war ziemlich praktisch, da wir Spieler im gleichen Hotel untergebracht waren. Etwas weniger praktisch war die Trennung der Turniere in zwei Spielorte, wovon der eine ganz unten und der andere ganz oben in der 10. Etage war. Zur Überwindung dieser Strecke standen zwei Fahrstühle mit recht unregelmäßigen Abfahrtszeiten sowie eine gut frequentierte Treppe zur Verfügung. Während ich es beim Blitz – die ersten 32 Bretter spielten in der 10. Etage – fast gänzlich vermeiden konnte nach oben zu müssen, geschah das beim Schnellschach häufiger da dort 50 der 64 Bretter oben standen. Immerhin hatte ich so wenigstens auf der Treppe mal die Möglichkeit einen Großmeister hinter mir zu lassen.

Dank des Taxifahrers hatte ich vor dem Blitzturnier noch genug Zeit um mich etwas in der Gegend umzusehen. Nach einem kurzen Strandspaziergang ging ich zum Bahnhof Bulduri und war sehr erfreut, dass es auch hier ein Café gab.

Bahnhof Bulduri mit Café

Mit dem Bahnhofscafé in Majori hatte ich schon bei einem früheren Turnier gute Erfahrungen gemacht. [bitte den alten Artikel verlinken] Nachdem ich am Tresen einen Tee und zwei Tschebureki (mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen) bestellt hatte, suchte ich mir einen Platz in der Nähe des Propangasöfchens, der gegen den milden lettischen Winter anheizte. Zu meiner Überraschung wurden mir zu den Teigtaschen Messer und Gabel gereicht. Ich hatte Tschebureki noch nie mit Messer und Gabel gegessen, tat es nun aber um nicht aufzufallen – und fiel auf. Da hier niemand – außer mir – die Dinger mit Messer und Gabel aß, wurde ich nun ausgiebig bestaunt.

Um 17.00 Uhr stand dann das Blitzturnier mit 176 Teilnehmern auf dem Programm, welches für mich ganz gut lief und für Organisator Shirov ebenfalls. Er gewann klar mit 9,5/11. Einen Punkt dahinter folgten Igor Kovalenko, Daniel Fridman, Rinat Jumabayev, Aleksej Aleksandrov und der Hamburger Dmitrij Kollars.

 

Blitzturnier: Eric Hansen – Loek van Wely, dahinter: Daniel Fridman und Egons Lavendelis.

 

Blitzturnier Endstand

Rg. Name Pkt.  Wtg1 
1 Shirov Alexei 9,5 65,5
2 Kovalenko Igor 8,5 66,0
3 Fridman Daniel 8,5 64,5
4 Jumabayev Rinat 8,5 63,0
5 Aleksandrov Aleksej 8,5 61,0
6 Kollars Dmitrij 8,5 59,5
7 Meskovs Nikita 8,0 64,0
8 Laznicka Viktor 8,0 63,0
9 Ladva Ottomar 8,0 62,0
10 Gleizerov Evgeny 8,0 60,0
11 Bogdanov Egor 8,0 55,5
12 Neiksans Arturs 7,5 68,5
13 Bok Benjamin 7,5 68,0
14 Gunina Valentina 7,5 66,5
15 Van Wely Loek 7,5 66,0
16 Glud Jakob Vang 7,5 64,0
17 Onischuk Vladimir 7,5 62,5
18 Starostits Ilmars 7,5 61,0
19 Solodovnichenko Yuri 7,5 60,0
20 Hansen Eric 7,5 60,0
21 Nikolajev Denis 7,5 58,5
22 Esipenko Andrey 7,5 57,0
23 Stocek Jiri 7,5 55,5
24 Nasibullin Iskander 7,5 49,0

... 177 Spieler

 

Am Sonnabendmorgen fuhr ich mit der "Elektritschka" nach Riga. Ich mag diese Fahrten, da sie mich immer an Jerofejews Buch über die absonderliche Elektritschkafahrt von Moskau nach Petuschki erinnern. Im Landkreis Petuschki beginnt eine (unbemerkte) Revolution und nachdem am Abend das Dorf Tscherkassowo zur Haupstadt ausgerufen wurde, schicken die Revolutionäre König Olav von Norwegen einen Einschreibebrief, in dem sie Norwegen den Krieg erklären. Zum Glück ist der Brief wohl nie angekommen.

In Riga fuhr ich zum jüdischen Friedhof um das Grab Michail Tals aufzusuchen. Ich hatte keine Ahnung wo auf dem Friedhof sich das Grab befindet und wollte dort einfach jemanden fragen. Aber dort war niemand. Totenstille. Telefonisch bekam ich von Alexei Shirov eine Wegbeschreibung, die mir noch die Möglichkeit ließ, das Grab nicht zu finden. Was ich dann auch recht ausgiebig tat. Als ich wieder einmal am Eingang des Friedhofs vorbeikam entdeckte ich eine einsame Blumenverkäuferin, die zwar meinte, dass sie nicht weiß wo das Grab ist, aber sofort begann mir den Weg dorthin zu erklären bis sie plötzlich abrupt abbrach. Sie deutete auf eine Frau, die am Horizont aufgetaucht war und sagte, dass diese mir den Weg zeigen wird und das tat sie auch. Auf dem Weg zum Grab erzählte sie, dass eine Verwandte von ihr den Bruder Michail Tals geheiratet habe.

Vom Friedhof fuhr ich ins Stadtzentrum von Riga. Dort befindet sich in einem Park direkt hinter dem Blumenmarkt ein Michail-Tal-Denkmal. Es wurde im Jahr 2001 vom Bildhauer Olegs Skarainis geschaffen.

Michail Tal Denkmal

Zu Beginn des Schnellschachturniers erinnerte Alexei Shirov an das Turnier, welches in Jurmala 1987 also vor 40 Jahren gespielt wurde. Das Rundenturnier mit 14 Teilnehmern war von Tal gewonnen worden. Mit Alexander Shabalov und Thomas Casper spielten zwei der Teilnehmer von 1987 auch im diesjährigen Tal-Memorial mit.

 

Jurmala 1987- Turniertabelle

 

 

Im Schnellschach lief es für mich nicht mehr so gut. Besonders am Sonntag klappte nichts. Aber auch andere Spieler mussten leiden. So startete Vorjahressieger Loek van Wely mit 4/4 um vier Runden später bei 4/8 zu stehen. Immerhin sorgte das Hotel für Aufheiterung durch die im Flur angebrachten Beschwörungen zum Verhalten im Brandfall.

Fire-Beschwörung, willkommen

Elofavorit Vladimir Onischuk gewann das Turnier mit 9/11 vor Arturs Neiksans, Rinat Jumabayev und Benjamin Bok med 8,5 Punkten. Sehr stark war der 6. Platz von Evgeny Shvesnikov.

Schnellschach: Loek van Wely – Thomas Casper

 

Schnellschach: Vladimir Onischuk – Evgeni Shvesnikov

 

 

 

Endstand Schnellschach

Rk. Name Pts.  TB1 
1 Onischuk Vladimir 9,0 63,5
2 Neiksans Arturs 8,5 66,0
3 Jumabayev Rinat 8,5 62,0
4 Bok Benjamin 8,5 56,5
5 Fedorov Alexei 8,0 64,5
6 Sveshnikov Evgeny 8,0 64,0
7 Kovalenko Igor 8,0 61,5
8 Fridman Daniel 8,0 61,0
9 Aleksandrov Aleksej 8,0 59,5
10 Ehlvest Jaan 7,5 67,0
11 Stocek Jiri 7,5 64,5
12 Hansen Eric 7,5 59,5
13 Shabalov Alexander 7,5 59,0
14 Orndahl Markus 7,5 59,0
15 Shirov Alexei 7,5 57,0
16 Starostits Ilmars 7,5 53,5
17 Kantans Toms 7,0 62,5
18 Vavulin Maksim 7,0 60,5
19 Panchenko Dmitry 7,0 59,0
20 Miezis Normunds 7,0 57,0
21 Van Wely Loek 7,0 56,0
22 Gleizerov Evgeny 7,0 54,0
23 Gorodetzky David 7,0 54,0
24 Kveinys Aloyzas 7,0 54,0
25 Bernotas Arturs 7,0 51,0
26 Esipenko Andrey 7,0 49,5
27 Gunina Valentina 7,0 49,5
28 Stepins Edgars 7,0 47,0

... 130 Spieler

Partienauswahl Schnellschach

 

 

Am Sonntagabend gab es noch ein kleines Handicapturnier mit großen Preisen. Der Sieger bekam immerhin 400 Euro und insgesamt wurden über 1.000 Euro an die ersten sieben Plätze verteilt. Pro Partie gab es 12 Minuten Bedenkzeit, die je nach Elodifferenz zwischen den Spielern aufgeteilt wurden. Bei mehr als 600 Punkten Differenz bekam der stärkere Spieler nur noch 1 Minuten und 15 Sekunden, bei über 700 Punkten waren es nur 57 Sekunden und bei über 800 Punkten Elodifferenz bekam der Favorit 48 Sekunden während der schwächere Spiele 11 Minuten und 12 Sekunden zur Verfügung hatte. Da wundert es dann nicht, dass es der U12 Spieler Yaroslav Naumovich mit einer Elozahl von 1615 nach 11 Runden auf den 4. Platz geschafft hat. Benjamin Bok gewann vor Evgeny Gleizerov und Andrey Esipenko.

Handicap-Turnier: Aleksandr V Kozlov – Alexei Shirov, dahinter: Evgeny Gleizerov – Benjamin Bo

Wie immer war es für mich eine schöne Reise nach Jurmala mit tollen Turnieren und (viel zu viel) leckerem Essen. Ich hoffe, dass Alexei Shirov auch im nächsten Jahr wieder Turniere in Jurmala organisiert und kann nur empfehlen sich das erste Märzwochenende freizuhalten.

 

Ergebnisse bei Chess-results...

Turnierseite...

 

 



Autor, Verleger und Büroarbeiter, lebt in Fredrikstad/Norwegen.
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Crimsonseahawk1 Crimsonseahawk1 08.03.2017 02:38
Es gab zu Lebenzeiten von Michael Tal, also der Vor-Computerära nur 4 Spieler die bis dahin mit dem Prädikat als wirklich genial zu
bezeichnen waren. Das war Tal selber, Capablanca, Fischer und Kasparow.
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