Zugzwang: Lesung mit Ronan Bennett

14.09.2007 – Mit "Zugzwang" hat der auf den britischen Inseln und in den USA sehr erfolgreiche Autor Ronan Bennett einen Roman vorgelegt, dessen Handlung am Rande des Schachturniers von St. Petersburg 1914 angesiedelt ist und in dessen Hauptfigur Schachfreunde sehr schnell den polnischen Großmeister Akiba Rubinstein erkennen werden, auch wenn er im Roman Avrom Rozental heißt. Den Zugang zum Schach fand Ronan Bennett selbst auf literarische Weise, als der irische Bürgerrechtler in Untersuchungshaft in Brixton saß und sein Anwalt ihm ein Schachbuch gab, um der Leere des Gefängnisalltags entfliehen zu können. Als Historiker fand Bennett später auch Gefallen an der Geschichte des Schachs und wurde sogar Sammler von Spielen. Später nahm er Schachunterricht bei Danny King und gestaltet nun mit dem Großmeister die Schachspalte im Guardian. Kommenden Donnerstag (20. September) ist Ronan Bennett persönlich in Berlin und stellt in der Lasker-Gesellschaft seinen Roman Zugzwang vor, der dieser Tage im Bloomsbury-Verlag Berlin in deutscher Sprache erscheint. ChessBase führte ein Interview mit dem Schach begeisterten Schriftsteller: "Schach war bis zu einem gewissen Grad meine Rettung an einem bestimmten Punkt meines Lebens." (Buchpremiere in der Lasker-Gesellschaft mit Ronan Bennett, Prof. Ernst Strouhal und Frank Arnold, Donnerstag 20.September, Beginn 19.30, Eintritt: 5,- Euro.)Videos des Bloomsbury Verlags...Interview mit Ronan Bennett...

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Interview mit Ronan Bennett

Ronan Bennett ist in Belfast aufgewachsen. Als jugendlicher Demonstrant im Kampf um Bürgerrechte landete er im Alter von 18 Jahren als republikanischer Gefangener im berüchtigten Lager von Long Kesh, und wurde von einem speziellen Diplock-Gericht ohne Jury zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt. Nach Berufung und Freilassung ging er nach England, wo er erneut verhaftet wurde und 20 Monate in Untersuchungshaft im Gefängnis von Brixton in London verbrachte. Nach seiner Freilassung studierte er Geschichte am King’s College in London und promovierte mit einer Arbeit über Gesetzesvollstreckung während des Englischen Bürgerkriegs von 1642-49.

Er hat bereits vier Romane veröffentlicht: The Second Prison; Overthrown by Strangers; The Catastrophist (für den Whitbread Novel Award gelistet); und Havoc, In Its Third Year (ausgezeichnet als irischer Roman des Jahres). Bennett war außerdem nicht genannter Co-Autor der Gefängnis Memoiren "Stolen Years" von Paul Hill, einem der "Guildford Four", die 1975 unschuldig für die Guildford und Woolwich Pub-Bombenanschläge verurteilt worden waren. Darüber hinaus schreibt er Drehbücher für Film und Fernsehen, u.a. für The Hamburg Cell und Rebel Heart, und hat dabei u. a. in Hollywood für Regisseur Michael Mann und Leonardo Di Caprio gearbeitet.

Sein fünfter Roman, Zugzwang, erschien 2006 als wöchentlicher Fortsetzungsroman in der englischen Sonntagszeitung "The Observer". Die Kapitel wurden eigens für die kommende Ausgabe geschrieben und oft erst kurz vor Redaktionsschluss abgegeben. Mark Quinn fertiget dafür eine Reihe von intensiven Illustrationen an.

Vor dem Hintergrund des berühmten St. Petersburger Turniers von 1914, an dem u. a. Lasker, Capablanca, Aljechin und Rubinstein teilnahmen, ist Zugzwang ein Thriller, der, wie das Times Literary Supplement, schrieb ‘einen vielschichtigen Plot und ernsthafte Subtexte’ enthält.  ‘Der Leser wird ... voller Respekt für Bennetts Geschick sein, ihn zu reizen.  Zugzwang ist ein unterhaltsamer und ernsthafter Roman.’

ChessBase wollte mehr über ihn und seine Verbindung zum Schach erfahren.



Ein Video zum Roman und mit Anmerkungen des Autors ist hier zu finden...

ChessBase: Worum geht es in dem Roman?

RB: Zugzwang spielt in St. Petersburg 1914, und ist eine fiktionale Erzählung über politischen Verrat, Mord, Intrigen und Leidenschaft, die vor dem Hintergrund des großen St. Petersburgers Turniers spielt. Schachspieler könnten natürlich eine Ähnlichkeit zwischen einem der Hauptcharaktere im Buch, Avrom Rozental, und einem bestimmten Teilnehmer des wirklichen St. Petersburger Turniers entdecken.

ChessBase: Ich glaube, sie spielen auf Akiba Rubinstein an.  Woher rührt Ihr Interesse an Rubinstein?

RB: Ich finde Rubinsteins Partien höchst lehrreich und schön nachzuspielen. Die Genauigkeit, die umwerfende Einfachheit, seine Endspieltechnik. Aber auch als Mensch war er faszinierend. Vor Jahren las ich einmal in einer kurzen biographischen Notiz über Rubinsteins pathologische Schüchternheit – während eines Turniers war es für ihn nicht ungewöhnlich, seinen Zug auszuführen, um sofort danach vom Brett aufzustehen, um sich irgendwo zu verstecken, bis der Gegner gezogen hatte. Er war überzeugt, dass seine reine Anwesenheit bereits vollkommen unerträglich war und wollte seinem Gegner jedes Ungemach ersparen. Es war schrecklich schmerzhaft. Viel später las ich dann einen Artikel von Großmeister Nigel Davies mit dem Titel ‘Master of the Fly’, der versuchte, Rubinsteins geistige Verwirrtheit psychoreligiös zu erklären. Ich habe Rubinstein in meinem ersten Roman, The Second Prison, erwähnt, aber ich wollte mehr über ihn schreiben und ihn in den Vordergrund rücken.

ChessBase: Und dennoch haben Sie seinen Namen geändert?

RB:  Der Roman ist ein Werk der Phantasie. Ich beginne mit Rubinstein, aber gehe über die Fakten hinaus. Also genau das, was Romanautoren, die sich mit tatsächlichen Ereignissen beschäftigen, tun.

ChessBase: Warum der Titel Zugzwang?

RB: Zugzwang passt zur Situation, in der sich der Hauptcharakter wieder findet – es scheint, als ob alles, was er unternimmt, zu seinem Untergang führen wird. Zugzwang ist ebenfalls eine Metapher für die Stellung, in der sich der Westen dem Islam gegenüber sieht – ein Subtext des Plots. Ich erörtere gerne zeitgenössische Themen, indem ich mich mit der Vergangenheit beschäftige. Es gibt so viele Themen im zaristischen Russland, die heute noch nachklingen – der Antisemitismus der damaligen Zeit zum Beispiel stimmt mit dem heutigen Misstrauen gegen den Islam überein.

ChessBase: Erzählen Sie uns etwas über Ihre Verbindung zum Schach.

RB: Schach war bis zu einem gewissen Grad meine Rettung an einem bestimmten Punkt meines Lebens. Ich saß in Untersuchungshaft im Gefängnis von Brixton in London und wartete auf den Prozess. Es war ein hartes Gefängnis, fast ohne jede Ausstattung. Wir waren bis zu 23 Stunden am Tag eingeschlossen. Die Langeweile war entsetzlich. Ich habe natürlich viel gelesen, aber nach einer Weile und unter diesen Bedingungen war es schwer, die geistigen Welten zu betreten, in die die Romane mich einzuladen versuchten. Der Gegensatz zwischen meiner Realität und der Phantasiewelt des Autors war einfach zu groß. Mein Anwalt war ein Jude namens Larry Grant, ein engagierter Amateur und tatsächlich ziemlich gut. Larry und ich spielten eine Fernpartie, ein Königsgambit – er zerschmetterte mich! Aber er gab mir mein erstes Schachbuch - Irving Chernevs The Most Instructive Games of Chess Ever Played. Bis dahin wusste ich nicht, dass man die Züge einer Partie aufschreiben kann. Von da an hat mich das Schach gefangen genommen.

ChessBase: Wie gut spielen Sie?

RB: Ziemlich durchschnittlich – was immer das auch heißen mag. Ich spiele im Schachklub des Guardian und ein wenig auf schach.de. Mein beste Leistung erzielte ich einmal bei einem Simultan gegen Großmeister Dan King (tiefe Eröffnungsvorbereitung!), wo ich ein Remis bekam.  Mein einziges offizielles Turnier war ein Wochenendturnier in London 1980. Ich gewann meine ersten beiden Partien und saß in der dritten einem pickeligen 13-jährigen gegenüber. Im 15. Zug hatte ich bereits Probleme. All seine Freunde kamen angelaufen, um sich daran zu weiden. Ein paar Züge später gab ich auf. Ich fühlte mich so gedemütigt, dass ich das Turnier abbrach. Ich bin einer der Spieler, die den Schmerz der Niederlage stärker empfinden als die Freude über einen Sieg. Trotzdem habe ich mir die Begeisterung für das Schach und vor allem für Schachgeschichte bewahrt. Mittlerweile macht es mir mehr Spaß, gut kommentierte Partien nachzuspielen, als tatsächlich selber zu spielen. 

ChessBase: Was fasziniert Sie an der Schachgeschichte?

RB: Ich bin studierter Historiker, ich nehme an, es hat etwas damit zu tun. Aber Schach im 19. und im frühen 20. Jahrhundert hat auch etwas Romantisches. Wenn man sich die alten Fotos dieser Turniere anschaut, dann verfügen die Spieler über eine gewisse Eleganz. Sie hatten interessante Lebensgeschichten. Und auch das Schach ihrer Zeit war faszinierend, weil das Spiel im Vergleich zu heute so unerforscht war – diese Leute mussten von Anfang an eigenständig denken, Entdeckungen machen, Fehler machen. Und sie waren außergewöhnliche Persönlichkeiten – Steinitz, Lasker, Capablanca…

Mich fasziniert auch die Ästhetik antiker Schachfiguren – ich bin ein Sammler. Besonders angetan haben es mir englische Schachspiele aus dem 19. Jahrhundert – Jaques natürlich.  Ich habe ein elfenbeinernes Jaques-Schachspiel in Turniergröße, das mir besonders gefällt. Außerdem gefallen mir französische Schachspiele aus dem 19. Jahrhundert – (Lyon, Dieppe, Regence) und die deutschen Selenus-Schachspiele aus dem frühen 19. Jahrhundert sind sehr elegant und raffiniert.

ChessBase: Sie schreiben auch über Schach im Guardian

RB: Ich nahm Schachunterricht bei Daniel King und aus diesen Treffen entstand die Idee für eine Kolumne. Viel wird für stärkere Spieler geschrieben, aber wir waren der Meinung, dass es in Bezug auf ganz gewöhnliche Schachbegeisterte eine Marktlücke gab – Leute wie mich. Das Format ist in etwa ‘Meister und Amateur’. Wir schauen uns eine Stellung an, ich sage, was ich meine und dann erzählt mir Dan, worüber ich nachdenken sollte. Wir geben auch andere Tipps: welche Bücher gut sind, neue DVDs und so weiter. Die Kolumne erscheint jeden Montag und wir machen das jetzt schon fast ein Jahr. Sie finden die Kolumnen unter http://sport.guardian.co.uk/chess.

Wir hoffen, die Darstellung wird bald technisch ein wenig ausgereifter sein.

ChessBase: Wir haben gehört, dass Sie auch eine Verbindung zu Hamburg haben?

RB: Ich habe ein Drehbuch für den britischen Channel 4 geschrieben, ‘The Hamburg Cell’, das sich mit den Verschwörern des 11. Septembers beschäftigt und bin öfter nach Hamburg gekommen, um mit Leuten zu reden, die die Verschwörer gekannt hatten. Anfang 2004 haben wir in Hamburg vor Ort gedreht, bevor es dann weiter in die USA ging. Ich weiß noch, dass es kalt war.

Zugzwang erscheint in der deutschen Übersetzung im Berlin Verlag/Bloomsbury und kostet 19,90€.


Einladung zur Buchpremiere
am 20. September 2007 um 19.30 Uhr

Liebe Freunde der Emanuel Lasker Gesellschaft!

Zusammen mit dem Berlin Verlag/Bloomsburry präsentiert die Emanuel Lasker Gesellschaft den neuen Roman des Londoner Autors Ronan Bennett mit dem Titel "Zugzwang".

Hintergrund dieses Thrillers ist das St. Petersburger Schachturnier von 1914, bei dem Emanuel Lasker den 1. Platz belegte. Hauptheld des Romans ist allerdings der als Favorit geltende Schachmeister Avrom Rozenthal, dessen Figur stark an den Schachgroßmeister Akiba Rubinstein angelehnt ist. Es ist uns gelungen, den Rubinstein-Experten und Verfasser des Buches "Acht x Acht. Zur Kunst des Schachspiels" Prof. Dr. Ernst Strouhal für das Gespräch mit dem Autor zu gewinnen.

Im Anhang finden Sie die Pressemitteilung des Verlages mit einer kurzen Inhaltsangabe des Romans.

Wegen der beschränkten Sitzplatzkapazität wird um Anmeldung zu dieser Veranstaltung gebeten.

Eintritt: 5,-€/ermäßigt 4,- €

Ort:
Emanuel Lasker Gesellschaft
Leuschnerdamm 31
10999 Berlin
(Hauptgebäude, 1. Etage rechts)

Für Rückfragen und Anmeldungen:

Susanna Poldauf
Tel: 0049-30-616 84 130
info@lasker-gesellschaft.de

www.lasker-gesellschaft.de


Ronan Bennett - Werke

Fiction

The Second Prison (1991) - shortlisted for the 1991 Irish Times/Aer Lingus prize.
Overthrown by Strangers (1992)
The Catastrophist (1998) - shortlisted for the Whitbread Novel Award.
Havoc, in its Third Year (2004) - winner of the Hughes & Hughes/Sunday Independent Irish Novel of the Year award.
Zugzwang (2006)

Non-fiction

Stolen Years: Before and After Guildford (with Paul Hill, 1990)
Fire and Rain (broadcast on Radio 4, 1994)

Feature films

A Further Gesture, aka The Break (1997)
Lucky Break (2001)
Face (1997)
The Hamburg Cell (2004)
Television

Love Lies Bleeding (1993)
A Man You Don't Meet Every Day (1994)
Rebel Heart (2001)
Fields of Gold (2002)
Short films

Do Armed Robbers Have Love Affairs? (2002

 

Links:

Zugzwang beim Observer...

Interview bei salon.com (1999)...

 

 

 

 

 

 


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