Zum 100sten Geburtstag von Lev Aronin

von André Schulz
20.07.2020 – Der Namen von Lev Aronin ist außerhalb der Sowjetunion nahezu unbekannt geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er jedoch einer der besten Spieler der UdSSR und konnte jeden Spieler schlagen. Da er nie im Ausland spielen durfte, wurde er trotzdem nicht Großmeister. Am 20. Juli jährt sich sein Geburtstag zum 100sten Mal.

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Der Name von Lev Solomonovich Aronin ist außerhalb der Sowjetunion nicht bekannt geworden, obwohl er zu den besten Spielern des Landes gehörte. An Turnieren im Ausland durfte er allerdings nicht teilnehmen und so blieben seine Erfolge außerhalb der UdSSR einigermaßen unbemerkt. 

Immerhin hat er seinen Namen in der Eröffnungstheorie hinterlassen. Die Variante der Königsindischen Verteidigung 

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0–0 6.Le2 e5 7.0–0 Sc6 8.d5 Se7 und nun 9.Se1 wird Tajmanov-Aronin-Variante genannt.

 

Mark Tajmanov spielte diesen Zug als einer der Ersten im Jahr 1952 und Lev Aronian steuerte als Theoretiker Ideen dazu bei. Mit über 13.000 Partien ist 9. Se1 heute laut Mega Database der meistgespielte an dieser Stelle.

Es gibt noch eine zweite Eröffnungsvariante, die nach Lev Aronin benannt ist: Wenn Weiß in der Sizilianischen O'Kelly Variante mit 3.Le2 seine Entwicklung fortsetzt und die Öffnung des Zentrums mit d2-d4 noch zurückstellt.

 

Auch der Zug entlarvt die Schwäche der O'Kelly Variante, die nur dann gut funktioniert, wenn Weiß mit 3.d4 fortsetzt.

Lev Aronin wurde am 20. Juli 1920 in Samara geboren. Zeitweise, von 1935 bis 1991, hieß die Stadt Kuibyshev. Er hatte zwei ältere Brüder, Gregory (1913–2007) und Efim (1915–1989). Lev lernte das Schachspiel von seinem Bruder Gregory, als er acht Jahre alt war, übertraf seine beiden Brüder bald mit seinen Schachfähigkeiten und konnte mit 14 Jahren gegen beide mit Erfolg aus einem Nebenraum heraus blindsimultan spielen, wobei sich Gregory und Efim durchaus als starke Spieler betrachteten.

Mit seinem Abschneiden bei der Stadtmeisterschaft von Kuibyshev 1937 erhielt Lev Aronin den Titel  eines Spielers der ersten Kategorie. Im folgenden Jahr begann Aronin ein Studium am Pädagogischen Institut an der Physikalisch-Mathematischen Fakultät in Moskau und arbeitete später als Meteorologe. 1940 konnte er noch an einem Normenturnier teilnehmen, das ihm den Titel Kandidat Meister einbrachte. Nach dem Angriff der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1940 wurde Aronin am 1. August 1941 in die Sowjetarmee eingezogen. Bis 1944 hatte er keine Möglichkeit mehr, an Schachturnieren teilzunehmen. 

Zu dieser Zeit wurde starken Spielern der Sowjetunion die Möglichkeit eingeräumt, durch einen Wettkampfsieg gegen einen Sowjetmeister auf einfache Weise selber diesen Titel zu erlangen. Aronin forderte Alexander Konstantinopolski heraus, verlor den Wettkampf aber klar mit +1, -6, =5. Nach der Entlassung aus der Armee nahm Aronin im August 1945 in Jerewan an einer All-Union-Meisterschaft für Spieler der ersten Kategorie teil und im April 1946 an einem Turnier für Meisterkandidaten in Kaunas. im Oktober 1946 war er einer der Teilnehmer am 15. Semifinale zur Sowjetischen Meisterschaft in Tiflis und erreichte dort den geteilten 2./3. Platz und erfüllte mit 11 aus 17 die Voraussetzung für die Vergabe des Titels "Meister des Sport" der UdSSR.

In den nächsten Jahren gewann Aronin dreimal hintereinander die Semifinalturniere der Sowjetmeisterschaft, in Leningrad 1947, in Moskau 1949 und in Gorki 1950. Im Finale der 18. UdSSR-Meisterschaft belegte Aronin zusammen mit Lipnitzky und Tolush den geteilten 2. bis 4. Platz hinter Keres, vor Spielern wie Smyslov und Boleslavsky. Für sein Ergebnis verlieh die FIDE ihm den Titel des Internationalen Meisters, der damals noch deutlich seltener war als in späteren Jahren oder heute.

 

17. UdSSR-ch, Moskau 1949, L. Aronin gegen Furman. | Quelle: http://www.chesspro.ru).

Mit einem geteilten 2./3. Platz beim 19. Halbfinale der UdSSR-Meisterschaft in Lvov bestätigte Lev Aronin seine Spielstärke, erlitt aber beim folgenden Finale in Moskau nach gutem Turnierverlauf ein traumatisches Erlebnis.

 

Das Turnier war gleichzeitig Zonenturnier, mit der Möglichkeit sich für das Interzonenturnier 1952 in Salstjöbaden zu qualifizieren. Aronin hätte sich mit einem Sieg über Smyslov qualifiziert, verpasste aber in Gewinnstellung nach dem Abbruch der Partie den Sieg.

 

39... Tfd7 40.Txd7 Txd7 41.Tc8 Kg6 42.Tg8?! [42.Txc6 Mit Gewinn.] 42...Kh7 43.Txg7+? [Das Bauernendspiel ist nur remis.] 43...Txg7 44.Sxg7 Kxg7

 

45.g4 [Mit der Idee, auf den weißen Feldern zum Damenflügel zu laufen. Nicht gleich 45.Ke2 wegen 45... Kg6 46.Kd3 g4 47.Kc4 gxh3 48.gxh3 Kg5] 45...hxg3! [45...Kf7? 46.Ke2 Ke6 47.Kd3 Kd7 48.Kc4 a5 49.Kc5 Kc7 50.f3 (Oder 50.c4) 50...Kb7 51.Kd6 und gewinnt.] 46.fxg3 g4! [Das ist die Idee.] 47.h4 [Ein schöner gedeckter Freibauer, der aber nicht nach vorne kommt, ohne verloren zu gehen.] [47.hxg4 Kg6 48.Ke2 Kg5 und Weiß darf die Eroberung der g-Bauern nicht zulassen.] 47...c5 48.Ke2 Kh7 49.Kd3 Kh6 50.c3 a5 51.cxb4 axb4 ½–½

Dieser Misserfolg markierte einen gewissen Wendepunkt in der Schachkarriere von Lev Aronin, der in späteren Jahren die ganz großen Erfolge aus dieser Zeit nicht mehr wiederholen konnte. Möglicherweise lag die Ursache für die folgende Instabilität aber auch im privaten Bereich, denn zu dieser Zeit scheiterte die Beziehung zu seiner Freundin und sein Vater starb. Trotzdem bleib Lev Aronin einer der besten Spieler des Landes. 

Aronin gewann die Meisterschaft der Russischen Republik (Tula 1952) und belegte vordere Plätze bei den Halbfinals der UdSSR-Meisterschaften 1952 in Sotschi und 1956 in Leningrad. für die Mannschafts-Europameisterschaft 1957 in Österreich wurde er am ersten Reservebrett der sowjetischen Nationalmannschaft nominiert. 1962 gewann er das Semifinale der UdSSR-Meisterschaft in Riga. Im Lauf seiner Karriere nahm Aronin an acht Finalturnieren der UdSSR-Meisterschaft teil und gewann fünf Semifinalturniere, geteilt oder ungeteilt.

 

Sein letzter großer Erfolg war der Gewinn der Moskauer Stadtmeisterschaft 1965.

Ohne Zweifel besaß Lev Aronin die Spielstärke eines Internationalen Großmeisters und hätte den Titel verdient gehabt. Ihm fehlte aber durch den Mangel an Teilnahmen an internationalen Turnieren die Voraussetzungen für die Vergabe des Titels. Wie stark Aronin war, beweist beispielsweise seine persönliche Bilanz gegen Tigran Petrosian. Von sechs Partien, die Aronin gegen den späteren Weltmeister spielte, gewann Aronin drei und verlor keine.

 

Lev Aronin starb am 4. Oktober 1982. Er wurde 62 Jahre alt.

Aronins Gedenkstein

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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