Zum 125sten Geburtstag von Friedrich Sämisch

20.09.2021 – Als die FIDE 1950 offiziell den Großmeistertitel einführte, war ein einziger Deutscher unter den Geehrten - Friederich Sämisch. "Wenn er nur das extreme Rauchen abstellen könnte, dann würde er ganz oben mitspielen", befand sein väterlicher Freund Alexander Aljechin. Sämischs ewige Zeitnot hatte Aljechin in diesem Moment vergessen. Michael Dombrowsky, dessen Sämisch-Biographie bald erscheinen wird, ehrt das Berliner Original anlässlich des 125sten Geburtstages. | Foto: British Chess News

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Der dünne, leise Mann, der seins Fans mit großartigen Erzählungen in seinen Bann zog und der sein Publikum bei Turnieren und Simultanvorstellungen gleichermaßen begeisterte, hätte am 20. September seinen 125. Geburtstag gefeiert. Er war ein Liebling der „normalen“ Schachspieler. Er konnte mitreißend über Meister und Wettbewerbe aus längst vergangenen Zeiten erzählen und damit wahre Begeisterungsstürme auslösen. Dabei war der Großmeister eher zurückhaltend, ja schüchtern. Vom Berliner aus Charlottenburg – bei seiner Geburt 1896  gehörte der Bezirk Charlottenburg noch nicht zu Berlin – ist die Rede. Und wenn man mit ihm noch das Wort „Zeitnot“ ausspricht, weis jeder Schach-Fan, dass   Friedrich Sämisch, genannt „Fritz“ oder „Fritze“, gemeint sein muss.

Am Beginn seiner Schachkarriere gründete er 1919 eine WG mit Efim Bogoljubow. Etwa ein Jahr wohnten die beiden zusammen, wobei Sergej Selesniev sozusagen als Stammgast fast ein Mitbewohner bei ihnen war. Alexander Aljechin hatte über Jahrzehnte eine freundschaftlich zu Sämisch, wobei er die Rolle des großen Bruders innehatte. Einmal schrieb er in der „New York Times“ über den Berliner, die nie in Amerika gespielt hat und den kein Mensch in New York Chikago oder Los Angeles kannte: „Wenn er nur das extreme Rauchen abstellen könnte, dann würde er ganz oben mitspielen.“ Das war 1929 in Karlsbad, als Aljechin wegen des gleich danach begingen WM-Kampfes gegen Bogoljubow nicht mitspielte, sondern als Korrespondent für  amerikanische Zeitungen arbeitete: „Ich glaube, ich bin Mitschuld an seinem schwachen Abschneiden. Ich habe ihm wohl zu intensiv zugeschaut. Das hat ihn verunsichert.“

Sämisch hat sein Leben lang von Titeln oder Ehrungen nicht viel gehalten. Sein Eisernes Kreuz, dass man ihm nach zwei schweren Verletzungen im Ersten Weltkrieg verlieh hat er nie getragen. Es verschwand endgültig als Sämisch im Zweiten Weltkrieg in Berlin-Pankow ausgebombt wurde. Seine Bibliothek, die vielen Schach-Rubriken, die er in etlichen Zeitungen veröffentlicht hatte, den Spielformularen, den Fotos und den beiden Bronzemedaillen von den Schach-Olympiaden 1930 in Hamburg und der inoffiziellen 1936 in München verbrannten oder schmolzen dahin. Und mit ihnen viele Erinnerungen. „Mister Harris hatte etwas dagegen und zerstörte Alles“, lautete Sämischs lakonischer Kommentar.

Er hat es fast immer verstanden zu verhindern, dass man in seine Seele hinter den Wall schauen konnte. Das machte er bei seiner früh gescheiterten Ehe, wobei er hinter der Fassade unter dieser Trennung sehr gelitten hat. Ein Indiz dafür: Der Vielspieler Sämisch spielte ein halbes Jahr lang keine Turniere und gab keine seiner beliebten Vorstellungen. Auch unter den Nazis hat er psychisch gelitten, weil sich die Sprache änderte. Es war fast nur noch von „Kampf“, „Krieg“, „Sieg“ oder „Vernichtung“ die Rede. Für Jemand, dem der halbe oder ganze Punkt ziemlich egal ist, der aber eine gut gespielte Partie anstrebt, war unter diesen „Kampfsportlern“ fehl am Platz.

Bei Sämisch zeigte sich diese innere Immigration so: Außer 1933 spielte er unter den Nazi keine Deutsche Meisterschaft mehr mit. Und nach 1941 schaffte er es, nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen zu werden. Doch 1943 wurde er nach der Rückkehr von einem Turnier in Madrid von der Gestapo in Berlin verhaftet. Er hatte sich in Spanien mit dem Satz geäußert: „Hitler kann den Krieg nicht gewinnen“. In jenen Tagen endeten Prozesse wegen Defätismus üblicherweise mit der Todesstrafe. Sämisch hatte wieder einmal Glück im Unglück. Seine Akte wurde bei einem Bombenangriff vernichtet und er deshalb aus der Untersuchungshaft entlassen. 

Nach seiner Flucht in Schleswig-Holstein angekommen, wohnte er in den ersten Jahren in Kiel. Dort erreichte ihn auch die Nachricht von einer besonderen Ehrung. Der Weltschachverband (FIDE) hatte beim Kongress im Juni 1950 in Kopenhagen dem 53jährigen gemeinsam mit 26 anderen Meistern als ersten und einzigen Deutschen zum ersten Mal offiziell den Titel „Internationaler Großmeister“ verliehen. Sämisch stand auf einer Stufe mit den „Alten“ Mieses (der längst die englische Staatsangehörigkeit angenommen hatte),Euwe, Maroczy, Duras, Vidmar oder Grünfeld und den „Jungen“ wie Reschewsky, Flohr, Botwinnik, Bronstein oder Smyslow. In seiner Bescheidenheit stellte der Berliner in den Deutschen Schachheften in  einem Artikel die Frage unter dem Titel:

 „Wer ist Großmeister?“

 Ein Großmeister verdient genannt zu werden, welcher sämtliche oder fast alle „berühmten“ Spieler seiner Zeit geschlagen hat. Unerheblich ist dabei, ob er ungünstige Gesamtergebnisse gegen solche Gegner zu verzeichnen hat, wie z. B. Marshall gegenüber Lasker, Capablanca und Tarrasch. Geschlagen hat er jedenfalls alle drei, war also jedem Spieler gefährlich, und in der Tatsache allein, daß er dazu kommen konnte, liegt allein schon der Beweis daß er zu den großen Spielern seiner Zeit zählte.

Echte und unbestrittene Großmeister sind also zweifelsohne Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Marshall, Tarrasch, Janowski, Schlechter, Bogoljubow, Botwinni k, Keres, Reschewsky, Fine, Maroczy, Pillsbury, Rubinstein. Nimzowitsch, Flohr, Reti, Spielmann, Tartakower, Teichmann, Vidmar, Grünfeld, Bernstein, Duras, und Spieler von Großmeisterstärke: Szabo, Najdorf, Smyslow, Bronstein, Eliskases und natürlich noch einige andere. Aber die Stärke allein rechtfertigt noch nicht den Ruf, weil man andernfalls dahin käme, einen tüchtigen Friedens-General neben einen berühmten und erfolgreichen Feldherrn zu stellen. Auf alle Fälle muß er dabei gewesen sein, sonst kann man ihn nicht rangieren.

Von den genannten 30 (es sind 31) habe ich mit 21 gespielt, allerdings nur 10 von ihnen in Einzelpartien geschlagen. Ich gehöre also nicht dazu.“ (Friedrich Sämisch)

Dieses Ergebnis ehrt ihn, aber entspricht nicht den Tatsachen. Er  hat gegen sieben der Genannten aus unterschiedlichen Gründen nie gespielt: Pillsbury (+ 1906), Schlechter (+ 1918), Duras (beendete 1914 seine Karriere)weil er zu jung war; die anderen vier (Botwinnik, Fine, Bronstein und Smyslow) spielten erst stark nach dem Zweiten Weltkrieg, als Sämisch über 50 Jahre und damit für Spitzenturniere zu alt war.

Von den übrigen 24 Meistern hat er gegen elf gewonnen: Capablanca, Marshall, Euwe, Bgoljubow, Reschewsky, Maroczy, Nimzowitsch, Réti, Spielmann, Tartakower, Grünfeld. Mindestens ein Remis erreichte er gegen Lasker, Teichmann, Tarrasch, Rubinstein, Aljechin, Vidmar, Flohr, Eliskases, Keres und Najdorf. Lediglich gegen Janowsky (eine Partie), Bernstein (eine) und Lazlo Szabo (zwei) blieb er punktlos.

 

 


 

 

 

Großmeister hin oder her, Weltmeister war er im Blindsimultanspielen. Nicht, dass er Weltrekorde aufstellte, das machten Aljechin und Réti in einem verbissenen Zweikampf. Von 26 Partien schaukelten sie sich Brett für Brett auf 33 hoch. Der Wettbewerb brach schlagartig durch den frühen Tod von Réti ab.

Kottnauer und Sämisch, Prag 1942 | Foto: British Chess News

Sämisch spielte selten mehr als zehn Blindpartien pro Vorstellung. Dies tat er aber so oft, dass Experten schätzen, er habe über 4000 Blindpartien gespielt. Ein Beispiel aus einer Tournee durch Schlesien und Sachsen im Januar/Februar 1926. Der Höhepunkt war seine Vorstellung in Breslau wo er an 20 Brettern spielte und mit +14, =5, -1 einen deutschen Rekord aufstellte. Bei dieser Tournee erzielte er von 142 Partien 108 Siege, 17 Unentschieden und 17 Niederlagen. In dem Jahr spielte er über 400 mal „Blind“. Er hielt sich dabei an die Vorgaben seines Vorbildes Jacques Mieses. Der vertrat die Auffassung: „Eine Blindsimultan-Vorstellung soll nicht länger dauern als eine Theateraufführung. Höchstes Lob erhält er von Aljechin. In seinem Buch „Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 1923 – 1927“ schreibt er: „Auch unter den modernen Meistern gibt es einige gute Blindspieler. … Von allen modernen Meistern, die ich beim Blindspielen zu beobachten Gelegenheit hatte, gefiel mir Sämisch am besten; seine große Technik, seine Schnelligkeit und Sicherheit haben mir imponiert.“

Über diese Art von Ehrung hatte er sich bestimmt gefreut.

 

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