Zum 60sten Todestag von Aljechin

27.03.2006 – Am 24. März 1946, heute vor etwas mehr als 60 Jahren, wurde Alexander Aljechin tot in einem Hotel in Estoril aufgefunden. Als Sohn reicher Eltern stand Aljechin immer im Verdacht, den Sowjets feindlich gesonnen zu sein. 1919 wäre er fast in Odessa vor ein Erschießungskommando gelangt. Ein Schachfreund bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Aljechin setzt sich bald darauf nach Frankreich ab und besiegte 1927 den als unbezwingbar geltenden Capablanca im Wettkampf um die Weltmeisterschaft. Als Frankreich von den Deutschen besetzt war, veröffentlichte er eine Artikelserie über "Jüdisches und arisches Schach". Mario Tal würdigt den vierten Schachweltmeister in einem Artikel bei der jungen Welt. Zur jungen Welt... Nachdruck...

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Dieser Artikel erschien in junge Welt. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Zum 60. Todestag des Schachweltmeisters A. Aljechin
Von Mario Tal

Leo Trotzki persönlich soll ihn da rausgeholt haben. 1919 in Odessa, wo sich die Bolschewiki heftige Kämpfe mit den Weißgardisten lieferten und unter anderem den kommenden Schachweltmeister Alexander Aljechin wegen "anti-sowjetische Aktivitäten" festnahmen. Aljechin sollte Kontakt mit einem englischen Spion gepflegt haben. Auszuschließen ist das nicht, angesichts der politischen Achterbahnfahrt des Schachgenies. Wahrscheinlicher als die Geschichte mit Trotzki ist aber allemal die Version, dass ein gewisser Jakow Wilner, Schachmeister und Problemkomponist aus Odessa, von der Sache Wind bekam und ein Telegramm an den Vorsitzenden des Rates der Ukrainischen Volkskommissare, Christian Rakowski, sandte, der die sofortige Freilassung Aljechins angeordnet haben soll.

So konnte der damals 27- jährige wenige Monate später die erste sowjetische Meisterschaft für sich entscheiden. Seinen Durchbruch hatte er bereits 1909 gefeiert, als Aljechin das Allrussische Amateurturnier von St. Petersburg gewann und damit eine von Zar Nikolai II. gestiftete Porzellanvase abräumte. Eben dort belegte er 1914, als er längst international gegen die ganz Großen spielte, beim "Turnier der Champions" hinter Lasker und Capablanca, dem amtierenden und dem künftigen Weltmeister, den dritten Rang. 1921 siedelte er nach Frankreich über und errang in der Folgezeit eine Reihe großer Turniersiege. 1927 reiste er jedoch als Außenseiter nach Buenos Aires zum WM-Match gegen das "unbesiegbare" kubanischen Genie Capablanca. Nach zweieinhalb Monaten, sechs gezogenen Zähnen und ebenso vielen gewonnen Partien bestieg Aljechin den Schachthron, den er mit einer Unterbrechung von zwei Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1946 innehatte. Nach "Capa" hatte "die Welt noch nie einen so harmonischen Spieler gesehen" und noch laut Bobby Fischer verwirklichte er in seinen Partien "gigantische Konzeptionen unerhörter und beispielloser Ideen”. Wollte man die besten fünf Spieler aller Zeiten küren, Aljechin wäre sicher mit dabei.

Weit verheerender fällt seine politische Bilanz aus: Hatte er jahrelang das Spiel seiner jüdischen Kontrahenten gelobt und noch 1939 bei der Schach-Olympiade in Buenos Aires zu einem Boykott des deutschen Teams aufgerufen, so verfasste er im März 1941 für eine deutschsprachige Zeitung im besetzten Paris eine Artikelserie unter dem Titel "Jüdisches und arisches Schach, eine psychologische Studie", die - gegründet auf die Erfahrungen am schwarz-weißen Brett - den jüdischen Mangel an Mut und Gestaltungskraft nachweist«.

Die antisemitische Unterscheidung eines "feigen jüdischen Sicherheitsschach" einem “romantischen, kühn-verwegenen, heldenhaften arischen Schach« war bereits 1916 von dem Schachpublizisten Franz Gutmayer getroffen und ab 1933 von den Nazis zur Doktrin erklärt worden.

Nach dem Krieg entschuldigte sich Aljechin im "British Chess Magazin" für seinen Antisemitismus. Die Internationale Schachföderation FIDE hatte ihn da bereits wegen der Artikelserie von den ersten großen Nachkriegsturnieren ausgeschlossen. Als Weltmeister konnte er nicht mehr herausgefordert werden: Heute vor 60 Jahren beging Aljechin spektakulär Selbstmord, indem er in einem Hotel bei Lissabon den Giftbecher trank, in einem Lehnstuhl sitzend und vor sich ein Schachbrett mit dem Eröffnungszug e2-e4.



 

 

 

 

 



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