Zum 65. Todestag von Alexander Aljechin

25.03.2011 – Die Umstände von Aljechins Tod, der sich zum Ende des Krieges verarmt und einsam nach Portugal zurückgezogen hatte, sind mysteriös. Man fand ihn im Sessel seines Hotelzimmers, angeblich an einem Stück Fleisch erstickt - doch die Teller vor ihm auf dem Tisch waren leer. Nicht nur Boris Spassky glaubt, dass Aljechin umgebracht wurde. Dagobert Kohlmeyer sprach mit Aljechins Nachfolger auf dem WM-Thron und veröffentlicht ein Interview mir Aljechins Sohn, der mit seiner Mutter lebte und in der Schweiz groß wurde. Anlässlich des 65.Todestag beschäftigte sich auch der WDR mit dem Leben und Tod des 4. Weltmeisters. Artikel beim WDR...Erinneriungen, Interview, letzte Partie...

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Zum 65. Todestag von Alexander Aljechin
Von Dagobert Kohlmeyer

Es passierte am 24. oder 25. März 1946. Der genaue Sterbetag des vierten Schachweltmeisters ist heute nicht mehr nachprüfbar. Man fand den toten Alexander Aljechin am Morgen des 25. März vor 65 Jahren in seinem Hotelzimmer im portugiesischen Estoril. Die Stadt liegt unweit von Lissabon am Atlantik. Auch die exakte Ursache des Todes ist bislang nie eindeutig geklärt worden.

Nach wie vor fasziniert der Name Aljechin Millionen Schachanhänger auf der Welt. Meine erste Begegnung mit den Partien des russischen Weltmeisters hatte ich in den 1960er Jahren, als der Sportverlag Berlin die zweibändige Ausgabe von Alexander Kotows Buch „Das Schacherbe Aljechins“ in deutscher Sprache herausbrachte. Mit Begeisterung spielte ich die Partien nach, deren tiefen Gehalt ich damals als Teenager natürlich nur ansatzweise erfassen konnte.

Mit wem aus der Schachszene ich in späteren Jahren auch über das russische Schachgenie sprach, ob Wassili Smyslow, Boris Spasski, Lothar Schmid oder Artur Jussupow - bei allen rangierte Alexander Aljechin unter den größten Meistern der Geschichte immer ganz weit vorn. 

Viele Schachgrößen schauten auch in Estoril vorbei, wenn sie in Portugal waren: Lothar Schmid nach einem Turnier in Lissabon, Boris Spasski war dort und natürlich Aljechins Sohn Alexander. Mit allen haben wir uns bei verschiedenen Gelegenheiten darüber unterhalten.


Spasski: „Aljechin wurde umgebracht“

Der zehnte Weltmeister gehört zu den Anhängern der Verschwörungstheorie und hat vor einigen Jahren ernsthaft in dieser Sache recherchiert. In einem unserer Interviews sagte Boris Spasski einmal: „Mich interessieren vor allem die Umstände seines Todes. Ich habe einen alten Mann getroffen, der seinerzeit von der Polizei in Portugal beauftragt wurde, die Leiche des Schachweltmeisters zu öffnen. Denn Aljechin ist nicht in dem besagten Hotel in Estoril gestorben. Diese Geschichte stimmt nicht. Das soll, wie gemunkelt wird, alles ausgedacht sein.

Es gibt verschiedene Theorien über Aljechins Tod. Wie ist deine?

Ich denke, auf ihn wurde wahrscheinlich ein Doppelanschlag verübt. Beim ersten Mal erhielt er Gift. Dann lief er auf die Straße, um Hilfe zu holen. Vielleicht wollte er auch in eine Apotheke. Und draußen hat man ihn dann getötet.

Wie kam man dahinter?

Durch Antonio Feirera, der damals die Sterbeurkunde unterzeichnete. Er war seinerzeit sehr jung, aber am Ende seines Lebens sagte er, dass man Druck auf ihn ausgeübt habe. Und deshalb musste er das getürkte Obduktions-Protokoll unterschreiben.

Wer kann ein Interesse daran gehabt haben, Aljechin umzubringen?

Nach dem Kriege war Portugal zwar neutral, aber durch das Land strömten damals viele Leute, nicht nur aus Deutschland. Und deshalb ist das durchaus möglich gewesen. Alle Geheimdienste arbeiteten dort. Aljechin stand sicher auf ihrer Liste. Er war ja geächtet. In Schachkreisen galt er offiziell als Kriegsverbrecher. Fast so schlimm wie Saddam Hussein. (Aljechin hatte während des 3. Reichs in Deutschland Turniere gespielt und einen diskriminierenden Artikel über die Juden veröffentlicht.)

Im Herbst 1943 ging Aljechin aus Deutschland weg. Er war krank und bettelarm. Niemand hat ihn beschützt. Es kostete überhaupt nichts, ihn umzubringen. Das war für diese Banditen sehr leicht.

Aljechins Grab befindet sich in Paris. Gehst du oft hin?

Ab und zu bin ich dort, um ihn zu ehren. Er ist für mich einer der größten Weltmeister.

Bei meiner letzten Paris-Reise war ich auch auf dem Friedhof und hatte ursprünglich vor, dich anzurufen, ob du mitkommst. Aber ich wollte dich nicht stören und ging mit Christophe Bouton hin…

Ruf das nächste Mal ruhig an, wenn du in Paris bist. Mit solchen Dingen muss man sich immer beeilen, denn wir leben nicht ewig.


Andere Großmeister wie Lothar Schmid oder Artur Jussupow teilen Spasskis Ansicht  über Aljechins Ende nicht. Der Bamberger Karl-May-Verleger erklärte:

"Warum er starb, weiß man nicht. Es hieß ja, er habe zu hastig gegessen und sich beim Frühstück verschluckt. Daran soll er erstickt sein. Keiner kann es heute mehr beweisen. Spasski wird sich sicherlich mehr damit befasst haben als andere. Mir wurde das so erzählt. Ich bin einmal von einem Turnier in Lissabon aus dorthin gefahren und habe mir das Hotel angesehen. Estoril ist ein kleiner Badeort.

Ansonsten gehörte Aljechin zu den Schach-Persönlichkeiten, die mich am meisten beeindruckt haben. 1943 traf ich ihn in Wien. Wir spielten dort in der Neuen Hofburg die deutsche Jugendmeisterschaft, bei der ich Zweiter/Dritter wurde. Aljechin war Ehrengast. Das war für uns eine große Überraschung und Ehre zugleich. Später spielte er simultan, und mein Schulfreund Rolf Roennefahrt hat Remis gemacht. Er hätte das Endspiel mit einer Qualität mehr sogar gewinnen können, war mit dem Remis aber zufrieden und Aljechin erst recht. Ich sah nur zu, denn ich spielte ja bei der Jugendmeisterschaft.   

Alexander Aljechin war in seiner Art einmalig. Ich erinnere mich noch an diese breiten Hosen, in denen er durch den Saal der Hofburg schlurfte. Da habe ich das Faszinosum Schach leibhaftig gespürt. Aljechin schien unnahbar, aber das täuschte. Er analysierte dort gern mit anderen Schachmeistern, zum Beispiel mit Rellstab. Hin und wieder warf er einen genialen Zug dazwischen. Ich habe das von weitem mit Stielaugen betrachtet, wie er immer die Dame auf d6 opferte."

Artur Jussupows Meinung über Alexander Aljechins Ende:

"Ich bin zu wenig über Aljechins letzte Lebensphase informiert, aber glaube kaum, dass er getötet wurde. Dass er im dritten Reich Schach gespielt und einen dummen Artikel unterschrieben hat, war natürlich ein Makel. Aber ihn deshalb zu ermorden, ich weiß nicht. Sein „Vergehen“ war vergleichsweise harmlos. Er ist doch kein Kriegsverbrecher gewesen, der tausende Menschen umgebracht hat.

Was uns bleibt, ist sein großes Erbe. Alexander Aljechin hatte einen aggressiven und gleichzeitig schönen Schachstil. Wir alle haben von seinen Partien gelernt und tun es immer noch. Ob Kombinationen oder positionelles Spiel, er beherrschte alles. Deshalb konnte er auch Capablanca schlagen und die Schachwelt viele Jahre dominieren."


Nachkommen des vierten Schachweltmeisters sucht man heute vergeblich. Der einzige Sohn Aljechins starb 2009 im Alter von 89 Jahren. Er hieß auch Alexander und war kinderlos. Nur seine Witwe Clärli lebt noch, sie wohnt in einem Seniorenheim im schweizerischen Oberwil. Großmeister Lothar Schmid, ein Freund der Familie, hatte glücklicherweise ihre Telefonnummer, so dass ich vor einigen Tagen mit ihr sprechen konnte. Die 87-jährige Clärli freute sich über meinen Anruf und erinnerte sich noch an viele Begegnungen. Wir trafen uns einige Male bei den Dortmunder Schachtagen sowie bei anderen Turnieren. Wenn ein WM-Finale in der Schweiz stattfand, waren Alexander Aljechin Junior und seine Gattin zu Gast. So 1998 beim Match Karpow-Anand in Lausanne oder 2004 beim Duell Kramnik-Leko in Brissago. Nach dem Großmeisterturnier 1997 in Biel besuchte ich das Ehepaar auf der Rückfahrt zu Hause in Basel, wo mir Alexander Aljechin u.a. die Original-Schachfiguren seines Vaters zeigte. „Alex war nicht einfach zu nehmen, aber ein guter Mann. Er hat immer zu mir gehalten, wir waren über 60 Jahre glücklich verheiratet“, erinnert sich Clärli heute mit Dankbarkeit.

 

Mein Vater – ein Wesen vom anderen Stern
Interview mit Alexander Aljechin Junior

Bei den Gesprächen mit dem Sohn des vierten Schachweltmeisters ging es natürlich meist um seinen berühmten Vater. 

Stellen Sie unseren Lesern bitte Ihre Familie vor.

Ich bin am 2. November 1921 in Winterthur in der Schweiz (Kanton Zürich) geboren. Meine Eltern hatten sich ein Jahr zuvor in Russland kennengelernt. Aljechin war damals noch Student und verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Dolmetschen, nicht durch Schachspielen. Er konnte mehrere Sprachen, u. a. auch Deutsch. Unsere Geburtstage fallen übrigens fast zusammen (Alexander Aljechin Senior wurde am 1. November 1892 geboren - d.A.).

Was war Ihre Mutter für eine Frau?

Sie war Journalistin und politisch sehr interessiert. In Moskau lernte sie Ende 1920 Lenin persönlich kennen. Darum erhielt mein Vater auch die Ausreisegenehmigung aus Sowjet-Russland. Als talentierter Mensch wollte er in Westeuropa eine bessere Bildung erwerben. Aljechin kehrte nicht mehr zurück und blieb staatenlos. Ich bekam deshalb die Schweizer Nationalität meiner Mutter.

Seit wann sind Ihre Eltern verheiratet gewesen?

Anfang 1921 haben sie in Russland geheiratet. Die Ehe wurde aber in der Schweiz nicht anerkannt.

Wie oft war Alexander Aljechin in seinem Leben verheiratet?

Dreimal. Als ganz junger Mann in Russland - aus dieser Verbindung stammte eine Tochter. Diese lebte bis zu ihrem Tode Mitte der 1980er Jahre in Wien. Die zweite Ehe Aljechins war mit meiner Mutter. Noch vor deren Tod ließ er sich in Paris nieder, wo ein großer Kreis russischer Adliger lebte. Dort ehelichte er später eine amerikanische Generalswitwe. Beide sind auf dem Friedhof in Montparnasse begraben.   

Wie verlief Ihr eigenes Leben?

Ich wohnte praktisch mit meiner Mutter allein, da mein Vater viel zu Turnieren unterwegs war. Er wollte, dass ich eine französische Erziehung erhalte. Wir gingen in die französische Schweiz nach Lausanne. 1934 starb meine Mutter.

War sie krank?

Nein, nur bedeutend älter als mein Vater. Aljechin hatte einen  Ödipus-Komplex und heiratete immer ältere Frauen. Er fühlte sich bei ihnen geborgener.  Als ich geboren wurde, war meine Mutter schon über 40.

Welchen Beruf haben Sie ausgeübt?

Nach dem Tode meiner Mutter bekam ich einen Vormund, mein Vater lebte ja nicht mehr in der Schweiz. Ich absolvierte eine Lehre im Chemie-Apparatebau, wurde Ingenieur und arbeitete bis 1987 in Basel. 

Um Aljechins Tod ranken sich viele Legenden. Wie ist er Ihrer Meinung nach umgekommen?

Diese Frage bewegt bis heute die Gemüter und ist noch immer nicht gänzlich geklärt. Für Suizid spricht, dass Aljechin bei den Franzosen als Kollaborateur unter Anklage stand. Ich persönlich glaube nicht, dass er sich umgebracht hat, sondern erstickt ist. Da im katholischen Portugal Selbstmord verpönt war, lautete die offizielle Version, es sei ein Unglücksfall gewesen.

Was haben Sie für ein Verhältnis zum Schach? Spielen Sie selbst?

Das werde ich oft gefragt. Als Sohn eines so bewunderten Weltmeisters sage ich darauf "Nein". Ich kann natürlich die Figuren setzen, aber eine Schachkarriere gab es bei mir nicht.

Warum hat Aljechin Ihnen seine Kunst nicht nähergebracht?

Es kam nicht dazu, er war ja so selten zu Hause. Unser Vater-Sohn-Verhältnis war daher problematisch. Ich nahm ihm seine häufige Abwesenheit übel und fragte meine Mutter oft: "Warum habe ich keinen Vater?". Als Bub wollte ich natürlich von keinem anderen Schach lernen - nur von ihm. Ich lehnte das Spiel nicht ab, aber grollte mit meinem Vater.

Seine Bedeutung als große Persönlichkeit der Schachgeschichte aber ist Ihnen bewusst…

Ja, dafür sorgt schon die Schachöffentlichkeit. Für sie ist Aljechin ein Wesen aus einer anderen Welt. Aber ich wollte nie von seinem Ruhm leben, sondern immer der Privatmann Aljechin Junior sein.

 

Zum 50. Todestag Aljechins war sein Sohn Alexander gemeinsam mit Boris Spasski auf dem Pariser Friedhof. Das Foto mit Spasski stammt von damals aus dem Jahre 1996. Man kann erkennen, dass der Grabstein verwittert und beschädigt war. Später wurde er restauriert und sah im Mai 2006 bei meinem eigenen Besuch sehr ordentlich aus. Als Todesdatum ist dort der 25. März 1946 angegeben.


Die letzte Partie
 

Lupi – Aljechin
Estorial 1946
Russisch C42

Ein Match aus vier Partien gegen den portugiesischen Landesmeister Francesco Lupi war der letzte Wettbewerb, den Alexander Aljechin bestritt. Wenig später verstarb der Weltmeister unter den genannten mysteriösen Umständen. Durch diesen eindrucksvollen Kurzsieg entschied Aljechin das abschließende Schach-Duell seines Lebens 2,5:1,5 für sich. 

1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Lb4 4.Sxe5 0-0 5.d3?

Weiß will den Mehrbauern unbedingt behaupten, wodurch Aljechin sehr starke Initiative erhält. Richtig war 5.Le2 Te8 6.Sd3 Lxc3 7.dxc3 Sxe4 8.0-0 d5 mit Ausgleich.

5…d5 6.a3 Lxc3+ 7.bxc3 Te8 8.f4 dxe4 9.d4

Auf 9.Le2 erfolgt wie in der Partie das aktive 9…Sd5, und 9.dxe4 verliert wegen 9…Dxd1+ 10.Kxd1 Sxe4. 

9…Sd5 10.c4 Se7 11.Le2 Sf5 12.c3 Dh4+ 13.Kf1  

 

 

13...e3! Dieser freche Bauer wird Weiß umbringen.

14.De1 Dxf4+ 15.Kg1 Sxd4! Der Springerzug entscheidet den kurzen Kampf. 16.cxd4 Dxd4 17.Tb1 Dxe5 Lupi ist an die Wand gespielt. Seine Figuren stehen unkoordiniert auf dem Brett herum und können keinen Widerstand mehr leisten. 18.Lb2 Df5 19.Td1 Sc6 20.Td5 Dc2 21.La1 Lf5 22.Ld1 Db1  

 

0-1. Es droht 23…e2, und 23.Dc3 wird mit 23…f6 pariert. Ein stilvoller Abschied Aljechins von der Schachbühne!

 

 

 

 


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