Zum 75sten Geburtstag von Boris Gulko

von André Schulz
09.02.2022 – Boris Gulko war in den 1970er Jahren einer der besten Spieler der UdSSR. 1976 hatte Gulko sich aber als einer von wenigen Spielern geweigert, eine kritische Erklärung gegen Kortschnoj nach dessen Flucht aus der UdSSR zu unterschrieben und geriet ins Visier der Behörden. Sieben Jahre lang kämpfte Gulko mit seiner Frau für die Ausbürgerung aus der Sowjetunion. Gulko ist einer der wenigen Spieler, die ein positives Score gegen Kasparov haben. Heute feiert er seinen 75sten Geburtstag, | Foto: Les Glassman

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Es gibt nur ganz wenige Spieler in der Welt, die von sich behaupten können, dass sie eine positive Bilanz gegen Garry Kasparov haben. Boris Gulko ist einer davon. 3:1 lautet seine Bilanz nach Gewinnpartien.

Boris Gulko wurde am 9. Februar 1947 geboren, in Deutschland. Sein Vater Franz Gulko war Soldat der Roten Armee und nach dem Zweiten Weltkrieg in Erfurt stationiert. Hier kam Boris Gulko zur Welt. Anfang der 1960er Jahre begann Boris Gulko mit dem Turnierschach, spielte Mannschaftskämpfe und gehörte 1966 zur sowjetischen Auswahl bei einem Vergleich UdSSR-Jugoslawien und bei der Studentenmannschaftsweltmeisterschaft. 1967 gewann er mit dem sowjetischen Team erneut die Studentenweltmeisterschaft. 1968 gewann Gulko zudem ein internationales Turnier in der tschechischen Stadt Havirov.
 

Der junge Boris Gulko

 

 

1975 wurde Gulko der Titel eines Internationalen Meisters verliehen. Im folgenden Jahr erhielt er auch den Großmeistertitel.

Mit dem Gewinn des Zonenturniers 1975 in Vilnius qualifizierte Gulko sich für das Interzonenturnier 1976 in Biel, wo er aber nur im hinteren Mittelfeld landete. Bei den 43. UdSSR-Meisterschaften in Jerewan belegte er dann aber hinter Tigran Petrosian zusammen mit Oleg Romanishin, Mihail Tal und Rafael Vaganjan den geteilten zweiten Platz. Im folgenden Jahr fand in Yerewan ein großes internationales Turnier statt, bei dem Boris Gulko erneut Zweiter wurde, hinter Oleg Romanishin. Aus dem Capablanca Memorial im selben Jahr ging Gulko als Sieger hervor. Bei der Mannschaftsmeisterschaft der UdSSR 1976 in Tiflis lernte Boris Gulko seine spätere Frau Anna Akhsharumova kennen. Das Paar heiratete. 1979 wurde ihr Sohn David geboren.

In den 1970er Jahren spielte Gulko eine Reihe weiterer hochklassiger Turniere mit, in denen er zumeist vordere Plätze belegte. 1977 gewann er die 45. UdSSR-Meisterschaften, zusammen mit Josif Dorfman, nachdem ein Stichkampf unentschieden endete.
 

Gulko und Dorfmann | Foto: Chesspro.ru

Nach diesem Erfolg wurde Gulko in die sowjetische Olympiamannschaft berufen und spielte die Schacholympiade 1978 in Buenos Aires mit, wo das UdSSR-Team das einzige Mal bei einer Teilnahme nicht die Goldmedaille gewann, sondern "nur" Silber.

1976 hatte sich Boris Gulko geweigert, eine Erklärung zu unterschreiben, in der die führenden sowjetischen Spieler Viktor Kortschnoj wegen dessen Flucht aus der Sowjetunion öffentlich kritisierten und stand danach unter Beobachtung durch die Behörden. Außerdem wurde er in der Folge von der Verbandsführung, im Besonderen von Viktor Baturinsky, systematisch behindert und blieb, obwohl sowjetischer Landesmeister, für Auslandsturniere weitgehend unberücksichtigt.

Eine der wenigen Auslandsturniere, an denen Gulko teilnehmen durfte, fand 1978 in Niksic statt. Der geteilte Turniersieg, zusammen mit Jan Timman, vor einem erstklassigen Feld, bildete einen der Höhepunkte in Gulkos langer Karriere.

Bei der Schacholympiade in Buenos Aires kam Gulko nur wenige Minuten zum Einsatz, fühlte sich beobachtet und schlecht behandelt. Während der Schacholympiade beschloss er die UdSSR zu verlassen. 

Nach der Schacholympiade stellte der aus einer jüdischen Familie stammende Boris Gulko zusammen mit seiner Frau Anna Akhsharumova, UdSSR-Frauenmeisterin von 1976, einen Ausreiseantrag nach Israel, der aber abgelehnt wurde. Sieben Jahre lang kämpften Gulko und seine Frau danach als "Refuseniks" für ihre Ausreise. Gulko unternahm in dieser Zeit mit seiner Frau drei Hungerstreiks und demonstrierte eine Zeitlang täglich auf einem der Moskauer Plätze. Das Paar wurde täglich verhaftet und verbrachte danach einige Stunden auf dem Polizeirevier. "Es war die schwerste Zeit meines Lebens", sagte Gulko später.

1981 nahm Gulko auch erneut am Finale der UdSSR-Meisterschaft teil und vermasselte hier dem jungen Kasparov die alleinige Landesmeisterschaft. Gulko landete zwar in dem Turnier weit hinten, gewann aber seine Partie gegen Kasparov, wodurch dieser sich den ersten Platz mit Lev Psakhis teilen musste. 1982 gewann Gulko ein weiteres Mal gegen Kasparov und schließlich 1990 ein drittes Mal.

Gulko und Kasparov

 

 

 

 

 

 


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Nachdem Michail Gorbatschow die Staatsführung der Sowjetunion übernommen hatte und ein politisches und gesellschaftliches Tauwetter einsetzte, aber auch aufgrund internationaler Proteste, wurde dem Ehepaar Gulko-Akhsharumova 1986 endlich die Emigration nach Israel gestattet. Nach einer Teilnahme am US-Open übersiedelte das Paar schließlich in die USA und wurde in Fair Lawn (New Jersey) heimisch. 

Familie Gulko, Chess Life Januar/1987

Anna Akhsharumova, die 1984 erneut UdSSR-Meisterin geworden war, gelang 1987 auch der Sieg bei den US-Frauenmeisterschaften. Sie gab 1997 aber ihre Schachkarriere auf und nahm eine Tätigkeit als Programmiererin auf.

1987 gewann Gulko das Turnier in Biel und nahm 1988 erstmals für die USA bei der Schacholympiade in Thessaloniki teil. Zwischen 1988 und 2004 spielte Gulko insgesamt neunmal bei Schacholympiaden für die USA und gewann mit dem Team zweimal Silber und einmal Bronze. Gulko gehörte zudem zur US-Auswahl bei den Mannschaftsweltmeisterschaften 1993, 1997 und 2005, gewann mit der Mannschaft 1993 Gold und 1997 Silber.

1993 nahm Boris Gulko am PCA-Qualifikationsturnier in Groningen teil und qualifizierte sich als geteilter Dritter für die PCA-Kandidatenkämpfe. Im Viertelfinale, der im Trump Tower in New York gespielt wurde, unterlag Gulko nach Stichkampf Nigel Short. 

 


 

 

 

Nachdem er schon UdSSR-Meister gewesen war, gewann Gulko 1994 erstmals auch die US-Landesmeisterschaften. 1999 wiederholte er diesen Erfolg. Boris Gulko ist damit der einzige Schachspieler, der sowohl UdSSR-Meister als auch USA-Meister wurde. In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren war Boris Gulko bei einer Reihe von Turnieren erfolgreich. Er gewann 1994 in Bern, 1996 in Las Palmas, 1998 zusammen mit Judit Polgar in Cardoza das US-Open und 2001 zusammen mit Jan Timman in Malmö. Boris Gulko war zudem Teilnehmer der FIDE-K.o.-Weltmeisterschaften 2000 in Moskau. An der letzten FIDE-K.o.-Weltmeisterschaft 2004 in Libyen nahm er als Jude unter Protest nicht teil.

Boris Gulko, 2013 in Prag | Foto: Prague Chess

Nach einer längeren Turnierpause nahm Boris Gulko 2020 noch mit zwei Partien an den Mannschaftsmeisterschaften von Israel teil.

Seit 2004 ist Gulko auch als Trainer tätig und ist zudem regelmäßiger Kolumnist in der Zeitschrift Ewrejskij. Mit Joel Sneed veröffentlichte er das Buch "Lessons with a Grandmaster."

Heute feiert Boris Gulko seinen 75sten Geburtstag.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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