Zum 90sten Geburtstag von Artur Brauner

13.08.2008 – Mit Artur Brauner feierte am 1. August einer der renommiertesten deutschen Filmproduzenten seinen 90sten Geburtstag. Trotz fortgeschrittenen Alters erfreut sich Brauner bester Gesundheit, wobei für seine geistige Fitness vielleicht sein Hobby Schach mitverantwortlich ist. Ab und zu trifft er sich mit seinem Freund Dr. Dehmel zu einer Partie. Auch mit manchem Schauspieler teilt er die Leidenschaft für das Brettspiel. So konnte er Curd Jürgens im Schach besiegen und diesem so die Zusage für die Hauptrolle in "Peer Gynt" abringen. Leider erwies sich dieser Erfolg für Brauner als Pyrrhus-Sieg. Kürzlich lud Brauner die Schauspielerin und Sängerin Vaile, Botschafterin der Schacholympiade Dresden, zu einer Partie in seine Villa in Berlin-Grunewald ein. Am gleichen Tisch, an dem einst schon Romy Schneider gesessen hatte, konnte Vaile mit Hilfe ihrer Berater ihren Gastgeber in einer wilden Partie besiegen. Dr. René Gralla hat den Augenblick in Worten festgehalten, Arthur Brauners Bruder Wolf steuerte die Bilder bei. Artikel im Neuen Deutschland...Ungekürzter, illustrierter Nachdruck...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

 

Berliner Produzentenlegende Artur Brauner feiert 90. Geburtstag

"Irgendwann kommt wieder einer hoch mit den alten Parolen"
Von  Dr. René Gralla
Fotos: Wolf Brauner

Das Team nimmt seine Positionen ein am Set. Eine glamouröse Hauptdarstellerin rauscht durch die Szene, während einstweilen unklar bleibt, wie sich der Partner an ihrer Seite machen wird.

"Film und Schach haben viel gemeinsam", sagt Artur Brauner und rückt die Figuren zurecht.

"Auf dem Brett kreiere ich eine eigene Welt im Kleinen, und realisiere ich ein Drehbuch, schaffe ich Entsprechendes im Großen." Zu einer freundschaftlichen Partie hat Berlins Produzentenlegende Artur Brauner mit Blick auf den 1. August 2008, seinen 90. Geburtstag, eine Nachwuchskraft eingeladen in seine Villa an der Grunewalder Königsallee: die Sängerin und Schauspielerin Vaile, eine gebürtige Hamburgerin, die bereits in einigen "Tatort"-Folgen zu sehen gewesen ist.

Nebenbei wirbt die 28-jährige als Botschafterin für die Schacholympiade Dresden 2008 im November, und das gemeinsame Interesse an den symbolischen Dramen um 64 Felder hat die blonde junge Frau auf Initiative des ChessBase-Autors Dr. René Gralla mit dem großen alten Mann des deutschen Kinos zusammengebracht.

An die 500 Film- und Fernsehproduktionen sind in den Studios von Artur Brauners "Central Cinema Company" auf einem ehemaligen Spandauer Fabrikgelände entstanden. Der Sohn eines jüdischen Holzgroßhändlers aus dem polnischen Lódz holte Lilli Palmer und Maria Schell, Hans Albers, Heinz Rühmann, Curd Jürgens und O.W. Fischer vor die Kamera. Romy Schneider war einst Gast in Artur Brauners Haus wie Vaile heute, und die wird ganz "ehrfürchtig", sagt sie, wenn sie daran denke, "dass ich nun am selben Tisch sitze wie Romy Schneider".

Das könnte wohl Anlass sein für nostalgische Betrachtungen, aber der tränenumflorte Rückblick passt nicht zum umtriebigen Artur Brauner, der das Lichtermeer auf seiner Festtagstorte ignoriert und rastlos weitermacht, an sieben Tagen in der Woche und oft bis tief in die Nacht. Mehrere Dutzend Drehbücher wollen gelesen werden, dazu wirft 2009 seine Schatten voraus, mit der Verfilmung des "Peer Gynt" unter der Regie von István Szabó. Veronica Ferres führt die Besetzungsliste an, als männlicher Star ist Klaus Maria Brandauer im Gespräch.

Die Ferres und der Brandauer, das wäre fast eine Parabel auf die klassische Schachkonstellation Dame und König. Und dazu passt, dass auch die Entstehungsgeschichte des aktuellen "Peer Gynt" etwas mit dem Spiel der Spiele zu tun hat. Anfang der 60-er Jahre hatte Artur Brauner einen ersten Anlauf gewagt, den Ibsen-Stoff zu verfilmen. Er trug Curd Jürgens die Rolle des "Peer Gynt" an, aber der zierte sich. Die beiden vereinbarten, dass eine Schachpartie die Entscheidung bringen sollte. Artur Brauner gewann, Curd Jürgens sagte zu für den "Peer Gynt" und kassierte 50.000 DM Vorschuss.

Über dieses Stadium kam der Film damals freilich nicht hinaus. Curd Jürgens musste zunächst noch einen zweiten Vertrag erfüllen. Das zog sich hin, und zwischenzeitig hinterließ ein exzessiver Lebenswandel bei Curd Jürgens optisch derart deutlich Spuren, dass er höchstens noch den alten, nie mehr aber den jungen "Peer Gynt" hätte geben können. Artur Brauner musste das Unternehmen abblasen: "Das war die teuerste Schachpartie meines Lebens."

Viereinhalb Dekaden später ist ein vergleichbares Desaster kaum vorstellbar. Trotzdem: Was kann uns eigentlich der "Peer Gynt" im dritten Jahrtausend sagen? "Sehr viel", meint Artur Brauner. "Peer Gynt, der zuvor mit Ehrgeiz, Brutalität und pausenloser Arbeit alles erreicht hat, begreift erst am Ende seines Lebens, wie sinnlos diese Jagd gewesen ist. Er hat gleichzeitig menschliche Werte, die Kommunikation und die Beziehung zu Familie und Freunden vernachlässigt. Er hat verpasst, ein Mensch zu sein." Das Thema mahne deswegen zum Innehalten, gerade in Zeiten des Turbokapitalismus. 

Ein Bezug, den Artur Brauner ausdrücklich herstellt, schließlich gehört er selber zu den Betroffenen. Momentan muss er sich gegen Großbanken wehren, die Brauners Kreditverbindlichkeiten aufgekauft haben. Die neuen Gläubiger drücken aufs Tempo und versuchen, die Hypothekenschulden in zweistelliger Millionenhöhe einzutreiben.

Artur Brauner will sich von den Heuschrecken nicht stoppen lassen. Schließlich habe er "ein Gelübde abgegeben" während des Naziterrors: "Alles dafür zu tun, dass die Opfer des Holocaust unvergessen bleiben." Nur knapp entkamen Eltern und Geschwister den faschistischen Todeskommandos, er selber floh in die Sowjetunion, aber 49 seiner Verwandten wurden ermordet von Hitlers Schergen.

1946 startete Artur Brauner in Berlin seine Produzentenkarriere. "Morituri", eines der ersten Werke, schilderte 1947 die Flucht von KZ-Häftlingen. In den Folgejahren setzte Artur Brauner allerdings zunehmend auf Unterhaltungsstoffe, die Bandbreite reichte von "Liebe, Tanz und 1000 Schlager" 1955 über die "Dr. Mabuse"-Reihe ab 1961 bis zu Karl May-Filmen sowie den Zweiteilern "Die Nibelungen" (1966-1967) und "Kampf um Rom" (1968). Selbstkritisch analysiert er im Rückblick: "Die Hälfte meines Lebens habe ich verplempert für unwesentliche Dinge".

Ab Anfang der 80-er Jahre steuert Artur Brauner massiv gegen. Herausragende Beispiele sind "Hitlerjunge Salomon" 1990, "Babij Jar - das vergessene Verbrechen" 2002 und "Der letzte Zug" 2006. Denn ihn treibt eine Sorge um: "Die Arbeitslosigkeit, die sich verfestigt hat, bereitet den Boden dafür, dass irgendwann wieder einer hochkommt mit den alten Parolen." Immerhin seien 20 Prozent der Menschen "rechts eingestellt". 

Artur Brauner findet sich damit nicht ab. Demnächst wird "Ein Frühling, der nie kam" gedreht, über deutsche und jüdische Kinder, die plötzlich von Freunden zu Feinden werden und nicht wissen warum. Mit Gudrun Landgrebe, Marie Bäumer und Kai Wiesinger, Rolf Schübel führt Regie.

Glaube aber niemand, dass Artur Brauner deswegen die angenehmen Seiten des Lebens aus dem Blick verliert. Am Ende der Schachbegegnung mit Vaile verabredet sich der Produzent für die bevorstehende Olympiade in Dresden. Vorausgesetzt, Vaile  begleitet ihn dorthin ...  

Artur Brauner schlägt eine scharfe Klinge

Nur ein- bis zweimal im Jahr findet Artur Brauner Zeit, mit Freunden Schach zu spielen. Einer seiner beiden Sparringspartner ist dann Dr. Max Dehmel (72), der lange auf Ministerialebene in der Filmförderung gearbeitet hat.

Und der unterstützt charmant, gemeinsam mit dem ChessBase-Autor Dr. René Gralla, die Schauspielerin und Schachbotschafterin Vaile, als sie selber ein Match gegen Artur Brauner wagt.

Es wurde eine spannende Partie. Und nur in der Besetzung 3:1 hat Vaile im Verein mit dem ChessBase-Autor Dr. René Gralla sowie Dr. Max Dehmel dem legendären Produzenten Artur Brauner am Brett Paroli bieten können ...

Partie zum Nachspielen, mit Originalkommentaren und einigen Engine-Ergänzungen (RR)...

Weiß: Artur Brauner

Schwarz: Vaile (beraten von Dr. Max Dehmel und Dr. René Gralla)

29. Dezember 2007, Berlin-Grunewald, Königsallee (Villa von Artur Brauner) 

Läuferspiel

1.e4 e5 2.Lc4 Sf6 3.d3 Lc5 4.Lg5 Sc6 5.Sf3 d6 6.h3 h6 7.Lh4 Le6

"Ja, ja", sagt Artur Brauner, "na gut, Sie werden schon sehen ..."



8.Sc3?! ...

Sicherer war 8.Lb3 ...

8.... Lxc4 9.dxc4 0-0?

Ein Missgriff, den der beratende ChessBase-Autor Dr. René Gralla auf die eigene Kappe nehmen muss. Bis zum 8. Zug hat er in enger Abstimmung mit Vaile einen schematisch halbwegs korrekten Aufbau realisiert. Nun aber übersieht Dr. Gralla die eigentlich doch offensichtliche Ansage, dass der Springer c3 wegen der Fesselung des schwarzen Sf6 sehr unangenehm nach d5 strebt. Folglich hebt Artur Brauner nach 9. ... 0-0? triumphierend die Stimme: "Und jetzt ..." ...

10.Sd5! ...

Was tun? ... Vaile und der ChessBase-Autor versuchen, mit einem Gewaltakt die Fesselung abzuschütteln, und riskieren dafür die Auflösung der schwarzen Rochadefestung.

10. ... g5!?

"Das ist aber gemein", sagt Artur Brauner, und die feine Ironie ist nicht zu überhören. Zumal der Meister jetzt richtig vom Leder zieht:


11.Sxg5!! ...

Opfert entschlossen einen Springer - und nun sieht es düster aus für das Schwarzteam.

11. ... hxg5 12.Lxg5 ...

Und was jetzt?! Der gefesselte schwarze Springer f6 geht wohl gleich verloren - und dann hätte Weiß zwei Bauern bei quasi nichtexistenter schwarzer Königsschanze. Doch da hat der ChessBase-Autor Dr. René Gralla plötzlich eine verwegene Eingebung - und Vaile lässt ihn gewähren:

12. ... Lxf2+!?!

Verzweiflung gebiert manchmal interessante Ideen.

13.Kf1!?! ...

Artur Brauner ist auf der Höhe. Nach dem hastigen 13.Kxf2? ... hätten die Schwarzen mit 13. ... Sxe4+ und 14. ... Sxg5 das Blatt gewendet. Besser wäre trotzdem 13.Ke2!! ... gewesen mit der Folge: 13. ... Sd4+ 14.Kd3!! Sxd5!! 15.Lxd8 Sf4+ 16.Kd2 Tfxd8. Schwarz hätte drei Figuren gegen die Dame, aber die Situation wäre äußerst volatil.

13. ... Sxd5!!

Dieser taktische Witz ist durch 13.Kf1!?! ... überhaupt erst möglich geworden.

14.cxd5!?! ...

Oder: 14.Lxd8 Sd3+ 15.Kxf2 Sxd1+ 16.Taxd1 Taxd8 und gewinnt mit der Mehrfigur.

14. ... Dxg5

"Und was jetzt?!" fragt Artur Brauner in die Runde ... aber das ist natürlich rein rhetorisch gemeint.

15.Kxf2 Sd4?!?

Ein zweiter Fehlgriff des ChessBase-Autors - der gar nicht berücksichtigt hat, dass der Springer ins Gedränge kommen könnte.

16.c3! ...

Artur Brauner realisiert sofort, was faul ist an 15. ... Sd4?!?

16. ... Sb5 17.a4!! ...

Und der schwarze Springer ist verloren. Als Reaktion machen Vaile und der ChessBase-Autor das einzig Richtige: Sie setzen auf sofortigen Konter gegen Artur Brauners Königsflügel.

17. ... f5!!

Dem erfahrenen Artur Brauner ist sofort klar, was die Stunde geschlagen hat. Mit galanter Grandezza legt er sein Schicksal in Vailes Hände: "Sie müssen mir helfen!"

18.De2 ...

Räumt vorausschauend und total cool ein Fluchtfeld für den weißen König. Denn der eingekesselte schwarze Springer b5 läuft nicht weg.

18. ... fxe4+

Nach diesem Schach, das mit verheerenden Folgen für Weiß die f-Linie als Rollbahn gegen den weißen König öffnet, gibt der ChessBase-Autor Dr. René Gralla das Staffelholz als Vailes Teammate weiter an Dr. Dehmel. Und der macht sich daran, die Partie abzuwickeln ....

19.Ke1 Dg3+ 20.Kd1 ...

Optimismus auch unter schwierigen Bedingungen, das zeichnet Artur Brauner aus. "Jetzt bin ich aus dem Schneider, mein Herr", sagt er zu Dr. Dehmel, dem zweiten Coach von Vaile. Das ist allerdings dann doch etwas zu optimistisch:

20. ... Tf2!

Der Einmarsch der schwarzen Schwerfigur in die zweite Reihe bringt die Entscheidung.

21.Dg4+ Dxg4 22.hxg4 Txb2 23.axb5 ...

Finally ...

23. ... Txg2

Und nach einigen weiteren Zügen gibt Artur Brauner auf.

0:1

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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