Paul Keres (7. Januar 1916 – 5. Juni 1975): Eine Erinnerung

von Johannes Fischer
07.01.2026 – Vor 110 Jahren, am 7. Januar 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde Paul Keres in Narva, in Estland, geboren. Keres gilt als einer der besten Spieler, die nie Weltmeister wurden, und war und ist durch sein attraktives Spiel und sein Auftreten für viele Spieler ein Vorbild. In ihrer zweiten Ausgabe des Jahres 2004 widmete sich die Schachzeitschrift Karl im Schwerpunkt dem Phänomen Keres. Über 20 Jahre später ist dieses Heft immer noch erstaunlich lesenswert und informativ. Aus Anlass des 110-jährigen Geburtstags von Keres veröffentlicht ChessBase einen Artikel aus diesem Heft. | Foto: Valter Heuer

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Für die Recherche zum Keres-Heft reisten Harry Schaack und Johannes Fischer auf Einladung der estnischen Fremdenverkehrszentrale nach Estland, wo sie unter anderem mit Keres’ Frau Maria und seiner Tochter Jula über Mann und Vater sprachen. Weitere Gespräche mit Weggefährten, Freunden und Rivalen wie Boris Spassky, Vasily Smyslov, Wolfgang Unzicker und Iivo Nei führten sie unabhängig davon. Der folgende Artikel widmet sich Keres’ Bedeutung für Estland.

In Estland ein Nationalheld

Zuerst erschienen in Karl 2/2004, S. 18–20. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Ob Schachfan oder nicht – fast jeder Este trägt ein Bild von Paul Keres bei sich. Im Portemonnaie, auf dem Fünf-Kronen-Schein. Einige von ihnen wissen sicher nicht, wer ihr Leben so bereichert, aber die meisten Esten kennen Paul Keres. Denn in dem kleinen baltischen Land ist er ein Nationalheld, und das Bild auf dem Geldschein nur eines von vielen Zeichen der Verehrung.

In Tallinn ist eine Straße nach Keres benannt, und in der Altstadt gibt es ein Paul-Keres-Museum mit Gedenktafel an der Außenwand.

Allerdings ist das Museum nicht nur Museum, sondern auch Sitz des estnischen Schachverbands und des Tallinner Schachklubs. Im Erdgeschoss laden zahlreiche Schachbretter zum Spielen ein, und gleich rechts am Eingang betritt man den Paul-Keres-Raum. Auf dem Schreibtisch ist sein Schachspiel aufgebaut, die Figuren ordentlich in der Grundstellung, die Aufregungen eines langen Schachlebens hinter sich. Im Glasschrank hinter dem Schreibtisch liegt die Totenmaske, daneben stehen ein paar Bücher.

Keres’ Bibliothek befindet sich jedoch in einem anderen Zimmer. Sie enthält Schachzeitschriften aus aller Welt und eine große Zahl russischer, englischer, deutscher, spanischer und estnischer Schachbücher, alle mit Keres’ selbstbewusstem Ex Libris versehen. Im Halbprofil abgebildet packt Keres dort mit der rechten Hand einen schwarzen Springer am Schopf, während die Linke lässig im eleganten Anzug steckt.

Auch in Pärnu, wo Keres aufwuchs, zur Schule ging und erste Erfolge feierte, ist eine Straße nach ihm benannt. Vor der Schule, die Keres von der achten Klasse bis zum Abitur 1934 besuchte, erinnert eine Statue an ihn. Die Schuldirektorin erzählt, dass das damalige Jungengymnasium in den zwanziger Jahren eine der besten Schulen in ganz Europa war. Nach der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion im Jahr 1940 richteten die Sowjets dort jedoch eine russische Schule ein, um die Tradition des Gymnasiums, das die Unabhängigkeit Estlands symbolisierte, in Vergessenheit geraten zu lassen.

Viele berühmte Esten gingen hier zur Schule. In der Eingangshalle listet eine Tafel Namen und Titel ehemaliger Schüler auf, die später berühmt wurden, darunter zahlreiche Minister, Bürgermeister und andere Würdenträger Estlands. Weit oben steht Konstantin Päts, von 1938 bis 1940 Präsident der unabhängigen Republik Estlands, der letzte vor der Besatzung durch die Sowjets. Aber nicht er, sondern Keres wird in der Schule gefeiert. Regelmäßig finden Keres-Gedenkturniere statt, und am 1. September beginnen alle Veranstaltungen am Denkmal vor dem Gebäude. Die schuleigene Fahne wird gehisst und eine Zeremonie abgehalten. Die Direktorin erklärt: „Keres war bescheiden und hat sich nie kompromittiert. Selbst in der UdSSR wurde er geschätzt. Bei ihm gab es keine Leichen im Keller, und er war durch und durch Gentleman. Nach seinem Vorbild wird unsere Jugend heute erzogen.“

Nach bestandenem Abitur zog Keres in die Universitätsstadt Tartu, um Mathematik zu studieren. Den Marktplatz im Zentrum der Stadt schmückt ein charmantes Denkmal eines jungen Liebespaares, das sich unter einem Schirm leidenschaftlich küsst und vermutlich die studentische Tradition der Stadt darstellen soll. Auch Keres lernte seine spätere Frau Maria in Tartu während des Studiums kennen.

Unweit des Marktplatzes befindet sich das estnische Sportinstitut, in dem das Andenken estnischer Sportler gepflegt wird. 2003 widmete das Sportinstitut Keres eine Ausstellung, und fast dreißig Jahre nach seinem Tod ist die Erinnerung an ihn noch lebendig. Bei einer 2002 durchgeführten Umfrage nach den beliebtesten und erfolgreichsten Sportlern Estlands wurde Keres mit großem Vorsprung zum populärsten Sportler des Landes gewählt; bei der Frage nach dem erfolgreichsten Sportler belegte er den zweiten Platz hinter dem Ringer Kristjan Palusalu.

Diese Begeisterung verblüfft. In Deutschland ist man als Schachspieler schon überrascht, wenn eine kleine Straße in Berlin nach Emanuel Lasker benannt wird, während Keres in Estland ein Ansehen genießt, das in Deutschland Stars wie Max Schmeling, Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Steffi Graf, Boris Becker, Jan Ullrich oder Michael Schumacher nicht zuteil wird.

Hier ist man richtig: Die Paul Keres Straße in Tallinn

Ein Grund dafür könnte sein, dass Keres’ Biografie und die Geschichte Estlands eng verwoben sind. Keres wurde am 7. Januar 1916 geboren, mitten im Ersten Weltkrieg und zwei Jahre bevor sich Estland im Februar 1918 zur unabhängigen Republik erklärte und damit über 700 Jahre Fremdherrschaft beendete. Seit der Eroberung und Christianisierung durch den Schwertbrüderorden und den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert stritten sich Schweden, Deutsche und Russen auf Kosten der Esten um ihr Land. 1721 übernahmen die Russen unter Zar Peter I. nach ihrem Sieg über Schweden im Großen Nordischen Krieg für fast zweihundert Jahre das Kommando. Erst nach der Oktoberrevolution 1917 konnte sich Estland von den Russen befreien.

Doch die imperialen Ansprüche des großen Nachbarn gingen mit dem Zarenreich nicht unter. Die Bolschewiki erwiesen sich hier als traditionsbewusst und wollten die baltische Republik nicht kampflos preisgeben. So führten estnische Truppen im November 1918 einen Zweifrontenkrieg: gegen die deutsche Landwehr, die nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg deutschen Einfluss im Baltikum bewahren wollte, und gegen nachrückende bolschewistische Truppen. Schließlich besiegten die Esten beide Gegner, und im Februar 1920 verzichteten die Sowjets auf ihre „Rechte“ in Estland.

Allerdings sollte Keres, der zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt war und gerade das Schachspielen lernte, im Laufe seines Lebens mit Deutschen und Sowjets noch genug Probleme bekommen.

Die Jahre nach der Unabhängigkeit brachten Estland einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, und bald suchte die junge Nation nach einer Identifikationsfigur für ihr neues Selbstbewusstsein. Keres war der ideale Kandidat. Er gehörte bereits mit Anfang zwanzig zur Weltspitze im Schach, war sportlich, gebildet, elegant, bescheiden, höflich – und sah gut aus.

Der junge Paul Keres | Foto: Valter Heuer

Auch dass Keres der ganz große Erfolg versagt blieb, hat für das kleine baltische Land Symbolcharakter. Denn in dem Moment, als Keres Anfang der vierziger Jahre ernsthafte Ambitionen auf den Weltmeisterthron hätte entwickeln können, kam die Weltpolitik dazwischen. Im Zuge des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, in dem die beiden Diktatoren ihre Einflusssphären in Europa festlegten, marschierte die Sowjetunion im Juli 1940 in Estland ein und beendete die kurze Zeit der Unabhängigkeit. Estland wurde erneut Sowjetrepublik.

Keres, der sein Leben lang Russisch mit starkem Akzent sprach, verwandelte sich in einen sowjetischen Spieler. Dabei hatte er noch Glück, denn nach der Besetzung Estlands begann die Verfolgung der estnischen Intelligenz durch die Sowjets, die zahllose Angehörige der Oberschicht ermordeten oder nach Sibirien verschleppten.

1941 schwang das politische Pendel erneut. Die Deutschen brachen den Pakt mit Stalin, überfielen die Sowjetunion und besetzten im Juli 1941 Estland. In den folgenden drei Jahren verfolgten die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung Estlands und plünderten das Land. Keres, der Frau und zwei Kinder hatte, musste sich mit den neuen Machthabern arrangieren, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er gab Simultanveranstaltungen für die Wehrmacht und nahm an Turnieren in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas teil.

Das brachte ihn 1944, als die Deutschen vor der Roten Armee aus Estland flohen und die Sowjets wieder an die Macht kamen, in große Gefahr. Es kam zu einer zweiten Welle von Deportationen, denen weitere Angehörige der Oberschicht, aber auch Menschen, die der Kollaboration mit den Deutschen oder des Widerstands gegen die Sowjets verdächtig waren, zum Opfer fielen. Man schätzt, dass Estland durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen etwa 25 Prozent seiner Bevölkerung verlor.

Wieder hatte Keres Glück. Als ihn der KGB verfolgte, wandte er sich in einem Schreiben an Molotow, der den Fall nach Estland zurückdelegierte, wo sich einflussreiche Mitglieder der Kommunistischen Partei schließlich für Keres einsetzten. Er durfte wieder Schach spielen, nun endgültig unter sowjetischer Fahne. Er nahm an UdSSR-Meisterschaften teil und spielte auf Olympiaden nicht mehr für Estland, sondern für die Sowjetunion.

Von all diesen politischen Wirren und ihren Folgen für Keres’ Laufbahn ist in den biografischen Skizzen seiner Partiensammlung Ausgewählte Partien jedoch nichts zu lesen. So schreibt er über die Folgen der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion: „Im Herbst [1940] beteiligte ich mich erstmals an der Meisterschaft der UdSSR. Ich war zu diesem Turnier schlecht vorbereitet, musste gegen eine Reihe von unbekannten Gegnern antreten und spielte daher recht unsicher.“ Dass bald darauf die Deutschen in Estland einmarschierten, kann man ebenfalls nur zwischen den Zeilen lesen. In dem Kapitel „Über die Turniere der Kriegszeit“ heißt es: „Ungeachtet der durch den Krieg aufgezwungenen Beschränkungen ging das internationale Schachleben auch in dieser Periode weiter. Obwohl es natürlich bedeutend weniger Veranstaltungen als gewöhnlich gab, wurden in verschiedenen Ländern doch internationale Turniere veranstaltet.“ Auch die erneute Okkupation Estlands durch die Sowjetunion bleibt ohne Kommentar: „Im Jahre 1946 trat ich auch erstmals nach Kriegsende wieder international in Erscheinung.“

In dem politischen Klima seiner Zeit konnte sich Keres nicht offen äußern, doch sein Auftreten war stiller Protest. Elegant und mit einem Hauch Extravaganz gekleidet, beeindruckte er durch Professionalität, Integrität und Bescheidenheit. Er war Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Sein wiederholtes Scheitern beim Angriff auf den Weltmeisterthron trug er mit Würde und zeigte so, dass man den Wechselfällen des Schicksals mit Haltung begegnen kann. Das machte ihn zum tragischen Helden und zu einem Vorbild für das von der Geschichte gebeutelte Estland. Aber auch heute, da Estlands politische Zukunft durch den Beitritt zur Europäischen Union am 1. Mai 2004 sicherer geworden ist, bleibt Paul Keres ein Vorbild – nicht nur für Estland.

Spezial: Themenschwerpunkt AVRO 1938. "All in One": Anish Giri und Igor Stohl sezieren zwei topaktuelle Eröffnungsabspiele. Analysen von Duda, Firouzja, Nielsen u.a. Videos von Erwin l'Ami, Daniel King und Mihail Marin. 11 Eröffnungsartikel u.v.m.

Paul Keres Special im ChessBase Magazin #199

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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