"Wir werden von Informationen überflutet – wichtig ist, sie zu verstehen": Ein Interview mit Vishy Anand

von ChessBase
15.04.2026 – Ein prominenter Gast beim Kandidatenturnier auf Zypern ist Ex-Weltmeister Vishy Anand. Er weiß, wie es ist, ein Kandidatenturnier zu gewinnen. Im Interview mit ChessBase erinnert er sich an Datenbanken und Disketten, die Anfänge von ChessBase und wie die Revolution in Sachen Schachinformation zunächst auszubleiben schien. Er spricht auch über die Verlockungen von Computerspielen, wie sich die Art der Vorbereitung geändert hat, und wer den kommenden WM-Kampf zwischen Javokhir Sindarov und Gukesh gewinnen könnte. | Foto: Nils Rohde

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FRITZ 20: Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter. FRITZ 20 ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution für ambitionierte Spieler und Profis. Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des ernsthaften Schachtrainings machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ 20 trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Nachfolgend das Transkript in deutscher Übersetzung

Arne Kähler: Ich freue mich, Vishy Anand als Gast zu begrüßen – einen der größten Schachspieler aller Zeiten. Vishy, du hast zahlreiche Weltmeisterschaftskämpfe gespielt, das Schach in Indien auf ein neues Niveau gehoben und zahllose Erfolge gefeiert. 1988 hast du von Frederic Friedel, einem der Mitbegründer von ChessBase, Disketten erhalten. Erinnerst du dich noch daran? Wie war es, plötzlich eine Datenbank mit Partien auf dem Computer zu haben?

Vishy Anand: 1987, etwa einen Monat nachdem ich Juniorenweltmeister geworden war, habe ich mir in London einen Atari-Computer gekauft. Ich nahm ihn mit nach Hause und fing an, meine Partien Zug für Zug einzutippen. Das war ziemlich mühsam. Frederic erzählte mir ständig, wie revolutionär Datenbanken seien – dass das die Zukunft der Vorbereitung sei, dass Kasparov schon damit arbeitet –, aber zunächst konnte ich damit wenig anfangen. Es sah einfach nach viel Arbeit aus.

Dann schickte Frederic mir im Dezember einige Disketten in einem großen, gepolsterten Paket. Die Jüngeren müssen vielleicht erst einmal nachschlagen, was eine Diskette ist. Ich legte die Diskette ein und hatte plötzlich ein paar hundert Partien zur Verfügung. Da habe ich verstanden: Das ging viel schneller, als alles selbst einzutippen. Mir wurde klar, dass es nicht nur um den Computer ging, man brauchte auch Datenbanken.

Das war ein großer Fortschritt. Man musste nicht mehr Stapel von Turnierbulletins und Büchern mit sich herumtragen. Damals gab es Magazine, die die Partien aktueller Turniere veröffentlichten – Hunderte von Partien –, und all das musste man mitnehmen. Plötzlich wurde das Gepäck deutlich leichter.

Natürlich litt die Produktivität ein wenig, als wir Spiele wie Minesweeper auf dem Computer entdeckten. Damit konnte man sehr effektiv Zeit verschwenden!

Als Viswanathan Anand auf der europäischen Schachbühne erschien, hatte er in Indien schon einige Erfolge erzielt, die indischen Jugendmeisterschaften und als Jugendlicher auch die Landesmeisterschaften der Erwachsenen gewonnen. Mit gerade einmal 14 Jahren wurde Anand 1984 für die Schacholympiade in die indische Nationalmannschaft berufen. 1987 wurde er Juniorenweltmeister, 1988 verlieh die die FIDE dem 19-jährigen den Titel eines Großmeisters.

Kommen wir zu deinem Weltmeisterschaftskampf 2010 gegen Veselin Topalov. Auf Fotos sieht dein Analyse-Setup mit all den Computern fast wie ein Cockpit aus.

Ja, wir arbeiteten damals mit recht leistungsfähiger Hardware. Ich erinnere mich, dass ich auf eine Firma gestoßen bin, die Dual-Core-Laptops herstellte, damit hatte ich praktisch vier Kerne für meine Engines. Das war damals unglaublich: Alles lief deutlich schneller, von der Analyse bis zur Datenbanksuche. Allerdings waren diese Geräte sehr schwer.

Bereits um 2008, beim Wettkampf gegen Kramnik, hatte ich begonnen, mit Remote-Engines zu arbeiten. Wir richteten Server ein und griffen darauf zu. Das war spannend, aber 2010 war das Internet noch nicht zuverlässig genug, um sich ganz darauf zu verlassen. Deshalb brauchten wir weiterhin leistungsfähige Rechner vor Ort.

Du hast einmal sinngemäß gesagt: Je mehr Informationen verfügbar sind, desto weniger kann man tatsächlich wissen. Was unterscheidet moderne Spitzenspieler heute im Zeitalter von Engines und riesigen Datenbanken?

Wahrscheinlich die Fähigkeit, einige Dinge wirklich gut zu verstehen. Ob diese Einschätzungen letztlich richtig oder falsch sind, ist weniger entscheidend, denn vieles von dem, was wir heute „wissen“, wird in ein paar Jahren überholt sein. Wenn ich meine damalige Vorbereitung mit heutigen Engines anschaue, wirkt manches fast naiv.

Entscheidend ist der Kontext: Zu wissen, wann und wie man etwas anwendet. Wir werden von Informationen überflutet, aber es kommt darauf an, sie einzuordnen und zu wissen, worauf man sich in der Praxis verlassen kann.

Wenn man die heutige Generation mit früheren vergleicht – ist es überhaupt noch dasselbe Spiel?

Tatsächlich hat sich viel geändert. Ich denke manchmal an das Reisen früher: Spieler waren tagelang oder wochenlang unterwegs, was oft mit viel Unsicherheit verbunden war. Heute ist alles organisiert: Man bucht Flüge, ändert sie online, alles ist planbar.

Ähnlich ist es im Schach. Vieles ist strukturierter, in manchen Bereichen auch stärker „durchdrungen“. Die Kunst besteht heute darin, Informationen aufzunehmen und richtig anzuwenden. Die jungen Spieler sind in dieser Welt aufgewachsen, sie kennen es nicht anders. Meine Generation vergleicht immer noch mit früher.

Sprechen wir über zwei dieser jungen Spieler, Sindarov und Gukesh. Hast du viel Kontakt zu ihnen?

Ich habe Sindarov etwas näher in der Global Chess League kennengelernt, wo er in meinem Team war. Was auffiel, war sein Selbstvertrauen. Man kann ihm praktisch jede Stellung geben, und er kommt damit zurecht. Diese Vielseitigkeit hat mich beeindruckt.

Mit Gukesh hatte ich mehr Kontakt, vor allem über meine Schachschule. Ich habe seine Entwicklung verfolgt und ihm auch einige Hinweise gegeben, zum Beispiel in Bezug auf Training.

Die beiden könnten in einem sehr jungen Weltmeisterschaftskampf aufeinandertreffen. Wen würdest du favorisieren?

Entscheidend werden Vorbereitung, Einstellung und Form sein. Im Moment hat Sindarov viel Schwung und dürfte als Favorit gelten. Aber Gukesh war vor nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Situation. Wenn er wieder zu dieser Form findet, hat er alle Chancen.

Du hast mehrere Weltmeisterschaftskämpfe gespielt. Hat sich der Druck verändert?

Computer haben vieles verändert. Es gibt weniger Raum für Unbekanntes. Wenn beide Spieler dieselbe Variante vorbereitet haben, entstehen kaum noch Chancen. Deshalb greifen viele zu ungewöhnlichen Ideen, um die Partie aus bekannten Bahnen zu lenken.

Die Vorbereitung ist insgesamt breiter geworden. Es geht nicht nur um die Eröffnung, man muss Vorteile auch präzise verwerten können. Der gesamte Ansatz hat sich verändert.

Zum Schluss: Du arbeitest seit den Anfängen mit ChessBase. Welchen Rat gibst du den Nutzern?

Eine der stärksten Funktionen ist die Suche nach Strukturen und Stellungen. Wenn man eine bestimmte Stellung besser verstehen will, kann man viele ähnliche Beispiele finden und studieren, wie die Figuren dort zusammenspielen.

Es geht nicht nur darum, konkrete Züge zu finden, sondern Muster zu verstehen, wann etwas funktioniert und warum. Diese Art des Studiums ist nach wie vor sehr wertvoll, und ChessBase ist dafür ein äußerst leistungsfähiges Werkzeug.

Vielen Dank für deine Zeit und die offenen Antworten.

Gerne!

DIE SCHACH-HORIZONT-ERWEITERUNG
In ChessBase gibt es immer wieder Ansätze, die typischen Pläne einer Eröffnungsvariante zu zeigen. Zwar ist Schach im Zeitalter der Engines viel konkreter als früher gedacht. Doch gerade Amateure lieben Eröffnungen mit klaren Plänen, siehe Londoner System.
In ChessBase ’26 beschäftigen sich gleich drei Funktionen mit der Darstellung von Plänen. Im neuen Eröffnungsreport wird für jede wichtige Variante untersucht, welche Figurenzüge oder Bauernvorstöße darin wichtig sind. In der Referenzsuche sieht man jetzt auf dem Brett, wo die Figuren üblicherweise hingehen. Und startet man die neue Monte-Carlo-Analyse, zeigt auch hier das Brett die häufigsten Figurenpfade.


Die ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
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