"Dieserukrainischeevgenijmiteinem-soschrecklichennachnamen"

15.12.2008 – Sieger der Ukrainischen Landesmeisterschaften wurde - zum zweiten Mal nach 2003 - Evgenij Miroshnichenko. Der 29-Jährige profitierte dabei von der Abwesenheit der ukrainischen Spitzenspieler, die kurz nach der Schacholympiade offenbar nicht sofort noch ein anstrengendes Turnier spielen wollten. Im Interview mit Anastasiya Karlovich klang leise Kritik vom Sieger am Verband an, der für die Terminierung der Landesmeisterschaft verantwortlich war. Im Vordergrund stand aber natürlich die Freude über den erneuten Landestitel. Miroshnichenko berichtet zudem von den für ihn entscheidenden Partien, erklärt, warum er sich ohne Computer vorbereiten musste und weshalb er auf die Idee kam, Briefe in Zukunft vielleicht nur noch mit "Miro" zu unterschreiben. Zum Interview...

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“Oops, I did again” E. Miroshnichenko und Britney Spears
Interview mit Evgenij Miroshnichenko

GM Evgenij Miroshnichenko, 29 Jahre alt, stammt aus Donez in der Ukraine und wurde vor ein paar Jahren ukrainischer Meister. Er ist ein starker und bekannter Großmeister (seine bislang beste Elo war 2671), dazu noch eine interessante Person mit Sinn für Humor. Im nachfolgenden Interview spricht er über die ukrainische Meisterschaft, sein Abschneiden dort, seine Einstellung zu den jungen Talenten und wie er das Interesse am Schach wecken will.


Evgenij Miroshnichenko

2003 hast Du Deinen Sieg bei der ukrainischen Meisterschaft als das beste Ergebnis Deiner Karriere bezeichnet. Welche Bedeutung hat es für Dich, fünf Jahre danach wieder ukrainischer Meister zu werden?

Dieses Mal fehlte die Euphorie… Oops, I did it again – das kam mir in den Sinn, nachdem ich mich in der Partie gegen Drozdovskij in Runde 7 nach Zeitnotproblemen noch retten konnte – irgendwie hatte ich das Gefühl, ich würde das Turnier gewinnen. Natürlich macht es Spaß, ein Turnier zu gewinnen, und es ist doppelt so schön, wenn das Turnier die Landesmeisterschaft ist.

Warum, glaubst Du, hat kein Spieler aus der Nationalmannschaft teilgenommen? Hast Du Dir mit dem Sieg in der Landesmeisterschaft einen Platz in der Nationalmannschaft gesichert?

Nun, mit solchen Fragen habe ich gerechnet… ich gebe sie gerne an die Offiziellen des ukrainischen Schachverbands weiter. Das Fehlen der Teilnehmer der Olympiade ist ziemlich gut nachvollziehbar – die Olympiade ging erst ein paar Tage vor Turnierbeginn zu Ende und außerdem war der Preisfonds niedriger als erwartet.

Dieses Jahr haben viele junge Spieler an der Meisterschaft teilgenommen. Gegen ein paar hast Du gespielt. Was denkst Du über ihre Spielstärke? Glaubst Du, sie sind fast so stark wie die Spieler Deiner Generation?

Ich bin weit davon entfernt, “wirklich viel Erfahrung” zu haben, und ich glaube, ich habe kein Recht, die Spielstärke von anderen Spielern zu bewerten. Deshalb werde ich mich hüten, so etwas wie “herausragendes Talent” zu sagen, selbst wenn ich das glaube J. Und wenn wir über meine Generation reden… hmm… ich glaube, wir können diesen jungen Talenten immer noch etwas beibringen.


Bei der Analyse der Partie Miroshnichenko-Kravtsiv

Hast Du keine Angst, dass diese Talente Dir in ein paar Jahren das Gleiche sagen?

Ich wäre nicht überrascht, wenn das passiert. Wenn es um das Schach spielen geht, so gibt es heutzutage keinen Altersunterschied. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die jungen Talente Schach anders studiert haben als die Spieler meiner Generation, aber vielleicht werden sie uns in der Zukunft wirklich etwas beibringen.

Wie hast Du Dich auf das Turnier und die Partien vorbereitet? Ich habe gehört, Du hattest keinen Laptop dabei? Ist es immer noch möglich, ein solches Turnier ohne Computervorbereitung zu gewinnen?

Nun, vor dem Turnier – da weiß ich nicht so recht, ich habe nichts Besonderes gemacht. Während des Turniers habe ich mich vor allem mental und weniger theoretisch vorbereitet. Und es stimmt, eine Woche vor Beginn der Meisterschaft gab mein Laptop seinen Geist auf und konnte nicht mehr rechtzeitig repariert werden. Ohne Laptop fuhr ich natürlich auf dünnem Eis Schlittschuh – ohne Computerhilfe ist es im modernen Schach fast unmöglich, ein Turnier zu spielen ohne in irgendeine Falle zu tappen. Hier geht mein Dank an Maestro Kuzubov, der so nett war, mir vor wichtigen Partien ein paar Ideen zu zeigen. In jeder Partie habe ich versucht, mich zu motivieren interessantes Schach zu spielen und die gegnerische Vorbereitung zu umgehen. Und schließlich war Kaffee ein weiteres nettes kleines Hilfsmittel.

Vielleicht sollte ich dann nicht fragen, wie Du Dich vorbereitet hast, sondern wie Du Dich zwischen den Partien erholt hast?

Billard am Abend und nachts ein Buch lesen – das ist sehr viel besser, um das Gehirn frisch zu halten, als sich drei bis vier Stunden mit der Engine vorzubereiten. Ich war nicht überrascht, dass dies vor fünf Jahren funktioniert hat – damals waren Computer für Schachspieler noch nicht so wichtig wie heute, aber irgendwie konnte ich zeigen, dass diese Form der Vorbereitung heute immer noch funktionieren kann.

Was war Deine wichtigste Partie?

Die Partie gegen Bronzemedaillengewinner Korobov in Runde 6. Ich hatte Schwarz und Korobov war immer ein gefährlicher Gegner für mich – in den ukrainischen Meisterschaften 2004 und 2006 hat er mich aus dem Rennen geworfen. Aus der Eröffnung heraus bekam ich eine viel versprechende Stellung, aber bis zum Ende blieb es spannend.


Miroshnichenko gegen Korobov 2004 (Foto: Olga Alexandrova)


Anton Korobov

Was ist wichtiger für Dich: das Ergebnis oder die Qualität der Partien? Was ist mit der Kreativität auf dem Schachbrett?

Ich glaube, die Qualität der Partien ist grundlegend, denn ohne diese Qualität kann man keine guten Ergebnisse erzielen. Ich war nicht bereit, interessante Ideen auf Kosten guter Ergebnisse zu prüfen. Aber ich habe das schon oft erlebt. Man weiß, die Ideen sind interessant und gefährlich zugleich. Manchmal probiere ich die Ideen, weil ich wissen will, woran ich bin. Das bringt nicht allzu viele Punkte, aber macht den Zuschauern Vergnügen. Doch in der ukrainischen Meisterschaft habe ich versucht, “ruhiger” vorzugehen, weil das sportliche Ergebnis eine große Rolle für mich spielte. Aber wie auch immer, ein paar meiner Partien werden als hübsch betrachtet.

In einem früheren Interview hast Du gesagt, Du seiest launisch? Helfen oder stören Gefühle Dich während der Partie?

Gefühle, Gefühle… Für mich ist es viel wichtiger, mit großer innerer Spannung zu spielen, als innerlich ruhig zu sein. Alle meine guten Ergebnisse beruhen auf dieser hohen Anspannung. Ich weiß, man kann während der Partien an meinem Gesicht ablesen, wie ich mich fühle, aber das ist mir egal – so spiele ich nun einmal Schach. Deshalb sind Zuschauer übrigens so wichtig – sie erhöhen die Anspannung sogar noch. Aber nach diesem Turnier fühlte ich mich leer, anstatt mich zu freuen – wahrscheinlich war die Anspannung während des Turniers zu groß.

Welche Sprachen beherrscht Du? Du hast viele Jahre in der Bundesliga gespielt. Hast Du in der Zeit Deutsch gelernt?

Ich spreche Russisch, Ukrainisch, Englisch, Polnisch und Serbokroatisch. Irgendwie war mein Englisch gut genug, um mich mit meinen Mannschaftskollegen in der Bundesliga zu unterhalten. So musste ich kein Deutsch lernen, aber nachdem ich ein paar Jahre in Deutschland gespielt habe, kann ich mittlerweile fast jede Frage mit “Ich habe keine Ahnung” beantworten. Ok, Scherz beiseite. Ich habe ein paar Worte im Zusammenhang mit Reisen und Schach gelernt, aber man kann kaum behaupten, dadurch hätte ich “die Sprache gelernt”.

Vor ein paar Jahren hast Du an 10 bis 20 Brettern blindsimultan gespielt. Die Idee dahinter war, große Blindsimultanveranstaltungen zu organisieren und den Rekord von Janos Flesch zu brechen. Kannst Du etwas mehr darüber erzählen?

Zunächst eine kleine Korrektur: die Idee war eigentlich, an 64 Brettern zu spielen (ziemlich symbolisch, nicht wahr?), Janos Flesch spielte an 52 Brettern, aber der Weltrekordhalter ist George Koltanowski, der gegen unglaubliche 56 Gegner gleichzeitig angetreten ist. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich das auch schaffen kann (oder es zumindest versuchen kann, selbst wenn ich dabei mein Leben aufs Spiel setze). Und was die Aussichten betrifft? Am wahrscheinlichsten – verrückt werden, aber genauso gut besteht die Möglichkeit, dass dies Werbung für das Schach ist, mit der man zeigen kann, dass Schach nicht nur ein Spiel mit schnellen Remis und langem Nachdenken ist. Niemand außerhalb der “Schachwelt” ist davon beeindruckt, wenn er hört, dass “GM X so-und-so-viel Züge berechnet und gegen GM Z gewonnen hat”, aber beim Blindschach kann man Dinge zeigen, die andere Leute noch nicht kennen.

Welche Ziele hast Du? Willst Du Dein Leben lang Schachspieler sein?

Ein Lebensziel? Danke für das Interesse, aber diese schwere Frage kann ich nicht einmal mir selbst beantworten. Beim Schach ist das mehr oder weniger klar – weiter spielen und versuchen, besser zu werden. Warum? Nun, das ist eine andere Frage.

Glaubst Du, es ist für einen Schachprofi sehr schwer, eine Familie zu gründen?

Diese Frage ist zu persönlich, um beantwortet zu werden… Ich glaube nicht, dass dies für einen Schachspieler schwerer ist als für irgendjemand anderen, der seinem Beruf verfallen ist.

Hast Du den Wunsch, andere Dinge im Schach zu machen: Schachjournalismus, Training, ein Buch schreiben?

Nun, ich habe ein paar Artikel geschrieben und ein paar Partien kommentiert, genau wie wohl jeder andere Großmeister. Was Bücher betrifft… nun, ich verfolge zwei Projekte, aber ich kann nicht sagen, wie lange es dauern wird, bis sie fertig sind. In einem dieser Projekte (der Arbeitstitel lautet “Schach als Kampfkunst”) versuche ich zusammen mit meinem Ko-Autor eine beim Schach seltene Frage zu beantworten: Nicht „Wie spielt man?“, sondern „Warum spielt man?“ Und für die zweite Frage ist es noch zu früh – ich bin noch nicht alt und satt genug, um irgendetwas wie “Meine besten Partien” zu veröffentlichen.

Wer kein Russisch spricht, hat Schwierigkeiten, Deinen Namen richtig auszusprechen. Deshalb nennen Dich viele Leute “Miro”. Wie stehst Du dazu?

Ich habe überlegt, “Ihr Miro” anstelle einer Unterschrift zu verwenden. Das heißt, ich mag diesen Spitznamen anstelle von “Dieserukrainischeevgenijmiteinemsoschrecklichennachnamen”.


Das Interview führt Anastasya Karlovich:

 

 

 

 



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