140 Jahre Aaron Nimzowitsch

von André Schulz
07.11.2026 – Der gebürtige Lette Aaron Nimzowitsch war einer der bedeutendsten Spieler und Theoretiker im ersten Drittel des 20 Jahrhunderts und beeinflusste mit seinen strategischen Ideen ganze Generationen. Sein Leben war allerdings alles andere als leicht und leider auch nur kurz. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 140. Mal. | Foto: J. Graudenz

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140 Jahre Aaron Nimzowitsch

Aaron Nimzowitsch wurde am 7. November 1886 in der lettischen Hauptstadt Riga geboren. Eigentlich lautete der Name der Familie auf lettisch Ņimcovičs, was soviel wie Sohn des Deutschen bedeutet. Eingedeutscht wurde daraus geschrieben Niemzowitsch, mit Betonung auf der vorletzten Silbe. Bei der Ausstellung eines Passes ging irgendwann das "e" verloren und die Betonung wanderte auf die erste Silbe. 

Lettland war zur Zeit von Nimzowitschs Geburt eine Provinz des russischen Zarenreichs. Schach lernte Aaron Nimzowitsch im Alter von acht Jahren von seinem Vater Isaja Abramowitsch, einem wohlhabenden jüdischen Holzgroßhändler, der selber schon ein guter Schachspieler war. Die besondere Schachbegabung von Aaron Nimzowitsch zeigte sich schon sehr früh. Seine ersten Partien wurden in einer Rigaer Zeitung abgedruckt, als Nimzowitsch gerade einmal neun Jahre alt war und machten dann auch in anderen Schachzeitungen die Runde. Die Familie zog später nach Dvinsk (heute Daugavpils), wo Nimzowitsch eine Talmudschule besuchte. 

Aaron Nimzowitsch mit seiner Schwester Tilla und seinem Vater Isaja (Schaja). | Fotoquelle: Batgirl auf chess.com

1903 ging Nimzowitsch nach Berlin, mit der Absicht, dort Philosophie zu studieren. Stattdessen beschäftigte er sich aber mehr mit dem Schachspiel und besuchte regelmäßig das Café Kaiserhof, wo sich die Berliner Schachspieler jener Zeit trafen.

Im Oktober 1903 schrieb er sich in Göttingen für Mathematik und Psychologie ein, ging aber nach einem Semester wieder zurück nach Berlin. 1906/07 war Nimzowitsch auch noch in Zürich für ein Studium der Mathematik immatrikuliert, das er aber ebenfalls nicht abschloss. Nach einigen erfolgreichen Turnierteilnahmen beschloss Nimzowitsch schließlich, Schach zu seinem Beruf zu machen und gab sein Studium endgültig auf.

Sein erstes Turnier spielte Nimzowitsch in Coburg, wo 1904 der 14. Kongress des Deutschen Schachbundes durchgeführt wurde. Nimzowitsch spielte im Hauptturnier mit und belegte am Ende bei starker Konkurrenz einen guten 6. Platz. Es folgten Turniere in Wien, Barmen und ihm gelang sogar schon ein Turniersieg in München. Im Mai 1907 war Nimzowitsch bereits einer der Teilnehmer beim großen internationalen Turnier in Ostende. 29 Teilnehmer kämpften fast sechs Wochen lang um den Turniersieg und der 20-jährige Aaron Nimzowitsch spielte vorne mit. Am Ende belegte er zusammen mit Jacques Mieses den geteilten 3./4. Platz, hinter Ossip Bernstein und Akiba Rubinstein. Innerhalb von drei Jahren war Nimzowitsch in der Weltspitze angekommen. Im August/September 1907 traf sich die europäische Schachelite in Karlsbad. Nimzowitsch erreichte einen guten 4./5. Platz., den er mit Carl Schlechter teilte. Turniersieger war Rubinstein.

Danach verschwand Nimzowitsch jedoch für drei Jahre aus den Turnierarenen. Einige Turnierzusagen für 1908 hatte er wieder abgesagt. In dieser Zeit hielt er sich in Riga auf. Jacques Hannack vermutete in seinen biografischen Notizen zur Neuauflage von „Mein System“, dass Nimzowitsch an seinen neuen strategischen Ideen arbeitete. Vielleicht hatte der zeitweise Rückzug aber auch einen anderen Grund. Die Nimzowitsch-Biografen Per Skjoldager und Jørn Erik Nielsen (Aron Nimzowitsch: On the Road to Chess Mastery, 1886–1924, McFarland, 2012) berichten, dass bei Nimzowitsch schon 1908 erste Anzeichen einer Tuberkulose aufgetreten sein sollen. In späteren Jahren wurde immer wieder darauf verwiesen, dass Nimzowitsch unter gesundheitlichen Problemen zu leiden hatte.

Aaron Nimzowitsch (ca. 1916) | Fotoquelle: Per Skjoldager und Jørn Erik Nielsen (Aron Nimzowitsch: On the Road to Chess Mastery, 1886–1924, McFarland, 2012)

1910 tauchte Nimzowitsch wieder auf und saß bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges bei einer Reihe von Top-Turnieren am Brett, 1910 in Hamburg im Meisterturnier des 17. DSB-Kongresses (3. Platz), 1911 in Karlsbad, 1911 (5. bis 6. Platz) und 1912 bei den Turnieren in San Sebastian (6. bis 8. Platz und 2./3. Platz). 1912 spielte Nimzowitsch bei der Allrussischen Meisterschaft in Vilnius (4. Platz.).

Beim Qualifikationsturnier für das große internationale Meisterturnier von St. Petersburg 1914 teilte Nimzowitsch den ersten Platz mit dem sechs Jahre jüngeren Alexander Aljechin. Da auch der Stichkampf ohne Sieger endete, wurden beide Spieler zum internationalen Meisterturnier im April/Mai 1914 zugelassen. Nimzowitsch beendete die Vorrunde als Achter.

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Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg, der die politische Landschaft und die wirtschaftlichen Bedingungen in Europa völlig verändern sollte. Die Nachrichten über Nimzowitschs Leben in dieser Zeit sind recht vage. Bei Beginn des Krieges befand er sich vermutlich in Riga. 1916 soll er zum Militär eingezogen worden sein.

Nach der bürgerlichen Februarrevolution 1917 dankte der Zar am 15. März 1917 ab. Der Versuch, nun eine parlamentarische Demokratie zu begründen, scheiterte an den Kommunisten, die die Revolution vor allem auf dem Land fortsetzten. Im Sommer 1917 missglückte an der Front die letzte große russische Offensive gegen die Mittelmächte.

Im April 1917 war Lenin nach Russland zurückgekehrt, führte die bolschewistische Bewegung an und setzte sich für eine Beendigung des Krieges ein. Im November (nach dem alten julianischen Kalender im Oktober) 1917 setzten die Bolschewiki die bürgerliche Regierung ab. Im September 1917 hatten deutsche Truppen Riga besetzt.

Nimzowitsch, inzwischen offenbar aus dem russischen Militär entlassen, arbeitete jetzt zeitweise als Schachredakteur für die Baltische Zeitung. Danach soll man versucht haben, ihn noch einmal zwangsweise zu rekrutieren. Einigen Anekdoten zufolge soll er sich diesem Versuch entzogen haben, indem er eine geistige Zerrüttung vorgetäuscht haben soll. Es wurde aber auch berichtet, dass Nimzowitsch sich 1917 unter dem Namen Arnold Nimzowitsch in Berlin aufgehalten haben soll. Vielleicht hat sich Nimzowitsch dem Zugriff des Militärs durch Flucht entzogen. Aus dem Jahr 1918-20 sind wieder einige freie Partien und Partien aus Simultanvorstellungen von Nimzowitsch aus Riga überliefert.

Am 3. März 1918 hatten die neuen bolschewistischen Machthaber in Russland mit dem deutschen Kaiserreich einen Friedensvertrag geschlossen, in dem Russland zu weitgehenden Gebietsabtretungen gezwungen wurde. Nach dem Friedensvertrag von Versailles änderten sich die politischen Machtverhältnisse auch in Osteuropa und die Russen versuchten nun, den Vertrag mit dem Deutschen Reich zu revidieren und verlorene Gebiete, darunter das Baltikum, wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Zwischen 1918 und 1922 tobte in Russland zudem ein Bürgerkrieg, der bis zur Gründung der UdSSR andauerte und 8 Mio. Tote forderte.

In diesen unruhigen Zeiten entschloss sich Nimzowitsch, seine Heimat endgültig zu verlassen. Im Juli 1920 ging er nach Stockholm und spielte im August das Jubiläumsturnier des Göteborger Schachklubs mit (12. von 14 Teilnehmern, Sieger Reti vor Rubinstein). Im Oktober folgte ein Jubiläumsturnier des Stockholmer Schachklubs (2. hinter Bogoljubow). In den Jahren 1921 und 1922 spielte Nimzowitsch kleinere Matches und gab einige Simultanvorstellungen in Norwegen und dann in Dänemark. Die Kopenhagener Schachvereinigung hatte ihn nach Dänemark eingeladen. Nimzowitsch hielt Vorträge und spielte zu Förderung des Schachs in Dänemark Partien gegen dänische Spieler.

Im November 1922 zog Nimzowitsch ganz nach Dänemark um und lebte bis zu seinem Tod in einem Zimmer in der Øster Farimagsgade 11 (im 2. Stock) in Kopenhagen.

Anfang der 1920er Jahre kam das Schachleben in Europa langsam wieder in Schwung und begann an die große Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anzuknüpfen. Nimzowitsch war bei den großen Turnieren häufiger Gast, spielte meist vorne mit und belegte gute Plätze. Eine Turniere konnte er sogar gewinnen. In Karlsbad 1923 wurde er Sechster bei 18 Teilnehmern. In Baden-Baden 1925 belegte er Platz 9 bei 21 Teilnehmern. In Mariánské Lázně 1925 gewann er vor Rubinstein und Marshall.

Beim DSB-Kongress in Breslau im Sommer 1925 wurde er Zweiter hinter Bogoljubow. Das Turnier auf dem Semmering 1926 schloss er als Vierter ab. Dort gelang ihm unter anderem ein Sieg gegen Alexander Aljechin. Das Jubiläumsturnier in Dresden im April 1926 gewann Nimzowitsch und ließ Aljechin hinter sich. Die Partie gegen Johner ist vielleicht die berühmteste Nimzowitsch-Partie.

Auch das Jubiläumsturnier in Hannover im August 1926 sah Nimzowitsch als Turniersieger, diesmal vor Rubinstein.

Die Spieler von Hannover 1926

Hinten: Friedrich Sämisch, Oskar Hans Antze, Hans Duhm, Walther von Holzhausen, Vorne: Aaron Nimzowitsch, Hermann von Gottschall, Jacques Mieses, Akiba Rubinstein

Nimzowitsch wurde im Februar 1927 zum nach New York eingeladen und wurde hinter Capablanca und Aljechin Dritter. Das Turnier wurde über vier Umgänge gespielt. Gegen Capablanca blieb Nimzowitsch sieglos. Gegen Aljechin konnte er eine Partie gewinnen.

Zurück in Europa spielte er 1927 unter anderem Turniere in Berlin (2. Platz), In Kecskemét (Sieger), Bad Niendorf (Sieger), London (Sieger). 1928 gewann Nimzowitsch auch das Jubiläumsturnier der Berliner SG. In Bad Kissingen wurde er Fünfter in einem Weltklassefeld.

Die Spieler in Bad Kissingen | Fotoquelle: D. Griffin auf X

Das Turnier des Berliner Tageblatts schloss er als Zweiter hinter Capablanca ab.

Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

1929 gewann Nimzowitsch die Neuauflage in Karlsbad mit überragenden 15 Punkten aus 21 Runden und ließ Capablanca und viele weitere Weltklassespieler hinter sich. Bei Aljechins Glanzauftritt in San Remo 1930 war Nimzowitsch als Zweiter „Best of the Rest“.

Nimzowitsch gegen Grau | Foto: via D. Griffin auf X

Er war Zweiter in Liege und gewann das Anderssen-Jubiläumsturnier in Frankfurt.

1931 gewann er ein Turnier in der Schweiz und wurde Dritter beim gut besetzten Turnier in Bled. Aus dem Jahr 1932 sind gar keine Partien bekannt. Dann spielte er Turniere und Wettkämpfe in Dänemark und mit seiner Teilnahme am Turnier 1934 in Zürich (6./7.) endet praktisch die internationale Karriere von Aaron Nimzowitsch. Im August 1934 spielt er mit dem Nordischen Kongress in Kopenhagen sein letztes Turnier.

Jeff Sonas sieht in seinen nachträglich ausgerechneten Elozahlen Aaron Nimzowitsch im Jahr 1913 als Nummer zwei in der Welt hinter Akiba Rubinstein und zwischen 1926 und 1931 als Nummer drei, hinter Aljechin und Capablanca.

Der Stil seiner Partien und Nimzowitschs Verhalten am und neben dem Schachbrett wirkte auf manche Kollegen und Zeitgenossen befremdlich. Es gibt einige Anekdoten, in denen sein bisweilen merkwürdiges Verhalten beschrieben wird. So wurde berichtet, wie er 1910 in Hamburg in der Partie gegen Köhnlein nach 1.e4 erst einmal gar nicht reagierte. Er schaute minutenlang aufs Brett, dann auf seine Finger. Dann stand er auf und betrachtete Bilder an der Wand und dann las er einen Prospekt für eine neue Schachuhr. Irgendwann machte er dann auch einen Zug. In einer anderen Partie kam er 45 Minuten zu spät, hatte aber keine Eile zu ziehen, betrachtete wieder ein paar Bilder an der Wand, machte dann vor Ablauf der Karenzzeit im Stehen einen Zug, um sofort wieder zu den Bildern zu gehen. Die nächsten Züge machte er in kurzer Zeit ebenfalls im Vorbeigehen und stand bald trotzdem auf Gewinn.

Vor allem aber versuchte Nimzowitsch durchzusetzen, dass wenigstens an seinem Brett nicht geraucht wurde. Das Verbrennen von Tabakpflanzen und Einatmen des Rauchs war zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine weit verbreitete Angewohnheit, auch unter Schachspielern. Wenn man aber weiß, dass Nimzowitsch lungenkrank war, erklärt sich die Abneigung gegen Tabakrauch, die seinen Zeitgenossen jedoch unverständlich war. Nimzowitschs labile Gesundheit erklärt vielleicht auch einige seiner merkwürdigen Verhaltensweisen. Er wirkte bisweilen gereizt und nervös, wahrscheinlich dann, wenn es ihm gesundheitlich schlecht ging.

Die unorthodoxe Anlage seiner Partien irritierte die anderen Meister ebenfalls, am meisten wohl den sehr dogmatischen Siegbert Tarrasch. Schon 1913 hatte Nimzowitsch allerdings Tarrasch in einem für ihn typischen, wenig diplomatischen Aufsatz frontal angegriffen. Tarrasch machte dann bei verschiedenen Gelegenheiten die Partieanlage von Nimzowitsch schlecht und nannte seine Eröffnungen „hässlich.“ Die beiden Meister wurden dann keine Freunde mehr und pflegten eine intensive offene Brieffeindschaft in Beiträgen für Schachzeitschriften.

1925/26 war in fünf Broschüren-Lieferungen im Verlag von Bernhard Kagan Nimzowitschs einflussreiches Werk „Mein System“ erschienen, in dem er die Grundlagen des Positionsspiels und seine eigene Spielanlage erklärt. Im August 1928 folgte „Die Praxis meines Systems“, dazwischen einige andere Schriften. Die Bücher sind inhaltlich auch heute noch interessant, wirken allerdings oft einseitig und aus heutiger Sicht im sprachlichen Stil auch überzogen. Nimzowitsch war jedoch ein schachlicher Revolutionär und meinte, sehr laut für seine Ideen trommeln zu müssen.

Nimzowitsch hatte mit seinen theoretischen Arbeiten und seinem Spiel großen Einfluss auf die Eröffnungstheorie. Die Nimzo-Indische Verteidigung, die Nimzowitsch-Verteidigung, die Nimzowitsch-Variante (auch Winawer-Variante genannt) in der Französischen Verteidigung und die Eröffnung. 1. Sf3 und 2. b3 sind nach ihm benannt.

Auch die Mittelspieltheorie hat er mit vielen neuen Ideen bereichert, dazu gehört im Besonderen die Idee der Blockade. Aber auch mit Themen wie Läuferpaar, Prophylaxe, Überdeckung und Zentralisierung und vielen anderen Elementen des Positionsspiels hat er sich ausführlich beschäftigt.

Nimzowitsch starb am 16. März 1935 in Kopenhagen im Alter von 48 Jahren. Die Todesursache war eine Lungenentzündung, vermutlich als Folge einer fortschreitenden Tuberkulose. Er wurde auf dem Bispebjerg-Friedhof in Kopenhagen (Grabstätte uL 378) beigesetzt. Der dänische Schachverband sorgt für die Erhaltung der Grabstelle.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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