Frisch rezensiert: Matt in neun Tagen von René Deist

von Stefan Liebig
07.11.2026 – Die Idee lieferte Stoff für viele Krimiklassiker: Ein Mord geschieht und die Zeugen sowie der potenzielle Täter können den Tatort nicht verlassen. Dieses spannungsgeladene Setting wählte auch René Deist bei seinem ersten Schachroman. – Herzlichen Dank an das Schach-Magazin 64 für die Genehmigung des Nachdrucks dieses Beitrags aus der Ausgabe 10-2026.

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Mit „Matt in neun Tagen“ legt René Deist einen Schachkrimi vor, der seine Spannung aus einem ungewöhnlichen geschlossenen Setting bezieht. Neun Großmeister sind zu einem Einladungsturnier in das Grandhotel Steinbrück in den Alpen gereist. Dann schneidet ein Unwetter die Passstraße von der Außenwelt ab. In der ersten Nacht entdeckt Jonas Winter auf dem Demobrett eine Stellung, die auf legalem Weg nicht entstanden sein kann. Am nächsten Morgen ist Viktor Hale tot. Damit steht das zentrale Rätsel im Raum: Die Stellung war kein zufälliges Arrangement, sondern wurde Figur für Figur aufgebaut. Was und vor allem wer steckt dahinter?

Jonas Winter, einst ein vielversprechendes Schachtalent, erkennt schneller als die übrigen Beteiligten, dass der Mord Teil einer größeren Inszenierung sein muss. Als „Ermittler“ ist er dabei eine interessante Figur, weil seine Stärke inzwischen gar nicht mehr vor allem in der Variantenberechnung als vielmehr in der Menschenkenntnis liegt. Er muss verstehen, welche Rolle die einzelnen Turnierteilnehmer in einem Spiel einnehmen, dessen Regeln der Täter festgelegt hat.

Der besondere Reiz des Romans liegt in der Konstruktion der Mordserie. Der Täter spielt eine reale Schachpartie nach – Figur für Figur und Mord für Mord. Zwei berühmte Begegnungen bilden dafür die Grundlage: Boris Spasski gegen David Bronstein (Leningrad 1960) und Garri Kasparov gegen Veselin Topalov (Wijk aan Zee 1999). Wer diese Partien kennt, kann deshalb auf einer zweiten Ebene lesen: Die Züge der historischen Vorbilder werden zu – zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu verstehenden – Hinweisen auf das weitere Geschehen im Grandhotel. Das Schachwissen kann also laut Autor helfen, der Handlung gedanklich voraus zu sein. Zugleich funktioniert „Matt in neun Tagen“ als klassischer Kriminalroman mit einem geschlossenen und abgeschotteten Personenkreis. Die verschneite Bergwelt verhindert die Flucht, der Kommissar aus dem Tal sitzt selbst im Hotel fest, und jeder der neun Großmeister, auch Jonas, könnte Teil des Spiels und der Lösung sein. Mit jeder weiteren Figur, die vom Brett verschwindet, wächst der Zeitdruck für Jonas. Der Titel wird dabei zur konkreten Frist: Neun Tage bleiben, um die vollständige „Partie“ zu entschlüsseln.

Eine zweite Handlungsebene erhält die Geschichte durch Jonas’ eigene Vergangenheit. Dreizehn Jahre zuvor bekam er eine Nachricht, auf die er nie antwortete. Nun holt ihn diese verdrängte Geschichte ein. Dadurch beschränkt sich der Roman nicht auf die Frage, wer der Mörder ist. Auch der inoffizielle Ermittler selbst muss eine alte Entscheidung neu bewerten. Deist verbindet somit Schachkenntnis, historische Partien und eine klassische Krimisuche nach dem Mörder zu einem Konzept, das insbesondere für schachaffine Krimileser reizvoll sein dürfte.

René Deist
Matt in neun Tagen
224 Seiten, Taschenbuch
ISBN 979-8194857685

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Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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