17. Januar 1951: Bobby Fischers erstes Simultan

von Johannes Fischer
17.01.2018 – Heute vor zehn Jahren, am 17. Januar 2008, starb Bobby Fischer im Alter von 64 Jahren in Reykjavik, Island. Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass Fischer an dem Tag gestorben ist, an dem er auch die erste öffentliche Partie seines Lebens gespielt hat. Das war am 17. Januar 1951, bei einem Simultan gegen den amerikanischen Meister Max Pavey. (Foto: Gerd Densing)

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Ein bemerkenswertes Simultan

Geboren wurde Fischer am 9. März 1943 im Michael Reese Hospital in Chicago. Als Fischer geboren wurde, war seine Mutter Regina obdachlos. Die ersten beiden Jahre nach der Geburt zog Regina Fischer mit Bobby und seiner älteren Schwester Joan auf der Suche nach Gelegenheitsarbeiten durch die gesamte USA, bis sie sich schließlich 1945 in New York niederließ.

Da Regina Fischer arbeiten musste, um den Lebensunterhalt für sich und ihre beiden Kinder zu verdienen, waren Joan und Bobby oft alleine. Schach spielen lernte Fischer mit sechs, als seine Schwester ein kleines Plastikspiel mit nach Hause brachte. Schon bald schlug das Schach Fischer in seinen Bann und seine Mutter suchte passende Gegner für ihn. Im November 1950 schickte sie deshalb eine Postkarte mit einer Anzeige an die auflagenstarke New Yorker Tageszeitung Brooklyn Eagle, wo man mit dieser Anzeige jedoch nicht viel anfangen konnte. Doch im Januar 1951 war sie schließlich bei Hermann Helms gelandet, eine der bedeutendsten Figuren des amerikanischen Schachs und langjähriger Autor der Schachkolumne des Brooklyn Eagle.

Helms förderte das Schachspiel, wo er nur konnte, und er nahm sich Zeit, um Regina Fischer mit einem freundlichen Brief zu antworten. In seinem Schreiben weist er sie auf eine Simultanveranstaltung hin, die der amerikanische Meister Max Pavey am „kommenden Mittwoch“ in der Brooklyn Public Library, Grand Army Plaza, um 20 Uhr, geben würde. Um an diesem Simultan teilnehmen zu können, müsste Fischer lediglich Figuren mitbringen, Bretter würden gestellt.

Hermann Helms Brief an Regina Fischer

Datiert ist Helms’ Schreiben auf den 13. Januar 1951, das war ein Samstag. Vier Tage später, am 17. Januar 1951, kam Fischer in Begleitung seiner Mutter zum Simultanspiel in die Bibliothek. In seinem Buch Bobby Fischer: Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende beschreibt Fischers Biograph Frank Brady Bobbys erste öffentliche Partie:

Eine Traube von Besuchern scharte sich um das Brett und sah zu, wie der kleine Bobby gegen den selbstgewissen, Tweedjacke tragenden Max Pavey antrat. Der heilige Ernst, mit dem der Junge die Partie anging, lockte mehr und mehr Zuschauer an. Bobby kniete auf seinem Stuhl, um einen besseren Überblick über das Brett zu bekommen. ... Der Pfeife rauchende Meister erwies sich als viel zu stark für Bobby. Nach 15 Minuten schlug er Bobbys Dame, das Spiel war vorbei. Freundlich bot er dem Jungen die Hand, lächelte und gratulierte: ‚Gut gespielt’. Bobby starrte das Brett einen Moment lang fassungslos an, murmelte, ‚Er hat mich zerquetscht’, und brach in Tränen aus. ... Später erklärte er, mit dieser Partie habe er so richtig Blut geleckt.

Carmine Nigro, ein kleiner, kahler Mann Anfang vierzig, beobachtete die Partie Pavey-Fischer mit scharfem Blick. Bobbys Art zu spielen gefiel ihm. Bobby machte zwar keine brillanten, aber für einen Anfänger bemerkenswert vernünftige Züge. Völlig konzentriert, schien Bobby alles um sich herum zu vergessen. Nach Ende der Partie sprach Nigro ... Regina und Bobby an. Er stellte sich als der neu gewählte Vorsitzende des Schachclubs Brooklyn vor und lud Bobby ein, doch einmal an einem Dienstag- oder Freitagabend vorbeizuschauen. Nein, der Junge würde keine Mitgliedsbeiträge zahlen müssen, beruhigte Nigro Regina. Schon am nächsten [Freitag] begleitete Regina Bobby in die alte Musikakademie Brooklyns, wo der Club sich traf. (Frank Brady, Bobby Fischer: Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende, Riva Verlag 2016).

Bobby Fischers Schachkarriere hatte begonnen.

Aber wer war Max Pavey?

Hätte Pavey dieses Simultan gegen den 7-jährigen Fischer nicht gespielt, würde man sich wahrscheinlich kaum noch an ihn erinnern, obwohl er ein sehr starker amerikanischer Meister war. Geboren wurde er am 5. März 1918 in Schottland und nach seinem Medizinstudium in Glasgow emigrierte er im Juni 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in die USA, wo er als Arzt in New York arbeitete. Vor seiner Ausreise in die USA war Pavey 1939 noch Schottischer Meister geworden.

1954 hatte Pavey laut Chessmetrics eine historische Elo-Zahl von 2549 und war damit die Nummer 88 in der Welt. 1954 spielte er bei einem Wettkampf zwischen den USA und der UdSSR am dritten Brett gegen Paul Keres und unterlag 1-2 (ein Sieg, zwei Niederlagen, kein Remis).

Pavey starb am 4. September 1957 im New Yorker Mount Sinai Hospital an Leukämie.

Max Pavey vs Paul Keres

 

Fischer und Pavey spielten nach ihrer Simultanpartie noch zwei Mal gegeneinander, beides Mal in regulären Turnieren. Zur ersten Partie kam es im Halbfinale der Meisterschaft von Manhattan 1956.

Bobby Fischer vs Max Pavey

 

Die zweite Partie spielten sie im Lessing Rosenwald Turnier 1956 (in dem Fischer mit seinem Damenopfer gegen Donald Byrne berühmt wurde).

 

 




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Krennwurzn Krennwurzn 19.01.2018 11:58
Ich teile diese Fischer-Hysterie nicht - er dürfte zwar der erste Vollprofi im Schach gewesen sein, aber der Preis dafür war, dass er menschlich ein Kind/Jugendlicher blieb und nie die Reife des Erwachsenseins erleben durfte. Irgendwie ein trauriges Pionierschicksal

RIP BOBBY
RSpielmann RSpielmann 17.01.2018 07:44
klont Bobby Fischer !
CrimsonSeahawk CrimsonSeahawk 17.01.2018 10:46
Fischer war eine Ausnahmeerscheinung was sein schachliches Können anbelangte. Seine historische Elo-Zahl liegt bei
2900 Punkten, unerreicht selbst von allen späteren Spielern, inclusive der ungerechten Eloinflation der letzten Jahre
die es in den 60èr/70èr Jahren des letzten Jahrhunderts noch nicht gab.
Der Mann hat das Schach zu einer besten Zeit auf die weltweiten Titelseiten der bekanntesten Zeitungen der Welt gebracht und 1972 für einen Boom im Schach gesorgt. Das wird neben den vielen genialen Partien für immer bleiben. Tragisch das Kapitel nach 1972. Was wären da noch vor Partien hervorgebracht worden wenn er weitergespielt hätte.
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