300 Jahre Philidor

von André Schulz
07.09.2026 – Heute vor 300 Jahren wurde Frannçois-André Danican, genannt Philidor geboren. Er war der beste Schachspieler seiner Zeit und zudem ein bekannter Musiker. Auf Einladung von Friedrich II. war er Gast auf Schloss Sanssouci, gab Blindvorstellungen in Berlin und lebte als Schachprofi in Paris und London. | Bild: Frannçois-André Philidor (1726-1795) von Augustin de Saint-Aubin, Charles-Nicolas Cochin

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Heute vor 300 Jahren, am 7. September 1726, wurde André-Francois Danican Philidor geboren, zu seiner Zeit nicht nur der beste Schachspieler der Welt, sondern auch ein populärer Opernkomponist. Seine musikalische Hinterlassenschaft ist heute eher in den Hintergrund getreten, aber im Schach wird die Erinnerung an den frühen Schachmeister hochgehalten.

Nur wenige, auch Schachfreunde, kennen den vollen Namen von Philidor, nämlich André-Francois Danican Philidor. Ironischerweise ist „Philidor“ dabei nicht einmal der echte Familienname, sondern nur ein Beiname, der sich einer Erzählung zufolge auf einen italienischen Oboisten namens Filidori beziehen soll. Philidors Großonkel Michel Danican soll am Hofe von Ludwig XIII musiziert haben und den französischen König erinnerte der Vortrag an den besagten Oboisten, so die Erzählung. Michel Danican fügte seinem Namen den Beinamen „Philidor“ hinzu und die anderen Mitglieder der Familie taten es ihm gleich. Der eigentliche Familienname Danican war schottischen Ursprungs und lautete ursprünglich einmal „Duncan“.

Philidor stammte aus einer Musikerfamilie. Nicht nur sein Großonkel Michel Danican Philidor, auch sein Großvater Jean Danican Philidor waren schon erfolgreiche Musiker, ebenso sein Vater André Danican Philidor.

André-Francois Danican Philidor stammte aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Elisabeth Le Roy. Er war das dritte Kind dieser Verbindung. Seine Mutter war 26 Jahre alt, als Philidor geboren wurde, sein Vater schon 79 Jahre. Der Vater starb vier Jahre darauf. Als Verwalter der königlichen Musikbibliothek hatte André Danican-Philidor eine umfangreiche Sammlung musikalischer Werke jener Zeit zusammengestellt, die den Grundstock der französischen Nationalbibliothek bildete. André-Francois Philidor folgte später dem Vorbild seines Vaters beim Sammeln und Kopieren zeitgenössischer musikalischer Werke.

Seine eigene musikalische Ausbildung begann für Philidor im Alter von sechs Jahren als Page der Kapelle von Versailles. Es waren die Musiker dort, die ihm das Schachspiel beibrachten. Mit zwölf Jahren fertigte Philidor seine erste eigene Musikkomposition an. Mit 14 Jahren verließ Philidor die Kapelle, zog nach Paris und verdiente sein Geld als Musiklehrer und Musikkopist. In Paris war er bald regelmäßiger Gast im Café de la Régence. Dort war François Antoine de Legall als Hausschachspieler angestellt und wurde Philidors Schachlehrer.

Das Café de la Régence in späteren Jahren

Berühmte Gäste des Café de la Régence, 1874. Zeichnung von M. Horsin-Déon

Im Café de la Régence traf Philidor mit einigen führenden Intellektuellen jener Zeit zusammen, darunter Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Denis Diderot. Mit letzterem verband Philidor ein lebenslange Freundschaft.

Nachdem Mitte der 1740er Jahre eine Musiktournee zum wirtschaftlichen Misserfolg wurde, begann Philidor professionell Schach zu spielen. Meist wurde dabei in den Caféhäusern um Geld gespielt oder die Schachmeister zeigten ihre Künste im Simultanspiel. Über die Niederlande zog Philidor 1747 nach London. Dort traf er im Old Slaughter's Coffee House in der St Martin's Lane, dem Treffpunkt der englischen Schachspieler, Sir Abraham Janssen und den aus Syrien stammenden Philipp Stamma und besiegte beide im Wettkampf klar, womit Philidor sich den Ruf des weltbesten Schachspielers erwarb. 1749 veröffentlichte er in London sein Buch „L’ Analyse des Échecs“, ein Lehrbuch des Positionsspiels. „Die Bauern sind die Seele des Schachspiels“, lautete Philidors Credo.

Aus den frühen Jahren von Philidor sind praktisch keine Partien überliefert. Die Notation der Partien war damals noch nicht üblich und auch nicht notwendig, da es keine Zeitkontrolle gab. Die meisten Partien waren zudem freie Partien. Die weitaus meisten Partien stammen aus den späteren Jahren philidors in London. Aus heutiger Sicht muten die Partien von damals zumeist etwas unbeholfen an. Kein Wunder, gab es doch kaum Literatur, Lehrbücher oder Vorbilder. Bisweilen entwickelten die Spieler von damals aber auch "moderne" Ideen.

Nach der Rückkehr aufs Festland konnte Philidor dank seiner großen europaweiten Popularität Tourneen durch die europäischen Metropolen unternehmen und verblüffte das Publikum mit seinem Können im Simultanspiel und mit Blindvorstellungen. 1750 war Philidor auf Einladung von Friedrich II. zu Gast in Schloss Sanssouci. Der preußische König, Musik- und Schachliebhaber, hatte während des Besuchs seine besten Generäle aufgefordert, gegen Philidor Schach zu spielen, um von dem Schachmeister erfolgreiche Strategien zu lernen, die man vielleicht auch auf dem Felde anwenden konnte. In Berlin gab Philidor Blindschachvorführungen an drei Brettern gleichzeitig. In den Berliner Zeitungen wurde von Philidors Auftritten ausführlich berichtet.

Von Berlin und Potsdam begab sich Philidor an den Hof von Carl August Friedrich von Waldeck in Arolsen (Freistaat Waldeck) und hielt sich dort bis Ende 1750 als bezahlter Hofschachspieler auf.

Nach Stationen in Belgien und London war Philidor 1754 nach Paris zurückgekehrt. Im Café de la Régence gewann er 1755 überlegen einen Wettkampf gegen seinen einstigen Lehrer Légall. Einen ernsthaften Gegner hatte Philidor in Paris nun nicht mehr. Er gab Schachunterricht und widmete sich wieder mehr der Musik. In den folgenden Jahren komponierte Philidor insgesamt elf Opern, die von den Musikfreunden in Frankreich sehr gut aufgenommen wurden. Das bekannteste Werk ist Tom Jones.

Nach dieser sehr produktiven musikalischen Schaffensphase wandte Philidor sich wieder dem Schachspiel zu. Die Mitglieder des 1770 neu gegründeten Schachclubs im "Salopian Coffee House" in London boten ihm ein gutes Honorar an, wenn er jeweils vom Februar bis Juni eines Jahres in ihrem Klub für Schachkämpfe und Schachunterricht zur Verfügung stehen würde. Philidor nahm das Angebot gerne an und war in den Jahren 1771 und 1772 in der ersten Jahreshälfte als Schachprofi ständiger Gast in diesem Klub. Danach wurde er aber vom London Chess Club abgeworben, der im Caféhaus "Parsloe’s" an der St. James Street residierte. Dafür war möglicherweise Hans Moritz Graf von Brühl verantwortlich, der als sächsischer Gesandter inzwischen in London lebte. Zuvor war Graf von Brühl auch schon als Diplomat in Paris tätig gewesen und vermutlich kannten Philidor und Graf von Brühl sich schon aus dieser Zeit. Moritz Graf von Brühl war ein großer Schachfreund und spielte regelmäßig Partien gegen Philidor, von denen einige überliefert sind. Bisweilen gelang dem Grafen auch ein Sieg. Einige der Partien spielte Philidor allerdings blind oder mit Zug-oder Figurenvorgaben.

   

   

    

   

   

So pendelte Philidor bis in die 1790er Jahre zwischen Paris und London hin und her. In dieser Zeit spielte Philidor unter anderem Partien und Wettkämpfe gegen Verdoni, seinen Nachfolger im "Parsloe's", und George Atwood, der ein Schüler von Philidor war. Atwood ist es zu verdanken, dass Partien von Philidor aus dieser Zeit für die Nachwelt überliefert wurden.

  

   

  

In Paris traf Philidor in dieser Phase auch auf den "Schachtürken" des Wolfgang von Kempelen. In von Kempelens einem Türken nachempfundenen Automaten saß versteckt ein starker Schachspieler. Von Kempelen ging einige Male mit seiner Konstruktion auf Europatournee und verblüffte das interessierte Publikum mit den angeblichen Schachfähigkeiten seiner Maschine. In Paris soll der Franzose Bernard der versteckte Schachmeister gewesen sein, der aus seinem Versteck in der Maschine die Züge ausgeführt haben soll. Die Partie gegen Philidor wurde wegen des großen öffentlichen Interesses in der "Académie des Sciences" ausgetragen. Philidor gewann die Partie allerdings mühelos, wurde berichtet.

Phildors Büste an der Pariser Oper | Foto: Wikipedia, Rossi Pena

1792 wurde auch England in die Revolutionskriege hineingezogen. Philidor konnte nun aus politischen Gründen nicht mehr nach Frankreich zurückkehren und blieb in London. Er hielt sich trotz seines fortgeschrittenen Alters weiterhin mit Simultan- und Blindvorstellungen finanziell über Wasser. In den letzten Jahren seines Lebens musste Philidor aber immer öfter auch Niederlagen hinnehmen, auch gegen schwache Gegner. 

Philidor starb am 31. August 1795 und wurde in London bei der St. James' Chapel (Euston, London Borough of Camden, Grabstelle: g18, Ground 3) beigesetzt. 

In Paris wurde eine kleine Straße nach Philidor benannt, keine besonders schöne, aber immerhin:

Wer sich tiefer mit Phildor beschäftigen möchte, dem seit Susanna Poldaufs Biografie über Philidor empfohlen...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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