60 Jahre Dagobert Kohlmeyer!

23.05.2006 – Vielleicht gibt es auf der Welt nur sechs richtige Schachreporter. Sie besuchen alle großen Turniere der Welt und berichten von den über den Erdball verstreuten Turnierorten berichten. Sie gehören praktisch zum Inventar eines großen Schachturniers dazu. Einer aus dieser erlesenen Gruppe ist der Berliner Schachjournalist, Autor und Übersetzer Dagobert Kohlmeyer. Seite vielen Jahren bereist er die Welt, begleitet deren die beste Schachspieler und berichtet von den großen Turnieren - auch für die Leser der ChessBase-Webseite. Heute feiert Dagobert Kohlmeyer seinen 60sten Geburtstag - übrigens am gleichen Tag wie Anatoli Karpov, der heute 55 Jahre wird. Wir gratulieren ganz herzlich. Klaus Kapr führte ein Interview mit dem Jubilar. Mehr...

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60 Jahre und Geburtstag mit Karpow!
Interview mit Dagobert Kohlmeyer



Er gehört zu Deutschlands bekanntesten Schachjournalisten und ist den Großen der Szene seit vielen Jahren weltweit auf den Fersen. Auch für ChessBase News. Am Dienstag (23. Mai) feiert Dagobert Kohlmeyer in Berlin seinen 60. Geburtstag. Im folgenden Gespräch lernen Sie den Großmeister der Feder und der Bildes etwas näher kennen.

Wann und wie bist Du in die Schachjournalistik eingestiegen?

Vor 25 Jahren. Mein erster Artikel in der Zeitschrift „Schach“ erschien im Frühjahr 1981. Es war ein Bericht über das 1. Kurt-Richter-Gedenkturnier in Berlin, an dem ich auch teilnahm.

In welchen Bereichen der Schachpublizistik bist Du tätig? Was waren Deine wichtigsten Veröffentlichungen?

Mein Trumpf ist wohl die Vielseitigkeit. Ich reise zu den Top Events, schreibe, übersetze Schachtexte aus dem Russischen ins Deutsche und fotografiere. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe ich an mehr als 40 Schachbüchern als Autor, Herausgeber bzw. Übersetzer mitgewirkt. Mein erstes Schachbuch, das ich übersetzte, hieß „Erfolgreich eröffnen“ von Alexej Suetin. Das war 1986 für den Sportverlag Berlin. Später kamen andere Autoren und auch Verlage der alten Bundesrepublik dazu.

Wann war das?

Noch zu DDR-Zeiten. Der Rau Verlag in Düsseldorf suchte einen qualifizierten Übersetzer für eine Karpow-Reihe. Es waren vier Bände über Eröffnungen. Das öffnete die Tür nach dem Westen. Andere bekannte Verlage wie Beyer und die Edition Olms folgten.

Welches sind die wichtigsten Schachbücher aus deiner Feder?

Am gelungensten halte ich „Wie schlägt man den Weltmeister“ (Insel/Suhrkamp, Frankfurt/Main 1995). Darin werden Kasparows Karriere und seine Verlustpartien wie in einem Brennspiegel gezeigt. Das Buch ist längst vergriffen. Ich mag auch „Sizilianisch pur“ (Bock und Kübler 1995). Dort geht es über das Thematurnier der Weltelite 1994 in Buenos Aires. Ganz brauchbar erscheint mir „Weltmeister lehren Schach“, das 2004 im Beyer Verlag herauskam. Dort werden erstmalig alle Weltmeister von Steinitz bis Ponomarjow in einem Band vorgestellt.

Und von den Übersetzungen?

… würde ich „Mein Leben für das Schach“ von Viktor Kortschnoi herausheben, das vor zwei Jahren in der Edition Olms erschien. Es ist ja kein reines Schachbuch, sondern mehr ein Prosatext. Das war eine echte Herausforderung und stellte hohe Anforderungen. Hinzu kam noch, dass die Zusammenarbeit mit Viktor Lwowitsch und seiner Frau Petra nicht eben leicht war.

Wie viele Turniere und WM-Kämpfe hast Du direkt verfolgt? Was waren die Höhepunkte in Deinem Schaffen?

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Seit 1990 fahre ich zu Schacholympiaden und Weltmeisterschaften. Höhepunkte waren zum Beispiel das Match Kasparow - Anand in New York, woraus auch ein Buch („Duell in den Wolken“) wurde, die Schach-Knockout-WM in Las Vegas und Neu Delhi sowie die Olympiade 2000 in Istanbul, wo das Herrenteam des DSB Silber holte.

Wie hast Du das einzigartige Foto der Türme des inzwischen zerstörten World Trade Centers in New York gemacht, so dass es auf den Einband deines Buchs passte?

Mit einem normalen Objektiv konnte man das riesige Gebäude nicht aufnehmen. Also ging ich in einen Photoshop auf der Fifth Avenue und kaufte mir ein sehr teures Weitwinkel-Objektiv. Es kostete um die 800 Dollar. Dass dieses Foto einmal Seltenheitswert bekommen würde, ahnte ich damals nicht. Wer konnte vorhersehen, dass das World Trade Center nicht mehr lange stehen würde. Übrigens begann das Match zwischen Garri und Vishy am 11. September 1995, also auf den Tag genau sechs Jahre vor dem Terrorangriff.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren in der Schachszene verändert?

Eine Menge. Große Persönlichkeiten wie Botwinnik, Najdorf oder Unzicker leben nicht mehr.

Die heutige Generation spielt ein anderes Schach, das vom Computer geprägt ist. Leider wird das meiste schon in häuslicher Vorbereitung erledigt und am Brett mitunter zu wenig gekämpft. Viele Großmeister kommen (außer bei WM-Duellen) in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen ans Brett. Das war früher undenkbar. Irgendwann wird es Schach-Wettkämpfe vielleicht nur noch im Internet geben.

Glaubst Du an das Vereinigungsmatch zwischen Topalow und Kramnik?

Im Prinzip ja, obwohl wir von der FIDE schon viele Absagen erlebt haben. Aber mein Optimismus gründet sich darauf, dass es eine taktische Maßnahme Iljumschinows war, um als FIDE-Präsident wiedergewählt zu werden. Dann muss er es auch durchführen, und wir haben endlich einen einzigen Schachkönig.

Was müsste sich in der Schachpublizistik verändern? Welches sind Deine nächsten Ziele oder Projekte? Gibt es bald ein Buch über Deine spannendsten Berichte?

Ich bedaure es, dass Schach in unserer Tagespresse nicht den Stellenwert hat wie in anderen Ländern, zum Beispiel in Russland. Was meine eigenen Erlebnisse als Schachreporter angeht, so könnte ich sicher einen Roman schreiben. Aber das muss noch warten. So ein Buch wird es vielleicht später geben. Erst einmal denke ich an meine Arbeit bis zur Olympiade 2008 in Dresden, dann sehen wir weiter.

Was ist bis dahin geplant?


Der DSB hat eine Arbeitsgruppe gebildet. Wir wollen im Vorfeld der Olympiade mit gezielten Beiträgen in vielfältiger Form auf das Thema Schach in Deutschland aufmerksam machen. Dresden wird eine ausgezeichnete Olympiade veranstalten, da bin ich sicher. Schon nächstes Frühjahr gibt es dort für Dirk Jordan und sein Team mit der Europameisterschaft von Männern und Frauen die Generalprobe.

Mit welchen Großmeistern bist du gut bekannt oder gar befreundet?

Es sind sehr viele. Der Platz reicht hier nicht aus, um alle zu nennen. Es begann in der DDR, wo ich häufig unsere Spitzenleute Wolfgang Uhlmann, Rainer Knaak, Lothar Vogt und andere bei Turnieren traf und interviewte.

Nach dem Mauerfall erweiterte sich der Horizont auf einmal beträchtlich…


Du sagst es. In den vergangenen 16 Jahren war ich in etwa 50 Ländern der Erde bei Schachevents. Dabei habe ich viele interessante Persönlichkeiten getroffen und manche Großmeister buchstäblich heranwachsen sehen. Etwa Peter Leko, der schon als Elfjähriger in Dortmund spielte und Tränen in den Augen hatte, wenn er verlor. Oder Wladimir Kramnik, der mit 16 nach Deutschland kam und fünf Jahre lang in meinem Berliner Schachklub in der Bundesliga aktiv war. Ich erlebte ihn in vielen Teilen der Welt, darunter bei seinem Computermatch in Bahrain.




Hast du Lieblingsgroßmeister?

Wen soll man bei dieser Vielzahl herausheben? Ich habe einen guten Draht zu allen Generationen. Angefangen vom 95-jährigen Andrej Lilienthal,

über Wassili Smyslow, Mark Taimanow, Wolfgang Uhlmann, Boris Spasski oder Lajos Portisch und das „Mittelalter“ wie Anatoli Karpow, Artur Jussupow, Smbat Lputjan bis zu den heutigen Schachhelden Weselin Topalow, Vishy Anand, Wladimir Kramnik oder Peter Leko. Sehr angenehm ist auch die Zusammenarbeit mit Boris Gelfand, Viorel Bologan, Levon Aronian, Loek van Wely, Joel Lautier, Ruslan Ponomarjow oder dem jungen Sergej Karjakin. Von mir verehrte Schachdamen spielen unter deutscher, russischer, georgischer und chinesischer Flagge. Liebe Großmeisterinnen und -meister, die ich hier nicht nannte, vergebt mir!


Was war dein markantestes Erlebnis als Reporter?

Ein Highlight war sicher 1992 das Re-Match zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in Restjugoslawien. Es begann in Sveti Stefan/Montenegro, mitten im Krieg. Nebenan in Bosnien fielen Bomben. Teil 2 fand in Belgrad statt. Fischer gewann nach 30 Partien. Seither bin ich auch dpa-Korrespondent für Schach.

In Jugoslawien war Krieg. Wagten sich viele Medienvertreter dorthin?

Nein, ihre Zahl hielt sich in Grenzen. Ich war der einzige deutsche Journalist an beiden Schauplätzen. Zu ausländischen Fachkollegen, die damals mit vor Ort waren, habe ich bis heute freundschaftliche Kontakte: Andre Behr (Tagesanzeiger Zürich), Juri Wassiljew (Sport Express, Moskau), Dirk Jan ten Geuzendam (New In Chess, Niederlande). Die Erlebnisse von damals kann uns keiner nehmen. Ich habe sie auch in Buchform verarbeitet.

Wie verhielt sich Fischer?

Im Gegensatz zum ruhigen Spasski war er sehr exzentrisch, wie man es von ihm kennt. So ließ er eine Glasscheibe zwischen Zuschauerraum und Bühne einziehen. Fotos durften nur aus 30 Meter Entfernung ohne Blitz gemacht werden. Der Saal wurde verdunkelt. Bobby wollte die Leute beim Spielen nicht sehen. Zu Pressekonferenzen mussten Fragen schriftlich eingereicht werden. Nicht genehme Fragen ließ der Amerikaner unbeantwortet.

Wohin gehen deine nächsten Reisen als Reporter?


Nach dem Mobitel-Turnier in Sofia folgt die Schacholympiade in Turin, danach das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund. Die Revierstadt ist so etwas wie meine zweite Heimat. Meine Tante lebte dort. Im Herbst stehen der Vereinigungskampf Topalow- Kramnik in Elista sowie Wladimir Kramniks Match gegen das ChessBase-Programm Deep Fritz in Bonn auf meinem Terminkalender.



Schachjournalisten gelten manchmal als einseitig. Trifft das auf Dich zu?

Eigentlich nicht. In meiner Jugend studierte ich Germanistik/Slawistik, daher die Russischkenntnisse. Ich habe viel für Kunst und Kultur übrig und früher in einer Rockgruppe Schlagzeug gespielt. Immer habe ich mich bemüht, über den Tellerrand des Schachs hinauszusehen. Mein Herz schlägt u.a. auch für die Leichtathletik. Von Heike Drechsler bis Carl Lewis habe ich alle Großen der Zunft interviewt und im Bild festgehalten. Auch Schach spielende Politiker wie Richard von Weizsäcker und Otto Schily gehörten zu meinen Gesprächspartnern. Michail Gorbatschow lernte ich 1998 am Rande des WM-Finales Karpow - Anand in Lausanne kennen.

Wer ist Dagobert Kohlmeyer?

Der Sohn eines Geigenbauers und einer einzigartigen Fürsorgerin. Vielleicht bin ich um drei Ecken verwandt mit dem Fußballer Werner Kohlmeyer. Er war Verteidiger in der deutschen WM-Wunder-Elf von Bern 1954. Und er stammte wie mein Vater aus Kaiserslautern.

Dein Geburtstag fällt auf den 23. Mai. Als Schachkenner muss man da prompt an Anatoli Karpow denken…

Es ist schon merkwürdig, dass wir am gleichen Tag Geburtstag haben. Aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Karpows verstorbener Vater hieß Jewgeni, mein verstorbener Vater Eugen. Also die gleichen Namen. Unsere beiden Mütter leben glücklicherweise noch.



Und welche Unterschiede gibt es zwischen euch?

Die liegen auf der Hand: Anatoli ist fünf Jahre jünger als ich. Er spielt besser Schach. Er hat mehr Geld auf seinem Bankkonto.



Interview: Klaus Kapr

 

 

 


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