Der Artikel erschien auf Thorsten Cmiels Blog Chess Ecosystem. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.
Bei angenehmen Temperaturen beginnt meine Reise um 11.44 Uhr in Köln. Die erste Station ist der Kölner Hauptbahnhof. Dort bin ich zunächst überrascht – das neue Reisezentrum sieht modern aus. Dann kommt die erwartbare Ernüchterung: es gibt keinen schnellen ICE-Zug, der in nächster Zeit den Düsseldorfer Flughafen ansteuert; ich weiche auf einen Regionalexpress aus und habe Glück einen freien Sitzplatz zu ergattern. Typisch, denke ich mir, für einen dysfunktionalen Staat. Warum es in Deutschland noch immer nicht gelungen ist, schnelle Bahn-Verbindungen zwischen Drehkreuzen zu bauen und so den Regionalverkehr und den Regionalverkehr zu entlasten, man weiß es nicht. Der Flughafen in Düsseldorf war zuletzt ausgezeichnet worden, heute wurde jedoch der SkyTrain durch einen Busverkehr ersetzt. Das muss Zufall sein. Als mein Flieger von Turkish Airlines in Düsseldorf in Richtung Istanbul abhebt, sind es noch 17 Grad Celsius vor Ort und es hat soeben kurz geregnet. In Tashkent, der usbekischen Hauptstadt und meiner Zielstadt, sollen es 30 Grad sein, meint die Wetter-App.
Geplant ist nach meiner Ankunft am frühen Morgen eine zweieinhalbstündige Fahrt mit einem Schnellzug Afrosiyob, der knapp 330 Kilometer in zweieinhalb Stunden zurücklegen soll – der langsamere Zug benötigt doppelt so lange. Momentan ist allerdings unklar, ob ich mein Ticket für den Zug bekomme, denn ich bin wieder einmal Spielball einer lokalen Kontaktperson geworden. Das erinnert mich unwillkürlich an den Reisebericht einer Usbekistan-Reise von Robert Hübner, der in der Biographie von Michael Dombrowski zu finden ist. Robert hat sich in seinem Text in seiner ihm üblichen Kauzigkeit über eine Reiseführerin ausgelassen, die ihm irgendwie nichts recht machen konnte. Bei mir war es jetzt ein bekanntes, bauernschlaues Konzept zum Einheimsen einer höheren Provision.
Die Geschichte hinter der Vorab-Buchung: Als ich ein Ticket buchen wollte zeigte sich allerdings, dass manche Unternehmen auch außerhalb Deutschlands wenig funktionale Websites betreiben. Ein Kollege beruhigte mich und meinte der Schnellzug sei ohnehin ausgebucht. Ich glaubte ihm zunächst, fand aber später eine spezielle internationale Plattform und buchte dort ein Ticket für den Schnellzug. Einen Tag vor meinem Abflug in Deutschland erreichte mich eine ziemlich störende Whatsapp-Nachricht des Guides, er müsse die Tour leider stornieren, aber er biete mir das Ticket privat an. Immerhin wollte er mich am Flughafen abholen. Bis Istanbul hatte ich keine Idee, wann er mich wo aufgabeln will und als ich frühmorgens in Tashkent ankam fehlte ebenfalls ein Hinweis. Niemand stand mit meinem Namensschild bereit.
Ärgerlicherweise hatte ich zwar kurz nach dem Erwerb meines Tickets vor zwei Wochen in einem Medien-Chat gelesen, dass die Organisatoren für Journalisten Tickets reserviert hatten, aber dafür war es jetzt zu spät. Wie eigentlich immer hatte der Weltschachbund FIDE im Vorfeld des Events keine Anstrengungen unternommen, um Medienvertreter zu unterstützen. Die mangelnde Unterstützung dürfte sich in Samarkand fortsetzen. Sie ist auch keine Besonderheit des Weltschachbundes, sondern bei vielen nationalen Sportorganisationen ähnlich schwach organisiert. Früher nannte man so etwas Pressearbeit, um die Multiplikation der eigenen Verbreitungsinteressen zu fördern.
Am Tag vor meiner Anreise hatte es bereits eine Eröffnungsfeier gegeben, die man sich bei Youtube ansehen kann. Zumindest die Bilder sahen wie eine gelungene Veranstaltung aus, mit den üblichen logistischen Problemen zu Beginn einer Großveranstaltung mit vermutlich über 3000 Personen. Ein Werbevideo der Veranstaltung gibt es ebenfalls. Viel interessanter fand ich allerdings die übermittelten Mannschaftsaufstellungen. Weltmeister Gukesh ist bekanntlich einerseits in schlechter Form, andererseits hatte er bei den letzten beiden Olympiaden dominiert und die individuellen Goldmedaillen am ersten Brett gewonnen. Der indische Mannschaftskapitän Srinath Narayanan einigte sich mit den Spielern auf die Reihenfolge, welche der aktuellen Elo-Liste entspricht. Gukesh startet am vierten Brett. Auch der usbekische Herausforderer Javokhir Sindarov spielt nicht am Spitzenbrett, sondern ein Brett dahinter. Dadurch ist ein Aufeinandertreffen der WM-Spieler bei der Schacholympiade ausgeschlossen. Wie die Inder folgen auch die Vereinigten Staaten und die deutsche Mannschaft der Elo-Rangliste. Damit sind schon die Mannschaften genannt, deren Partien ich mir in den nächsten knapp zwei Wochen gezielter anschauen will.
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Fotos beide aus Runde 2: Rafal Oleksiewicz/FIDE.
Bei den deutschen Frauen weicht das Team nur etwas von der Rangliste ab. Dinara Wagner bekommt das Spitzenbrett und Elisabeth Pähtz folgt. Eine gut nachvollziehbare Entscheidung, schließlich hat „Elli“ im letzten Jahr wegen ihrer Schwangerschaft nur wenig Spielpraxis gesammelt. Man darf gespannt sein auf das Abschneiden der deutschen Teams. Die erste Runde begann kurz vor meinem Start in Düsseldorf.
Die Ergebnisse der ersten Runde sehe ich dann bei meinem Aufenthalt in der Lounge von Turkish Airline in Istanbul. Erneut frage ich mich, warum Deutschland nicht mal annähernd einen solchen Flughafen vorweisen kann. Zurück zum Schach: Die Usbeken und Deutschland gewinnen in der offenen Klasse mit voller Punktzahl. Bei den US-Amerikanern gibt nur Levon Aronian einen halben Punkt ab. Die Titelverteidiger aus Indien haben bereits ihre erste Einzelniederlage zu beklagen: Arjun Erigaisi verliert am ersten Brett aus einer totalen Gewinnstellung heraus offenbar den Faden und später die Partie. Erfreulich finde ich, dass Ding Liren seine Auftaktbegegnung gewonnen hat. Die Schachwelt ist eine bessere wenn der Chinese bald wieder lächeln kann.


Foto Credit: Michal Walusza / FIDE Rafal Oleksiewicz/FIDE
Ein Freund aus Schottland hatte mir per Whatsapp stolz ein Acht zu Null der beiden schottischen Teams gemeldet. Also will ich gegenhalten und prüfe während des kurzen Aufenthalts in Istanbul ebenfalls das Ergebnis der deutschen Frauen. Die neun vor den Deutschen gesetzten Teams gewinnen sämtlich zu Null. Die deutschen Frauen sind weniger souverän gestartet und müssen an den ersten zwei Brettern jeweils ein Remis zulassen. Hanna Marie Klek hatte sogar gegen eine rund 500-Elo-Punkte schwächere Gegnerin längere Zeit glatt auf Verlust gestanden. Ärgerlicher allerdings ist: Schottland hat den ersten Vergleich gewonnen.
In Samarkand gibt es die ersten Scharmützel, so ist zu lesen. Die komplexe Organisation der Hotelvergabe wird bei Schacholympiaden von lokalen Organisatoren übernommen, die Logistik ebenfalls. Dabei passierten offenbar allerlei planerische Fehler. Jedenfalls mussten sich manche Teams selbst vor Ort auf die Suche begeben – die FIDE, sei zwar nicht verantwortlich, entschuldigte sich trotzdem und bot finanzielle Unterstützung an. Ohnehin ist die Unterbringung und die tägliche Abholung der Spieler eine Herausforderung. Natürlich müssen manche Teams mit weiter entfernten Unterkünften frühere Abholzeiten hinnehmen. Immerhin die deutschen Teams sind offenbar fußläufig etwa einen Kilometer vom Spielareal, der Expo, entfernt.
Ich warte am Flughafen auf den Guide, aber niemand taucht auf, eine Nachricht gibt es ebenfalls nicht. Ärgerlich. Nach einer längeren Wartezeit nehme ich ein Taxi zum Bahnhof. Jetzt gibt es doch eine Nachricht meines usbekischen Kontakts, wo er mich finden könne, fragt er. Es stellt sich heraus, dass der Taxi-Fahrer mich trotz des Hinweises auf den Schnellzug zum falschen der zwei Bahnhöfe gebracht hat. Sein Kontaktmann sei zum anderen Bahnhof unterwegs, meint mein Kontakt. Was dann folgt ist allerdings gute Improvisation, die freilich bei besserer Voraborganisation gar nicht nötig gewesen wäre: ein Taxifahrer holt mich ab und bringt mich zum richtigen Bahnhof. Ich glaube jetzt das berichtete Organisationschaos bei den Hotels besser zu verstehen.
Ein weiteres Thema erreicht mich am Tag meiner Anreise: Aus Afrika kommt Kritik, weil für manche Delegierte noch keine Visa erteilt worden sind. Der Verfasser eines Briefes will angeblich keine Unterstellungen vornehmen, aber er äußert eine Vermutung, es könnte mit der usbekischen Unterstützung von Wadim Rosenstein zusammenhängen. Eine wüste These. Der Hintergrund: Die Anwesenheit von ihm und anderen aus Afrika sei wegen ihrer Positionierung in der Präsidentenwahl nicht gewünscht. Vielleicht solle man die Wahl nicht auf dem Kongress in Samarkand abhalten. In einer internen Nachricht legt er noch nach. Wadim Rosenstein, der deutsche Delegierte und Präsidentschaftskandidat, reagiert auf X, vormals Twitter, mit einer längeren Erklärung, verpackt als Entschuldigung gerichtet sogleich an den Staatspräsidenten von Usbekistan. Die FIDE müsse sicherstellen, dass die Wahl stattfindet und Angriffe auf die Usbeken seien unfair ist der ungefähre Inhalt. Na das kann noch spannend werden.

To His Excellency Mr. Shavkat Mirziyoyev President of the Republic of Uzbekistan Your Excellency, I wish to convey to you personally, and to the people of the Republic of Uzbekistan, my profound respect. I would also like to express my sincere regret regarding the situation that has arisen in connection with FIDE and the organization of chess events in Samarkand. It is deeply regrettable that the internal organizational difficulties of an international sports federation could cast a shadow over a country that has made every effort to welcome the international chess community with the highest standards of hospitality, professionalism, and dignity. Having known Uzbekistan for many years, I wish to state unequivocally that these difficulties are not the responsibility of the Republic of Uzbekistan. Under your leadership, Uzbekistan has become one of the region’s leading nations - a country distinguished by its extraordinary historical and cultural heritage, dynamic development, and steadily growing international standing. For centuries, Samarkand has served as a meeting place for peoples, cultures, and civilizations. Today, it continues this remarkable tradition by welcoming representatives of the international community from across the world. It would therefore be entirely unjust for any mistakes or internal organizational shortcomings on the part of FIDE to be used to call into question Uzbekistan’s reputation as the host country. Responsibility for FIDE’s decisions and organizational failures must not be transferred to the Republic of Uzbekistan. The name of Uzbekistan must not be invoked as justification for errors committed by others, nor should anything be permitted to undermine the dignity and reputation of the country and its people. As a candidate for the presidency of FIDE, I consider it my duty to state this position publicly and unambiguously. Uzbekistan deserves the gratitude of the international chess community, not criticism for circumstances beyond its responsibility. Uzbekistan deserves recognition and respect, not attempts to associate the country with the failures of an international sports organization. I will do everything within my power to ensure that this position is clearly understood throughout the international chess community. The reputation of a great nation must never be made hostage to the internal problems of any international sports organization. Please accept, Your Excellency, the assurances of my highest consideration. Wadim Rosenstein Candidate for President of FIDE
— Wadim Rosenstein (@WadimRosenstein) September 16, 2026
FIDE MUST NOT DISRUPT THE ELECTION PROCESS Over many years of organizing and attending events in Uzbekistan, I have never experienced a serious logistical failure, unexplained accreditation delays, or a failure by the host country to honor its commitments. On the contrary, Uzbekistan has consistently treated organizers, participants, and international guests as genuine partners. From Tashkent to Samarkand, the professionalism, warmth, and hospitality of the Uzbek people have contributed enormously to the successful delivery of major international events. That commitment deserves recognition and respect. For this reason, the current organizational difficulties surrounding the Samarkand Olympiad should not be presented as an Uzbekistan problem. Questions concerning the administration of FIDE events, communication with delegates, accreditation procedures, scheduling, and the organization of the electoral process are matters for FIDE to address and explain. Uzbekistan has repeatedly demonstrated that it is capable of hosting major international events. It would therefore be unfair to make the host country responsible for failures that arise from the internal organization and decision-making of FIDE. This becomes particularly serious because a FIDE election is approaching. We are now hearing discussions about the possibility of moving the FIDE Congress and the electoral proceedings away from Uzbekistan. If such a proposal exists, FIDE must explain openly and transparently the reasons for it. Any last-minute change to the venue, procedures, accreditation arrangements, or timetable of an election must not create an advantage or disadvantage for any candidate or federation. The integrity of an election depends not only on the counting of votes. It depends on equal access, predictable rules, transparent procedures, timely information, and equal treatment of every federation and every candidate. Uzbekistan must not become a scapegoat for problems that are not of its making. And the delegates of the national chess federations must not become hostages to organizational failures or internal political struggles. The solution is not to move the problem from Samarkand. The solution is to fix the problem within FIDE. We therefore call upon FIDE to guarantee, without delay: — that the Congress and elections will proceed according to the established rules and announced timetable; — that all candidates and national federations will receive equal treatment and equal access; — that any proposed changes will be communicated immediately, transparently, and with a clear justification; — and that no administrative or organizational decision will interfere with the free and fair expression of the will of FIDE’s member federations. The chess world deserves clarity. The delegates deserve respect. Uzbekistan deserves fairness. And FIDE has a responsibility to ensure that its elections are conducted transparently, predictably, and without interference. Do not blame Uzbekistan. Do not manipulate the process. Do not disrupt the election. Let the federations decide.
— Wadim Rosenstein (@WadimRosenstein) September 16, 2026
Frühmorgens sitze ich im Zug und der ist in der Tat voll besetzt. Meine Fahrkarte, die ich als PDF erhalten habe, wird akzeptiert und mein reservierter Sitzplatz ist ebenfalls frei. Läuft. Auf das Zimmer im Hotel muss ich wegen meiner frühen Ankunft dann noch etwas warten.
Von dem Event in Samarkand hört man derweil den üblichen Versuch der FIDE-Verwaltung schreibenden Journalisten das Leben schwer zu machen. Ein Kollege, der nicht vor Ort dabei ist, meinte mal, dass Russen nichts von freier Presse verstehen. Ob das der Grund ist, oder ob es wie in vielen Sportorganisationen einfach nur darum geht, durch Regeln die Berichterstattung zu lenken, ich kann es nicht sicher einschätzen. Normalerweise gibt es nach ein bis zwei Tagen dann Lösungen, die dann als Kulanz verkauft werden und leider immer wieder bei FIDE-Veranstaltungen neu erstritten werden müssen. Vielleicht sollte man für Medienschaffende eine Organisation gründen, um mit Schachorganisationen im Vorfeld von Events zu verhandeln.
Es geht für schreibende Journalisten um eine durchaus existentielle Frage, nämlich ob es überhaupt Sinn ergibt noch vor Ort zu berichten: In den Spielbereich dürfen laut Regularien vor der Partie und in den ersten 15 Minuten nach Beginn der Partie nur Foto- und Video-Journalisten, wie beispielsweise Streamer, die dann wie die FIDE kurze Clips in die Welt pusten. Das ist geregelt mit einem System aus Badges, die Zugang gewähren oder verweigern. Bei Schacholympiaden gibt es das Problem überhaupt Kontakt zu Offiziellen, Spielern, Kapitänen und Delegationsleitern aufzunehmen, denn die Teams sind in Hotels untergebracht, die in der gesamten Stadt verstreut sind. Verabredungen für Treffen zu Gesprächen kann man in der Zeit vor Rundenbeginn im Spielsaal organisieren und auch die eine oder andere informelle Information erfahren. Gibt es diese Möglichkeit nicht, dann werden in Zukunft Hintergrund-Geschichten nie geschrieben. Zum Beispiel gab es in Budapest neben den logistischen Problemen durchaus asylflüchtige Schachspieler, darüber findet man allerdings nichts in den offiziellen Berichten beispielsweise. Nach überstandener Partie jedenfalls verlassen die Spieler und Kapitäne den Spielort meist schnell und es ist keine realistische Chance zur Kontaktaufnahme vorhanden.
Der Kommunikations-Ansatz von Sportorganisationen im Allgemeinen besteht offenbar darin, Berichterstattung in ihrem Sinne weitgehend zu kontrollieren. Der Deutsche Schachbund hatte solch ein Politik unter der letzten Administration ebenfalls versucht und war komplett gescheitert. Deutsche Journalisten haben in der FIDE jedenfalls einen schlechten Ruf zu verteidigen, da sie gelegentlich kritische Fragen stellen. Auf einen Termin zur Abklärung einer Regelfrage mit dem Hauptschiedsrichter, den mir die FIDE-Verantwortliche während des Kandidatenturniers auf Zypern zugesagt hatte, warte ich immer noch. Es kann eigentlich nur besser werden.
Die FIDE bietet sehr gutes inhaltliches Material über ihre Veranstaltungen. Dazu gehören Videos und tägliche Berichte mit Hinweisen auf interessante Top-Begegnungen. Auch die Qualität der angebotenen Fotos ist auf einem besseren Niveau als noch vor einigen Jahren oder das Angebot des Deutschen Schachbundes beispielsweise.
Der Bericht von Michael Rahal, der während der Schacholympiade die Tagesberichte schreibt, stellt sehr informativ und kompakt geschrieben das Tagesgeschehen auf den Brettern zusammen.