Aus dem BBC Archiv: Where Karpov is King

von André Schulz
25.08.2026 – Die BBC hat bei Youtube aus ihrem Archiv eine Dokumentation aus dem Jahr 1977 über den damaligen Schachweltmeister Anatoly Karpov veröffentlicht. Die Sendung dokumentiert Karpovs Aufstiege zum Weltmeister und zeigt Bilder aus dem Interpolisturnier von 1977 in Hilversum mit vielen großen Spielern und Persönlichkeiten des Schachs.

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In den 1970er Jahren gewann das Turnierschach einige Aufmerksamkeit. Dafür sorgte zunächst Bobby Fischer, mit seinen Erfolgen, mit seinen Eskapaden und dann mit seinem Sieg über Boris Spassky beim Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik. Über das WM-Match wurde überall auf der Welt ausführlich berichtet. Wer nun auf glanzvolle Auftritte von Fischer bei Turnieren hoffte, sah sich enttäuscht. Fischer nahm seinen Siegeskranz, stieg ins Flugzeug und verschwand. Allerdings nicht ganz. Der neue Weltmeister geisterte noch als Schimäre durch die Schachmagazine und Gazetten. Er würde zurückkehren, hieß es immer mal wieder. Oder man habe ihn hier oder dort gesehen. Tatsächlich spielte Fischer als Weltmeister keine einzige Turnierpartie und es dauerte 20 Jahre, bis man ihn dann doch wieder am Schachbrett sah.

1975 hätte Fischer seinen Titel gegen den neuen Herausforderer Anatoly Karpov verteidigen müssen, doch der Fischer stellte unerfüllbare Forderungen zu den Bedingungen und trat nicht an. So wurde Anatoly Karpov kampflos Weltmeister und die neue internationale Schachbegeisterung übertrug sich auf ihn.

Karpov war in vielem das Gegenkonzept zu Fischer. Wo der groß gewachsene US-Amerikaner laut und polternd war, "exzentrisch", wie es oft hieß, war der schmächtige Karpov eher zurückhaltend, fast unscheinbar. Aber im Gegensatz zum nun verschwundenen Fischer war der Karpov in den Turniersälen sehr präsent. Als neuer Weltmeister erhielt er viele Turniereinladungen und nahm die meisten an. Und dort spielte er auch weltmeisterlich, wenn auch ganz anders als Fischer. 

Besonders in England hatte sich der Schachvirus verbreitet. Der englische Millionär Jim Slater hatte 1972 mit der Erhöhung des Preisfonds dafür gesorgt, dass der WM-Kampf Spassky gegen Fischer überhaupt stattfand. Das Match hatte auf der Kippe gestanden, denn der wankelmütige Fischer war nicht termingerecht angereist und hatte Nachforderungen für die Kampfbörse gestellt, die Slater erfüllte.

Slater war dann in England auch für eine Art Schachexplosion verantwortlich, als er 5000 Pfund für den ersten englischen Großmeister auslobte. In den 1970er Jahren war das Pfund noch deutlich mehr wert als heute. Und der Großmeistertitel war in den 1970er Jahren noch eine eher rare Auszeichnung. Es war dann Tony Miles, der 1976 der erst englische Großmeister wurde.

Die BBC trug der wachsenden Popularität des Schachs Rechnung. 1976 hob sie ihre legendäre TV-Serie "The Master Game" aus der Taufe, ein innovative Turnierserie, auf das Fernsehpublikum zugeschnitten. Bis 1983 wurden diese TV-Turnier mit Weltklassespielern durchgeführt. Der deutsche NDR adaptierte einige dieser Turnier und strahlte sie um die Weihnachtszeit herum aus.

Außerdem produzierte die BBC einige Dokumentationen über Schachturniere. Eine dieser Dokumentation aus dem BBC-Archiv hat der Sender nun bei Youtube eingestellt. Die Sendung mit dem Titel "Where Karpov King is"  beschäftigt sich mit der Dominanz des neuen Weltmeisters. Einige Aufnahmen entstanden beim Interpolis-Turnier 1977 in Tilburg. Man sieht einige große Schachpersönlichkeiten jener Zeit im Bild, Max Euwe als FIDE-Präsident, Vassily Smyslov, Jan Timman, Tony Miles oder Robert Hübner.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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