Besuch in Bad Wiessee
Von Anna Dergachova
Das Turnier in Bad Wiessee
lockt schon seit etlichen Jahren sehr viele Schachfreunde an. Auch ich habe dort
vor drei Jahren mitgespielt, zwar nicht sehr erfolgreich, doch die wunderschöne
Umgebung des Tegernsees ist mir ans Herz gewachsen. Die freundliche Einladung
für dieses Jahr konnte ich leider nicht wahrnehmen, weil mich meine
Männermannschaft brauchte und arbeiten musste ich auch noch dazu. Deshalb hatte
ich mir die ganze Sache eigentlich abgeschminkt. Nächstes Jahr, dachte ich,
nächstes Jahr planst du das Turnier fest in deinen Kalender ein.
Zu einem kurzen Besuch wäre es wirklich ein wenig zu weit gewesen. Von Essen aus
fast 750 km. Doch wie das Leben manchmal so spielt, kam ich ganz zufällig aus
beruflichen Gründen in die Nähe von Bad Wiessee, nach Metzingen. Nun konnte ich
der Versuchung nicht mehr widerstehen von dort aus die lächerlichen 300 km zu
schaffen und mit eigenen Augen zu schauen, wie das Turnier dieses Jahr so läuft.
Gesagt – getan.

Nur noch vier km bis Bad Wiessee
Meine Digitalkamera hatte ich eingepackt; die Videokamera war auch dabei. Es
konnte nichts mehr schief gehen. So kam ich dann bei herrlichem Wetter (die
Sonne schien nur an diesem einem Tag, wie mir die Teilnehmer des Turniers später
berichteten) in den Ort und fing an Bilder zu schießen.


Sonne am Tegernsee
Erst hier merkte
ich, dass meine Batterien im Fotoapparat, so wie die Ersatzbatterien in meiner
Tasche leer waren. Was für ein Pech! In einer Stunde soll die Runde anfangen,
und wo bitte schön finde ich in diesem kleinen Ort so schnell Ersatz? Ein
einziges Fotogeschäft lag in der Fußgängerzone. Der Mann hinter der Theke
lächelte freundlich, als ich ihm mein Problem geschildert hatte. „Ich werde sie
schon aufladen“, sagte er, und zu meinem großen Erstauen öffnete er eine
nagelneue Packung mit einem Ladegerät und lud damit meine Batterien. „Kommen Sie
einfach in einer Stunde zurück und schon können Sie fotografieren. Inzwischen
werde ich die anderen auch aufladen.“ „Was wird es kosten?“, fragte ich
sachlich. „Kosten? Nichts.“ Im Ruhrgebiet hätte ich so etwas nie erlebt. Da
hätte mir irgendein Verkäufer mit Sicherheit angeboten das Ladegerät zu kaufen
und bestenfalls eine Steckdose zum Aufladen zur Verfügung gestellt.


Schiedsrichter Willi Knebel erklärt die Turnierregeln.
Danach kam ich zur
Spielhalle, wo mich Winni Buchholz sehr herzlich begrüßte und mit dem jetzigen
Organisator Kurt Geiß bekannt machte.

Kurt Geiß, Winnie Buchholz
Sofort wurde für meine Unterkunft gesorgt,
ich durfte im Hotel Post übernachten. „Nächstes Jahr sind Sie hoffentlich
dabei“, meinte Herr Geiß, nachdem ich Winni in einer Blitzpartie geschlagen
hatte. Ich wollte wissen, wie das Turnier ohne Herrn Leckner, der mit seiner
Familie seit Jahren dieses Schachereignis durchgeführt hat, sich aber aus
beruflichen Gründen zurückzog, läuft.

FM Heinzel (re.)
Doch wie ich mit eigenen Augen feststellen
konnte, lief auch in diesem Jahr alles prima. Über 400 Teilnehmer (es spielten
nur wenig Jugendliche, da die Ferien schon vorbei waren und ein Zugunglück trug
auch dazu bei, dass 12 Spieler, die sich vorher angemeldet hatten, nicht
mitspielen konnten), darunter viele Großmeister, also ein sehr interessantes
Feld.
Herr Leckner war auch dort, er verfolgte die Partien mit großem Interesse.
„Jetzt bin ich beruflich sehr angespannt. Ebenso mein Sohn. Doch 2007 gehe ich
in Pension und von dort an übernehmen wir wieder die Organisation dieses
Turniers. Diese Vereinbarung haben wir mit den jetzigen Organisatoren
getroffen.“ Finde ich toll, es bleiben immerhin ein paar Turniere in Deutschland
die immer mehr an Tradition gewinnen.

Analysen
Die ersten 4
Bretter machten an diesem Tag alle Remis. Also hatte ich genügend Zeit um die
drei jungen deutschen Großmeister zu interviewen. Ich wollte wissen, ob sie nun
richtige Profis sind, oder spielen sie nur nebenbei so gut (wenn das der Fall
wäre, habe ich insgeheim gehofft, dass ich das dann vielleicht auch schaffen
kann).

Alexander Naumann
Bei Alexander Naumann wusste ich schon, dass er trotz Bundesliga und
einiger anderer Turniere in einer Apotheke arbeitet. Weil er es gelernt hat,
und weil eine Profikarriere für ihn kaum in Frage kommt.

Fabian Döttling
Auch der 23-jährige
Fabian Döttling, trotz seiner stolzen Zahl von 2519 und seiner erworbenen
Großmeisternorm, studiert an der Uni und wird später Lehrer an einem Gymnasium
werden. Schachspielen später nur in der Ferienzeit. “Mehr kann ich im Schach
nicht erreichen“, seine Worte (aber nicht meine Meinung).

Roland Schmaltz
Nur Roland Schmalz
könnte sich als Schachprofi bezeichnen. Aber auch er nur „ein bisschen“. „Was
bedeutet ein bisschen?“ - fragte ich. „Ab und zu muss ich noch arbeiten, als
Informatiker, mit meinem Bruder zusammen.“ Zur Zeit spielt er lieber im Internet
als am Brett. Doch Roland möchte irgendwann 2600 erreichen und um die Welt
reisen. Er bevorzugt Regionen wie China und Thailand; wo er noch nicht war.
„Andere Länder, andere Sitten“.
Doch wie unterschiedlich verliefen die Partien!
Ich hatte schon angefangen mir Sorgen um mein guten Freund Suat Atalik zu
machen, nachdem ihn Gerald Hertneck mit einem schönen Opferzug im Mittelspiel
überraschte und Material gewann.


Atalik gegen Hertneck
Doch Suat rettete sich in ein Endspiel Turm und
3 Bauern gegen die Dame und konnte eine Festung bauen. Ihn brauche ich nicht zu
fragen, ob er nun Profi ist. Er ist eindeutig einer und spielt unter anderem
seit diesem Jahr in Deutschland für Hamburg in der Bundesliga. Der Abend war
somit gerettet und ich ging dann noch mit Suat und Thomas Luther zum Italiener.
An dieser Stelle Glückwunsch an Suat Atalik zu seinem Turniersieg!


Weitere Fotos:

"Oaazapft is": Schmaltz und Naumann

Joanna Dworakovska

Bettina Trabert

Konstantin Landa

Igor Khenkin

Henrik Teske