Carlsen-Nakamura: Carlsen verpasst Vorentscheidung

von André Schulz
13.02.2018 – Auch der vierte Wettkampftag des Schach 960- Matches in Norwegen brachte ein Unentschiedenen. Carlsen gewann die 7. Partie. In der 8. Partie überschritt er die Zeit. (Foto: Maria Emelianova/chess.com)

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Vierter Tag des Schach 960-Wettkampfes Carlsen-Nakamura

Auch der vierte Wettkampftag des Schach 960-Matches zwischen Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura bot viel Spannung, interessantes Schach und dramatische Momente.

Viele Zuschauer in Bärum (Foto: Lennart Ootes/ Turnierseite)

Magnus Carlsen scheint sich etwas besser in die ungewohnten Gegebenheiten und Regeln des Schach 960 eingefunden zu haben. In beiden Partien hatte er die Führung. Aber auch dieser Wettkampftag endete mit einem Unentschieden, weil der Weltmeister im "Normal"-Schach in der zweiten Partie des Tages zu viel wollte.

Im Endspiel mit Turm und Läufer gegen Turm spielte Carlsen stramm auf Gewinn, überschritt aber die Zeit. Da ist offenbar die Spielfreude mit dem Norweger durchgegangen. Nach acht Schnellschachpartien steht es nun also 9:7. Die Partien werden gegenüber den heute noch folgenden kurzen "Schnellschachpartien" doppelt gezählt. 

Magnus Carlsen entschlossen (Foto: Lennart Ootes/ Turnierseite)

Die Anfangsstellung der 7. und 8. Partie

 

Nakamura-Carlsen, 7. Partie

1. f4 f6 2. e4 e5 3. fxe5 fxe5 4. Nbc3 Ne6 5. Nd5 c6 6. N5e3 d6 7. g3 Nd7 8. Bh3 O-O-O

 

Die schwarze Stellung sieht fast schon "normal" aus, die weiße noch nicht so recht.

9. d3 Kb8 10. Qf2 Ndc5 11. Nc3 Nd4 12. Ne2 Nxe2+ 13. Qxe2 d5 14. exd5 cxd5 15. Ng4 d4 16. Bg2 Bd6 17. h3 Rc8 18. Bf2 h5 19. Nh2 e4

 

Die folgenden kurze weiße Rochade ist in diesem Fall deutlich größer als die große Rochade.

20. O-O 20. e3 21. Be1 Ne6 22. Nf3 g5 23. c3 g4 24. Nxd4 Nxd4 25. cxd4 gxh3 26. Be4 h4 27. Qxe3 Bh7 28. Rf3 Qh5 29. Bf2 Rhf8 30. Rxf8 Rxf8 31. Bxh7 Qxh7 32. g4 h2+

 

33. Kh1  g8 34. Bxh4 Qxg4 35. Bf2 Qg8 36. Bh4 Qd5+ 37. Qe4 Qf7 38. Qg2 Qf4 39. Bg5 Qxd4 40. Bh6 Re8 41. Rd1 Qxd3 42. Rf1 Ka8 43. Rc1 Bb8 44. Qd2 Qe4+ 45. Qg2 Qe1+ 46. Qf1 Qe6 0-1

Hikaru Nakamura mit Problemen (Foto: Lennart Ootes/ Turnierseite)

 

Carlsen-Nakamura, 8. Partie

1. d4 f5 2. f4 g5 3. fxg5 h6 4. Ndc3 d5 5. g4 fxg4 6. e4 dxe4 7. Nd2 hxg5

 

Die Anwendung der Rochaderegeln von Carlsen macht einen guten Eindruck.

8. O-O-O Nd7 9. Ndxe4 Nf7 10. d5 a6 11. Bd4 Rh6 12. Be2 Nfe5 13. Nxg5 Rg6 14. Ne6 Bxe6 15. dxe6 Rxe6 16. Bxe5 Rxe5 17. Qg3 Bh6+ 18. Kb1 Re3 19. Qxg4 O-O-O 20. Nd5

 

20... Re5

 

21. Bxa6

(21... Bxa6 22. Dc4 Txd5 23.Dxa6 Kb8 24.Txd5 Sb6 mit weißem Vorteil)

21... c6 22. b6+ Kc7 23. Nxd7 Rxd7 24. Rxd7+ Qxd7 25. Qxd7+ Kxd7 26. Bxb7 Ra5 27. Re1 Bg5 28. Rg1 Bf6 29. Rg8 Rb5 30. Bc8+ Kc7 31. b3 Re5 32. Kc1 Re2 33. h3 e6 34. Ba6 Re3 35. Kd2 Rxh3 36. Bd3 Rh2+ 37. Ke3 Bc3 38. a4 Kd6 39. Rg6 Rh3+ 40. Ke4 Rh4+ 41. Kf3 Rh3+ 42. Kg2 Rh7 43. Rg4 Rg7 44. Bg6 c5 45. Kf3 Ba5 46. Ke2 c4 47. Rd4+ Ke7 48. Be4 cxb3 49. cxb3 Rg3

 

50. Bf3 Rg1 51. b4 Bc7 52. Rc4 d6  53. Be4 Rg3 54. Kd2 Rb3 55. b5 Be5 56. Bc2 Rb2 57. Rc6 Kd7 58. Ra6 Bd6 59. Kc3 Be5+ 60. Kd3 Bf4 61. a5 Bc7 62. Ra7 Kd6 63. Ta6+ Kd7 64. b6 Bxb6 65. axb6 Kc6 66. Ba4+ Kb7 67. Ra7+ Kxb6 68. Re7 Kc5 69. Rxe6 Rb4 70. Bc2 Rd4+

 

Das Endspiel ist bekanntermaßen remis. Carlsen wollte aber unbedingt gewinnen und überschritt am Ende die Zeit.

71. Ke3 Rd8 72. Be4 Rd6 73. Re5+ Kb6 74. Bd5 Kc5 75. Ke4 Rd8 76. Bf7+ Kc6 77. Rh5 Rd1 78. Bb3 Rd2 79. Bd5+ Kc5 80. Bf7+ Kc6 81. Bb3 Kd6 82. Ke3 Rb2 83. Bc4 Rg2 84. Bd3 Rg1 85. Kd4 Rd1 86. Rh6+ Ke7 87. Ra6 Kd7 88. Ke4 Ke7 89. Bc4 Rd6 90. Ra7+ Rd7 91. Ra5 Rd1 92. Ke5 Re1+ 93. Kd4  Rd1+ 94. Bd3 Kd6 95. Ra6+ Ke7 96. Ke4 Rd2 97. Ke3 Rd1 98. Ke4 Rd2 99. Bc4 Rd6 100. Ra5 Rd1 101. Ke5 Re1+ 102. Kd5 Rd1+ 103. Kc5 Kf6 104. Ra6+ Kf5 105. Re6 Rc1 106. Re2 Rd1 107. Bb3 Rd8 108.Bc2+ Kf4 109. Re4+ Kf3 110. Rc4 Rf8 111. Kb4 Ke2 112. Kc3 Ke3 113. Re4+ Kf3 114. Rd4 Rc8+ 115. Rc4 Re8 116. Rb4 Re3+ 117. Kb2 Re2 118. Rb3+ Kf2 119. Rc3 Re7 0-1

 

Alle Partien bisher...

Turnierseite...




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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kumulonimbus kumulonimbus 14.02.2018 12:02
Jeder Schachspieler in extremer Zeitnot kennt das: Du hast keine Zeit mehr zu überlegen, ob die Partie Remis wegen 3-facher Stellungswiederholung oder 50 Züge Regelung ist. Dein Gegner blitzt munter mit, da kannst du nicht plötzlich innehalten und vernünfig sagen, wie siehts aus.
RomanRabe RomanRabe 14.02.2018 10:16
Carlsen will immer gewinnen, egal wie klar remis das Endspiel ist. Er hat schon sehr oft "Remis-Endspiele" gewonnen, auch in extrem wichtigen Turnieren mit den besten Spielern unserer Zeit. Dass dieser starke Wille auch 'mal zum Verhängnis werden kann, weil der starke Wille der Vernunft keinen Platz gibt, ist die Konsequenz - in der diskutierten Partie hat er die Uhr einfach nicht "ernst" genommen.
Übrigens hat Nakamura schon einige absolut verlorene Endspiele einfach nicht aufgegeben, weil sein Ego oder sein Wille auch nicht gerade klein sind. Obwohl Schach so "vernünftig" und "logisch" aussieht, spielen doch Emotionen im Spielverlauf eine viel größere Rolle, als die meisten annehmen, so mein Eindruck. Und das auch unter den besten Spielern. Karpov war vielleicht der "vernünftigste" Weltmeister. Und Kasparov wahrscheinlich der emotionalste. Auch emotionale Charaktere können im Schach Erfolg haben. Meine Vermutung wäre, zu viele Emotionen schaden eher der Spielstärke; diese Vermutung hat Kasparov widerlegt.
andino6869 andino6869 13.02.2018 07:38
Kleiner Widerspruch: Natuerlich kann nicht nur er die Stellung mit 2min auf der Uhr auf Gewinn spielen, obwohl sie objektiv remis ist, aber halt nicht so trivial.
Hat nichts damit zu tun wo der gegnerische Koenig steht. Nur haette er halt bei noch 20-30s auf der Uhr auf remis reklamieren muessen (nachdem er ueberhaupt keine Fortschritte machte).
Das waere legitim und regelkonform gewesen nach allem was ich weiss.

Es muesste also eher heissen: Was ging in seinem Kopf in der letzten halben Minute vor ?
f7-f6 f7-f6 13.02.2018 01:32
Unfassbares Geschehen. Das war Selbstmord mit eigener Ansage. Ein psychologisch hoch interessanter Fall.

Mit klar weniger Zeit auf der Uhr zockt Carlsen mit K, T & L gegen K & T auf, ja was denn eigentlich?! "stramm auf Gewinn", meint der Chessbase-Bericht. Wirklich?! Wo denn? Ich hab es live gesehen. Nakamura ist doch kein Laie. Mit Königen mitten auf dem offenen Brett ist das remis und fertig, das weiß jeder Kreisliga-Spieler.
Viermal bot Nakamura Turmtausch, also remis, an - und Carlsen wich bei knapper Zeit (unter 2,5 Minuten ohne Inkrement...) aus. Warum? Die "Spielfreude", die der Chessbase-Bericht beim Norweger wähnt, sehe ich nicht. Erst ab dem 110. Zug hatte auch Nakamura - zurecht - keine Lust auf Turmtausch mehr.
Den Ärger, der aus Carlsen hernach brach (das Foto erfasst diesen Moment sehr gut), ist nicht nachvollziehbar. Er hat es ganz allein vergeigt.
Übrigens:
Die jedenfalls statthafte Remis-Reklamation (50 Züge Regel - letzter Schlagfall im 69. Zug von Weiß, keine Bauernzüge mehr) hat er auch verpasst. Er hatte den 119. Zug gemacht. Es war also remis...
Das wusste er sicher nicht. Aber er hätte auf Prüfung bestehen können. Mehr als Verlieren ging ja nicht...

Was ging bloß in den letzten zwei Minuten in Carlsens Kopf vor??
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