Carlsens letzte Weltmeisterschaft?

von André Schulz
15.12.2021 – War die Titelverteidigung gegen Ian Nepomniachtchi Magnus Carlsens letzte Titelverteidigung? In einem Video-Podcast-Interview, auf Norwegisch, mit seinem Freund Magnus Barstad, hat der Weltmeister Andeutungen in dieser Richtung gemacht. Er habe Motiviationsprobleme, sagt Carlsen. Wenn allerdings...

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Am Dienstag raste die Nachricht wie ein Lauffeuer über  die Webserver. Magnus Carlsen hat keine Lust mehr auf Weltmeisterschaftskämpfe.

Schon während der Weltmeisterschaft gab Magnus Carlsen seinem Freund Magnus Barstad für einen Video-Blog in Norwegische Sprache, der bei Carlsens Sponsor Unibet erschien, regelmäßig Interviews. Nach der Titelverteidigung ließ er eine Bombe platzen:

"Für diejenigen, die erwarten, dass ich das nächste Mal bei der WM spiele, ist die Chance, dass sie enttäuscht werden, sehr groß," verkündete der Weltmeister.

Er habe schon dass ganze Jahr darüber nachgedacht, ob der WM-Kampf in Dubai nicht sein letzter sein sollte. Der Titel bedeute ihm nicht mehr so viel wie früher, meinte Carlsen. Als dann aber Firouzja das Grand Swiss Turnier so überlegen gewann, fand Carlsen die Idee reizvoll, gegen den jungen Franzosen einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft zu spielen. Wenn aber jemand anderes als Firouzja das Kandidatenturnier gewinnen würde, wäre es hingegen sehr unwahrscheinlich, dass er seinen Titel noch einmal verteidige, äußerte sich der Norweger. Eine endgültige Entscheidung ist zumindest noch nicht gefallen.

Carlsen betonte gleichzeitig, dass er nicht etwa die Absicht habe, mit dem Schach aufzuhören. Er freue sich schon auf die Rapid-und Blitz-Weltmeisterschaft.

Viel motivierender als die Verteidigung des Weltmeistertitels findet Magnus Carlsen das Ziel, mit seiner Elozahl die 2900-Marke zu erreichen. Schwierig, aber vielleicht machbar, meint der Weltmeister. Mit seiner bisher höchsten Elowertung von 2882, gleichzeitig die höchste Elowertung in der Schachgeschichte, sei er schon nah dran gewesen.  

Es ist gut bekannt, dass Magnus Carlsen ein Freund vom Schach mit kurzen und ganz kurzen Bedenkzeiten ist. Als er einmal bei einer der WM-Partien gegen Ian Nepomniachtchi viel Zeit in der Eröffnung verbrauchte und nur noch 26 Minuten für etwa 10 Züge auf der Uhr hatte, meinte Anna Muzychuk als Kommentatorin cool: "Das sollte für Carlsen kein Probleme sein. In 26 Minuten spiel er bisweilen 27 Partien". "Aber nur online", ergänzte Anand.

Noch kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft übte Magnus Carlsen alias Dr. Nykterstein sich auf Lichess im Einminuten-Bulletschach. Michail Botwinnik würde sich verwundert die Augen reiben, wüsste er davon. Der Weltmeister von 1948 bis 1963 (mit Unterbrechungen) fand schon Blitzpartien unseriös und spielte zwischen zwei Weltmeisterschaftsmatches bisweilen nicht eine Turnierpartie. 

Vor einigen Jahren hat Carlsen sich schon einmal kritisch über das klassische Format der Weltmeisterschaftskämpfe geäußert. Er würde lieber in K.o.-Turnieren um den Titel kämpfen, meinte er damals. In jüngerer Zeit wies er daraufhin, dass an der Weltspitze bei gleichstarken Gegnern immer mehr Partien remis endeten und schlug eine Verkürzung der Bedenkzeiten vor.

Man kann wohl behaupten, dass Carlsen ein echter "Spieler" ist, der den Nervenkitzel liebt. Den bekommt man bei kurzen und ganz kurzen Bedenkzeiten viel schneller und viel öfter. Ein langatmiger Weltmeisterschaftskampf vermittelt da ein eine ganz andere Form von Anspannung. Die Eröffnungsvorbereitung spielt eine viel größere Rolle. Fehler werden unnachgiebig bestraft. Das ist im Rapid oder Blitz alles ganz anders. Da kann man jede Eröffnung spiele, das macht Carlsen auch, und auch hohes Risiko gehen. Meistens klappt das bei Carlsen. Und wenn einmal nicht, dann folgt gleich eine neue Partie. Bei Weltmeisterschaftskämpfen muss man sich nach öden Remispartien stattdessen auch noch die dummen Fragen der Journalisten gefallen lassen. 

Folgende sechs Spieler sind bereits für das Kandidatenturnier qualifiziert: Fabiano Caruana, Sergej Karjakin, Teimour Radjabov, Jan-Krzysztof Duda, Alireza Firouzja und Jan Nepomniachtchi als Verlierer des WM-Kampfes. Zwei Spieler qualifizieren sich noch über die Grand Prix-Turniere.

Gegen Caruana, Karjakin und Nepomniachtchi hat Carlsen schon WM-Kämpfe gespielt. Gegen diese Spieler noch einmal antreten zu müssen, wird ihm keinen Spaß machen. Vielleicht war es ja der Blick auf diese Teilnehmerliste, die Carlsen mit Blick auf den nächsten WM-Kampf so abschreckte.

2023 ist der dann 33-jährige Magnus Carlsen schon zehn Jahre lang Weltmeister. Das ist eine lange Zeit. Der Norweger hat sich damit schon in die Riege der Weltmeister mit den längsten "Dienstzeiten" eingereiht und holt 2023 Anatoly Karpov ein. Der Weltmeister mit der längsten Amtszeit zu sein, wäre übrigens auch ein lohnendes Ziel. Um Laskers Rekord zu überbieten, müsste Carlsen bis 2040 Weltmeister bleiben. Dann ist er erst 50 Jahre alt. Warum nicht? Kortschnoj hatte sich in dem Alter erst richtig warm gespielt.

 

Video-Interview mit Magnus Barstad...

Video bei Vime0 (Anmeldung erforderlich)...

Artikel bei Verdens Gang...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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vucko vucko 17.12.2021 12:37
Hatte Carlsen nicht schonmal sowas vor dem Kampf gegen Caruana gesagt? Erinnert mich ein bißchen an die Tweets von Elon Musk...
MARIO1962 MARIO1962 16.12.2021 04:52
was ein geschwurbel . wie fussballlstammtisch , oder BRAVO leserbriefe
schachkwak schachkwak 16.12.2021 02:50
Carlsen ist Weltmeister und Zugpferd von seiner Magnus Group incl. Chess24. In einem Interview zu seinem Business hatte er noch gesagt, dass es keinen Plan B gibt. Der Plan ist Weltmeister zu bleiben.

Vom Geschäftlichen kann er es sich eigentlich nicht leisten, den Weltmeistertitel einfach abzugeben. Für das Schach weltweit wäre es wahrscheinlich auch nicht gut. Deshalb verstehe ich das nicht so richtig.


Noch etwas zu Firouzja:
Carlsen hat Firouzja schon häufig eingeladen oder gefördert und Firouzja hat es bisher immer iregndwann gemeistert. Immer kamen hier Stimmen auf, dass er verheizt würde. Wird er eventuell einfach von Carlsen geförtdert, weil Carlsen schlicht weg Respekt vor seinem Talent hat?

Jedes mal wird hier irgendetwas niederträchtiges unterstellt. Kann es nicht sein, dass nicht immer alle Spieler komplett verfeindet sind und sich nicht immer und überall einen reinwürgen?


Was Carlsen machen kann: Wenn Sich Firouzja beim Kandidatenturnier nicht durchsetzen sollte, dann sollte es erlaubt sein, nach der Pflichtverteidigung eine freiwillige Verteidigung seines Titels durchzuführen. Es ist nur die Frage, ob das heutzutage noch erlaubt ist oder ob die Fide etwas dagegen hat.
Karl Hackenmeier Karl Hackenmeier 16.12.2021 11:46
Ich glaube vielmehr, dass Carlsen recht gut erkannt hat, dass der Kostennutzeneffekt, sich mit einer vernünftigen Vorbereitung auf einen langen Zweikampf einzustellen sich nicht rechnet.
Anders ausgedrückt: Carlsen will mehr Kohle. Man kann darüber sicher anderer Meinung sein, aber aufgrund der Länge seiner Regentschaft hätte er für die Verteidigung seines Titels durchaus einen höheren Anteil vom Preistopf erwarten dürfen, denn er hat wesentlich mehr zu verlieren! Und wir wissen doch alle, angreifen ist leichter als verteidigen. Hinzu kommt, das klassische Schach ist nicht die Zukunft. Wenn man sieht, mit welch riesigem Aufwand sich die Kontrahenten elektronische Unterstützung zubilligen - quasi unbegrenzt - ist das für den Normalschächer, der ja auch Schachkonsument ist, nicht mehr nachvollziehbar.
Rainbow66 Rainbow66 16.12.2021 12:03
Anands Größe ist unbestritten. Aber zeugt es nicht auch von Größe und vor allem Einsicht, wenn man auf dem Höhepunkt der Karriere ans Aufhören denkt, wenn man sagt "I want to quit when I am at my best."? Viele Künstler, Sportler und Politiker verpassen den günstigen Zeitpunkt, weil sie meinen, der Menschheit noch so unendlich viel zu geben und zu sagen haben.
Carlsens Aussagen sind nicht unfair oder kindisch, sondern einfach ehrlich. Magnus braucht niemandem mehr etwas zu beweisen. Er ist mehrfacher Weltmeister in allen Kategorien und seit Jahren stärkster Spieler mit Rekord-ELO. Warum soll er nicht sagen dürfen, was ihn noch reizt und was nicht? Sein Nachdenken über einen WM-Verzicht beweist, dass es ihm nicht ums Geld geht.
An Magnus' hoher Kunst werden wir uns trotzdem noch geraume Zeit erfreuen dürfen, denn auch das hat er gesagt: "I will continue to play chess; it gives me a lot of joy."
iggids iggids 15.12.2021 11:37
Magnus is really just a mediocre chess player who tends to talk too much nonsense.
Now he has done it again...
onkel bräsig onkel bräsig 15.12.2021 05:01
Viele Weltmeister waren auch große Meister in psychologischer Kriegsführung. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass Carlsen so eine Art Druck auf Firouzja ausüben möchte nach dem Motto: "Mal sehen, ob du wirklich so gut bist und Herausforderer werden kannst."
Ich empfinde solche Aussagen von Carlsen auch nicht als fair den anderen Spielern gegenüber, da es impliziert, "ihr schafft es eh alle nicht mir ein reizvolles Match zu bieten."
Aber naja, er wäre nicht der erste Weltmeister, der selbst seine schachlichen Ruhmestaten ad ab surdum stellt :-/
Ivan Petrov Ivan Petrov 15.12.2021 04:04
Ja Ja und die 1,200000 Dollar/ oder euro keine Ahnung/ sind ihm auch egal, die er gewonnen hat.
Es gibt viele gute SchachSpieler /die nicht schlechter sind als Ihm/, die Schach sehr viel lieben, und ihm an der Spitze abloesen werden. Mann sollte sich nicht gegenueber die ChessWM so kindisch aussagen und benehmen.
Alles Gute dann

God bless
Sturmaske Sturmaske 15.12.2021 02:55
Er weiß wohl selbst genau, dass er nicht mehr die Stärke von 2014 hat und dass die Verfolger immer näher kommen und ihn in absehbarer Zeit auch einholen werden. Dann ist die Gefahr den WM-Titel zu verlieren natürlich auch sehr groß. Die großen Überlegenheiten wie in den alten Zeiten wird es durch die Entwicklung des Computerschachs ohnehin nicht mehr geben und dann werden mehr oder weniger auch die Tagesformen entschiedenen Einfluss haben.
Phantasy Phantasy 15.12.2021 02:53
Stimmt. Kramnik: 1,95 Meter.
Rheingauer Rheingauer 15.12.2021 02:52
Alles eine Frage des WM Formates! Verkürzte Matches haben in der langen Traditon von WM Kämpfen fast immer gezeigt, dass sie ein Vorteil für den Titelverteidiger sind! Längere Matches sind spannender, schon aus rein psychologischer Sicht bieten sich mehr Möglichkeiten für einen ausgeglicheneren Verlauf. Ein Fehler in einem kurzen Match und du bist schon schwer im Nachteil. Auch bei einem längern Match hätte jeder Herrausforderer nach einen so bitteren ersten Niederlage, wie Nepo daran zu knabbern gehabt und evtl sogar eine 2te Niederlage einstecken müssen. Doch danach wäre das Match noch lange nicht gelaufen gewesen, während bei 14 Partien ein Comeback schon fast unmöglich war.
flachspieler flachspieler 15.12.2021 02:37
Wenn ich Top-10-Kollege von Carlsen wäre, würde ich mich
sehr über diese halbgare Ankündigung ärgern. Schade, dass
Nepo den Kampf nicht gewonnen hat.
Krennwurzn Krennwurzn 15.12.2021 12:56
Wenig Weltmeister haben die Größe von ANAND!!
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