Chess Classic Mainz: Kortschnoj erinnert an alte Zeiten

10.08.2005 – Zum Auftakt der Chess Classic Mainz wurde gestern der erste Teil der Unzicker Gala ausgetragen. Viktor Kortschnoj erschien zu seiner Partie gegen Karpov mit einer dunklen Sonnenbrille über seiner normalen Brille und wollte damit möglicherweise an den Psychokrieg des WM-Kampfes von 1978 erinnern. Auch mit seinem Spiel knüpfte er wieder an alte Zeit an. Gegen Karpov verlor er zwar, besiegte aber Spasski und Unzicker. Hartmut Metz berichtet vom "Kampf der Krokodile". Turnierseite...Bericht, Partien, Tabelle...

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2019 mit 7,4 Mio. Partien und über 70.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

Der erste Tag der Chess Classic Mainz
Hartmut Metz

Die beiden Erzrivalen Anatoli Karpow (Russland) und Viktor Kortschnoi (2:1 Punkte) führen bei den Chess Classic Mainz, die gestern mit der „Unzicker Gala 80“ in der Rheingoldhalle begannen. Im Duell der vier Schach-Legenden bezwang zwar Karpow zum Auftakt Kortschnoi. Doch der Schweizer ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen und schlug seinerseits Ex-Weltmeister Boris Spasski (Frankreich) und Wolfgang Unzicker. Der 386fache Rekordnationalspieler aus München weist so wie Spasski 1:2 Zähler auf.

Der 80-Jährige verpasste allerdings in der dritten Vorrundenpartie gegen Kortschnoi eine Gewinnv erheißende Fortsetzung. Sein sechs Jahre jüngerer Gegner drehte danach das Blatt. Heute tragen die vier Großmeister ab 16.15 Uhr die Rückrunde aus. Außerdem spielt der Weltranglistensechste Peter Swidler (Russland) um 10.30 Uhr gegen das Programm „The Baron“ zwei Partien in der Schachvariante Chess960. Um 15.15 Uhr blitzt der Weltranglistenerste Viswanathan (Indien) gegen mehrere Amateure. Gleiches macht der Russe Alexander Grischuk, der ab 15.45 Uhr gegen 40 Mitspieler ein Simultan gibt.

 

Unzicker Gala, Tag 1. Die Partien...

 

Die „zwei Krokodile“ sind sich nicht grün
Schach-Legenden Anatoli Karpow und Viktor Kortschnoi nach 27 Jahren noch immer verfeindet
Von Hartmut Metz

„Die Damen, die wir benutzen, würden dich nicht erregen!“ Die Damen, die die Textzeile aus dem Welthit „One Night in Bangkok“ meint, erregen die lebenden Vorbilder für das Erfolgs-Musical „Chess“ von Abba noch immer: Anatoli Karpow und Viktor Kortschnoi. Mit ihren Damen, der mächtigsten Figur, versuchen die beiden Schach-Koryphäen dem Gegner klaffende Wunden zuzufügen – nicht nur auf dem Brett. Dass diese auch nach 27 Jahren nicht verheilen, zeigte sich bereits vor dem ersten Zug bei den Chess Classic Mainz in der Rheingoldhalle. Dabei ging es eigentlich um ein freundschaftliches Turnier, mit dem der 80 Jahre alt gewordene 386fache deutsche Rekordnationalspieler Wolfgang Unzicker geehrt werden sollte.

Die ersten Scharmützel lieferten sich Kortschnoi und Karpow bei der Pressekonferenz. Letzterer verstellte gleich die Namensschilder, als der 54-Jährige entdeckte, dass er neben dem ehemaligen sowjetischen Landsmann sitzen sollte. Kortschnoi verdrehte nicht nur die Augen bei den Ausführungen des verhassten Moskauers, sondern kritzelte auch ein paar kyrillische Sätze auf einen Block, die er anschließend seinem neuen Nebenmann, Boris Spasski, zeigte. Es dürfte sich um eine Schmähschrift gehandelt haben, denn der 1972 von Bobby Fischer entthronte Weltmeister wiegelte gleich kopfschüttelnd ab, als Auskunft begehrt wurde, was er von dem 74-jährigen Wahl-Schweizer gezeigt bekommen hatte. Stattdessen wünschte der gemütlich gewordene Spasski lieber Unzicker und sich in dem Turnier der alten Haudegen „viel Glück gegen die zwei Krokodile“.

Wie bissig die noch sind, zeigte sich gleich in der ersten Partie. Die Auslosung für die „Unzicker Gala 80“ hatte ausgerechnet das Duell Kortschnoi kontra Karpow erbracht. Eine weitere Neuauflage der unendlichen Geschichte, die 1978 begann: Im WM-Finale musste der erste reinrassige Russe und Proletarier Karpow um jeden Preis den Titel gegen den geflohenen und seitdem in seiner Heimat totgeschwiegenen Kortschnoi verteidigen. In Baguio stand deshalb auch die geistige Überlegenheit des Sozialismus auf dem Spiel. Zunächst lief alles nach Plan. Der 1975 kampflos gekürte Weltmeister - nach seinem Sieg im Herausforderer-Finale über Kortschnoi trat Fischer nicht an - führte auf den Philippinen 5:2. Doch plötzlich holte der Dissident auf und glich zum 5:5 aus! Bis heute ranken sich Legenden um die folgenden Dramen. Kortschnoi sei auf das Schicksal seiner in der UdSSR festgehaltenen Ehefrau und seines Sohnes hingewiesen worden, heißt es. Der heute im eidgenössischen Wohlen lebende Großmeister beharrt auf eine noch abscheulichere Drohung: Sollte dem Abtrünnigen ein weiterer Sieg gelingen, würde ihn der KGB eliminieren. Glücklicherweise vollstreckte Karpow zum 6:5.

Beim nächsten WM-Finale 1981 in Meran (das das Abba-Musical mit dem Lied „Merano“ würdigt) hatte das Partei-Mitglied dann weit weniger Schwierigkeiten, Kortschnoi in Schach zu halten. Ein Trauma für den 74-jährigen Ausnahmekönner, der als einer der größten Denkstrategen aller Zeiten niemals Weltmeister wurde. Im Mainzer Hilton eingetroffen, beschäftigt ihn daher nur eine Frage: „Ist Karpow schon da?“ Obwohl der inzwischen viel lockerer wurde und den Kommunisten abgeschworen hat, taucht Kortschnoi in der Rheingoldhalle mit einer zweiten Brille über seiner normalen auf!


Dunkle Gläser gegen den bösen Blick von Anatoli Karpow? Viktor Kortschnoi verlor dennoch die erste Partie gegen seinen Erzrivalen. Foto: Metz

Wie anno 1978 sind die Augengläser stark verdunkelt, als sie auf den Philippinen die Strahlen des sowjetischen Parapsychologen Schugar abhalten sollten. Freilich nutzt die psychologische Kriegsführung auch diesmal nichts. Kortschnoi will zu viel, will unversöhnlich den Feind an seinem Brett vernichten. Karpow kontert ihn kühl aus. „Lächerlich“ findet der Moskauer anschließend die Dunkle-Gläser-Posse. Zufrieden gibt der 54-Jährige nun einem Fernsehteam das Interview, das er am Nachmittag abgeblasen hatte – weil die „Brisant“-Redakteurin der ARD zu lange mit Kortschnoi parliert hatte. Ein indisches Sprichwort sagt: Schach ist ein See, aus dem eine Mücke trinken und in dem ein Elefant ertrinken kann. Die „zwei Krokodile“ in diesem See werden sich nicht mehr grün.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren