Der 2013 verstorbene deutsche Schachgroßmeister Lothar Schmid war hauptberuflich Mitbesitzer des Bamberger Karl-May-Verlages und hatte schon aus diesem Grund eine große Affinität zu Büchern. Mit seiner Liebe zum Schach wurde er zum Schachbuchsammler und stellte im Laufe seines Lebens eine der größten Sammlungen von Schachbüchern zusammen. Die Sammlung war so groß, dass er selber nicht mehr wusste, was er alles schon erworben hatte. Manche Bücher hatte er in mehreren Ausgaben. Seine besonderen Schätze wird er aber sicher gekannt haben.
Die wertvollsten Stück seiner Sammlung kommen nun bei Sotheby's zur Versteigerung. Wer also neben seine Bücher "Gewinnen mit Spanisch" und "100 Endspiele, die du kennen musst" noch ein ganz besonderes Buch in sein Schachbuchregal stellen möchte, sollte jetzt zugreifen.
Die angebotenen Exponate sind zugegebenermaßen nicht ganz billig, aber alte Schachbücher steigen wie Kunstwerke ständig im Wert und sind ein sicherer Schutz gegen Inflationsverluste.
Bibliophile Leckerbissen
Zu den bei Sotheby's angebotenen Werken gehören zum Beispiel:
Manuscript of Le Piquet, ou Essai sur les Principes Généraux de ce Jeu. Paris, 1772
Automaton Chess Player | A group of 10 rare volumes on the purported Enlightenment precursor to modern-day artificial intelligence
Francesco Barozzi | Il nobilissimo et antiquissimo giuoco Pythagoreo nominato Rythmomachia, Venice, 1572, eighteenth-century morocco gilt for Doge Marco Foscarini
Filippo Beroaldo | Ein hüpsche subtyliche Declamation, Strassburg, 1513
Sebastian Brant | Varia carmina, Basel, 1498
Ibn Butlan | Schachtafelen der Gesuntheyt, Strassburg, 1533
Jacobus de Cessolis | Schachzabelbuch, Strasbourg, 1483, von der Lasa Kopie
Jacobus de Cessolis | Libro di Givocho di Scacchi, [Florence,] 1493, the Dyson Perrins Kopie
Jacobus de Cessolis | De ludo scachorum, Toulouse, [c.1494], the Syston Park-von der Lasa Kopie
Jacobus de Cessolis | Tractatus de Scachis, 1505, the Zass-Blass Kopie
Jacobus de Cessolis | Opera nuova..., Venice, 1534, the Walker-Rimington-Wilson Kopie
Jacobus de Cessolis | Dechado de la Vida humana, Valladolid, 1549, first Spanish edition, von der Lasa-Robert Blass Kopie
Pedro de Cobarrubias | Remedio de jugadores, Salamanca, 1543
Stephanus Costa | De ludo, Pavia, 1489
[Charles Cotton] | The Compleat Gamester, 1674, 19th-century crushed morocco
Carlo Cozio | Nuova Idea per lo Il Giuoco degli Scacchi, manuscript, 1766
Benjamin Franklin | Chess Made Easy, 1797, first edition
Pedro Damiano da Odemira | Libro da imparare giocare a scachi, Rome, 1524, third edition of the first Italian chess book, 19th-century red morocco, in verschiedenen Ausgaben
Gioachino Greco | Presentation manuscript of Trattato gioco de scacchi, Rome, 1620
Emanuel Lasker | ‘The ancient game of chess’, handgeschriebenes Manuskript in Englisch. Von Lasker werden noch weitere Manuskripte und Autographen angeboten.
Ruy López de Sigura | Libro de la invencion liberal y arte del juego del axedrez, Alcalá de Henares, 1561
Luis Ramírez de Lucena | Repetición de amores y arte de ajedrez, [Salamanca, 1497], das älteste erhaltene Schachbuch,
sowie viele weitere schöne und seltene Exponate, Manuskripte und Autographen.
Zur Versteigerung kommen aber nicht nur Schachbücher, sondern auch andere Dokumente und Handschriften, zum Beispiel aus dem Wettkampf Fischer gegen Spasski, 1972, bei dem Lothar Schmid bekanntlich der Schiedsrichter war.
Man sieht, es ist für jedem etwas dabei!
Nicht alle Bücher sind unbezahlbar teuer. Manche weniger bekannte Exemplare erhält man schon für nur wenige tausend britische Pfund (Wenn nicht zu viele Schachfreunde mitbieten, also erzählen Sie es niemandem.)
Luis Ramírez de Lucena: Repetición de amores y arte de ajedrez
Wer richtig rangehen möchte. der wird sich natürlich besonders für den "Lucena" interessieren, aus dem Jahr 1497 und damit das ältesten erhaltene Schachbuch. Das Werk besteht aber eigentlich aus zwei teilen und der erste Teil hat mit Schach nichts zu tun. Der erste Teil ist ein antifeministisches Gedicht.

Das Buch von Lucena ist natürlich Gegenstand intensiver Forschungen gewesen. Warum das Werk auf diese merkwürdige Weise beginnt, konnte die Forschung allerdings nicht enträtseln. Eine genau Identifizierung des Autors ist ebenfalls nicht gelungen. Eine Vermutung ist, dass er der Sohn des Botschafters Don Juan Ramírez de Lucena gewesen sei, doch das ist unter den Experten auch umstritten. Das Werk ist undatiert, doch die Typografie und Hinweise im Werk auf historische Personen lassen auf das Erscheinungsdatum 1497 schließen. Auch die Drucker wurden ermittelt, Lope Sanz und der nach Salamanca gezogen Deutsche Leonard Hutz.
Die Anzahl der erhaltenen Bände des Werkes ist übersichtlich und die Standorte sind genau bekannt. Die weitaus meisten Exemplare befinden sich in Bibliotheken. In Spanien existiert jeweils ein Exemplar in der Nationalbibliothek in Madrid, ein Exemplar in der Bibliothek der Königlichen Akademie für Geschichte und ein weiteres Exemplar in der Bibliothek von Katalonien. Es gibt beschädigte Exemplare in der Biblioteca El Escorial und in der Universitätsbibliothek von Salamanca. Aus unbekannten Gründen wurden hier die ersten Seiten vor der Abhandlung über das Schachspiel herausgerissen. Ein weiteres Exemplar befindet sich in der Privatsammlung von Bartolomé March.
Ein Exemplar, leider beschädigt und unvollständig, fand Tassilo von Heydebrand und der Lasa während seiner Tätigkeit an der deutschen Gesandtschaft in Brasilien. Das Buch war als Teil der Bibliothek von König Joao VI. von Portugal nach Brasilien gelangt, als dieser während der napoleonischen Invasion nach Brasilien floh.
In de USA befinden sich vollständige Exemplare in der Library of Congress (Washington, D.C.), der Cleveland Library, der J. Pierpont Library (New York), in der Houghton Library der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, in der Princeton University in New Jersey und in der Henry E. Huntington Library in San Marino, Kalifornien erhalten.
Man könnte sich den Lucena also vielleicht auch ausleihen. Fernleihe wird eher nicht möglich sein.
Unter Experten gilt aber das Exemplar, das Lothar Schmid in seiner Privatsammlung hatte und das bei Sotheby's versteigert wird, tatsächlich als das prächtigste der Original-Exemplare.
1953 erschien in Spanien noch eine Faksimile-Ausgabe in einer Auflage von 250 Exemplaren, basierend auf einem Exemplar der spanischen Nationalbibliothek
Wer keine halben Sachen machen möchte, bietet am besten bei Sotheby's mit. Das ist online oder vor Ort möglich. Englische Schachfreunde organisieren am 15. April im Rahmenprogramm zur Auktion ein Meeting mit Jonathan Rowson und Dominic Lawson.
Presseinfo von Sotheby's
Luis Ramírez de Lucena: Repetición de Amores y Arte de Ajedrez. [Salamanca: Leonardo Hutz und Lope Sanz, 1497]
Erstausgabe, 2 Teile in einem Band, 4to (180 x 138 mm). KOLLATION: a-d8 e1-3; A8 2a-2c8 2d-2e6 B-F8 G1-3: 122 Blätter (von 124: die letzten leeren Seiten beider Teile fehlen, jeweils auf späterem Papier ergänzt). Gotische Schrift, zahlreiche Holzschnitte von Schachbrettern in Holzschnittrahmen, Holzschnittinitialen, einige verwischte frühneuzeitliche Anmerkungen, moderner kastanienbrauner, blindgeprägter Kalbsleder-Einband mit Paneelen über Holzschalen, Rücken mit Goldprägung, innere Zierleisten vergoldet, durchgehend Feuchtigkeitsflecken
Ein seltenes Exemplar des ältesten erhaltenen Buches über die Praxis des Schachspiels, das 150 Stellungen enthält (allerdings nicht die Lucena-Verteidigung oder die Lucena-Stellung). Lucenas Buch ist besonders bedeutsam, da es unmittelbar nach der Entstehung der modernen Schachregeln in Valencia in den 1470er Jahren verfasst wurde. Die bedeutendste Änderung bestand darin, dass die Dame wesentlich mächtiger wurde als in früheren Versionen des Spiels; das neue Spiel war viel dynamischer und aggressiver und erhielt daher in Italien den Namen scacchi alla rabioso. Lucena beschreibt in seinem Buch sowohl das alte als auch das neue Schach.
Die Arte de Ajedrez bildet den zweiten Teil dieses Buches und folgt auf die Repetición de Amores, ein antifeministisches Gedicht. Über den Autor, der mal als Juan, mal als Luis Ramírez de Lucena bezeichnet wird, ist wenig bekannt. Er war wahrscheinlich Student in Salamanca und der Sohn des Humanisten Juan Lucena. Pérez de Arriaga vermutet, dass das wahrscheinlichste Druckdatum der Oktober 1497 ist (ISTC).
Das Buch ist außerordentlich selten. Im ISTC sind 18 Exemplare verzeichnet, und Rare Book Hub verzeichnet nur 2 Exemplare, die auf Auktionen verkauft wurden (Sotheby’s London, 22. November 1984, Los 85, und Swann Galleries, 8. März 2018, Los 113), wobei beiden der erste Teil fehlt, der in diesem Exemplar VORHANDEN ist.
LITERATUR:
USTC 344916; ISTC il00317000 („Häufig ohne die ‚Repetición de amores‘“ [d. h. Teil 1] zu finden); Hain 10254; Pierpont Morgan Catalogue, Teil III, 668 (mit vollständiger Kollation)
Die Auktion endet in 26 Tagen
Luis Ramírez de Lucena | Repetición de amores y arte de ajedrez, [Salamanca, 1497],
das älteste erhaltene Buch über das Schachspiel
Geschätzter Wert: 70.000 GBP – 100.000 GBP
Beschreibung bei Sotheby's...
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