Mit den Kandidatenturnieren 2026 ist Zypern in den Mittelpunkt der Schachöffentlichkeit gerückt. Die Insel, am Rande des östlichen Mittelmeeres hat eine sehr bewegte Geschichte, in der viele Mächte eine Rolle spielten. Seit den 1970er Jahren ist sie politisch in zwei Teile geteilt, die griechisch geprägte Republik Zypern im Südwesten und den türkischen Teil im Nordosten.
Ein kleiner Ausflug in die Geschichte
Die Schreibweise "Zypern" mit einem "Z" am Anfang im Deutschen hat sich von der ursprünglichen Schreibweise "Cypern" oder "Cypros" entfernt und verdeckt so die eigentliche Herkunft des Namens. Wenn man das "C" richtigerweise als "K" spricht, versteht man eher, dass der Name sich auf das Kupfer bezieht, das der hier seit der Antike abgebaut wurde. Richtigerweise war es genau anders herum: "aes cyprium" war das "Erz von der Insel Cypern". Die Insel gab also dem Metall den Namen. Wenn man Kupfer mit Zinn mischt, das die antiken Seefahrer zum Beispiel aus England holten, erhält man Bronze - eine Legierung, die so wichtig war, dass sie einer ganzen Epoche den Namen gab.
Zypern war natürlich schon viele tausend Jahre vorher besiedelt, aber als Lieferant für Kupfer gewann es ab dem 3, Jahrhundert große Bedeutung. Mit der Entwicklung der Eisenverarbeitung mag die Insel später als Rohstofflieferant an Bedeutung verloren haben, blieb aber ein wichtiger Stützpunkt als strategischer Vorposten im östlichen Mittelmeer.
Griechen, Römer, die Kreuzritter und später die Händler aus Genua oder Venedig nutzten die Insel als Sprungbrett für ihre Geschäfte oder politischen Abenteuer im Orient. Schließlich kam die Insel unter osmanische Herrschaft und nachdem die Engländer das Osmanische Reich in dessen Dauerkonflikt mit Russland unterstützt hatten, erhielten sie Zypern zur Pacht. Im Ersten Weltkrieg war die Türkei jedoch mit dem Deutschen Reich, dem Feind Englands, verbündet, weshalb England die Insel kurzerhand annektierte.
Ein großer Teil der Bevölkerung von Zypern war griechisch und suchte in Aufständen und Terroraktionen gegen die britische Kolonialmacht den Anschluss an Griechenland. 1960 schlossen Griechenland, die Türkei und Großbritannien einen Vertrag über die Unabhängigkeit von Zypern. In den 1960er und 1970er Jahren kam es jedoch zwischen den verschiedenen Ethnien auf der Insel zu Unruhen und Kämpfen. Daraufhin besetzte die Türkei 1974 den Norden der Insel und gründete hier die Türkische Republik Zypern. Diese fand zwar keine politische Anerkennung, aber die Türken blieben trotzdem. Schließlich wurde ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen, der seitdem von der UNO überwacht wird.
Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Feindschaft zwischen der griechischen und der türkischen Bevölkerung Zyperns aber nach und nach beigelegt und spätestens seit 2007 herrscht ein stabiler Frieden auf der Insel.
Die Briten unterhalten immer noch Militärbasen auf Zypern, im Südwesten der Insel, in Akrotiri und in Dekelia. Auf dem Stützpunkt von Akrotini soll zu Beginn des Krieges zwischen den USA und Israel gegen den Iran eine iranische Kamikazedrohne explodiert sein. Humpy Koneru gab daraufhin die gefährliche Lage auf Zypern als Grund für ihren Rückzug aus dem Kandidatinnenturnier an und wurde durch Anna Muzychuk ersetzt. Die FIDE zog aber einen Umzug des Turniers nicht ernsthaft in Betracht.
Seit dem 1. Mai 2004 ist Zypern auch Mitglied der Europäischen Gemeinschaft, nimmt es aber nicht immer so genau mit der allgemeinen Politik der EU und den damit verbundenen Vorschriften. Im Oktober 2020 leitete die EU-Kommission gegen Malta und gegen Zypern mehrere Verfahren wegen des illegalen Verkaufs der Staatsbürgerschaft an wohlhabende Nicht-EU-Bürger ein. Als Bürger der Republik Zypern erhält man ungehindertes reiserecht innerhalb der EU. Russischen Oligarchen und Firmen, die außerhalb von Russland einen Stützpunkt suchten, wurden hier gerne aufgenommen. So gehört beispielsweise der russische Agrarkonzern RosAgro zu den umsatzstärksten Unternehmen auf Zypern. Aber auch Unternehmer und Firmen aus den nicht weit entfernten Ländern des Nahen Ostens investierten gerne ihr Kapital in der stabilen Wirtschaft Zyperns. Finanzdienstleistung und Tourismus sind die führenden Wirtschaftszweige auf der Insel.
Schach auf Zypern
Es gibt auf Zypern durchaus auch ein aktives Schachleben, allerdings ist die Spielstärke der einheimischen Spieler eher gering. Zypern hat nur einen Großmeister, Andreas Kelires (26), und außer ihm noch drei weitere Spieler über 2200 Elo. In der Länderliste der FIDE nimmt Zypern mit dem Schnitt seiner zehn besten Spieler Rang 104 ein.
Der Austragungsort der Kandidatenturniere, das mondäne Cap St. George Hotel & Resort, liegt an der Westeküste von Zypern. Der Zimmerpreis pro Nacht beträgt etwa 420 Euro. Nicht weit entfernt gibt es den Flughafen Paphos, den man auch per Direktflug aus Frankfurt erreichen kann und sich so unter Umständen einen dreistündigen Transfer vom internationalen Flughafen Nikosia an die Westküste erspart.

Blick aus dem Turnierhotel | Foto: Thorsten Cmiel
Angesichts des angenehmen Mittelmeerklimas und der reizvollen Landschaft, sowie vieler luxuriöser Hotels gibt es sicher viele gute Gründe, ein Schachturnier auf Zypern auszutragen. Der wichtigste Grund ist in diesem Fall aber der Sponsor der FIDE, die Firma Freedom Holding von Timur Turlov.
Der kasachische Finanzdienstleister, an der NASDAQ in den USA gelistet, unterhält auch auf Zypern, in der Stadt Limassol im Süden der Insel, eine Dependance. Timur Turlov ist mit seiner Freedom Holding seit einiger Zeit neben der Scheinberg-Familie der wichtigste Sponsor der FIDE. Er hat schon eine ganze Reihe wichtiger FIDE-Turniere finanziert und an den Orten der Stützpunkte von Freedom Holding durchgeführt, Rapid-und Blitzweltmeisterschaften in Astana und in New York beispielsweise.

Die Kommentatoren Peter Svidler und Jan Gustafsson. im Hintergrund die Sponsoren | Foto: Michal Walusza
Nachdem die Familie Scheinberg das letzte Kandidatenturnier der Männer und der Frauen finanziert und in ihrer Homebase in Toronto, Kanada, organisiert hatte, ist nun Turlov an der Reihe.

Timur Turlov bei der Eröffnung | Foto: Michal Walusza/FIDE
Mit Zypern bietet die neue Ausgabe im Vergleich zu Toronto ein eher rurales Ambiente. Das ist dem Tross, der sich üblicherweise bei den großen Turnieren versammelt, sicher ganz angenehm. Zwischen den Runden und an den Ruhetagen kann man mit Gleichgesinnten weitgehend ungestört die idyllische Landschaft genießen.
Die Küste ist vom Turnierhotel aus fußläufig zu erreichen und bietet für Abenteurer einige Höhlen und spannende Felsformationen. Wer gut zu Fuß ist, schafft es auch zum Edro III Schiffswrack. Der Frachter war einst in Limassol gestartet, geriet aber schon bald in einen Sturm. Es gibt einige Frachtschiffe, die im Laufe der Jahrzehnte an der Küste Zyperns gekentert sind.
Um vom Turnierhotel in den nächsten größeren Ort Pegeia zu kommen, 7 km entfernt, nimmt man am besten den Bus. Pegeia ist eine sehr alte Besiedlungsstätte, wirkt aber zumindest aus der Ferne gesehen nicht besonders spannend. Immerhin gibt es ein Fußballstadion mit fast 4000 Plätzen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Ortes würde hier also reinpassen. In der Vergangenheit gab es auch schon Fußball-Länderspiele des zypriotischen Frauenteams

Zuschauer beim Schach | Foto: Michal Walusza

Hinten rechts: Atousa Pourkashiyan, Frau Nakamura | Foto: Michal Walusza
Es sind nicht so viele Zuschauer vor Ort, aber viele, die Rang und Namen im Schach haben oder eine Funktion im Weltschachbund, sind nach Zypern gereist.

FIDE-Präsident Arkady Dvorkovic | Foto: Yoav Nis

Der mehrfache Weltmeister Anand ist einer der Stars unter den Besuchern | Foto: Michal Walusza

Immer freundlich: Vishy Anand | Foto: Michal Walusza

Charlize van Zyl macht Interviews | Foto: Michal Walusza
Vor dem Turnier wurden die Spieler von Anna Volkova unterrichtet, wie man sich gegenüber Presseanfragen verhalten soll.

Foto: Michal Walusza
Die acht Teilnehmer und acht Teilnehmerinnen der beiden Kandidatenturnier werden sich kaum über Langeweile beklagen. Im Verlauf von drei Wochen werden sie jeweils 14 Partien absolvieren, um herauszufinden, wer gegen Weltmeister Gukesh und Weltmeisterin Ju Wenjun antreten darf. Ju Wenjun ist schwer zu besiegen und hat schon einige Male ihren Titel erfolgreich verteidigt. Die Männer sind indes der Ansicht, dass es viel schwieriger ist, das Kandidatenturnier zu gewinnen als den folgenden WM-Kampf gegen Titelverteidiger Gukesh.

Matthias Blübaum mit Rasmus Svane | Foto: Michal Walusza

Matthias Blübaum | Foto: Yoav Nis
Mit zwei Entscheidungen in Runde eins startete das Kandidatenturnier recht lebendig. Aber in Runde zwei gab es vier Remis. Bei den Frauen wurde ungewöhnlicherweise noch gar keine Partie entscheiden. Unser deutscher Kandidaten Matthias Blübaum spielte zweimal Remis und hat damit einen guten Einstieg ins Turnier gefunden.
Natürlich gibt es auch an diesem abgelegenen ort ein Rahmenprogramm. Anna Muzychuk und Alexandera Kosteniuk spielten simultan und Kosteniuk gab Kindern Schachunterricht.

