Das neue Karl-Heft: Berlin

von André Schulz
10.07.2017 – Die Schachstadt Berlin ist der Schwerpunkt im aktuellen Themenheft des Kulturellen Schachmagazins Karl. In einer Reihe von Artikeln werden spannende Wendepunkte der Berliner Schachgeschichte und -gegenwart beleuchtet.

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Berliner Schachgeschichte

Das aktuelle Karl-Heft ist dem Schach in Berlin gewidmet. Berlin ist eine Stadt mit großer und langer Schachtradition. Der erste Berliner Schachverein wurde schon 1803 gegründet. 1827 folgte die Gründung der Berliner Schachgesellschaft, die als Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer bis heute besteht. Und 1828 bringt die "Berliner Stafette" die erste Schachspalte in deutscher Sprache heraus. Um 1900 herum entwickelt sich Berlin zu einem der bedeutendsten Schachzentren der Welt. Viele Spieler mit klangvollen Namen sind hier zu Hause, überall gibt es Schachcafés und zahlreiche Schachturniere werden organisiert. 1910 gibt es gleich zwei Schachweltmeisterschaften mit Lasker gegen Schlechter (der erste Teil fand in Wien statt) und Lasker gegen Janowski. 1934 werden auch zwei Partien des WM-Kampfes zwischen Aljechin und Bogoljubow hier gespielt. Mit der Teilung der Stadt in zwei Hälften nach dem Zweiten Weltkrieg endet die Tradition zwar nicht, aber die Bedeutung Berlins als internationales Schachzentrum ist deutlich geringer. Eine Berlin-Chronik zu Beginn des aktuellen Karl-Heftes gibt Aufschluss über die wichtigsten Ereignisse der Schachgeschichte.

Wie alles anfing

Wenn man auf die Ursprünge der Berliner Schachgeschichte zurückblickt, sollte man Philidor nicht vergessen. 1751 war der Musiker und weltbeste Schachspieler seiner Zeit bei Friedrich II. auf Schloss Sanssouci in Potsdam zu Gast war. Bei einem Besuch in Berlin verblüffte er die Menschen mit seinen Blindspielkünsten: Der Franzose spielte blind gegen drei Gegner simultan. Eine weitere wichtige Persönlichkeit in der Berliner Schachgeschichte war Lulius Mendheim. Arno Nickel berichte in einem Artikel von seinen Forschungen über den legendären Schachprotagonisten, der in den Zeiten der Städtewettkämpfe Anführer der Berliner Spieler war, über den man aber bisher nur sehr wenig weiß.

Seit etwa 20 Jahren ist "Berlin" in Schachkreisen wieder in alle Munde. Im Jahr 2000 besiegte Kramnik nämlich im Wettkampf Kasparov mit Hilfe der wiederentdeckten "Berliner Verteidigung", die seitdem unerhöhte Popularität gewann. Ihren Namen erhielt sie allerdings schon Mitte des 19. Jahrhunderts. In einem Eröffnungsbeitrag beleuchtet Mihail Marin die Geschichte dieser Eröffnung.

Der österreichische Historiker Michael Ehn beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem leben und Werk des Verlegers Bernhard Kagan. Kagan stammte aus einer jüdisch-preußischen Kaufmannsfamilie aus Weißrussland, war erst Silberhändler Warschau, Schachprofi in Paris und dann Zigarrenhändler in Berlin. Unter den Schachspielern im Kerkaupalast fand er viele Kunden. Er organisierte Schachturniere und 1905 begann er Schachbücher zu verlegen. Mit Unterstützung der Industriellenfamilie Hohenlohe begann er dieses Metier auszubauen. Im Ersten Weltkrieg hatte er großen Erfolg mit Taktikheftchen, die in großer Stückzahl für die Lazarette produziert wurden. 1921 gründete er "Kagan's Neueste Schachnachrichten", eine Art Vorläufer des Informators, und kam mit den weltbesten Spielern in Kontakt, die für das Heft Partien kommentierten. Die Wirtschaftskrise 1929 beendete dieses Engagement. 1933 starb Bernhard Kagan an einem Krebsleiden.

Der älteste Schachclub Deutschlands

Den Berliner Michael Dombrosky hat es zwar nach Hamburg verschlagen, doch "seinem" Berlin ist er nicht nur im Tonfall treu geblieben. Für das Berlin-Heft beleuchte er die Geschichte des ältesten noch bestehenden deutschen Schachvereins Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer. Da keine Gründungsurkunde erhalten ist, musste das Gründungsjahr seinerzeit mit Hilfe von Detektivarbeit ermittelt werden, berichte der Autor. Dank einer Trinkgeldbescheinigung konnte der Oktober 1827 als Gründungsmonat festgestellt werden. Die legendären frühen Mitglieder des Vereins waren sieben Spieler, die als Berliner "Plejaden" in die Geschichte eingingen. Nach einer frühen Glanzzeit ging es mit der Schachgesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch abwärts. Dank der Hilfe des Bankiers Julius Rosenheims konnte der Konkurs um 1880 gerade noch abgewendet werden. Anfang des 20. Jahrhunderts profitierte auch die Schachgesellschaft vom allgemeinen Schachboom in Berlin und die Mitgliederzahlen stiegen wieder deutlich an. Es folgt eine wechselvolle Geschichte in der Nazi- und in der Nachkriegszeit. Die ganz großen Zeiten des Vereins liegen in der Vergangenheit, aber mit Alfred Kinzel, später Präsident des Schachbundes, brachte die Gesellschaft noch einmal eine große Persönlichkeit hervor. 2027 will der Klub den 200. Geburtstag groß feiern, allerdings fehlt der Nachwuchs.

In einem weiteren Beitrag zu diesem Heft beschäftigt sich Michael Dombrowsky mit der Arbeiterschach-Bewegung zu Anfang der 1920er Jahre und dem 2. Internationalen Arbeiterschachturnier 1927 In Berlin.

Dem Jubiläumsturnier von 1897 hat Michel Negele einen ausführlichen Artikel gewidmet. Die Organisation des Turniers war von vielen Querelen und Komplikationen begleitet, wobei es mehr als eine Frontlinie gab. Auch dies scheint eine Tradition zu sein, die im Deutschen Schachbund über die Jahrhunderte gepflegt wird. Michael Negele erhellt  die damaligen Kampflinien in schönen Details. Am Ende wurde aber doch Schach gespielt. Sieger des Turniers wurde der 24-jährige Shooting-Star Ungar Rudolf Charoussek. Schon drei Jahre später starb er jedoch an Schwindsucht.

Das Schach in Berlin steht auch in weiteren Aufsätzen im Mittelpunkt der Betrachtung. Die Zeitschrift "Schach" hält die Tradition Berliner Schachzeitschriften am Leben. Harry Schaack sprach mit dem Herausgeber Raj Tischbierek und berichtet von der Zentralen Endrunde der Bundesligen zum Abschluss der letzten Saison. Freerk Bulthaupt und Hans Berliner werden in Portraits vorgestellt.

Aber nicht alles ist Berlin: Gerald Hertneck erzählt, wie er bei der Bundeswehr zur Französischen Verteidigung kam und Natascha Niemeyer-Wasserer weiß, wo das Doppelportrait von William Earle Welby und seiner Frau Penelope (gemalt von Francis Cotes, 1769) geblieben ist - in Abu Dhabi.

Masterclass: Magnus Carlsen

Last, but not least: Auch für Magnus Carlsen spielt Berlin eine Rolle in seinem Leben. Bei der in Berlin ausgerichteten Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaft 2015 wurde Carlsen Schnellschach-Weltmeister, verlor allerdings den Titel eines Blitzweltmeisters. Für das Berlin-Haft hat sich Harry Schaack die Carlsen DVD der Masterclass-Serie angesehen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung:

Natürlich weiß jeder, dass Weltmeister über herausragende Fähigkeiten verfügen. Bei manch einem, wie etwa bei Tal, lassen sich die Stärken relativ leicht benennen. Doch heutige Topspieler haben einen universellen Zugang zum Schach, sodass es schwierig geworden ist, detailliert die Stärken und Schwächen zu erkennen. Um dieses Dilemma zu beheben, kann die ChessBase-Reihe Master Class helfen, die sich im achten Band mit Magnus Carlsen beschäftigt. Das vierköpfige Autorenteam untersucht den Spielstil Carlsens in den verschiedenen Partiephasen. So attestiert Großmeister Huschenbeth dem aktuellen Weltmeister unter den Top-Ten- Spielern eines der breitesten Eröffnungsrepertoires, ohne dass er sich dabei auf lange Theorieduelle oder taktische Varianten einlässt. Carlsen strebt mit Weiß keinen Eröffnungsvorteil an, sondern will das Spiel kontrollieren und Stellungen erreichen, die positionelles Manövrieren ermöglichen. Dabei spielt Carlsen häufig Nebenvarianten und betritt gerne Neuland. Gelingt ihm das, ist er meist im Vorteil, weil er ein überragendes Spielverständnis besitzt.

Huschenbeth macht auch eine Schwäche beim Weltmeister aus: Wenn Carlsen Eröffnungen aufs Brett bekommt, die er nicht sehr oft spielt, wie Königsindisch oder auch Französisch und Sizilianisch, lässt sich gelegentlich eine gewisse Unsicherheit erkennen.

Master Class Band 8: Magnus Carlsen

Freuen Sie sich auf die DVD über das größte Schachgenie unserer Zeit! Lassen Sie sich von unseren Experten Mihail Marin, Karsten Müller, Oliver Reeh und Niclas Huschenbeth die Spielkunst des 16. Weltmeisters erklären. Ein Muss für jeden Schachfan!

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Mihail Marin ist für die Strategie zuständig, räumt allerdings schon zu Beginn ein, dass dem Spiel Carlsens etwas Mysteriöses innewohnt, das er nicht ganz erklären kann. Der Norweger verfügt über eine enorme strategische Weitsicht. Besonders deutlich wird das an einer Partie gegen Anand, in der Carlsen seinen Bauern früh bis nach a3 vorschiebt. Zunächst sieht es so aus, als würde der Bauer zur Schwäche neigen, tatsächlich wird er aber zu einem Quell dauernder Probleme für Carlsens Gegner. Carlsen entwickelt oft langfristige Pläne, auch in scheinbar öden Stellungen, die Computer als völlig ausgeglichen bewerten. Interessanterweise kann Marin keine Vorbilder für Carlsens Spielstil benennen. Die oft gezogenen Vergleiche mit Capablanca und Karpow beruhen eher auf Parallelen im Endspiel.

Karsten Müller widmet sich der Schlussphase des Spiels und damit einer der wesentlichen Stärken Carlsens. Die liegt vor allem in strategischen Endspielen, wie Müller betont. Und weil der Weltmeister den Stellungstyp mit ein oder zwei Türmen und gleichfarbigen Läufern so oft gespielt hat, schlägt Müller dafür die Terminologie „Carlsen-Endspiel“ vor. Dabei kommt dem Norweger vor allem sein sehr gutes Gefühl für die Koordination der Figuren zugute. Zudem hat er einen außergewöhnlichen Spürsinn dafür, wie er dem Gegner besonders große Probleme stellen kann. Und auch für Müller hat es etwas „Magisches“, wie die Figuren Carlsens zusammenspielen. Da kann es sogar vorkommen, dass Carlsens Springer in offener Stellung einen Läufer dominiert, so wie in seiner Partie gegen Kramnik in Wijk aan Zee 2011.

Zum Lieferumfang dieser DVD gehören auch 24 von Oliver Reeh moderierte interaktive Taktikaufgaben und zusätzlich über 100 weitere Trainingsaufgaben, Carlsens Eröffnungsrepertoire als Baum, eine Kurzbiographie von André Schulz sowie alle Carlsen-Partien, über 600 davon kommentiert.

Eine DVD für alle, die einen Blick hinter das Geheimnis von Carlsens Spiel erhaschen wollen.

Rezension bei Karl-online...

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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