Das Norway Chess Armageddon Gambit

von Macauley Peterson
15.10.2018 – Für das Norway Chess Turnier 2019 haben sich die Organisatoren eine Neuerung ausgedacht: Mit Hilfe eines neuen Punktsystems und eines neuen Modus wollen sie die Zahl der Remispartien reduzieren. Endet die Partie mit klassischer Bedenkzeit Remis, entscheidet eine Blitzpartie im Armageddon-Modus über die Punktvergabe. | Foto: Lennart Ootes / NorwayChess.no

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Ein Ergebnis. Jeden. Einzelnen. Tag.

Vor sieben Jahren, 2011, hatte der ehemalige FIDE-Weltmeister Rustam Kasimdzhanov eine Idee, wie man die hohe Remisquote in den Partien zwischen Spitzenspielern eindämmen könnte. In einem offenen Brief an die FIDE und die Schachwelt schrieb er:

KasimdzhanovWenn wir Erfolg, Sponsoren, Öffentlichkeit und alles andere haben wollen, dann müssen wir Remispartien in Turnieren mit klassischer Bedenkzeit unterbinden. Und nicht mit den Sofia-Regeln — Turniere mit Sofia-Regeln hatten eine genauso hohe Remisquote wie jedes andere Turnier; und auch nicht durch die 30-Züge-Regel, bei der Spieler oft einfach nur bis zum 30. Zug warten. Wir brauchen etwas ganz Anderes. Wie den Tie-Break im Tennis. Wir brauchen ein Ergebnis. Jeden einzelnen Tag.

Um Entscheidungen zu erzwingen, schlug Kasimdzhanov folgendes System vor: sollte die Partie mit klassischer Bedenkzeit Remis enden, folgt eine Schnellpartie mit vertauschten Farben. Sollte auch die Schnellpartie mit Remis enden, dann wird geblitzt - bis zur Entscheidung.

Die Organisatoren des Norway Chess Turniers wollen jetzt ein neues Turnierformat ausprobieren, das zwar in entscheidenden Punkten von Kasimdzhanovs Vorschlägen abweicht, aber ein ähnliches Ziel verfolgt: jede Begegnung soll mit einer klaren Entscheidung enden — entweder in der Partie mit klassischer Bedenkzeit oder, sollte diese Partie Remis enden, mit Hilfe eines Tie-Breaks. Allerdings besteht der Tie-Break, den die Norweger ausprobieren wollen, aus einer einzigen Partie — einer Blitzpartie im Armageddon-Modus. Schwarz hat weniger Zeit auf der Uhr, aber Weiß muss gewinnen.

In einer Presseerklärung schreiben die Organisatoren des Norway Chess Turniers:

Jeder Spieler hat zwei Stunden Bedenkzeit für die gesamte Partie, Zeitzuschläge gibt es nicht.

Für einen Sieg gibt es 2 Punkte, für ein Remis einen halben Punkt und für eine Niederlage 0 Punkte.

Bei Partien, die mit Remis enden, treten die beiden Spieler ein paar Minuten nach ihrer Partie zu einem Stichkampf im Armageddon an. Der Spieler, der in der Partie mit klassischer Bedenkzeit Weiß hatte, spielt auch im Armageddon mit Weiß. So endet jede Begegnung mit einer Entscheidung, denn wenn die Partie im Armageddon mit Remis endet, gewinnt der Spieler mit Schwarz. Für den Sieg in der Armageddon-Partie gibt es 1 Punkt.

Die Armageddon-Partien haben keinen Einfluss auf die Elo-Zahlen der Spieler, aber werden auf die Punktzahlen der Spieler im Turnier angerechnet. Das Turnier wird jedoch elo-gewertet.

Die Punkte für die Partien in den jeweiligen Runden werden wie folgt vergeben:

  • Sieg in der Hauptpartie: 2 Punkte
  • Niederlage in der Hauptpartie: 0 Punkte
  • Remis in der Hauptpartie & Niederlage im Armageddon: ½ Punkt
  • Remis in der Hauptpartie & Sieg im Armageddon: 1½ Punkte

Magnus Carlsen at Norway Chess 2018

Magnus Carlsen während eines Interviews mit TV2 beim Norway Chess Turnier 2018 | Foto: Lennart Ootes

Weltmeister Magnus Carlsen, das Zugpferd des norwegischen Schachs, erklärte in einem Interview mit TV2 in Rom, dass ihm das neue Format gefällt und meinte, er hoffe, dass seine Großmeisterkollegen keine Angst vor dieser Neuerung hätten.

Die Reaktionen auf Twitter fielen insgesamt positiv aus, vor allem bei langjährigen Live-Kommentatoren:

Aber nicht alle sind von der Neuerung überzeugt:

Außerdem könnte das Format unbeabsichtigte Folgen haben:

Man darf gespannt sein, wie die Spitzenspieler auf das neue Format reagieren. Maxime Vachier-Lagrave äußerte Bedenken in Bezug auf die Bedenkzeit von zwei Stunden für die gesamte Partie. "Ich bin kein großer Fan der neuen Bedenkzeit, denn sie unterscheidet sich doch sehr von dem Bedenkzeitmodus, mit dem wir jetzt spielen und verlangt eine weitere Umstellung."

Die Vergabe der Punkte ist ebenfalls ungewöhnlich, aber vielleicht nicht weniger ungewöhnlich als die "Fußball-Wertung", bei der es 3 Punkte für einen Sieg und 1 Punkt für ein Remis gibt.  Übrigens enthalten auch die FIDE-Regeln einen Passus zur Punktvergabe:

10.2 Die Gesamtzahl der Punkte eines Spiels kann nicht höher sein als die Höchstzahl an
Punkten, die unter normalen Umständen für diese Partie vergeben werden. Die Punkte,
die einem einzelnen Spieler vergeben werden, müssen auch unter normalen Umständen
erzielbar sein; z.B. ist ein Ergebnis von ¾ - ¼ nicht erlaubt.

Im neuen System erhält der Sieger einer Partie mit klassischer Bedenkzeit 2 Punkte, wohingegen zwei Remispartien Weiß einen ½ Punkt und Schwarz 1½ Punkte einbringen (da Schwarz die Armageddon-Partie mit einem Remis gewinnt). Wenn man die Begegnung zweier Spieler als ein Duell mit maximal zwei Partien begreift, bei dem das erste Remis einen halben Punkt zählt und das zweite einen ganzen Punkt, dann scheint der Vorschlag in Einklang mit der Gesamtzahl der Punkte zu sein, "die unter normalen Umständen ... vergeben werden".

Die Frage lautet dann: Führt der neue Modus zu mehr Entscheidungen in klassischen Partien oder nicht?

Übersetzung aus dem Englischen: Johannes Fischer


Turnierseite Norway Chess...




Macauley ist Editor in Chief der ChessBase News in Hamburg, Germany, und Producer des The Full English Breakfast chess podcast. Er war Co-Producer eines Dokumentarfilms über Magnus Carlsen.
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Rolee Rolee 17.10.2018 01:13
Letztendlich läuft das doch auf ein 3/4 - 1/4 Ergebnis hinaus. Da könnte man auch Extreme konstruieren mit 10 Punkten für den Sieg und 1 Punkt für ein Remis und verteilt dann die restlichen 8 Punkte nach irgendwelchen ausgedachten Kriterien.
Das gute "Blitzer", wie Carlsen, dieses Format befürworten ist klar, erhalten sie doch bei einem Remis statt einem halben Punkt , einen 3/4 Punkt.
Auch die 3-1 Wertung (Fußball) ist in meine Augen dubios, da dabei das Remis tatsächlich nur einen drittel Punkt ergibt (ich spiele daher bei solchen Turnieren grundsätzlich nicht mit). Wo bleibt da der Leistungsgedanke?
Es stellt sich doch immer die Frage, was mit den "normalen Umständen" für die Partie gemeint ist.
Oder soll hier etwa eine normal erreichbare Punktzahl im Gesamtturnier massgebend sein? (das möcht ich bezweifeln).
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