Das Spielebuch Alfons des Weisen

01.01.2011 – Als wettkampforientierter Sport ist Schach nur eine unter vielen möglichen Aktivitäten. Als kultureller Bestandteil unserer Gesellschaft ragt das Schachspiel jedoch mit einer über 1000 Jahre alten literarischen Tradition, die in Bibliothekskatalogen mehr als 500.000 Titel weltweit umfasst, heraus und ist nicht nur auf diese Weise einzigartig. Erwähnung findet es u.a. anderem schon im "Buch der Spiele", ca, 1283/84 am Hofe des spanischen Königs Alfons des X. ("der Weise") fertig gestellt. Experten der Spielforschung halten dies für "das schönste und edelste Spielebuch der Kulturgeschichte". Im letzten Jahr erschien es in einer deutschen Übersetzung. Gerald Schendel stellt das Buch vor. Mehr...

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Schachmatt im siebenten Himmel
Von Gerald Schendel

Im Jahr 2009 erschien im "LIT VERLAG" Wien, bzw. Berlin Alfons X. "der Weise": Das Buch der Spiele. Übersetzt und kommentiert von Ulrich Schädler und Ricardo Calvo als Band I der Reihe "Ludographie - Spiel und Spiele". Der Internationale Meister, Arzt, Schachjournalist und Schachhistoriker Dr. Ricardo Calvo (1943-2002) erlebte die Veröffentlichung des Buches nicht mehr (Nachruf bei ChessBase) - er war ein anerkannter Experte insbesondere der Frühgeschichte und der Geschichte des Schachs in Spanien. Dr. Ulrich Schädler, Direktor des Schweizerischen Spielmuseums, hat schon zahlreiche Beiträge zu Würfel- und Brettspielen publiziert.

Es dauerte eine Weile, bis das Buch in der Schachwelt "ankam"; der Schachhistoriker Egbert Meissenburg veröffentlichte 2010 eine umfangreiche Rezension in der August-Ausgabe der Schachzeitschrift "Rochade Europa" (Nr.8/2010, S. 46-49).

Alfons X. (1221-1284), genannt "der Weise" und auch "der Astrologe", war ab 1252 König von Kastilien und León und von 1257 bis 1273 neben Richard von Cornwall während des Interregnums ungekrönter König des Heiligen Römischen Reiches. Sein handschriftlich verfasstes und ca. 1283/84 fertiggestelltes Spielebuch blieb bis in das 19. Jahrhundert hinein praktisch unbekannt. Die darin enthaltenen Miniaturen wurden von Florencio Janer 1874 bekannt gemacht. Im gleichen Jahr veröffentlichte der Schachhistoriker Antonius van der Linde die in Alfonsos Spielebuch enthaltenen Schachprobleme und 1881 eine deutsche Übersetzung des Schachkapitels mit Diagrammen der 103 Schachprobleme samt Lösungen.

Der Schwerpunkt der Forschung zu dem von König Alfons X. in Auftrag gegebenen Werk lag bislang auf dem Gebiet des Schachspiels.

Dieses älteste und mit seinen 150 farbigen Illustrationen vielleicht schönste Spielebuch beginnt in der Tat mit dem "Buch vom Schach" im engeren Sinne, enthält aber auch eine umfangreiche Darstellung anderer Würfel- und Brettspiele. Für Frauen, alte und schwache Männer, jene, die gerne freiwillig abgeschieden leben, für jene, die sich in fremder Gewalt befinden (in Gefangenschaft oder im Gefängnis), für Seefahrer "und überhaupt alle, die Langeweile haben, weil sie weder reiten noch auf die Jagd oder sonstwohin gehen können und deshalb notgedrungen zu Hause bleiben müssen", ordnete Don Alfonso an, ein Buch zu verfassen, in dem die Regeln der schönsten Spiele beschrieben sind. Das Schachspiel ließ er zuerst behandeln, weil "das Schach vornehmer ist und von größerer Meisterschaft als die übrigen".

Zur Begründung der Einteilung in drei Spielegruppen (Schach, Würfelspiel, Tricktrack) wird folgende Geschichte erzählt:
"Wie es in den alten Geschichtsbüchern heißt, gab es in Großindien einen König, der die Gelehrten sehr schätzte, sich mit ihnen umgab und sie häufig anhielt, über die Ursprünge der Dinge nachzudenken. Und drei von ihnen hatten unterschiedliche Auffassungen. Der eine meinte, dass der Verstand mehr wert sei als der Zufall, denn wer verstandesgemäß lebe, erledige seine Dinge auf geordnete Weise, und selbst wenn er einen Verlust erleide, trage er keine Schuld, denn er habe stets angemessen gehandelt.
Der andere behauptete dagegen, dass der Zufall mehr wert sei als der Verstand, denn wenn der Zufall es wolle, dass man verliert oder gewinnt, so könne kein noch so großer Verstand dem ausweichen.
Der dritte aber sagte, dass am besten leben könne, wer von beidem zu nehmen weiß, denn das sei Vernunft: Je mehr Verstand einer habe, desto größer sei seine Umsicht, wie er alles optimal regeln kann. Je größer andererseits das Glück sei, desto mehr Gefahr bestehe, denn das Glück ist nie sicher. Doch die rechte Klugheit bestehe darin, den Verstand zu benutzen, so man erkennt, dass er die meisten Vorteile bringt, sich aber des Glückes zu bedienen, wenn es einem hold ist, und den Schaden so gut als möglich zu begrenzen, wenn es einem nicht gewogen ist."

Der König befahl den Gelehrten, ihre Ansichten zu beweisen. So präsentierte der erste Gelehrte ein Schachbrett, der zweite legte Würfel vor, der dritte ein Tricktrack-Brett.

Wegen der Begründung für diese Einteilung der Spiele könnte man meinen, dass die im Spielebuch Alfonsos am Ende behandelten Spiele im Rang über dem Schachspiel stehen, doch unmittelbar im Anschluss an die Begründung für die Einteilung der Spiele und des Buches nennt der Text zwei weitere Gründe dafür, dass vom Schachspiel an erster Stelle die Rede ist: das Schachspiel sei "ein ruhigeres und ehrbareres Spiel ... als das Würfelspiel oder Tricktrack".

Zum Spielebuch Alfonsos sind inzwischen viele Materialien und Analysen - auch im Internet - veröffentlicht worden. Hier sei hervorgehoben: die mit 1.441 Seiten sehr umfangreiche Dissertation der US-amerikanischen Hispanistin Sonja Musser Golladay aus dem Jahr 2007 unter http://etd.library.arizona.edu/etd/GetFileServlet?file=file:///data1/pdf/etd/azu_etd_2444_1_m.pdf&type=application/pdf

Das Spielebuch Alfonsos schließt mit der Beschreibung zweier astrologischer Spiele. Das erste wird von Ulrich Schädler in seinem Kommentar "Sphärenschach" genannt, das zweite "Planeten-Tricktrack". Beide Spiele werden nicht zu den zuvor im Buch beschriebenen drei Gattungen von Spielen gerechnet, sondern bilden eine Gruppe für sich. Zu bedenken ist dabei, dass im 13. Jahrhundert noch kaum zwischen Sternkunde und Sterndeutung, zwischen Astronomie und Astrologie unterschieden wurde. Nach heutigem Sprachgebrauch geht es in dem Spiel "por astronomia" um ein astrologisches Spiel:

"Nachdem nun alle drei Gattungen von Spielen (...) behandelt (...) wurden (...), ist es nunmehr angebracht, eine völlig andere Art Spiel vorzustellen, die sehr vornehm, sehr wenig bekannt sowie sehr angemessen und von großem intellektuellen Reiz ist für die Gebildeten und hauptsächlich für diejenigen, die etwas von der Kunst der Astronomie verstehen. Und dieses neuartige Spiel ist nach den sieben Sphären, in denen sich die 7 Planeten befinden, und der achten, in der sich die 12 Tierkreiszeichen und die anderen Fixsterne befinden, gebildet. Und es zeigt, wie die Bewegungen eines jeden sind und wie sie aufeinander wirken (...)" Unterschieden werden positive oder negative Aspekte: Sextile, Trigone, Quadrate und Oppositionen sowie die Konjunktionen. Gespielt wird an einem runden Spielbrett mit sieben Außenseiten für die 7 Spieler, die jeweils einen Spielstein haben und 12 Spielmarken mit einem vorher vereinbarten Wert. Auf dem 8. Kreis außen befinden sich die Tierkreiszeichen Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische. Die anderen 7 Kreise entsprechen den 7 Himmelssphären, in denen sich die 7 Planeten bewegen (von außen nach innen): Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond. Gesteuert wird der Spielverlauf mit einem siebenseitigen Würfel. Je nach den Aspekten, die sich durch das Würfeln ergeben, gewinnen oder verlieren die Spieler ihre Spielmarken - bei einer Konjunktion gleich alle 12, so dass man auch im siebenten Himmel "schachmatt" werden kann.

Ulrich Schädler hält es für möglich, dass das Spielbrett von einem Plan zur Erstellung oder Veranschaulichung von Horoskopen abstamme; bereits im antiken Griechenland seien für magisch-astrologische Orakel zuweilen Würfel benützt worden. Dieser Gedanke passt zu der Hypothese von Ricardo Calvo, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen dem Urschach und der Zahlenmagie gebe.

Mit dem im Spielebuch Alfonsos beschriebenen Astro-Schach ergibt sich ein konkreter Zusammenhang zwischen Schach und Astrologie. Der promovierte Germanist, Autor und Astrologe Dr. Peter Schlapp verwies in seinem Werk "Astrologie. Zug um Zug" (Astronova, Tübingen 2007) vage auf eine gemeinsame Geschichte der Astrologie und des Schach und führt danach Analogien aus, geht jedoch nicht näher auf das von Alfons X. beschriebene Spiel näher ein.

Als "Sphärenspiel aus dem 13. Jahrhundert" wurde das alfonsinische Astro-Schach von Karin Zentner neu konzipiert und im Herbst 2010 auf der Salzburger Spielemesse in neuem Gewand vorgestellt. Laut einem Bericht des ORF soll das wiederbelebte "Sphärenspiel" für großes Interesse beim Publikum gesorgt haben.

Links:

Institut für Spielforschung
Schweizer Spielmuseum

 

 

 

 



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