Essenz aus Hoogeveen

30.10.2006 – Dank des Ergebnisses im direkten Vergleich gegen Co-Siegerin Judit Polgar ist Shakhriyar Mamedyarov der offizielle Sieger des Essent-Turniers in Hoogeveen. Beide Spieler kamen auf herausragende 4,5 Punkte in einem stark besetzten Viererfeld. Besonders für die "große alte Dame" des Schachs, Judit Polgar, für die auch die gegenteilige Charakterisierung ebenso zutreffend ist, ist dies im Hinblick auf ihre derzeitige Hauptbeschäftigung - Mutter zweier kleiner Kinder - ein großartiger Erfolg. Veselin Topalov zeigte kurz nach dem anstrengenden Wettkampf in Elista zwar nicht die Leistung vergangener Turniere, überzeugte aber durch Kampfeswillen. Evi Zickelbein besuchte das kleine niederländische Städtchen mit dem großen Turnier und berichtet auch von den Geschehnissen am Rande. Bericht und Bilder...

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10. Essent Schaaktoernooi  - Hoogeveen 2006
Eva Maria Zickelbein

Im goldenen Oktober war es endlich mal wieder an der Zeit, einen kleinen Ausflug nach Holland zu machen - da bot sich natürlich das 10. Essent Schaaktoernooi in Hoogeveen an!

Neben einem stark besetzten Open und zwei Amateurturnieren ist für die Schachfans natürlich vor allen Dingen der traditionelle Vierkampf zwischen dem besten Spieler der Welt, der besten Frau, dem besten Jugendlichen und dem besten Niederländer interessant. Es gelang den Organisatoren um Jeroen van den Berg wieder einmal, ein sensationelles Teilnehmerfeld zusammenzustellen: Veselin Topalov, mit knapp 1,5 Wochen Rekreationszeit nach der WM in Elista, Judit Polgar, die in Hoogeveen schon große Erfolge feiern konnte und nach kurzer Babypause nach der Geburt ihrer Tochter im Juli diesen Jahres wieder ans Schachbrett zurückkehrte, Shakhryar Mamedyarov, bärenstarker Vertreter der Jugend und Ivan Sokolov, bester Niederländer. Mit einem Schnitt von 2724 und Kategorie 19 ist dieses Turnier sicher eines der stärksten in diesem Jahr!



Traditionell findet das Turnier im Rathaus von Hoogeveen statt:

Hauptsponsor des Turniers ist seit vielen Jahren der Energiekonzern Essent, der natürlich auf bei der Flaggenparade vor dem Rathaus präsent ist:

 

Eine Besonderheit sind aber sicherlich die beiden Turnierbusse, in denen die Teilnehmer von den umliegenden Hotels und Campingplätzen zum Turnier chauffiert werden:

 

Heute sichteten wir sogar Topalov und sein Team in einem der Busse, ein Schnappschuss gelang mir aber leider nicht…

  
Weltklasseschach – und das noch ganz umsonst!

Auch im Rathaus ist alles auf Schach ausgerichtet:


Empfangs- und Informationstresen.



 

Die aktuelle Berichterstattung in der regionalen Presse ist wirklich beeindruckend!

Auch kulturell dominiert Schach an diesem Wochenende in Hoogeveen: Die beiden Aufführungen des Musicals Chess von Abba werden bestimmt nicht nur Chess-Nerds ins Theater locken…



Auch für die armen Raucher ist gesorgt: Im Innenhof ist ein „Rauchgarten“ eingerichtet, in dem sich die Süchtigen mehr oder weniger regelmäßig versammeln.

Neben diesem Schachturnier für prominente Bürger Hoogeveens läuft der normale Betrieb an den Schaltern des Rathauses weiter: Die Menschen beantragen Ausweise, Unterstützung oder informieren sich ganz einfach.



Die Kantine des Rathauses wurde zum Schaakcafé umfunktioniert, in dem täglich die Partien der Kronengruppe kommentiert werden:

Sehr humorvoll kommentiert Lex Jongsma, entführt die Zuhörer an die Ursprünge des Schachs und würzt seinen Vortrag mit vielen interessanten Anekdoten.

Der ehemalige niederländische Meister IM Gert Ligterink hat jeden Samstag eine Kolumne in der großen Tageszeitung Volkskrant. In diesem Jahr zog er sich zwar vom aktiven Schach zurück, doch fesselt seine Zuschauer dadurch nicht minder.

Direkt neben dem Spielsaal des Opens findet hinter in einer Art Glaskasten die Kronengruppe statt:

Die Zuschauer kleben an den Glasscheiben und sitzen in zwei Reihen mit im Raum. Die Züge werden von fleißigen Helfern auf große Demo-Bretter übertragen und die Partien sind außerdem auf zwei Brettern am Schiedsrichtertisch zu verfolgen:

Schiedsrichter im Open ist IM Rob Hartoch, der auch schon seit vielen Jahren immer wieder gern wiederkommt!

 

Hinter den Zuschauern hat sich Topalovs Manager Danilov postiert, der während der Partien im ganzen Gebäude herumtigert und nur ab und zu einen Blick auf die Partie seines Schützlings wirft. Übrigens ist das Toilet-Gate durchaus auch schon dazu geeignet, darüber Witze zu machen: Sowohl zwischen Judit Polgar und Veselin Topalov war dies schon ein Thema, als auch im Presseraum in Anwesenheit von Manager Danilov – der zum Glück kein Niederländisch versteht (siehe auch www.doggers-schaak.nl)...

Veslin Topalov zuversichtlich vor seiner Partie in der fünften Runde gegen Ivan Sokolov.

Die andere Paarung der fünften Runde lautete Judit Polgar gegen Shakhriyar Mamedyarov. Alle Fotographen stürzten sich beim Eintreffen der Stars augenblicklich auf diese Paarung, weil Judit das Turnier sensationell mit einem Punkt Vorsprung anführte!

Auch Judit Polgars Ehemann mischte sich unter die Fotographen, um Bilder für das Familienalbum zu machen.

Leider wurde es kein so guter Tag für seine Ehefrau – Judit opferte in einem Spanier im 18. Zug eine Figur und bekam leider nicht genug Gegenspiel. Im Presseraum, in dem ich mich freundlicherweise niederlassen und im Netzwerk der Organisatoren arbeiten durfte, wurde mit Hilfe diverser Engines fleißig analysiert – und nebenbei natürlich auch an der Internetseite, am Bulletin usw. gearbeitet. Die Atmosphäre ist sehr nett und entspannt – typisch niederländisch halt - und es war eine Freude, bei einem solchen Turnier hinter den Kulissen zu Gast sein zu dürfen!

 

Blick in die Perskamer von Hoogeveen. Rechts Laura Bensdorp neben Pressechef Tom Bottema und Cora van der Zanden.



Analyse auf Russisch: Judit Polgar und Shakhriyar Mamedyarov bei der Analyse im Presseraum. Durch seinen Sieg in der fünften Runde schloss der junge Aserbeidschaner zur bis dato führenden Judit Polgar auf – nach Rating-Performance ist er sogar erster!



Shakhriyar Mamedyarov und seine Schwester Zeinab bei der Analyse…



…während die kleine Schwester Turkan noch arbeiten muss:

Letzte Runde in der Kroongroep des Essent Schaaktournooi: Shakhryar Mamedyarov gegen Ivan Sokolov und Veselin Topalov gegen Judit Polgar.

Und diese letzte Runde hatte es noch einmal in sich: Fast sechs Stunden dauerten beide Partien, bis sich sensationell Judit Polgar mit Schwarz gegen Ex-Weltmeister Veselin Topalov durchgesetzt hatte und sich der unglückliche Ivan Sokolov im Bauernendspiel Shakhryar Mamedyarov geschlagen geben musste.

Austausch der Partieformulare zur Unterschrift: Veselin Topalov hat seine Stellung gegen Judit Polgar überreizt und besiegelte so die Doppel-Null gegen die stärkste Frau aller Zeiten.

Schlussstellung: Nach 56. … f5 gab Topalov auf.

Um danach zur Partie Mamedyarov gegen Sokolov hinüberzugehen, in der nach 51. g5! (der weiße König steht auf b3) der Aserbeidschaner ein gewonnenes Bauernendspiel erreicht hat.

Judit Polgars war währenddessen schon unterwegs zum Presseraum, um fleißig Autogramme zu schreiben: Und sich natürlich über das sensationelle Resultat von 4,5 aus 6 in einem solchen Weltklassefeld zu freuen:

Durch die Niederlage gegen Mamedyarov ist Judit Polgar zwar „nur“ Zweite, doch das wird ein kleiner Wehrmutstopfen sein: Hier freut sie sich mit GM Ian Rogers (rechts).

Weitere Fotos:

 

Echten, Vacantiepark Westerbergen:

Viele Teilnehmer wohnen etwa sieben Kilometer entfernt im Vacantiepark Westerbergen in Echten. Echten ist ein wirklich großes Dorf, das gerade seine 825-Jahr-Feier beging: Zwischen dem Ortseingang- und Ausgangschild liegen ca. 300 Meter. Die Organisatoren haben hier einige Bungalows gemietet, in denen vor allen Dingen niederländische Nachwuchsspieler untergebracht sind. So gibt es ein Utrecht-Haus, in dem die Spieler des Jugendteams (www.jeugdteam.nl) aus der ersten niederländischen Liga wohnen, ein Mädelhaus mit den Bensdorp-Schwestern Marlies und Laura, Arlette van Wersell und einigen Austaliern, sowie ein Apeldoorn-Haus, in das sich neben den Merijn van Delft, Freddie van der Elburg und Stefan Kuipers auch der Berliner Steve Berger eingeschlichen hat.

Das Wetter war die meiste Zeit so gut, dass sogar draußen „lekker gevoetbald“ werden konnte: 

IM Merijn van Delft, der australische IM David Smerdon und der Utrechter IM Thomas Willemze: Voller Einsatz vor dem Tor!

 

Bald-IM Robert Ris steigt zum Kopfball hoch: Roeland Pruijssers aus Apeldoorn im Tor erwartet den Ball – doch wo ist er??

Links geht Ali Bitalzadeh, der in der 8. Runde GM Rasul Ibrahimov schlug und vor der letzten Runde die IM-Norm schon sicher hat, mit einem unwiderstehlichem Solo. Torwart GM Jan Werle ist machtlos und IM Merijn van Delft trabt etwas unmotiviert in die Abwehr zurück – auf jeden Fall zu spät…

Der ehemalige Hamburger und Wahl-Berliner Steve Berger ist dafür bekannt, dass er gern mit Kopfbedeckung am Schachbrett sitzt. In Hoogeveen führte seine Mütze allerdings zu einiger Irritation als er, aus dem Raucher-Garten zurückkommend und durch den Spielsaal schlendernd, vom Schiedsrichter als verdächtiges Subjekt ausgemacht wurde und gefragt wurde, was er denn hier wolle.

Als er dem Schiedsrichter dann sein Brett zeigte, löste sich alles in Wohlgefallen auf und Steve erfuhr später, dass in den Niederlanden eigentlich nur „Problemkinder“ eine Mütze tragen…

Schachlegende Vlastimil Hort.

Elo-Favorit Mikhail Gurevich findet sich vor der letzten Runde in der Vorfolgergruppe wieder und konnte nach dem schnellen Remis an Tisch 1 in der Paarung Evgeny Postny, Evgeny gegen Ivan Cheparinov mit einem Sieg gegen Ali Bitalzadeh nur noch den geteilten dritten Platz erreichen.

Topalovs Sekundant Ivan Cheparinov begnügte sich in der letzten Runde mit einem schnellen Remis gegen Verfolger Postny. Nun hing es vom  Ausgang der niederländischen Paarung an Tisch 2, Jan Werle gegen Erwin L’Ami, ab, ob er alleiniger Turniersieger sein wird oder ob einer der jungen Niederländer zu ihm aufschließen kann.

GM Erwin L’Ami – nach einem überzeugenden Turnier mit Niederlage in der letzten Runde gegen Landsmann Jan Werle.



GM Jan Werle aus Groningen schlug in der achten Runde seinen Groninger Freund GM Sikpe Ernst und in der neunten Erwin L’Ami  starkes Finish und geteilter Turniersieg – Glückwunsch!



Sipke Ernst erspielte sich vor zwei Wochen beim Europacup in Österreich seine letzte GM-Norm – herzlichen Glückwunsch!

 

Bisher nicht das Turnier von WIM Marlies Bensdorp, die für den Hamburger SK in der Frauen-Bundesliga aktiv ist.

GM Zaoquin Peng spielte ein tolles Turnier -  mit 5 aus 8 musste sie in der letzten Runde gegen GM Ian Rogers antreten und verlor.



GM Ian Rogers.

 

7. Runde im Amateurturnier 1: Heijme Breederveld gegen Lidy Paalman-Schonewille, deren Blindenhund treu auf den Ausgang der Partie wartet und sich auch von der aufdringlichen Fotografin nicht stören ließ:

 

Kleine Erfrischung zwischendurch…

…aber manchmal ist Schach schon ziemlich langweilig:

 

 

 

 

 

 

 

 



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