Ein fünf Mio. Dollar Match

29.05.2012 – Das Moskauer WM-Match wird größtenteils vom Transportunternehmer Andrej Filatow bezahlt. Filatow war selber ein begabter Schachspieler und studierte seinerzeit mit Boris Gelfand und Ilja Smirin am Sportinstitut in Minsk. Während die anderen beiden mit Schach weiter machten, unternahm Filatow mit Freunden erste Geschäfte. Heute besitzt er die Aktienmehrheit eines riesigen Transportunternehmens, dem u.a. 60.000 Güterwaggons gehören. Außer dem Honorar fallen bei einem WM-Match vielerlei Aufwendungen an, für Unterbringung, Organisation, Kommentierung etc. Im Interview mit Dagobert Kohlmeyer nennt der Schachmäzen eine Zahl von über fünf Mio. Gesamtkosten und berichtet, wie es dazu kam, dass ein WM-Kampf wieder mal in Moskau stattfindet. Zum Interview...

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„Das Match kostet mindestens fünf Millionen Dollar“
Interview mit Andrej Filatow
Von Dagobert Kohlmeyer

Ohne ihn hätte das WM-Match in Moskau nicht stattgefunden: Andrej Filatow ist Hauptsponsor des Ereignisses, das die Schachwelt noch bis morgen mit Spannung in die Tretjakow-Galerie schauen lässt. Mit sechs Jahren erlernte er das Schachspiel von Freunden. Seither lässt der Denksport den 40-jährigen Unternehmer und Gelfand-Freund nicht mehr los. In Moskau hatte Dagobert Kohlmeyer Gelegenheit, mit dem solventen Schachmäzen Filatow zu sprechen.  

Andrej, hatten Sie das Talent, ein großer Spieler zu werden?

Ich weiß nicht. Dann würde ich jetzt hier um die Krone spielen (lacht). Im Kinder- und Jugendbereich habe ich Wettbewerbe gewonnen und brachte es bis zum Meisteranwärter. Daraufhin kam ich in ein Sportinternat, wo ich Schach studierte.

Stimmt es, dass Sie schon als Jugendlicher bei einem WM-Match der beiden großen K aktiv waren?

Ich hatte damals die Ehre, beim WM-Kampf Karpow-Kasparow 1985 in Moskau am Demonstrationsbrett die Züge vorzuführen. Das war eine große Freude für mich.

Wer sind Ihre schachlichen Vorbilder?

Die früheren Weltmeister Alexander Aljechin und Michail Botwinnik. Vom Schachstil her hat mir auch Jefim  Geller sehr gefallen.

Und wie lange kennen Sie Boris Gelfand schon?

Seit dem Jahre 1990. Wir studierten gemeinsam am Sportinstitut in Minsk. Auch Großmeister Ilja Smirin war dort. Seither sind wir alle drei miteinander befreundet.

Wann sind Sie in die Wirtschaft gegangen?

Schon während der Studentenzeit. Als ich im dritten Studienjahr war, fiel die Sowjetunion auseinander. Es war ein großer Umbruch und die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr schwierig. Auch als Student musste man irgendwie überleben.

Was taten Sie?

Mich interessierten schon immer die Logistik und der internationale Handel. Gemeinsam mit Freunden überlegte ich, was man tun könne. Wir kauften Waren ein, zum Beispiel Bügeleisen oder Kaffeemaschinen, fuhren nach Polen und versetzten sie dort. Das war der Einstieg ins Geschäftsleben.


Andrej Filatow und FIDE-Chef Kirsan Iljumschinow

Heute leiten Sie den Konzern N-Trans. Was ist das für eine Firma?

Das größte private Transportunternehmen in Russland. Es verfügt über eine Eisenbahn- und eine Schifffahrts-Gesellschaft. Beide versorgen die russische Wirtschaft.  Wir haben 60 000 Waggons, die Erdöl, Metalle und andere Rohstoffe transportieren. Die zweite Richtung sind unsere Hafen-Aktivitäten in verschiedenen Regionen. Unsere Containerschiffe versorgen nicht nur die eigene Wirtschaft. Sie werden auch im Import und Export eingesetzt.

Wie viele Mitarbeiter hat Ihr Unternehmen?

Eine genaue Zahl kann ich beim besten Willen nicht nennen, denn wir wachsen ständig. Gerade haben wir wieder ein Eisenbahnunternehmen gekauft. 

Die Forbes-Liste führt Sie als Milliardär. Wie viel Geld verdienen Sie im Jahr?

Unser Unternehmen ist transparent. Schauen Sie ins Internet. Dort werden die Geschäftszahlen veröffentlicht. Ich verdiene wie alle anderen Aktionäre nur etwas, wenn wir eine Dividende erwirtschaften. Jedes Jahr auf der Aktionärsversammlung wird sie verkündet, und danach erhalte ich meinen Gewinnanteil.  


Mammutfiguren für die Galerie

Was für ein Gefühl war das, als Sie ihre erste Million auf dem Konto hatten?

Solche Zahlen wecken in mir keine besonderen Emotionen. Mehr Gefühl entwickle ich Menschen gegenüber, zum Beispiel den engagierten Mitarbeitern unseres Unternehmens. Gemeinsam erbringen wir eine Leistung und schaffen Werte. Das zählt mehr als jede Geldsumme.

Wie kam es, dass Sie Sponsor der Schach-WM wurden?

Gleich nach seinem Sieg im WM-Kandidatenturnier besuchte mich Boris Gelfand zu Hause in Moskau. Wir unterhielten uns intensiv, und ich fragte: „Wo wird das Finale sein?“ Boris sagte, dass noch kein Ort feststehen würde. Ich war der Meinung, dass Moskau sich unbedingt bewerben sollte.

Warum die russische Hauptstadt? Beide Spieler kommen aus anderen Ländern.

In Russland gibt es eine große Schachtradition. Ich sah es als sehr wichtig an, nach so langer Zeit wieder ein WM-Match in Moskau zu veranstalten. Und mit der Tretjakow-Galerie fanden wir ein großartiges Ambiente, das die Verbindung von Schach und Kunst deutlich macht. Beides gehört meiner Meinung nach zusammen.


Filatow mit Tochter und Mutter

Wie viel kostet das Match insgesamt?

Noch ist es nicht zu Ende, aber mindestens fünf Millionen US-Dollar. Neben dem Preisgeld gibt es ja auch jede Menge Organisationskosten.

Zahlen Sie das alles allein?

Nein, es gibt noch einen zweiten großen Sponsor, den Unternehmer Gennadi Timtschenko. Nachdem Moskau den Zuschlag als WM-Ort erhalten hatte, rief er mich an und sagte: „Ich beteilige mich, warum sollst du alle Kosten allein tragen.“ Ein feiner Zug von ihm.


Gennadi Timtschenko

Auch im Rahmenprogramm wurde sehr viel geboten. Von der Eröffnung, über Live-Kommentierungen von Supergroßmeistern bis zu Simultanspielen von Karpow und Kasparow.

Alle haben für kleines Geld oder sogar umsonst gespielt. Zum Beispiel verzichtete der Weltklassepianist Denis Mazujew, der zur WM-Eröffnung auftrat, auf sein Honorar.

Werden Sie den Schachsport auch weiter unterstützen?

Ja, das habe ich vor. Ich tue es doch schon seit einiger Zeit.  Jedes Jahr veranstalte ich in der Ukraine ein Kinderturnier zum Gedenken an meinen früheren Trainer. Dieses Memorial findet in Dnepopetrowsk statt.

Sie haben auch die Grabstätte von Alexander Aljechin in Paris restaurieren lassen. Wie kam es dazu?

Ich sah damals eine Reportage im Fernsehen, wo über den großen Sturm in Paris berichtet wurde. Ein Baum stürzte auf den Grabstein des russischen Schachweltmeisters, worauf dieser völlig zerstört wurde.

Ein reiner Zufall…

Ja. Dank eines Moskauer Journalisten, der darüber berichtete, erfuhr ich zufällig davon, dass die Aljechin-Gedenkstätte so sehr beschädigt wurde. Weil die Schachszene keine Mittel für die Restaurierung aufbringen konnte, habe ich die Kosten übernommen.

 

 

 

 


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