Ein knapp verpasster Rekord: Viktor Kortschnoi gegen die Weltmeister

von Johannes Fischer
04.01.2024 – Viktor Kortschnoi (23. März 1931 bis 6. Juni 2016) hat im Laufe seiner langen Schachkarriere gegen Botvinnik, Smyslov, Tal, Petrosian, Spassky, Fischer, Karpov, Kasparov und Carlsen gewonnen. Er selbst wurde nie Weltmeister, aber eigentlich, so könnte man denken, „konnte er jeden schlagen“. Das ist jedoch nur ein Klischee. Denn obwohl Kortschnoi im Laufe seines Lebens insgesamt 17 Partien mit klassischer Bedenkzeit gegen Anand und Kramnik gespielt hat, kam er weder gegen den einen noch den anderen je zu einem vollen Punkt. | Foto: Viktor Kortschnoi bei der Schacholympiade 1960 in Leipzig | Foto: Turnierbuch

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Wäre ihm in diesen 17 Partien nur ein einziger Sieg gelungen, hätte Kortschnoi gegen zehn der 17 Weltmeister der Schachgeschichte mindestens eine Partie im klassischen Schach gewonnen und damit einen weiteren Rekord in seiner an Rekorden nicht armen Schachkarriere aufgestellt.

Co-Rekordhalter in der Kategorie "Mindestens einen Sieg gegen einen der 17 Weltmeister in einer Partie mit klassischer Bedenkzeit" ist Kortschnoi allerdings trotzdem. Allerdings teilt er sich diese Ehre mit Paul Keres und Alexander Beliavsky, die genau wie Kortschnoi im Laufe ihrer Karrieren in Partien mit langer Bedenkzeit gegen neun Weltmeister gewinnen konnten. Wobei diese Statistik außer Acht lässt, ob diese Siege gegen spätere, amtierende oder ehemalige Weltmeister erzielt wurden.

So spielte Kortschnoi nur ein einziges Mal gegen Magnus Carlsen, beim Smartfish Masters in Drammen 2004. Carlsen war da bereits Großmeister, aber dennoch gerade erst einmal 14 Jahre alt und natürlich noch nicht so stark und erfahren wie später. So gelang dem damals 73-jährigen Kortschnoi ein angesichts des Alters der beiden Kontrahenten zwar beeindruckender, aber dennoch routinierter Sieg, der ihm gegen einen älteren Carlsen wohl nicht mehr geglückt wäre.

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Magnus Carlsen 2004 | Foto: Giorgio Gozzi

Carlsen behandelte die Eröffnung ungenau, geriet im Mittelspiel positionell unter Druck und verlor einen Bauern. Das dann entstehende Turmendspiel gewann Kortschnoi ohne Probleme.

Doch gegen Vishy Anand (geboren 1969 und Weltmeister von 2007 bis 2013) und Vladimir Kramnik (geboren 1975, Weltmeister von 2000 bis 2007) hatte Kortschnoi weniger Glück. Seine erste Partie gegen Anand spielte Kortschnoi in Wijk aan Zee 1990, dem Jahr, in dem sich Anand beim Interzonenturnier in Manila im Alter von 21 Jahren erstmals für das Kandidatenturnier qualifizieren konnte – und nach 28 Zügen endete dieses Duell ohne große Aufregung mit Remis.

Vishy Anand bei der Schacholympiade 1990 in Novi Sad | Quelle: ChessBase India

Doch in den sechs Partien mit klassischer Bedenkzeit, die Anand und Kortschnoi in den darauffolgenden zehn Jahren gegeneinander gespielt haben, bis sie beim Turnier in Wijk 2000, genau ein Jahrzehnt nach ihrem Auftaktduell, zum letzten Mal aufeinandertrafen, dominierte Anand mit vier Siegen und zwei Remis deutlich. Am Ende lautete die Gesamtbilanz 5,5-1,5 für Anand und das Ergebnis der Blind- und Schnellpartien zwischen den beiden war mit 9-1 zugunsten von Anand (+8, =2) sogar noch klarer.

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Als Viswanathan Anand auf der europäischen Schachbühne erschien, hatte er in Indien schon einige Erfolge erzielt, die indischen Jugendmeisterschaften und als Jugendlicher auch die Landesmeisterschaften der Erwachsenen gewonnen. Mit gerade einmal 14 Jahren wurde Anand 1984 für die Schacholympiade in die indische Nationalmannschaft berufen. 1987 wurde er Juniorenweltmeister, 1988 verlieh die die FIDE dem 19-jährigen den Titel eines Großmeisters.

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Gegen Kramnik spielte Kortschnoi von ihrem ersten Aufeinandertreffen bei der Mannschaftsweltmeisterschaft in Luzern 1993 bis zum Turnier in Wijk 2000 insgesamt zehn Partien mit klassischer Bedenkzeit, aber auch hier konnte Kortschnoi kein einziges Mal gewinnen: Mit fünf Siegen und fünf Remis hatte Kramnik am Ende mit 7,5-2,5 die Nase vorne, und auch in Schnell- und Blindpartien dominierte Kramnik mit 4-1 (+3, =2).

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Vladimir Kramnik | Foto: Guido Kohlen

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Die größte Chance, gegen Kramnik oder Anand eine dieser 17 Partien mit klassischer Bedenkzeit zu gewinnen, hatte Kortschnoi gegen Anand beim Turnier in Tilburg 1991. Kortschnoi spielte mit Schwarz und übernahm in einem Franzosen mit energischem Spiel bald nach Abschluss der Eröffnung die Initiative und erreichte schließlich ein vorteilhaftes, aber schwieriges Doppelturmendspiel, in dem er dann jedoch den Sieg verpasste.

Posthum könnte Kortschnoi trotzdem alleiniger Rekordinhaber in der Kategorie "Mindestens einen Sieg gegen einen der Weltmeister in einer Partie mit klassischer Bedenkzeit" werden – nämlich dann, wenn ein Spieler, gegen den Kortschnoi im Laufe seiner Karriere gewonnen hat, Weltmeister werden sollte. Zum Beispiel Fabiano Caruana.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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