Ein Trainingslager mit Sergey Tiviakov

von ChessBase
24.01.2019 – Sergey Tiviakov, Großmeister, fleißiger Autor und viel beschäftigter Schachtrainer, nahm diese Woche bei ChessBase neue DVDs zu Eröffnungssystemen auf. Anfang des Jahres hatte er in Weißrussland ein Trainingscamp geleitet und dem Verband seine Eindrücke geschildert. Wir geben sein Interview hier in deutscher Übersetzung wieder. | Foto: André Schulz

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Ein aktiver Jahresbeginn

Anfang des Jahres, vom 3. bis 12. Januar, fanden in Orscha die Jugend-Trainingslager des Weißrussischen Schachverbandes statt. Teilgenommen haben sieben junge Schachspieler mit einer Elozahl über 2150: Michail Nikitenko, Olga Badelko, Vyacheslav Zarubitsky, Maxim Tsaruk, Gleb Galkin, Denis Lazovik und Artem Sinyavsky.

Großmeister Sergey Nikolaevich Tiviakov hat dort zehn Tage lang den weißrussischen Nachwuchs trainiert. Es war das erste Mal, dass ein derartiges Trainingscamp in Weißrussland stattfand. Neben den täglich sechsstündigen Trainingseinheiten lag ein Großteil der Akzente auf Fitness und Erholung der Teilnehmer: Eislaufen, Bowling, Schwimmbad usw. Der Trainer und die Teilnehmer haben in einem Interview für die Verbandsseite openchess.by vom Ablauf des Trainingscamps berichtet. Dies ist ein Nachdruck in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Weißrussischen Schachverbandes.

Ende Januar reiste Sergey Tiviakov nach Hamburg und nahm bei ChessBase Eröffnungs-DVDs auf, die in einigen Wochen erscheinen werden.

Sergey Tiviakov | Foto: André Schulz

Sergey Tiviakov hat in der Vergangenheit schon eine Reihe von DVDs aufgenommen und sich mit seinen an der Praxis orientierten Themen eine große Fangemeinde aufgebaut.

Sergey Tviakov bei ChessBase...

Sergey Tiviakov

Da ich schon seit langem als Trainer unterwegs bin und viele junge Schüler habe, hatte ich vor der Anreise gewisse klischeehafte Vorstellungen. Doch die Ergebnisse haben meine Erwartungen übertroffen. Alle Teilnehmer waren sehr zielstrebig, ordentlich und körperlich fit. Ich hatte erwartet, dass sie schnell ermüden würden bzw. der starken Belastung nicht standhalten würden: zehn Tage in Folge, täglich sechs Stunden Training ist schon sehr hart. Doch alle haben es gut geschafft, sie waren stets hochkonzentriert und haben von der ersten Stunde an gut gearbeitet.

Foto: Nadezhda Kravchuk

Wie schätzen Sie das Spielniveau der Schüler ein?

Ich habe mit einer niedrigeren Spielstärke gerechnet. Viele haben Potenzial und ich gehe davon aus, dass sie zukünftig gute Leistungen erbringen werden. Einige Teilnehmer haben mich sehr stark beeindruckt.   

Können Sie Namen nennen?

Vyacheslav Zarubitsky, Michail Nikitenko und Olga Badelko sind im Grunde schon gut etablierte Schachspieler. Mehr kann man dazu nicht sagen. Von den jüngeren Teilnehmern machte Denis Lazovik einen sehr guten Eindruck auf mich. Er zeigte ein tiefes Verständnis für bestimmte Spielbereiche und schlug häufig gute Lösungen vor. Natürlich sollte man die restlichen Teilnehmer auch erwähnen, denn alle haben sich bemüht und gut gearbeitet.          

Sind Sie mit dem Ablauf des Trainingslagers zufrieden?

Die Zeit, die wir zur Verfügung hatten, wurde so optimal, wie es nur ging, ausgenutzt. Noch nie hatte ich ein Trainingslager dieser Art, bei dem innerhalb von 10 Tagen so viel geschafft wurde: Die Intensität und die Geschwindigkeit beim Durchnehmen des Lernstoffes waren unglaublich hoch. Derartige Erfahrungen hatte ich selbst bei der Arbeit mit viel stärkeren Spielern nicht machen können. 

Was glauben Sie? Warum ist das so?

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Disziplin. Keiner ist je zu spät erschienen, alle waren überpünktlich. Während des Trainings gab es kein Gerede untereinander, keine Ablenkungen, kein Spielen mit dem Smartphone oder dem Computer. Sie haben sich nicht gegenseitig abgelenkt, sondern waren die ganze Zeit mit den Schachaufgaben beschäftigt. Diese ausgezeichnete Disziplin ist im Grunde für junge Schachspieler ungewöhnlich. Das hat mich beeindruckt. Natürlich ist die Arbeit unter solchen Umständen sehr angenehm. Man sieht, dass man sich nicht umsonst bemüht. Stark beeindruckt hat mich ebenfalls, dass alle Teilnehmer sich Notizen machten, während ich sprach. Jemand hat sogar mehrere Hefte vollgeschrieben.               

Nach sechs Stunden Training waren alle müde, doch zurück in ihren Zimmern haben sie sofort die oben erwähnten Notizen in ihre PCs eingegeben. Manche kamen noch abends an, um zu blitzen oder Schachaufgaben zu lösen. Es war offensichtlich, dass die Kids das Schachspiel lieben und sich nicht nur die Zeit vertreiben. Es war sehr angenehm, mit dieser Gruppe zu arbeiten.        

Gibt es etwas, das Sie von den Teilnehmern während der 10 Tage gelernt haben?  

Wenn man jung ist, hat man Ehrgeiz, möchte alles erreichen. Mit der Zeit ändern sich die Ziele, und bei manchen verschwinden sie vollständig. Wir müssen uns die Leistungsfähigkeit, Zielstrebigkeit und Motivation der Kinder anschauen und davon lernen, weil die Kids wirklich etwas erreichen und verändern wollen.  

Was ist das Besondere, wenn man mit Sportlern dieser Altersstufe arbeitet?

Die Besonderheit an der Gruppenarbeit ist, dass es nicht immer gelingt, an den Schwächen und Problemen jedes einzelnen Gruppenmitgliedes zu arbeiten. Das Durchnehmen des Lernstoffes basiert auf Allgemeinwissen, d.h. allgemein auf Spielverbesserung, ohne die konkreten Besonderheiten des Einzelnen zu berücksichtigen.      

Wie würden Sie Ihre Trainerarbeit beschreiben?

Mit 7 Jahren gehörte ich zu den Schülern der Smyslov-Schule, an der hervorragende Trainer gearbeitet haben. Ich weiß, dass die Unterrichtsmethoden dort sowohl bei mir, als auch bei anderen Schachschülern der Smyslov-Schule funktioniert haben. Ich erfinde das Rad nicht neu, sondern verwende einfach die Methoden, die garantiert zu guten Ergebnissen führen. Trainingsmethoden bzw. Vorbereitungen sollten nur dann geändert werden, wenn es keinen Fortschritt gibt. Darüber kann man viel diskutieren. Normalerweise macht jeder, mit dem ich arbeite, fortschritte. Selbstverständlich hängt auch vieles von der selbstständigen Arbeit ab.

Die Trainingslager, die ab und zu stattfinden, sind kein Allheilmittel. Wenn das so einfach wäre: 1-2 Trainingslager und schon wird man Großmeister. Für die Verbesserung der Spielstärke ist das selbstständige Arbeiten sehr wichtig. Am Ende des Trainingslagers hat jeder einen Übungsplan bekommen, nach dem er selbstständig einige Monate, d.h. bis zum nächsten Trainingslager, arbeiten muss.

Wenn die Schachspieler das selbstständige Arbeiten erledigt, die gesetzten Ziele erreicht und die Bücher gelesen haben, wenn sie angefangen haben, die Eröffnungen, die wir durchgenommen haben, praktisch anzuwenden, dann kann man über weitere Entwicklungsmöglichkeiten reden. Ganz gleich, wie talentiert ein Schachspieler auch sein mag, wenn er nicht selbstständig arbeiten kann oder es nicht gelernt hat, so wird er es nicht weit bringen.

Alle spielen in den nächsten eineinhalb Monaten mehrere Turniere und haben die Möglichkeit, sich zu beweisen, zu zeigen, dass sie Fortschritte machen. Ich hoffe, dass mein Aufenthalt in Weißrussland nicht der letzte war, und dass wir unsere Arbeit fortführen werden. Irgendwann kann man über konkrete Ergebnisse und über Anpassungen der Vorgehensweisen reden. Schauen wir mal, wie sich die Zusammenarbeit in der Zukunft entwickeln wird.      

Erzählen Sie uns über Ihre Eindrücke aus Weißrussland?

Ich bin nicht zum ersten Mal in Weißrussland. Man könnte sagen, dass meine Schachkarriere  hier begann. Bei der UdSSR Meisterschaft 1989 U 16 in Pinsk wurde ich erster, was mir das Tor zum Weltschach öffnete. Und vor einigen Jahren spielte ich beim Bronstein-Memorial in Minsk. In Weißrussland kenne ich mich gut aus, hier habe ich viele Schachfreunde, vermisse nichts und fühle mich wie zu Hause. An dieser Stelle möchte ich mich beim Vorstand des Schachbundes in Weißrussland für die Einladung zu diesem Trainingslager bedanken. Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit fortgesetzt und bald Früchte tragen wird.

Die kommenden Großmeister | Foto: Nadezhda Kravchuk

Michail Nikitenko

Von diesem Trainingslager kann ich nur Positives mitnehmen, da wir viel geleistet haben, sowohl für die Schachausbildung, als auch die körperliche Kondition. Die Übungen waren abwechslungsreich, das Kulturprogramm gut organisiert. Ebenfalls anders als bei anderen Trainingslagern war die Dauer – wir haben täglich 6 Stunden trainiert. Beim Training haben wir zwischen Eröffnung, Strategie und Taktik variiert. Zum Schluss bekamen wir ein Übungsprogramm, was sehr hilfreich ist. Ich wollte eine gute Zusammenarbeit, dann meine Schwächen aufdecken und neue Ziele setzen, sodass ich in einer ganz bestimmten Richtung arbeiten kann. Man muss sich mehr mit Endspielen befassen. Wie Sergey Nikolaevich schon sagte, eine Endspiel-Verbesserung bringt Punkte, die ich früher oft genug verloren habe. Mein nächstes Turnier ist das Moskau Open, Ende Januar. Dort werde ich sehen, wie ich ins neue Jahr starte.                 

Olga Badelko

Dieses Trainingslager war extrem produktiv, danach war ich sehr müde. Jetzt stehen zwei Turniere an und ich habe 4 Tage Zeit, um mich zu erholen. Vor dem Trainingslager wollte ich mich taktisch verbessern. Der Trainer ist aber ein eher positioneller Spieler und die Übungen bezogen sich vorwiegend auf Strategie und Eröffnung. In dieser Hinsicht war ich sehr zufrieden.

Nach dem Trainingslager fühlte ich mich sicherer.          

Vyacheslav Zarubitsky

Mir hat es gefallen, neue Eröffnungsideen einzustudieren. Das finde ich sehr nützlich, da ich früher nie so gespielt habe. Ich habe neue Kniffe gelernt, erinnerte mich auch an Dinge, die ich mal gelernt hatte. Vor dem Trainingslager hatte ich das Ziel, mein Eröffnungsrepertoire für beide Farben zu verbessern. Das Training half mir, meine Schwächen und Stärken zu erkennen. 

Sergey Nikolaevich rechnet meistens nicht so viel, sondern spielt positionell. Bei mir ist es irgendwie ähnlich. Das positionelle Spiel ist, glaube ich, meine Stärke.   

Maxim Tsaruk

Das war mein zweites Trainingslager. Mir hat es sehr gefallen, dass wir in der Freizeit körperliche Aktivitäten hatten und dass unser Trainingsprogramm sehr abwechslungsreich war. Vor dem Trainingslager hatte ich mir vorgenommen herauszufinden, woran ich arbeiten muss, die Ratschläge und Empfehlungen unseres Trainers zu beherzigen. Ich möchte mich bei all denen bedanken, die das Trainingslager und das Programm organisiert haben. Demnächst werde ich an einem internationalen Rundenturnier in Orscha teilnehmen. Ein für mich sehr wichtiger Start.         

Gleb Galkin

Die Trainingseinheiten waren gut, die Eindrücke positiv. In der ersten Tageshälfte haben wir unsere Verteidigung verbessert, in der zweiten Eröffnungen einstudiert. Es gab taktische Übungsaufgaben. 

Das war mein erstes Trainingslager. Die erste Trainingseinheit war wie üblich, wir sind ja gewöhnt, Stellungsaufgaben zu lösen. Die zweite bezog sich auf Theorie, hier musste man mitschreiben, um später zu Hause üben zu können. Wir lösten viele verschiedene Stellungstypen, der Trainer lehrte uns Verteidigungskniffe, teilte mit uns seine Erfahrungen, zeigte uns seine Sicht der Dinge. Die Anforderungen an uns waren sehr vielseitig. Anfangs fiel es schwer, gleich nach dem Aufstehen Fitness zu machen, danach haben wir uns daran gewöhnt. Abends fuhren wir Schlittschuh oder spielten Fußball.

Denis Lazovik

Bei diesem Trainingslager haben wir morgens Aufgaben gelöst und abends Eröffnungen einstudiert. Die Aufgabenstellungen waren schwierig. Abends waren wir auf der Eisbahn, im Pool oder haben Fußball gespielt. Ich werde beim Turnier in Orscha mein Bestes geben.

Artem Sinyavsky

Mir hat das Trainingslager gefallen: Die Konditionen waren gut, der Trainer auf sehr hohem Niveau; er hat alles verständlich erklärt. Ich habe viel gelernt, neue Eröffnungen einstudiert. Das neue Wissen kann ich beim nächsten Turnier in Orscha anwenden.    

Nadezhda Kravchuk (für openchess.by)

Übersetzung: Vera Jürgens

Nachdruck des Originalartikels ... 

 




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