Vor dem Endspurt
Von Misha Savinov

Buddhistische Zeugnisse in Elista

Es ist wirklich ein Glück, dass das Match in
Elista weitergegangen ist. Die unerschütterliche Position beider
Konfliktparteien hätte zum größten Skandal in der Schachgeschichte führen
können. Doch im letzten Moment änderte Vladimir Kramnik seinen Standpunkt und
erschien zur Partie.

Ich weiß nicht, ob wir einen neuen Kramnik
gesehen haben, dem die Zuschauer wirklich am Herzen liegen,


oder ob seine Entscheidung durch gewissen
politischen Druck beeinflusst wurde, so oder so aber sollten wir alle Vladimirs
Schritt applaudieren.

Er rettete nicht nur das Match, sondern
steigerte auch seine eigene Popularität auf der ganzen Welt. Und umgekehrt – die
ständigen Beschwerden von Topalovs Manager Silvio Danailov haben lediglich
bewirkt, viele Leute gegen den bulgarischen Spieler einzunehmen.

Nachdem das gesagt ist, möchte ich gern den
Konflikt beiseite lassen und mich auf die schachlichen Ereignisse der letzten
zwei Tage konzentrieren. Durch den Sieg in Partie 8 als Schwarzer konnte Topalov
das Ergebnis ausgleichen und, was noch wichtiger ist, Kramnik endlich am Brett
besiegen, zum ersten Mal in diesem Match. Dies versprach einen aufregenden Kampf
in der 9. Begegnung. Doch die Wirklichkeit sollte alle Erwartungen übertreffen.
Topalov und Kramnik kamen gleichzeitig an.
Die Fotografen zogen zu Vladimirs Wagen – naja, die meisten…

Topalov trifft ein
Veselin erschien wieder als Erster am Brett.
Er brannte sichtlich darauf, den Kampf zu beginnen, und seine Energiewellen
erreichten auch den hintersten Winkel des Spielsaals. Derartige Energiestöße
bewirken eine Reihe von Ereignissen: Eine Minute, bevor die Partie begann, ließ
ein Fernsehmensch seine Kamera auf meinen Kopf knallen;

die Qualität der Handykommunikation hat
deutlich nachgelassen; Russland vermochte Israel nicht im Fußball zu schlagen
usw. Ich bin sicher, dass Topalov zumindest teilweise für all diese Geschehnisse
verantwortlich ist.
Die energischen Bauernvorstöße des Bulgaren
kamen für Kramnik eindeutig überraschend. Offenbar konnte der Champion im
klassischen Schach nicht an die Wahrscheinlichkeit glauben, einen
Eröffnungsvorteil dadurch erreichen zu können, indem man wie sein Gegner
überwiegend Bauernzüge macht. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass der Vorteil
von Weiß echt ist, verfiel Vladimir schnell ins andere Extrem und bewertete
seine Stellung als gänzlich hoffnungslos. Dieses Eingeständnis in der
Pressekonferenz kam für unseren neuen Match-Kommentator Vladimir Belov sehr
überraschend. Belov, ein ironischer und engagierter junger Mann, Schüler von
Sergey Shipov sowohl als Schachspieler als auch in Sachen Kommentierung, konnte
kaum fassen, dass es möglich ist, ein Weltmeisterschaftsmatch mit derart
niedrigen Energiereserven zu bestreiten...

Belov
Der schachliche Gehalt der Partie 9 lässt
sich leicht zusammenfassen. Topalov brachte eine Neuerung (Dank an Vallejo);
Kramnik reagierte auf schlechte Weise und warf in schlechter Stellung
buchstäblich das Handtuch. Es war eine äußerst einseitige Partie; ein bequemer
Sieg für Weiß, eine Katastrophe für Schwarz. Reichhaltiger ist allerdings der
nichtschachliche Inhalt (man könnte ihn auch ‘spekulativ’ nennen), und ich werde
versuchen, auch diesbezüglich meine Eindrücke mitzuteilen.


Bei der Pressekonferenz wiederholte Kramnik
erneut, dass er von der Niederlage unbeeindruckt sei, und bemängelte seine
Eröffnungsvorbereitung. Er scherzte, lächelte und ließ sich auch durch prüfende
Fragen nicht aus der Ruhe bringen.

Er fügte sogar hinzu, dass er dadurch, dass
er die Partie vor 19 Uhr verloren habe, sogar Zeit hätte, sich das
Qualifikationsspiel Russland-Israel anzusehen.

Vladimirs Vorstellung insgesamt hinterließ
stark den Eindruck, dass der Weltmeister vorzeitig feststehen wird, da Topalov
gute Chancen besitzt, alle restlichen Partien zu gewinnen, wie Fischer gegen
Petrosian.
Doch dieses Trugbild ließ Veselin in wenigen
Minuten zerplatzen. Irgendwie wirkte er abgekämpft und zaghaft. Ich versuchte,
mir Kasparov nach einer Aufholjagd von 0-2 auf 3-2 vorzustellen:

Der Bulgare sah ganz und gar nicht so aus.
Kein Wort von seiner ausgezeichneten Vorbereitung, dem unwiderstehlichem Schwung
oder der großartigen physischen Verfassung. Stattdessen lobte er sein Team, gab
sich besorgt im Hinblick auf Kramnik Fähigkeit, sich in den kritischen Momenten
zu steigern und begann, von seiner mangelnden Matcherfahrung zu sprechen.

Gut, er verlor auch ein paar Worte von
wegen, den richtigen Rhythmus gefunden zu haben, aber es klang fast wie
auswendig gelernt. Generell warf Veselins Auftritt viele Fragen auf bezüglich
seines Selbstvertrauens.
Daher schwante mir vor Partie 10 eigentlich
nichts Gutes für Kramnik, noch größer aber war meine Skepsis, wie Topalovs den
plötzlichen Druck des Führenden aushalten würde. Wie ließ sich dieser
Widerspruch auflösen? Die Partie 10 gab eine korrekte Antwort: durch einen
Einsteller.


Kramnik ging die Partie auf seine übliche Weise an: Er vermied jegliche
riskanten Verwicklungen und stellte den Gegner vor kleine Probleme. Vielleicht
warten die Probleme für 2700-2800-Ebene zu gering, und Vladimir brauchte mehr
Zeit dafür, sie zu schaffen, als sein Gegner dafür, sie zu lösen.

Aber dies ist nun mal sein Schachstil; es
lässt sich nicht ändern. An jenem Tag war es Topalovs Spiel, das den Unterschied
machte: Veselin, soweit ich es sehen kann, wurde ein Opfer seiner Nerven. Zuerst
vermied er das Risiko, dann aber griff er in einer Stellung fehl, die geduldige
Verteidigung erforderte, was seinem Charakter offensichtlich fremd ist.
(Übrigens, es gibt eine halb-scherzhafte
Alternativerklärung für Topalovs Zusammenbruch in Partie 10. Die Russen setzten
ihre geheime psychologische Waffe ein: IM Barsky, Sekundant von Morozevich und
einer der eifrigsten Verfechter des Topalov=Computer-Märchens, traf just an
jedem Tag in Elista ein. Aber halt! Ich hatte ja versprochen, nicht über
Skandale zu sprechen...)

IM Ilya Odessky (Sports Daily) und IM Vladimir Barsky (ProSport) gut gelaunt
nach der 10. Partie
Das Ergebnis lautet jetzt 5-5. Bei nicht
vielen Weltmeisterschaftskämpfen war der Stand nur zwei Partien vor Schluss
ausgeglichen. Wenn ich mich recht entsinne (sorry, dass ich nicht die Megabase
konsultierte habe), gab es nur zwei: Steinitz-Tschigorin und Kasparov-Karpov
(1987). Einer wurde vom Titelverteidiger gewonnen, der andere endete
Unentschieden. Besteht also eine 50-50-Chance, in Elista Tiebreaks zu sehen? Es
ginge mir gegen den Strich, wenn der Titel in einem Armageddon-Spiel vergeben
wird.

Carsten Hensel begrüßt Dirk Poldauf

Dirk Poldauf von Schach