Elista: Vor dem Endspurt

10.10.2006 – Nach der zweifachen Niederlage zum Ende der letzten Woche sah es fast so aus, als hätte Topalov nun die Oberhoheit im Wettkampf um die Weltmeisterschaft gewonnen. Doch während Kramnik auf der Pressekonferenz laut über seine Eröffnungen nachdachte, zeigte sich Topalov nicht als Triumphator, sondern warf selbstkritisch seine mangelnde Matcherfahrung ins Rennen. Und die Journalisten fragten sich: Würde der FIDE-Weltmeister dem Druck des Führenden standhalten können? Tatsächlich sorgte ein Topalov-Fehler dafür, dass Kramnik mit dem Sieg in der zehnten Partie ausgleichen konnte. Nun steht es zwei Partien vor Schluss Unentschieden - das kam so häufig in der Geschichte der WM-Kämpfe auch nicht vor. Misha Savinov fasst die Ereignisse der letzten Tage zusammen. Mehr...

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Vor dem Endspurt
Von Misha Savinov


Buddhistische Zeugnisse in Elista


 

Es ist wirklich ein Glück, dass das Match in Elista weitergegangen ist. Die unerschütterliche Position beider Konfliktparteien hätte zum größten Skandal in der Schachgeschichte führen können. Doch im letzten Moment änderte Vladimir Kramnik seinen Standpunkt und erschien zur Partie.

Ich weiß nicht, ob wir einen neuen Kramnik gesehen haben, dem die Zuschauer wirklich am Herzen liegen,

oder ob seine Entscheidung durch gewissen politischen Druck beeinflusst wurde, so oder so aber sollten wir alle Vladimirs Schritt applaudieren.

Er rettete nicht nur das Match, sondern steigerte auch seine eigene Popularität auf der ganzen Welt. Und umgekehrt – die ständigen Beschwerden von Topalovs Manager Silvio Danailov haben lediglich bewirkt, viele Leute gegen den bulgarischen Spieler einzunehmen.

Nachdem das gesagt ist, möchte ich gern den Konflikt beiseite lassen und mich auf die schachlichen Ereignisse der letzten zwei Tage konzentrieren. Durch den Sieg in Partie 8 als Schwarzer konnte Topalov das Ergebnis ausgleichen und, was noch wichtiger ist, Kramnik endlich am Brett besiegen, zum ersten Mal in diesem Match. Dies versprach einen aufregenden Kampf in der 9. Begegnung. Doch die Wirklichkeit sollte alle Erwartungen übertreffen.

Topalov und Kramnik kamen gleichzeitig an. Die Fotografen zogen zu Vladimirs Wagen – naja, die meisten…


Topalov trifft ein

Veselin erschien wieder als Erster am Brett. Er brannte sichtlich darauf, den Kampf zu beginnen, und seine Energiewellen erreichten auch den hintersten Winkel des Spielsaals. Derartige Energiestöße bewirken eine Reihe von Ereignissen: Eine Minute, bevor die Partie begann, ließ ein Fernsehmensch seine Kamera auf meinen Kopf knallen;

die Qualität der Handykommunikation hat deutlich nachgelassen; Russland vermochte Israel nicht im Fußball zu schlagen usw. Ich bin sicher, dass Topalov zumindest teilweise für all diese Geschehnisse verantwortlich ist.

Die energischen Bauernvorstöße des Bulgaren kamen für Kramnik eindeutig überraschend. Offenbar konnte der Champion im klassischen Schach nicht an die Wahrscheinlichkeit glauben, einen Eröffnungsvorteil dadurch erreichen zu können, indem man wie sein Gegner überwiegend Bauernzüge macht. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass der Vorteil von Weiß echt ist, verfiel Vladimir schnell ins andere Extrem und bewertete seine Stellung als gänzlich hoffnungslos. Dieses Eingeständnis in der Pressekonferenz kam für unseren neuen Match-Kommentator Vladimir Belov sehr überraschend. Belov, ein ironischer und engagierter junger Mann, Schüler von Sergey Shipov sowohl als Schachspieler als auch in Sachen Kommentierung, konnte kaum fassen, dass es möglich ist, ein Weltmeisterschaftsmatch mit derart niedrigen Energiereserven zu bestreiten...

 
Belov

Der schachliche Gehalt der Partie 9 lässt sich leicht zusammenfassen. Topalov brachte eine Neuerung (Dank an Vallejo); Kramnik reagierte auf schlechte Weise und warf in schlechter Stellung buchstäblich das Handtuch. Es war eine äußerst einseitige Partie; ein bequemer Sieg für Weiß, eine Katastrophe für Schwarz. Reichhaltiger ist allerdings der nichtschachliche Inhalt (man könnte ihn auch ‘spekulativ’ nennen), und ich werde versuchen, auch diesbezüglich meine Eindrücke mitzuteilen.



Bei der Pressekonferenz wiederholte Kramnik erneut, dass er von der Niederlage unbeeindruckt sei, und bemängelte seine Eröffnungsvorbereitung. Er scherzte, lächelte und ließ sich auch durch prüfende Fragen nicht aus der Ruhe bringen.

Er fügte sogar hinzu, dass er dadurch, dass er die Partie vor 19 Uhr verloren habe, sogar Zeit hätte, sich das Qualifikationsspiel Russland-Israel anzusehen.

Vladimirs Vorstellung insgesamt hinterließ stark den Eindruck, dass der Weltmeister vorzeitig feststehen wird, da Topalov gute Chancen besitzt, alle restlichen Partien zu gewinnen, wie Fischer gegen Petrosian.

Doch dieses Trugbild ließ Veselin in wenigen Minuten zerplatzen. Irgendwie wirkte er abgekämpft und zaghaft. Ich versuchte, mir Kasparov nach einer Aufholjagd von 0-2 auf 3-2 vorzustellen:

Der Bulgare sah ganz und gar nicht so aus. Kein Wort von seiner ausgezeichneten Vorbereitung, dem unwiderstehlichem Schwung oder der großartigen physischen Verfassung. Stattdessen lobte er sein Team, gab sich besorgt im Hinblick auf Kramnik Fähigkeit, sich in den kritischen Momenten zu steigern und begann, von seiner mangelnden Matcherfahrung zu sprechen.

Gut, er verlor auch ein paar Worte von wegen, den richtigen Rhythmus gefunden zu haben, aber es klang fast wie auswendig gelernt. Generell warf Veselins Auftritt viele Fragen auf bezüglich seines Selbstvertrauens.

Daher schwante mir vor Partie 10 eigentlich nichts Gutes für Kramnik, noch größer aber war meine Skepsis, wie Topalovs den plötzlichen Druck des Führenden aushalten würde. Wie ließ sich dieser Widerspruch auflösen? Die Partie 10 gab eine korrekte Antwort: durch einen Einsteller.





Kramnik ging die Partie auf seine übliche Weise an: Er vermied jegliche riskanten Verwicklungen und stellte den Gegner vor kleine Probleme. Vielleicht warten die Probleme für 2700-2800-Ebene zu gering, und Vladimir brauchte mehr Zeit dafür, sie zu schaffen, als sein Gegner dafür, sie zu lösen.

Aber dies ist nun mal sein Schachstil; es lässt sich nicht ändern. An jenem Tag war es Topalovs Spiel, das den Unterschied machte: Veselin, soweit ich es sehen kann, wurde ein Opfer seiner Nerven. Zuerst vermied er das Risiko, dann aber griff er in einer Stellung fehl, die geduldige Verteidigung erforderte, was seinem Charakter offensichtlich fremd ist.

(Übrigens, es gibt eine halb-scherzhafte Alternativerklärung für Topalovs Zusammenbruch in Partie 10. Die Russen setzten ihre geheime psychologische Waffe ein: IM Barsky, Sekundant von Morozevich und einer der eifrigsten Verfechter des Topalov=Computer-Märchens, traf just an jedem Tag in Elista ein. Aber halt! Ich hatte ja versprochen, nicht über Skandale zu sprechen...)


IM Ilya Odessky (Sports Daily) und IM Vladimir Barsky (ProSport) gut gelaunt nach der 10.
Partie

Das Ergebnis lautet jetzt 5-5. Bei nicht vielen Weltmeisterschaftskämpfen war der Stand nur zwei Partien vor Schluss ausgeglichen. Wenn ich mich recht entsinne (sorry, dass ich nicht die Megabase konsultierte habe), gab es nur zwei: Steinitz-Tschigorin und Kasparov-Karpov (1987). Einer wurde vom Titelverteidiger gewonnen, der andere endete Unentschieden. Besteht also eine 50-50-Chance, in Elista Tiebreaks zu sehen? Es ginge mir gegen den Strich, wenn der Titel in einem Armageddon-Spiel vergeben wird.


Carsten Hensel begrüßt Dirk Poldauf


Dirk Poldauf von Schach

 

 

 

 

 

 

 

 



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