Emanuel Lasker und seine Nachfolger

von Johannes Fischer
19.02.2018 – Emanuel Lasker wurde am 24. Dezember 1868 in Berlinchen, dem heutigen Barlinek in Polen, geboren. Dieses Jahr feiert Lasker 150. Geburtstag – Anlass für den Deutschen Schachbund 2018 zum Lasker-Jahr zu erklären. Lasker war 27 Jahre lang Schachweltmeister, von 1894 bis 1921, länger als jeder andere Spieler vor oder nach ihm. Als Lasker seinen Weltmeisterschaftskampf 1921 gegen José Rául Capablanca in Havanna verlor, war er mit 53 Jahren in einem Alter, in dem sich andere Weltmeister schon vom Turnierschach zurückgezogen hatten. Aber Lasker gehörte mit weit über 60 noch zur Weltspitze.

Master Class Band 5: Emanuel Lasker Master Class Band 5: Emanuel Lasker

Auf dieser DVD zeigen unsere Autoren alle Facetten des Spiels von Emanuel Lasker, der von 1884 bis 1921 Weltmeister war, länger als jeder andere vor oder nach ihm: Eröffnungen, Strategie, Taktik und Endspiele!

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Laskers Gesamtbilanz gegen seine Nachfolger auf dem WM-Thron

Das zeigt sich auch in seiner Bilanz gegen seine Nachfolger auf dem Weltmeisterschaftsthron in den Jahren nach dem Verlust des Titels. Sie fällt positiv aus.

Lasker spielte nach seinem Titelverlust 1921 18 Partien gegen seine Nachfolger Capablanca, Alexander Aljechin, Max Euwe und Mikhail Botvinnik. 5 davon gewann er, 9 endeten Unentschieden und 4 hat Lasker verloren. Das ergibt eine Gesamtbilanz von 9,5:8,5 zugunsten von Lasker.

Besonders erfolgreich war Lasker dabei gegen Max Euwe. Drei Mal haben sie gespielt, drei Mal hat Lasker gewonnen.

Mehr Mühe hatte Lasker mit Capablanca. Die beiden spielten nach ihrem Weltmeisterschaftskampf noch 7 Turnierpartien gegeneinander und mit 3-4 aus Sicht von Lasker (+1, =4, -2) fällt die Gesamtbilanz zugunsten des Kubaners aus.

Capablanca gegen Lasker (Foto: media2-web.britannica)

Allerdings landete Lasker in zweien der vier Turniere, in denen die beiden aufeinander trafen (New York 1924, Moskau 1925, Moskau 1935 und Nottingham 1936), vor seinem Nachfolger. Nur in Moskau 1936 und in Nottingham 1936, Laskers letzten beiden großen Turnieren, konnte sich Capablanca vor Lasker platzieren.

Besonders süß für Lasker wird sein Sieg in New York 1924 gewesen sein, einem Mammutturnier, in dem elf der besten Spieler der damaligen Zeit doppelrundig gegeneinander antraten. Lasker gewann mit 16 Punkten aus 20 Partien, und hatte am Ende 1,5 Punkte Vorsprung auf den amtierenden Weltmeister Capablanca, der mit 14,5 Zweiter wurde. Platz drei ging an Aljechin, der 12 aus 20 holte.

Turniertabelle New York 1924

Rg. Name Land 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt.  
1 Emanuel Lasker
 
  11 11 11 ½1 ½1 11 16.0 / 20  
2 Jose Raul Capablanca
 
  ½½ ½½ 10 ½1 11 11 ½1 14.5 / 20  
3 Alexander Alekhine
 
½½   ½½ 10 ½1 ½½ ½½ 11 ½½ 11 12.0 / 20  
4 Frank James Marshall
 
½½ ½½   ½1 01 ½0 ½1 11 11.0 / 20  
5 Richard Reti
 
00 01 01 ½0   ½½ 01 11 10 01 11 10.5 / 20  
6 Geza Maroczy
 
00 ½0 ½0 ½½   10 ½½ 11 ½1 01 10.0 / 20  
7 Efim Bogoljubow
 
00 00 ½½ 10 10 01   10 11 01 9.5 / 20  
8 Saviely Tartakower
 
½0 00 ½½ ½1 00 ½½ 01   10 ½1 8.0 / 20  
9 Frederick Dewhurst Yates
 
½0 00 ½0 01 00 00 01   11 7.0 / 20  
10 Edward Lasker
 
½0 ½½ 10 ½0 00   ½0 6.5 / 20  
11 Dawid Markelowicz Janowski
 
00 00 00 00 10 10 ½0 ½1   5.0 / 20  

Master Class Band 4: José Raúl Capablanca

Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

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Lasker verlor in New York 1924 nur eine einzige Partie, die allerdings ausgerechnet gegen Capablanca. Dafür besiegte er Aljechin, der Capablanca drei Jahre später vom Weltmeisterschaftsthron stürzen sollte, mit einer starken Verteidigungsleistung.

 

Insgesamt spielte Lasker nach dem Verlust des Weltmeistertitels vier Partien gegen Aljechin: ein Sieg, eine Niederlage, zwei Remis.

Alexander Aljechin (Foto: Public Domain via Wikimedia Commons)

In St. Petersburg 1914 hatte Lasker das letzte Mal gegen Capablanca gewonnen. 25 Jahre und 11 Partien später, beim Turnier in Moskau 1935, gelang ihm dann endlich wieder ein Sieg.

 

Botvinnik war der einzige der vier Nachfolger Laskers auf dem Weltmeisterthron gegen den Lasker keine einzige Partie gewinnen konnte. Vielleicht machte sich der Altersunterschied hier am Ende doch bemerkbar. Als die beiden am 6. März 1935 beim Turnier in Moskau das erste Mal gegeneinander spielten, war Botvinnik 23 Jahre alt, Lasker 66. Die Partie endete mit Remis. Am Ende wurde Lasker in Moskau 1935 mit 12,5 aus 19 Dritter, einen halben Punkt hinter Salo Flohr und Botvinnik, die sich mit 13 aus 19 die Plätze eins und zwei teilten.

Turniertabelle Moskau 1935

Rg. Name Land 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Pkt.
1 Salo Flohr
 
  ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 1 ½ ½ 1 1 1 1 1 ½ ½ 13.0
2 Mikhail Botvinnik
 
½   ½ ½ 1 0 1 ½ 1 1 ½ ½ 1 1 ½ 1 0 ½ 1 1 13.0
3 Emanuel Lasker
 
½ ½   1 ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ ½ 1 1 1 12.5
4 Jose Raul Capablanca
 
½ ½ 0   ½ 1 1 ½ ½ 1 ½ 1 0 ½ 1 ½ ½ ½ 1 1 12.0
5 Rudolf Spielmann
 
½ 0 ½ ½   ½ ½ ½ 1 0 0 1 ½ ½ ½ 1 ½ 1 1 1 11.0
6 Ilia Abramovich Kan
 
½ 1 0 0 ½   ½ 0 0 1 1 ½ 1 ½ 0 1 1 ½ ½ 1 10.5
7 Grigory Levenfish
 
½ 0 ½ 0 ½ ½   ½ ½ ½ 0 1 1 ½ 1 1 1 ½ 0 1 10.5
8 Andor Lilienthal
 
½ ½ ½ ½ ½ 1 ½   ½ 0 0 ½ 1 ½ ½ 0 ½ 1 1 ½ 10.0
9 Peter Arsenievich Romanovsky
 
0 0 ½ ½ 0 1 ½ ½   1 1 ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0 1 1 10.0
10 Viacheslav Ragozin
 
½ 0 ½ 0 1 0 ½ 1 0   ½ 0 1 ½ ½ 1 ½ 1 ½ 1 10.0
11 Ilya Leontievich Rabinovich
 
0 ½ ½ ½ 1 0 1 1 0 ½   1 0 ½ 0 0 ½ ½ 1 1 9.5
12 Vladimir Alatortsev
 
½ ½ ½ 0 0 ½ 0 ½ ½ 1 0   1 0 1 ½ ½ ½ 1 1 9.5
13 Nikolay Nikolaevich Riumin
 
½ 0 ½ 1 ½ 0 0 0 1 0 1 0   ½ 0 1 1 1 ½ 1 9.5
14 Victor Arsentievich Goglidze
 
0 0 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½   ½ 0 ½ 1 1 1 9.5
15 Georgy M Lisitsin
 
0 ½ ½ 0 ½ 1 0 ½ ½ ½ 1 0 1 ½   ½ 0 ½ ½ 1 9.0
16 Gideon Stahlberg
 
0 0 ½ ½ 0 0 0 1 0 0 1 ½ 0 1 ½   ½ ½ 1 1 8.0
17 Fedor Parfenovich Bohatirchuk
 
0 1 ½ ½ ½ 0 0 ½ ½ ½ ½ ½ 0 ½ 1 ½   ½ 0 ½ 8.0
18 Vasja Pirc
 
0 ½ 0 ½ 0 ½ ½ 0 1 0 ½ ½ 0 0 ½ ½ ½   1 1 7.5
19 Vitaly A Chekhover
 
½ 0 0 0 0 ½ 1 0 0 ½ 0 0 ½ 0 ½ 0 1 0   1 5.5
20 Vera Menchik
 
½ 0 0 0 0 0 0 ½ 0 0 0 0 0 0 0 0 ½ 0 0   1.5

Doch ein Jahr später, beim Moskauer Turnier 1936, schien Lasker seinem Alter Tribut zollen zu müssen. Mit 8 Punkten aus 18 Partien wurde er Sechster von zehn Teilnehmern und blieb noch unter der 50-Prozentmarke.

Turniertabelle Moskau 1936

Rg. Name Land 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Pkt.
1 Jose Raul Capablanca
 
  ½½ ½1 ½1 11 ½½ 13.0
2 Mikhail Botvinnik
 
  ½½ 11 ½½ 12.0
3 Salo Flohr
 
½½   ½0 11 ½0 ½1 ½0 9.5
4 Andor Lilienthal
 
  ½½ ½½ ½1 ½½ ½1 9.0
5 Viacheslav Ragozin
 
½1 ½½   ½½ ½1 8.5
6 Emanuel Lasker
 
½0   ½1 ½½ 8.0
7 Erich Gottlieb Eliskases
 
½½ 00 ½½ ½0   ½½ ½½ 01 7.5
8 Ilia Abramovich Kan
 
½0 00 ½1 ½0 ½½ ½½   ½0 ½½ 7.5
9 Nikolay Nikolaevich Riumin
 
00 ½0 ½½ ½½ ½½ ½1   ½1 7.5
10 Grigory Levenfish
 
½½ ½½ ½1 ½0 ½0 10 ½½ ½0   7.5

In Moskau 1936 wurde doppelrundig gespielt und Botvinniks erster und einziger Sieg über den Ex-Weltmeister gelang ihm in der Rückrunde.

 

Drei Monate nach dem Turnier in Moskau reiste Lasker nach Nottingham. Dort spielte er das letzte Turnier seines Lebens. Er wurde mit 8,5 aus 14 Achter, aber gewann gegen Euwe – und damit gelang Lasker in der letzten Partie seiner Karriere, die er gegen einen Weltmeister gespielt hat, ein Sieg.

 

Turniertabelle Nottingham 1936

Rg. Name Land 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Pkt.
1 Jose Raul Capablanca
 
  ½ 1 ½ ½ 1 ½ 0 1 ½ ½ 1 1 1 1 10.0
2 Mikhail Botvinnik
 
½   ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 1 1 1 1 ½ 10.0
3 Samuel Herman Reshevsky
 
0 ½   ½ 0 1 1 ½ 1 ½ 1 1 1 1 ½ 9.5
4 Reuben Fine
 
½ ½ ½   ½ ½ 1 ½ ½ ½ 1 1 1 ½ 1 9.5
5 Max Euwe
 
½ ½ 1 ½   0 0 ½ 1 1 ½ 1 1 1 1 9.5
6 Alexander Alekhine
 
0 ½ 0 ½ 1   ½ 1 ½ 1 1 ½ 1 ½ 1 9.0
7 Emanuel Lasker
 
½ ½ 0 0 1 ½   0 ½ ½ 1 1 1 1 1 8.5
8 Salo Flohr
 
1 ½ ½ ½ ½ 0 1   1 ½ 1 0 0 1 1 8.5
9 Milan Sr Vidmar
 
0 0 0 ½ 0 ½ ½ 0   ½ 1 ½ 1 ½ 1 6.0
10 Saviely Tartakower
 
½ 0 ½ ½ 0 0 ½ ½ ½   ½ 0 0 1 1 5.5
11 Efim Bogoljubow
 
½ 0 0 0 ½ 0 0 0 0 ½   1 1 1 1 5.5
12 Theodore Henry Tylor
 
0 0 0 0 0 ½ 0 1 ½ 1 0   ½ ½ ½ 4.5
13 Conel Hugh O'Donel Alexander
 
0 0 0 0 0 0 0 1 0 1 0 ½   ½ ½ 3.5
14 George Alan Thomas
 
0 0 0 ½ 0 ½ 0 0 ½ 0 0 ½ ½   ½ 3.0
15 William Winter
 
0 ½ ½ 0 0 0 0 0 0 0 0 ½ ½ ½   2.5

Nach Nottingham 1936 spielte Lasker noch Simultanvorstellungen, Beratungs- und freie Partien und 1940 auch ein Freundschaftsmatch gegen Frank Marshall, aber keine ernsten Turniere mehr.

Lasker starb am 11. Januar 1941 in New York.




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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