FIDE: Wie soll man gegen Cheater vorgehen?

von ChessBase
27.08.2020 – Was beim Sport das Doping ist, ist beim Schach das unerlaubte Spielen mit Computerhilfe. Jetzt, beim derzeitigen Online-Schachboom, wird dies besonders sichtbar. Die FIDE muss und will gegen die Betrüger vorgehen. FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich wendet sich an die Schachgemeinde, um das richtige Maß für die Sanktionen zu finden.

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Liebe Schachfreunde, 

Ich glaube, es gibt einen breiten Konsens darüber, dass computerunterstütztes Betrügen eine echte Plage des zeitgenössischen Schachspiels ist. 

Wir haben bereits energische Schritte unternommen, um unsere Effizienz bei der Bekämpfung dieses Phänomens zu steigern, unter anderem die Verbesserung der Analysewerkzeuge, der Einsatz von Detektoren und Scannern bei allen offiziellen FIDE-Veranstaltungen, die Ausbildung von Schiedsrichtern, die Suche nach einer sicheren Rechtsgrundlage und die Einsetzung eines engagierten Teams, das sich mit diesen Fragen befasst. 

Der Online-Schachboom brachte neue Herausforderungen mit sich, und obwohl die Zahl der Verdachtsfälle ziemlich gering ist, muss die FIDE energisch handeln und eine klare Botschaft an die potenzielle Betrüger senden, um so ein zuverlässiges Umfeld in unseren Wettkämpfen zu schaffen. 

Wir arbeiten mit den führenden Online-Schachplattformen zusammen. Wir haben die für das Online-Spiel verwendeten Algorithmen angepasst. Da wir über eine Menge Daten verfügen, haben wir unsere statistischen Methoden geschärft - und in dieser Hinsicht möchte ich Professor Ken Regan danken, der seinen Algorithmus ständig verbessert - und diejenigen, die glauben, dass seine Methode nicht gegen die so genannten intelligenten Betrüger funktioniert, werden überrascht sein. 

Wir müssen handeln, und ich möchte betonen, dass die FIDE auf die sich daraus ergebenden rechtlichen Anfechtungen vorbereitet sein wird. 

Ich glaube jedoch, dass wir einen breiten Konsens über die angewandten Maßnahmen brauchen. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Fragen, zu denen wir gerne Ihre Meinung hören möchten: 

1. Unsere Nachweismethoden sind zwar sehr fortschrittlich und werden ständig verbessert, können aber keine 100%ige Bestätigung liefern. In vielen Fällen ist die geschätzte Wahrscheinlichkeit höher als bei DNA-Tests. Glauben Sie, dass ein statistischer Algorithmus (oder eine Kombination davon), der eine nahezu 100%ige Wahrscheinlichkeit für Betrug ergibt, als ausreichender Grund für die Sperre eines Spielers dienen könnte? Wenn ja - welche Chancen würden Sie für ausreichend halten? 

2. Soll die FIDE bei Verdachtsfällen im Online-Schach auch Sanktionen im "normalen"  für die betreffenden Spieler verhängen (und umgekehrt)? 

3. Sollen wir Sanktionen für vermutete Verstöße bei plattformeigenen Veranstaltungen und anderen inoffiziellen Online-Veranstaltungen auch auf die offiziellen FIDE-Online-Veranstaltungen anwenden (und umgekehrt)? 

4. Sollen wir die Namen der mutmaßlichen Betrüger nach der ersten Verurteilung veröffentlichen? 

5. Sollen die Verstöße auch rückwirkend bestraft werden, wobei das Preisgeld, die Auswertung und die Titel für eine bestimmte Zeit nach der Verurteilung entzogen werden? Und wenn ja, wie weit sollen diese Maßnahmen zurückgehen? 

6. Was halten Sie für die angemessene Sperrfrist bei erstmaligen Verstößen und für Wiederholungstäter? Wie streng sollten die Maßnahmen bei Jugendwettbewerben sein? 

Es gibt viele Fragen, und einige davon beziehen sich auf die moralischen und rechtlichen Aspekte des Themas. Ein faires und transparentes System erfordert einen vertrauenswürdigen Rahmen. Das Schlimmste, was man tun kann, wäre, einen unschuldigen Spieler zu bestrafen.. 

Ebenso könnten der Ruf des Schachspiels und unserer globalen Schachfamilie enormen Schaden nehmen, wenn ein Sturm von Skandalen und Gerichtsverfahren die Schachturniere überschatten würde. 

Wir müssen streng, aber verantwortungsbewusst sein. Fest, aber verantwortungsbewusst. Und bevor wir einer allgemeinen Politik zustimmen, würden wir gerne Ihre Meinung hören. Sie können die in dieser Mitteilung aufgeworfenen Fragen beantworten oder einfach Ihre Vorschläge an die folgende E-Mail-Adresse senden: anticheating@fide.com 

Es wird ein langer Kampf sein, aber ich bin sicher, dass wir Erfolg haben werden.

Übersetzt von André Schulz

Englischer Originaltext bei der FIDE...

 




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schachkwak schachkwak 01.09.2020 12:49
Noch etwas:
Gerade professionelle Spieler haben unter Umständen recht viel zu tun und warum sollen die aufgeräumter im Alltag sein, als normale Patzer.

1.
Es ist z.B. vorgeschrieben, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt am Brett sind. In anderen Sportarten (etwa im Volleyball) kontrolliert der Schiedsrichter, dass die Mannschaften spielbereit sind, bevor angepfiffen wird. Wenn die Mannschaften anwesend sind, dann finde ich es völlig daneben, wenn jemand seine Partie verliert, weil er zum Startzeitpunkt nicht am Platz war (z.B. einem Mannschaftskollegen einen Stift bringt). Ein einfacher Aufruf des Schiedsrichters hätte das verhindert.

2.
Weil es unter Umständen auch andere Regeln gibt, die noch beachtet werden müssen, sollte man das Handy vor dem ersten eigenen Zug noch ausstellen können und das Handy sagen wir vor dem 3. eigenen Zug abgeben können. Dazu muss der Turnierleiter eine entsprechende Lösung bereithalten. Dafür darf die Zeit des Gegners angehalten werden. So oder ähnlich.

Eventuell auch noch eine Kulanzlösung, falls der Spieler es selbst ansagt, dass er das Handy noch bei sich hat (z.B. vor dem 10. Zug nur 10 min Zeitstrafe, wenn der Spielraum zuvor nicht verlassen wurde). Bedienen darf man das Handy natürlich auf keinen Fall abgesehen vom Ausschalten. Und das natürlich nur unter Zeugen (Schiedsrichter) am eigenen Brett.
schachkwak schachkwak 29.08.2020 08:24
Nicht richtig. Wenn jemand im Sport ein Asthmamittel, Aufputschmittel oder ein Wachstumshormon für Muskeln oder rote Blutkörperchen zu sich genommen hat, dann wird er, sofern er erwischt wird, gesperrt. So einfach. Normalerweise für 2 Jahre. Auch wenn er dann behauptet, das Mittel käme aus der Zahnpasta.

Genauso im professionellen Schach. Wenn dort jemand ein Handy nicht abgibtt oder den Spielbereich verlässt und dort regelmäßig mit jemand anderem spricht, dann ist es reine Kulanz wenn der Verband nicht sofort wegen Cheating für 2 Jahre sperrt. Kulanz ist da ein sehr vages, potentiell gefährliches Wort, denn eigentlich müssen alle Spieler den Regeln entsprechend gleich behandelt werden. Warum sollte man jemandem Sonderregeln erlauben. Er hat dadurch ja eindeutig einen Vorteil, der jemand anderen benachteiligt.

Ich finde, dass wir Betrüger auch wirklich finden sollten, aber dabei nicht über das Ziel hinausschießen sollten.

Deshalb: Natürlich, wer ein Handy dabei hat, der hat sowieso verloren. Das wird vor jeder Partie vom Spielleiter angesagt. Ich habe seit Jahren keine Partie mehr gespielt, wo das nicht nochmal erwähnt wurde.

Nun ist nur die Frage, was man mit dem Rentner macht, der das trotzdem nicht für nötig hält. Was macht man mit denen, die versehentlich ihr Handy doch noch in der Tasche hatten? Für 2 Jahre sperren genau so, wie echte Betrüger (für die diese Regel ja gedacht ist)?

Ich bin der Meinung, ja! Erstmal ja!
schachkwak schachkwak 29.08.2020 08:23
Es sei denn, sie können beweisen, dass die bisherigen Partien keine Computerpartien waren. Und Coronabonds, du bist der Meinung nein. Da gehen die Meinung auseinander. Ich bin der Meinung, dass ein Verhalten wie bei Falko Bindrich nicht nochmal zum Ziel führen darf.

Natürlich kontrolliert niemand die Festplatten, wenn man das nicht möchte. Dann wird man aber 2 Jahre gesperrt (laut Dopingregularien) und beim 2. Mal lebenslang. So einfach. Man kann aber sagen, das hier wäre ein Beweis, dass ich keine Computerzüge spiele, sondern meine Analyse. Dieser Beweis wird versiegelt und dann wird überlegt, was damit gemacht wird. Ohne das Einverständnis vom Spieler garantiert garnichts. Ist die Versigelung aufgebrochen, dann ist wie beim Doping der Beschuldigte freizusprechen. Ansonsten kann er erlauben, dass das analysiert wird (analog zur Dopingprobe). Und wenn er das möchte, dann in seinem Beisein und selbstverständlich nur das, was er erlaubt. Das hebelt den Rechtsstaat nicht aus.

Aber ein Betrüger kann nicht mit solchen Phrasen verhindern, dass untersucht wird. Er kann nicht einerseits behaupten, er hätte mit dem Handy nicht betrogen, aber andererseits jegliche Zusammenarbeit verweigern. Nach einem Regelverstoß, der wegen Cheating eingeführt wurde, muss er beweisen, dass er nicht betrogen hat. Nicht mehr umgekehrt. Das ist Beweislastumkehr.

Der Verband kommt ihm dabei gerne entgegen - beauftragt gerne einen Experten, der die letzten Partien untersucht - etwa mit einem Algorithmus. Damit werden die ganzen Patzer sofort freigesprochen. Die anderen müssen bei diesen äußerst unprofessionellen Verstößen (es wird wirklich jedes mal angesagt) selbst beweisen, dass sie unschuldig sind. Das finde ich sehr zuvorkommend gegenüber professionellen Spielern, die sich eigentlich nicht an Regeln halten.
Coronabonds Coronabonds 29.08.2020 05:17
@schachkwak
Offenbar sind Sie der Ansicht, daß ein eingeschaltetes Handy automatisch den Verdacht begründet, "betrogen"
zu haben? Das ist nach meinem Rechtsverständnis grob unverhältnismäßig und erschließt sich mir nicht wirklich.
Wie soll das pragmatisch gehen, wenn der Spieler das Handy nicht bedient hat bzw. es in der Tasche war?
Und selbst wenn der Spieler das Handy sogar während der Partie bedient, so wie es ja früher gang und gäbe war, wie lange braucht
man, um eine Stellung einzugeben oder zu übermitteln. Wie groß ist die Gefahr, daß jemand einem dabei über die Schulter schaut und
man erwischt wird? Ich will gar nicht abstreiten, daß mit ausgefeilten technischen Hilfsmitteln und viel Abgebrühtheit in den eben genannten Fällen Betrug möglich
wäre, aber wie wahrscheinlich ist das - inbesondere im Breitenschach? Problematisch wäre für mich lediglich, wenn jemand mit dem Handy aufs Klo geht.

Ein anderer Punkt wäre noch, daß Sie, wenn ich das richtig verstanden habe, Festplatten bzw. Handyspeicher(karten) zwecks Kontrollen kopieren möchten?
Solche Maßnahmen sind in anderen Rechtsbereichen nur mit Richtervorbehalt bzw. durch die Polizei nur bei Gefahr im Verzug erlaubt.

Warum ich das ausdrücklich betone? Weil ich Ihnen noch einmal vor Augen führen möchte, was sie da eigentlich fordern. Solche mehr oder weniger tiefgreifenden Kontrollrechte sind Standards in nichtdemokratischen Gesellschaften.
Coronabonds Coronabonds 29.08.2020 05:17
@schachkwak
Nein, nicht nur, aber auch.
Lesen Sie bitte in diversen Foren nach, immer mal wieder taucht der Wunsch nach einer Beweislastumkehr auf.

Ob nun beim Onlineschach oder im Realschach, ändert nichts wesentliches.
Abgesehen davon, daß eine Beweislastumkehr nach meiner Ansicht
eine Abkehr vom Rechtsstaatsprinzip (Unschuldsvermutung) ist, wird man auch im Nahschach die Problematik haben, daß ein Spieler
seine Unschuld schlichtweg nicht beweisen kann, selbst wenn er es wollte.

Auch in dem von Ihnen geschilderten Fall nicht, denn auch potentielle Festplattenchecks oder zugeschaltete Algorithmen oder
Experten sind nicht zu 100% sicher.
Also geht es am Ende wieder darum, was man glaubt, nicht was bewiesen oder nicht bewiesen werden kann.

Ich stimme Ihnen zu, je größer die Spielstärkeunterschiede zwischen Cheating und Nichtcheating sind,
ist ab einem gewissen Punkt die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß jemand "betrogen" hat.
Bloß, wenn jemand es nicht übertreibt und nur gezielt cheated (s. auch meine vorherigen Posts) ist ein Beweis nicht
möglich sein.
schachkwak schachkwak 29.08.2020 01:07
@Coronabonds: Beweislastumkehr? Damit bin ja wohl ich gemeint. Wo bitte habe ich beim Onlineschach eine Beweislastumkehr verlangt?

Ich möchte bei Regelverletzungen, die jetzt schon zu einem Spielabbruch führen und die dafür gedacht sind, Cheating im Nahschach zu verhindern, eine Beweislastumkehr.

Hat jemand ein angeschaltetes Handy bei sich, dann muss erstmal nicht mehr der Verband beweisen, dass der Spieler nicht betrogen hat, sondern der Spieler selbst. Dabei können dann beispielsweise Experten herangezogen werden, die Algorithmen bedienen. Der normale Rentner wird dadurch sofort entlastet. Bei Spitzensportlern wird es schwieriger. So, wie es meiner Ansicht nach sein sollte.

Es wären aber auch andere Beweise möglich. Er könnte einer vom Verband und von ihm akzeptierten Experten-Gruppe seine Analysen in der Variante zeigen. Mit Verlaub: Ich als Computerexperte würde im Normalfall nur einer Analyse trauen, wenn die Festplatte sofort nach den Vorwürfen gesichert (kopiert) worden ist. Die Kopie kann man ja dann bis zur Analyse versiegelt aufbewahren. Das Original kann der Spieler behalten. Andere Beweise wären beispielsweise Online-Vorgängerpartien der Person.

Und hat jemand gerade erst mit Cheating begonnen, dann kommt er mit einem blauen Auge davon. Die Algorithmen werden nicht anschlagen. Jemand, der regelmäßig seit Jahren betrügt, der hat dadurch ein echtes Problem. Denn dann schlagen die Algorithmen entsprechend an, er wird hoch genug spielen, dass er kaum Schonung bekommt und er wird das dann auch Menschen (die das immer noch endgültig bewerten) schwer erklären können. Ich finde es richtig, dass im professionellen Bereich härtere Maßstäbe angelegt werden, als im Breitensport.

Und mit der Beweislastumkehr haben wir die Möglichkeit, echte Betrüger von Regel-Patzern zu unterscheiden.
Trampas Trampas 29.08.2020 08:46
Falsch Positiv, dazu ein starker prominenter Schachspieler/in, gepaart mit sensationsgierigen Mitarbeitern bei Lichess und Co, also voreiliges Hinzuziehen der Presse mit Veröffentlichung des Namens.... wie soll man da wieder rauskommen?
Coronabonds Coronabonds 28.08.2020 11:01
Nachtrag:
Immer wieder interessant, daß immer mal wieder eine Beweislastumkehr gefordert wird. Da frage ich mich, wie soll
das funktionieren beim Onlineschach, wie kann denn ein Spieler beweisen, daß er nicht gecheatet hat? Das geht nicht, er kann höchstens seine Glaubwürdigkeit versuchen zu untermauern, aber wenn man ihm nicht glaubt, wars das.

Also bitte nicht von Beweislastumkehr sprechen, das ist heuchlerisch in meinen Augen, sondern klare Kante zeigen und wenigstens sagen, daß es letztlich von der Glaubwürdigkeit abhängt.

Trotz alledem wäre das ein Paradigmenwechsel. Leben wir nicht in einem Rechtsstaat? Im Grunde geht es doch um die elektronische Form des Dopings. Herkömmliches Doping ist strafbar seit ein paar Jahren. Man stelle sich mal vor, es gäbe hier eine Beweislastumkehr. Das wäre eindeutig verfassungswidrig und Menschen, die so etwas fordern würde, dürfte man ruhigen Gewissens unterstellen, daß sie nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes stehen.
Coronabonds Coronabonds 28.08.2020 10:54
Die Aussage "In vielen Fällen ist die geschätzte Wahrscheinlichkeit höher als bei DNA-Tests. Glauben Sie, dass ein statistischer Algorithmus (oder eine Kombination davon), der eine nahezu 100%ige Wahrscheinlichkeit für Betrug ergibt,..." ist suggestiv und manipulativ. "Viele Fälle" wird nicht quantifiziert, kann also auch nur 1% der Fälle sein.
Der zweite Teil der Aussage ist glatt gelogen, es kann keinen Algorithmus geben, der eine nahezu 100% ige (also 99,xx) Wahrscheinlichkeit für Betrug nachweisen kann. Einfaches Beispiel, man läßt eine Engine mitlaufen und läßt diese lediglich die eigenen(!) Zügvorschläge bewerten, die Züge der Engine werden abgedeckt. Für diese Methode des Betrugs beim Onlineschach kann es keinen Algorithmus geben, weil der Spieler ja selber spielt, nicht die Engine.

Der Ansatz der FIDE läuft letzten Endes auf eines hinauf, auf Verdacht zu sanktionieren. Damit werden auch viele falsch positive Spieler erfaßt. Die Rufschädigung dieser ehrlichen Spieler ist enorm, aber das scheint (zu) viele nicht zu interessieren, die Verlockung eines vermeintlich sauberen Online-Schachs ist zu groß. Warum vermeintlich? Nun, ganz einfach, die oben erwähnte Cheating-Methode kann nicht bewiesen werden, sofern man sich nicht allzu dumm anstellt, also Zweitrechner, nicht zu stark spielen, etc, etc.

Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? - Einfach Antwort, nein gibt es nicht, solange man von zu Hause aus spielt. Meinstens wird aus finanziellen Gründen gecheatet. Gibt es kein Geld für Preise, wird auch weniger gecheatet.

Wenn man schon auf Verdacht sanktionieren will, dann nur, wenn Spieler anonym spielen dürfen und müssen!
Anonym heißt, die Identität darf nicht bekannt sein bzw. bekanntgegeben werden.
DoktorM DoktorM 28.08.2020 10:22
Auf Playchess wird man manchmal von 1400ern abgezogen. Das ist lächerlich, wenn man eine Fide-Blitz-ELO von 2150 hat. Es ist bezeichnend, dass der "Cheater-Button" bei vielen Anbietern versteckt oder nicht vorhanden ist. Die bekommen das Cheaten nicht in den Griff. Das Online-Schach ist dadurch oftmals ärgerlich statt spaßig.
wok wok 28.08.2020 08:52
Bei aller Kritik an den Algorithmen, sollte man den Fall Pähtz meiner Meinung nach nicht als False Positive werten. Es gab ja eine Unregelmäßigkeit, die der Algorithmus korrekt erkannt hat. Insofern ist das ein korrekter positiver Befund. Der Fall zeigt dann aber eben eindeutig, dass danach keine automatisierte Verurteilung erfolgen darf, sondern eine Prüfung des Einzelfalls erforderlich ist.
Trampas Trampas 28.08.2020 07:52
Der Fall Pähtz zeigt doch ganz klar das der Algorithmus nicht funktioniert. Das hat gewaltigen Schaden angerichtet. Den repariert niemand. False Positive darf es ganz einfach nicht geben. Cheaters jagen ist eine hervorragende Sache, aber dann bitte Null Unfälle
wok wok 28.08.2020 07:47
Angesichts der jüngsten Ereignisse scheint der korrekte Umgang mit abgebrochenen Verbindungen die wichtigere Herausforderung zu sein, als der Umgang mit Cheatern ...
schachkwak schachkwak 28.08.2020 07:21
Lichess sollte Open Source sein. Das steht zumindest hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Lichess
schachkwak schachkwak 28.08.2020 07:18
Das freut mich, dass die Diskussion in die Richtung geht. So exakt mit Bayes hätte ich es nicht mehr formulieren können, da bin ich zu lange aus der Mathematik raus.

Wegen dem false positive habe ich auch ausgeschlossen, dass ohne echte Beweise von Online auf Real geschlossen wird. Haben wir aber reale Fälle - etwa, wenn jemand mit Smartphone erwischt wird - dann finde ich es schade, wenn sich so jemand entweder rausreden kann oder aber ein Rentner lebenslang gesperrt wird, weil er sich erkundigen wollte, ob es dem Enkel wieder gut geht. Mit einer Beweislastumkehr in einem solchen Fall bekommt man die Schuldigen sehr sicher und lässt die Patzer fast sicher laufen. Das erhöhte false positive muss sich jemand mit Regelverstoß gefallen lassen.

Ein Algorithmus wird Ivanov (oder wie der eine Cheater hieß) sehr sicher finden, aber den Herren mit dem Blutdruckgerät, das er nicht angemeldet hat, sehr sicher entlasten. Ein Algorithmus kann z.B. auch durch einen Sachverständigen (wer auch immer der Experte ist) bedient werden. Es müssen selbstverständlich trotzdem Regeln für die Algorithmen aufgestellt werden. Dazu die Beweislastumkehr. Wer bei bestimmten Regelverstößen erwischt wird, der muss eben beweisen, dass er unschuldig ist und nicht umgekehrt. Das kann auch gerne bei neuen Algorithmen wiederholt werden. Und selbstverständlich kann jemand auch erzählen, warum er diese Variante so perfekt spielt. Hier muss dann entschieden werden, wie viel davon veröffentlicht wird. Im Zweifel: Je mehr in Richtung Spitzensport, um so transparenter.

Also: Dass einer, der plötzlich zig Preise abräumt, genau so nachsichtig behandelt wird, wie jemand, der am liebsten nach 20 Zügen Remis macht und sich freut, dass er mal wieder ein paar Bekannte getroffen hat, also eindeutig Volkssport betreibt, das wäre schon schön, wenn man das auseinander halten könnte. Und mit den Algorithmen geht es! Vor allem, wenn man mehrere Partien analysiert.
Trampas Trampas 28.08.2020 07:00
Na dann warten wir mal ab bis jemand in Amerika Klage gegen Lichess einreicht. Da gibt es viel zu holen. Rufmord wird dort gut entlohnt. Oder Klage in Deutschland. Hier wird sich gleich entscheiden ob eine Blackbox uneinsehbar oder unkontollierbar ist. Hier in Deutschland grinst jeder Rechtsanwalt über diesen Schwachsinn
Krennwurzn Krennwurzn 28.08.2020 06:40
Die verwendeten Programme sind BLACKBOXES der jeweiligen Serverbetreiber, die niemand kontrollieren kann!

Aber ob die FIDE eine unabhängige und neutrale Schiedsstelle bei Cheating sein kann - steht in den Sternen.
Trampas Trampas 28.08.2020 05:22
@wok Hinzu kommt noch die Wahrscheinlichkeit das das Programm einen Bug haben könnte. Dieses Programm wurde von Menschen gemacht und ist sicher noch nicht perfekt. Mich würde zu gern interessieren ob dieses Programm von staatlicher Seite geprüft wurde. Letztendlich ist dieses Programm in der Lage Leute als Betrüger hinzustellen. Offenbar auch unschuldige Leute.
wok wok 28.08.2020 04:47
Ich möchte auf Folgendes hinweisen: Es gibt viel mehr Nicht-Cheater als Cheater. Nehmen wir mal willkürlich an, dass unter 1000 Schachspielern 1 Cheater auftritt. Wenn wir einen Algorithmus haben, der eine Genauigkeit von 99,9% hat, oder anders formuliert eine Fehlerquote von 0,1%, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein vom Algorithmus erkannter "Cheater" wirklich ein tatsächlicher Cheater ist, genau 50%. Die Mathematik dahinter (Bayes Theorem) findet man z.B. in Christian Hesses Buch "Achtung Denkfalle". Das Problem stellt sich generell bei Tests auf Eigenschaften, die sehr selten sind. Aufgrund der hohen Anzahl von Personen für die die Eigenschaft, auf die getestet wird, nicht zutrifft, genügt schon eine kleine Fehlerquote, um "false positives" zu generieren.
Trampas Trampas 28.08.2020 04:31
Ich halte diese Algorithmen für sehr fragwürdig. Selbst Lichess weiß nicht wo EP betrogen haben soll. Sa7 war kein Betrug. Ein eigenartiger, fragwürdiger Patzer. Die Maus hat sich oft nicht bewegt. Das ist auch kein Betrug. Ich selber spiele mit einer Logitech Marble Mouse. Die bewegt sich auch nicht immer. Hier sieht man schon das Fragwürdige an dem AntiCheating Programm. Irgendein User hat geschrieben :"... die Maschine hat EP überführt, dann ist das auch so." Dazu kann ich nur sagen: Wehret den Anfängen
Nichts ist schlimmer als unschuldig schuldig zu sein. In diesem Fall sogar ohne jeglichen Beweise
Krennwurzn Krennwurzn 28.08.2020 10:58
Die entscheidende Frage bleibt: Wie umgehen mit "false positive" also jener Menschen, die zu 100% nicht gecheatet haben, vom Algorithmus und menschlicher Kontrolle doch als Betrüger gestempelt werden.

Der betroffene "false positive" weiß zu 100% dass er unschuldig ist, wir der Rest sehen eine sehr hohe Cheatingwahrscheinlichkeit und nur ein kleines Restrisiko, dass wir falsch liegen könnten ... und dann gibt es noch Heerscharen von Betrügern die unter Tränen behaupten sie seien "false positives".

Echte "false positives" haben in diesem Umfeld schlechte Karten!!
Arelius Arelius 28.08.2020 07:37
Beim Online Schach gibt es genügend Möglichkeiten Betrug zu machen. Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter darauf ein.
Einzige Möglichkeit es zu verhindern wäre den Spieler per Video überwachen.
Ansonsten dieses Onlineschach ganz schnell wieder abschaffen.
schachkwak schachkwak 27.08.2020 08:40
Wenn ich die Datenbank besitzen würde - wie viele Chessbase-Accounts (wahlweise auch lichess oder was ihr wollt) könnte ich dann übernehmen?

https://www.heise.de/security/meldung/Gehackte-Websites-620-Millionen-Accounts-zum-Verkauf-im-Darknet-4305517.html

Edit: Bitte beachten, dass viele Menschen für verschiedene Accounts bei unterschiedlichen Onlinediensten das gleiche Passwort verwenden.
schachkwak schachkwak 27.08.2020 08:00
1. Ohne Anhörung und Abchecken durch einen Menschen glaube ich keinem Algorithmus.
Z.B.:
Ich habe selbst mal eine minderwertige Nebenvariante analysiert (im Morra mit Schwarz - der Computer findet das anfangs gut). Ich konnte aber damals die Stellung nicht in der Chessbase-Database erobern, weil mein Fritz (for Fun?) den damaligen Houdinis & Co. hoffnungslos unterlegen war (so viel Zeit hatte ich nicht). Ich habe dann gegen einen Jugendlichen in einem Turnier bewusst geneuert (wie gemein) und es danach nie wieder gespielt. Ich konnte die Variante nicht auswendig, aber andere können so was dann wirklich auswendig. Genauso im Endspiel. Es gibt Stellungen, da haben Vereinskameraden intuitiv sofort einen Zug gespielt, den ein damaliger Computer erst viel später gefunden hat. Heute wäre das sicher ein Computerzug gewesen. Der Algorithmus mag da sehr häufig recht haben, aber in Einzelfällen kann es fast immer andere Gründe geben.

2. Eher Nein. Siehe Elisabeth Pähtz. Wäre sie nicht in Paris gewesen und wäre der Betrug nicht ganz so plump gewesen, wäre sie da nie herausgekommen. Es wäre viel zu einfach, absichtlich jemandem durch Cheating zu schaden. Z.B. wenn man in einem Turnier gegen diese Person real spielen muss. Für kompromittiert halte ich die virtuelle Person, nicht die reale. Anders sieht es aus, wenn zweifelsfrei der Betrug bewiesen ist - etwa durch eine Videoaufnahme oder durch eindeutige Zeugen. Dann bitte ja, aber reales Cheating in echten Partien sollte nach meinem Gefühl nochmal härter bestraft werden.
schachkwak schachkwak 27.08.2020 08:00
3. Nur bei eindeutigen Beweisen. Also normalerweise nein. Einen Ausschluss auf der Onlineplattform aufgrund von Algorithmen halte ich aber für sinnvoll.

4. Zumindest ohne eindeutige Beweise auf keinen Fall. Ansonsten eventuell Regeln wie beim Doping in anderen Sportarten?

5. Eine Beweislastumkehr halte ich für sinnvoll. 1-2 Jahre rückwirkend. Bei besonders spektakulären Fällen (Turniersiegen, Schönheitspreisen, Normen) eventuell 5 Jahre Beweislastumkehr? Normen können auch generell aberkannt werden. Aber bitte bei echtem (Computer-)Betrug und nicht bei Regelverstößen (z.B. jemand, der telefoniert, aber bei dessen Partien die Algorithmen nicht anschlagen). Bitte keinen Ivanchuk wegen zu viel Adrenalin den GM-Titel aberkennen. Aber dann evntuell schon Beweislastumkehr. Also Algorithmen über mehrere Partien laufen lassen (mit viel Vorsicht -> siehe 1).

6. Nachsehen bei den Strafen für Doping
global667 global667 27.08.2020 06:33
1. Alle Wahrscheinlichkeiten über 50 % sind besser als Münze werfen und bei DNA-Tests glaube ich auch, dass die Kinder von mir sind...
2. Nein.
3. Nein.
4. Auf keinen Fall, der Pranger wurde vor ein paar Jahren abgeschafft.
5. Ja, warum nicht, wann verjährt Betrug?
6. Im Jugendbereich sollten definitiv härtere Regeln gelten. "Die lieben Kleinen" sollen sich so einen Unsinn garnicht erst angewöhnen.

Es ist vor dem Gesetz Betrug, also sollte es auch so behandelt werden. Ich bin kein Jurist, aber dass sagt mir mein Gesunder Menschenverstand.

Grüße
1