
1. Typische Zugfolgen des Londoner Systems
Das Londoner System entsteht in der Praxis typischerweise über zwei Zugfolgen:
1.d4 Sf6 (alternativ 1…d5) 2.Sf3 und 3.Lf4
1.d4 Sf6 2.Lf4 und 3.Sf3 (alternativ 3.e3 oder 3.c3)
Befürworter der Zugfolge 2.Lf4 argumentieren häufig mit erhöhter Flexibilität:
Der Königsspringer wird bewusst zurückgehalten, um auf schwarze Reaktionen entsprechend eingehen zu können, während zugleich die Diagonale d1–h5 offenbleibt.
Der praktische Konter gegen einen schematischen Aufbau
2. Marins Konzept: Der frühe Gegenstoß …Sh5
Genau an diesem Punkt setzt Marins Idee an: Mit dem provokanten Springerzug nach h5 stellt Schwarz das weiße Konzept unmittelbar in Frage und leitet eine frühe Läuferjagd ein.
1.d4 Sf6 2.Lf4 Sh5!?

Dieser Zug ist keineswegs als bloße „Kaffeehaus-Idee“ abzutun, sondern folgt einem klar umrissenen strategischen Leitgedanken. Schwarz strebt den Gewinn des Läuferpaares an und ist bereit, dafür in der Eröffnung ein Tempo zu investieren.
Diese Idee ist in der Praxis durchaus giftig und eignet sich ideal für das 60-minutes-Format, wo innerhalb einer Stunde ein Konzept beziehungsweise eine Eröffnungsvariante vorgestellt wird.
3. Strategische Konsequenzen für Weiß
Zwar haftet dem Londoner System noch immer das Klischee einer schematischen Spielweise an, doch ist diese Einschätzung überholt. Moderne London-Spieler verfügen über ein differenziertes Verständnis der entstehenden Strukturen. Dennoch zwingt der frühe Angriff 2…Sh5 Weiß aus vertrauten Bahnen: Der Läufer auf f4 wird unmittelbar befragt und Weiß sieht sich zu einer grundlegenden Entscheidung genötigt.
Da das Läuferpaar häufig als langfristiger strategischer Vorteil gilt, stehen im Wesentlichen die Züge 3.Ld2 und 3.Lg5 zur Auswahl. Diese beiden Fortsetzungen bilden den inhaltlichen Kern des Kurses. Marin behandelt sie – ergänzt durch ein einleitendes Kapitel zu Grundlagen und Nebenvarianten – in insgesamt vier Kapiteln, wobei 3.Ld2 den Schwerpunkt einnimmt.

4. Praktischer Wert der Idee
Was gewinnt Schwarz konkret? In erster Linie wird Weiß daran gehindert, seinen gewohnten Aufbau umzusetzen. Stattdessen entstehen Strukturen, die eher klassischen Damenbauernspielen zuzuordnen sind. Dies kann die Vorbereitung empfindlich stören und zwingt Weiß häufig in weniger vertraute Stellungstypen, in denen allgemeines Positionsverständnis gegenüber konkreter Variantenkenntnis an Bedeutung gewinnt.
Der Nachweis, dass das Mehrtempo tatsächlich verwertbar ist, erweist sich dabei als anspruchsvoll – insbesondere für Spieler mit begrenzter Erfahrung in diesen Strukturen.
5. Fazit
Die Idee 2.Lf4 Sh5 ist primär als praktische Waffe zu verstehen. Objektiv verspricht sie bei präzisem weißem Spiel nicht zwingend vollständigen Ausgleich, entfaltet jedoch großen Wert, indem sie den Gegner früh vor konkrete Probleme stellt und Fehler provozieren kann. Zudem übernimmt Schwarz rasch die Initiative, da die Drohung des Läuferpaargewinns unmittelbares Handeln erfordert.
Als tragende Säule eines Repertoires erscheint diese Variante weniger geeignet. Als gezielte Überraschungswaffe hingegen besitzt sie erhebliches Potenzial. Insbesondere gegen weniger erfahrene London-Spieler sowie in Partien mit verkürzter Bedenkzeit dürfte dieser Ansatz seine Stärken wirkungsvoll ausspielen.
Was will man mehr von einer Überraschung, die bereits im zweiten Zug auf dem Brett ist?
Gesamtwertung: ★★★★★ 4/5
Zum Autor
Jahrgang 1965, ist mehrfacher rumänischer Meister und schaffte 2001 erstmals den Sprung über die Elomarke von 2600. Marin besitzt eine für Großmeister seltene Gabe, die Ideen und Hintergründe von Zügen, Varianten und Stellungen auf verständliche Weise zu erklären. Diese Fähigkeit kann man vor allem in seinen Beiträgen für das ChessBase Magazin bewundern. Marin hat einige hoch gelobte Bücher geschrieben, darunter „Secrets of Chess Defence“ und „Learn from the legends“. Er lebt zusammen mit seiner Frau Maria Yugina in Leiro, Spanien.
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