Frisch rezensiert: Harald Schneider-Zinner – Ein Gesamtüberblick

von Lukas Köpl
07.08.2026 – Harald Schneider-Zinner gehört zu jener seltenen Gruppe von Schachautoren, deren Werke nicht aus einer nachträglichen Kommentierung der eigenen Turnierkarriere entstanden ist, sondern unmittelbar aus der täglichen Trainingspraxis. Seine ChessBase-Kurse spiegeln zudem seine Arbeit als Trainer wider, da bewusst auch Partien von relativ schwächeren Spielern hinzugezogen werden. Lukas Köpl hat sich seine Werke für ChessBase vorgenommen und diese anhand von Schwerpunkten gruppiert.

In diesem Hardcover-Buch erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Matt-Motive und testen sich mit ersten Beispielaufgaben. Mit dem eingedruckten QR-Code setzen Sie den Kurs fort auf Ihrem Tablet/ iPad oder Smartphone
Mattangriffe sind der Höhepunkt jeder Schachpartie – der Moment, in dem Strategie auf Schönheit trifft. Doch ein erfolgreicher Mattangriff erfordert mehr als nur Kreativität: Es braucht ein Arsenal an einstudierten Mustern, die Sie erkennen, anwenden und variieren können.

Erfahrung und Methodik als Erfolgsrezept 

Harald Schneider-Zinner zählt zu den erfolgreichsten Trainern Österreichs. Zu seinen Schützlingen zählen GM Felix Blohberger und GM Valentin Dragnev. Insbesondere Felix Blohberger ist in ChessBase-Kreisen mittlerweile ein Begriff, da er zunehmend aktiv geworden ist und neben Features auch eigene Kurse veröffentlicht hat (z.B. Königsindisch für Schwarz). Schneider-Zinner konnte zudem als Trainer der Frauen-Nationalteams große Erfolge verbuchen.

Im Jahr 2010 übernahm er die Trainerausbildung in Österreich. Ein Merkmal Schneider-Zinners ist der Fokus auf typische Motive, die in seinen Werken klar strukturiert werden. Dies erlaubt es Spielern und Trainern, das Material meist uneingeschränkt direkt zu verwenden und für das eigene Training zu verwerten. Dabei fällt insbesondere auf, dass sich in den Kursen immer wieder Partien auch von Spielern unter dem absoluten Spitzenniveau Einklang finden, wie bereits in meinen bisherigen Rezensionen zu seinen Werken zu sehen war.

Eine Trainingsbibliothek für das Mittelspiel

Das Portfolio Schneider-Zinners lässt sich, neben Einzelwerken, in vier große Reihen gliedern:

  • Strategieschule: Bände 1 – 9
  • Taktikschule: Bände 1 – 5
  • Vorteilsverwertung meistern: Bände 1 – 2
  • 60 Minuten: Ungleichfarbige Läufer, Prophylaxe

Darüber hinaus seien hier der Vollständigkeit nach noch Einzelwerke aufgeführt.

  • Der Mattangriff
  • Erfolgreich verteidigen

Die Reihen sind unterschiedlich umfangreich, folgen jedoch einer gemeinsamen didaktischen Idee. Ein Thema wird begrifflich geordnet, an klassischen und modernen Partien exemplifiziert und möglichst durch Aufgaben oder interaktive Tests gefestigt.

Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan?
Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan? Ziel dieses Videokurses ist es, dem Studierenden zahlreiche Muster und Ideen aus der Praxis für sein Training mitzugeben, um so den nötigen Feinschliff zu erlangen.

Die Strategieschule: vom Denken in Plänen zum Denken in Strukturen

Bände 1 bis 4: Das strategische Fundament

Band 1, Allgemeine Prinzipien, eröffnet die Reihe mit den großen Entscheidungsfragen: Ist eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell zu behandeln? Wie wird sie bewertet, und wie entsteht aus dieser Bewertung ein Plan? Das ist anspruchsvoller, als der Titel vermuten lässt. In meiner eigenen Arbeit als Trainer stelle ich häufig fest, dass Spieler diese Prinzipien häufig zu brechen scheinen und dies nicht selten die Quelle ihrer späteren Probleme darstellt.

Statt einzelne Regeln unverbunden aufzuzählen, versucht Schneider-Zinner, zwischen Stellungsmerkmal und Handlung zu vermitteln. Gerade für Spieler, die viele Strategiebücher gelesen haben, am Brett aber dennoch keinen Zug finden, ist dieser Ansatz wertvoll. Es hilft, bekanntes Wissen zu vernetzen und die Entscheidungsfrage zu erleichtern. Kritisch bleibt, dass jede allgemeine Entscheidungsfindung an konkreten Ausnahmen scheitern kann. Am konkreten Charakter des Spiels kann man nichts ändern. Der Kurs funktioniert deshalb am besten als Denkgerüst, nicht als Algorithmus mit Garantie. 

Band 2, Die Kunst des Tauschens, widmet sich einem unterschätzten Kernbereich praktischer Strategie. Tauschaktionen werden von Klubspielern häufig nach vereinfachten Merksätzen beurteilt wie „Figuren bei Vorteil tauschen, Bauern bei Nachteil tauschen“, obwohl die konkrete Wirkung von Aktivität, verbleibenden Figuren und Bauernstruktur abhängt. Folglich also jenen Ungleichgewichten, die neben Material noch in der Stellung liegen. Schneider-Zinner differenziert diese Entscheidungen und erlaubt zugleich das Thema der Stellungsbeurteilung aktiv in den Lerninhalt mit einzubeziehen. Der Band zählt zu meinen persönlichen Favoriten (nicht zuletzt, weil ich mich seit knapp einem halben Jahr mit jeglicher Quelle dazu befasse) und womöglich zu den konzeptionell stärksten der Reihe, weil die erworbenen Fragen in nahezu jeder Partie wiederkehren. Seine Grenze liegt weniger im Stoff als in der erforderlichen Mitarbeit. Wer die Beispiele nur konsumiert, wird das Urteil über Abtäusche kaum automatisieren.

Band 3, Die Kunst der Blockade, aktualisiert Nimzowitschs klassische Ideen anhand moderner Weltklassepartien und Beispielen aus Schneider-Zinners Trainingspraxis. Besonders gelungen ist die Gegenüberstellung von Blockade und Deblockade (einen Begriff, den ich in mein Begriffsrepertoire aufnehme).

Der blockierende Springer oder Läufer wird nicht als statisches Lehrbuchbild behandelt, sondern als Teil eines Kampfes um Felder, Hebel und Figurenaktivität. So wird einer der historischsten Strategiebegriffe in modernes Schach übersetzt. Es ist jedoch wichtig kritisch zu sehen, dass das Thema mehr als vertiefendes Studium dieses Motivs anzusehen ist.

Band 4, Dynamische Mittelspielstrategien mit ungleichfarbigen Läufern, räumt mit dem populären Kurzschluss auf, ungleichfarbige Läufer bedeuteten grundsätzlich Remis. Schneider-Zinner trennt präzise zwischen Endspielen, in denen die Blockade- und Remistendenz dominiert, und Mittelspielen, in denen der nicht kontrollierbare Farbenkomplex einen Angriff massiv verstärken kann.

Die Auswahl typischer Übergänge macht den Kurs für Turnierspieler besonders praxisnah und erlaubt, diese in eigenen Partien zu suchen, um verpasste Chancen – sei es im Gewinn- oder Remissinne – zu finden. Zugleich ist dies ein Spezialthema, dessen Ertrag stark davon abhängt, wie häufig der Lernende entsprechende Strukturen tatsächlich erreicht.

Bände 5 und 6: Test und Grundlagen der Bauernstrukturen
Mit Band 5, Teste Dein Strategiewissen, wechselt die Reihe bewusst vom Erklären zum Prüfen. Dieser Schritt ist didaktisch entscheidend. Viele Videokurse erzeugen das angenehme Gefühl des Verstehens, ohne die selbstständige Entscheidungsfähigkeit zu testen. Schneider-Zinner konfrontiert den Lernenden dagegen mit Stellungen, in denen bewertet, geplant und gerechnet werden muss.

Der Band ist deshalb kein Nachschlagewerk, sondern mehr eine diagnostische Zwischenprüfung. Seine volle Wirkung entfaltet er erst nach den vorherigen Teilen; isoliert eingesetzt kann er anspruchsvoll und in der Fehlerauswertung weniger individuell wirken als ein echter Trainerdialog. Die Auswahl der Stellungen variiert und bietet einem breiten Publikum einen anspruchsvollen Test. Hier sollte jeder Spieler etwas mitnehmen können.

Band 6, Grundlagen der Bauernstruktur, führt in das Studium von Bauernstrukturen, in denen verschiedene strategische Elemente aus den vorherigen Bänden eine bedeutende Rolle spielen:

  • Raumgewinn, 
  • Einschränkung gegnerischer Figuren, 
  • Hebel, 
  • Mehrheiten, 
  • Zentrum, 
  • Bauernketten 
  • Freibauern

Der Kurs besitzt im Gesamtbild eine hohe Bedeutung, weil er zahlreiche Einzelthemen der ersten Bände unter einem gemeinsamen strukturellen Rahmen bündelt. Besonders überzeugend ist der handlungsorientierte Blick auf Bauern: Es geht weniger um die reine Benennung einer Struktur, sondern um die Frage, welche Figurenfelder, Hebel und Pläne aus ihr folgen. Für eine wirklich umfassende Bauernstrukturschule wäre allerdings eine stärkere Ordnung nach konkreten Strukturtypen – Isolani, hängende Bauern, Carlsbad, Maroczy und andere – als Ergänzung wünschenswert.

Bände 7 und 8: Eröffnungen verstehen
Mit Band 7 Italienisch
(siehe Rezension) und Band 8 Offener Sizilianer (siehe Rezension) erweitert Schneider-Zinner die Strategieschule in Richtung Eröffnungsunterricht. Das Konzept ist dabei plausibel und thematisch gut gewählt. Anstatt konkrete Varianten zu präsentieren und damit Eröffnungstheorie zu erschließen, werden Figurenaufstellungen, Schlüsselfelder und typische Mittelspielpläne vermittelt. Das ist für die Praxis äußerst wichtig.

Meines Erachtens gehört dieser Bereich, auch wenn er ausgewählte Bereiche der Eröffnungsstrategie betrachtet, bereits gezielt zu seinem bisherigen Portfolio des Mittelspieltrainings. Gerade in Italienisch, dessen ruhige Zugfolgen oft nur bei Kenntnis feiner Manöver verständlich werden, geht das Konzept voll auf.

Der Kurs zum Offenen Sizilianer überträgt denselben Ansatz auf ein wesentlich schärferes und variantenreicheres Feld und bietet damit eine konzeptionelle Landkarte für Turnierspieler. Im Vergleich mit seinen bisherigen Werken der Reihe stellen diese beiden Bände jedoch einen Bruch dar. Die ersten sechs Teile behandeln universelle strategische Kompetenzen zu ausgewählten Eröffnungen.

Band 7 und 8 sind an konkrete Eröffnungsfamilien aus 1.e4 gebunden. Wer weder Italienisch noch den Offenen Sizilianer im Repertoire führt, erhält zwar wertvolles Mittelspielwissen, aber einen geringeren unmittelbaren Nutzen. Als eigenständige Reihe Eröffnungen wären die Kurse womöglich klarer positioniert, wobei das stark davon abhängt, in welche Richtung sich die Reihe in der Zukunft entwickeln wird. Inhaltlich bleibt der Ansatz dennoch attraktiv, weil er Theoriekenntnis und Stellungsverständnis verbindet, statt beides gegeneinander auszuspielen.

IM Harald Schneider-Zinner zeigt Ihnen die wichtigsten Motive und Muster erfolgreicher Qualitätsopfer: vom klassischen Zerstörungsopfer auf c3 oder f6 über Botwinniks Vorpostenopfer bis hin zu Petrosjans legendären defensiven Qualitätsopfern.
Ein Turm ist mehr wert als ein Springer – meistens. Doch starke Spieler wissen: Aktivität, Initiative und Kontrolle wichtiger Felder können den materiellen Nachteil mehr als ausgleichen. Das Qualitätsopfer gehört deshalb zu den wirkungsvollsten strategischen Waffen im modernen Schach. 
Kostenloses Videobeispiel: Einführung
Kostenloses Videobeispiel: Qualitätsopfer auf c3/c6 & f3/f6 Psakhis vs Schussler

Band 9: Qualitätsopfer
Der neunte Band kehrt zu einem universellen strategischen Motiv zurück: dem Qualitätsopfer. Schneider-Zinner ordnet klassische Zerstörungsopfer auf c3 beziehungsweise f6, Botvinniks Vorpostenopfer und Petrosians defensive Qualitätsopfer. Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der Motivfamilie. Der Lernende soll nicht nur sehen, dass ein Turm gegen eine Leichtfigur gegeben wurde, sondern verstehen, welcher nichtmaterielle Gegenwert entsteht (Initiative, Felderkontrolle, Bauernstruktur, Blockade oder dauerhafte Königsschwäche). Damit behandelt der Kurs ein Thema, an dem starre Materialbewertung besonders sichtbar scheitert. Vielmehr geht es um die Schulung der Ungleichgewichte und den Umgang damit.

Kritisch ist die unvermeidliche Gefahr der nachträglichen Plausibilität. In kommentierten Musterpartien wirkt ein Qualitätsopfer oft logisch, während die Entscheidung am Brett durch Unsicherheit, Alternativen und konkrete Berechnung erschwert wird. Entscheidend sind daher die ergänzenden Aufgaben, welche ein herausragendes Merkmal aller Kurse von Harald Schneider-Zinner sind. Erst dort zeigt sich, ob der Lernende zwischen echtem positionellen Gegenwert und bloßem Wunschdenken unterscheiden kann. Als essenzieller Teil der Reihe ist Band 9 dennoch folgerichtig, weil er strategisches Urteil, Dynamik und Berechnung zusammenführt.

Jetzt im günstigen Paket: Die Taktikschule von IM Schneider-Zinner – der perfekte Trainingsweg zum Taktikprofi!
Jetzt im günstigen Paket: Die Taktikschule von IM Schneider-Zinner – der perfekte Trainingsweg zum Taktikprofi!

Die Taktikschule: Muster erkennen, Motive kombinieren

Die fünfteilige Taktikschule ergänzt das strategische Werk um den taktischen Bereich, samt seiner dazugehörigen Teilbereiche.

Band 1 bereitet sechs Motivgruppen – vom Doppelangriff bis zum Spieß – von leicht nach schwer auf und verbindet aktuelle Beispiele mit langjährig erprobtem Trainingsmaterial.

Band 2 erweitert das Spektrum unter anderem um Hinlenkung, Räumung, Figurenfang, Unterbrechung, Zwischenzüge, Umwandlungsmotive und den Brennpunkt f7. Mit knapp sechs Stunden Laufzeit und zahlreichen interaktiven Aufgaben ist der zweite Teil besonders materialreich. Die didaktische Grundidee ist dabei erkennbar und meines Erachtens didaktisch wichtig. Taktische Stärke beginnt mit einem visuellen und begrifflichen Motivvorrat.

Die Qualität der ersten beiden Bände liegt weniger in der Erfindung neuer Kategorien als in ihrer sauberen Progression. Motive werden klar als wiedererkennbare Bausteine präsentiert, die als Leitfaden während der Partie genutzt werden können.

Das erleichtert den Einstieg und bietet Trainern eine gut portionierbare Beispielsammlung. Für bereits sehr starke Taktiker kann die motivweise Sortierung allerdings entlastend wirken. Wer weiß, dass gerade eine Fesselung gesucht wird, löst anders als in einer Turnierpartie, in der das Motiv erst erkannt werden muss.

Genau auf dieses Problem reagiert Band 3, Der ultimative Test. In drei Schwierigkeitsstufen prüfen die Übungen selbstständige Anwendung, ohne das gesuchte Motiv stets vorwegzunehmen. Das ist für den Transfer ins Turnierschach zentral. Gleichwohl ersetzt auch eine große Aufgabensammlung keine Fehlerdiagnostik. Ob ein Spieler an Kandidatenzügen, Visualisierung, Variantenabbruch oder Bewertungsfehlern scheitert, muss er weiterhin selbst oder mit einem Trainer analysieren.

Band 4, Der Mattangriff, ordnet Angriffsmotive in fünf Gruppen, darunter das Läuferopfer auf h7, das doppelte Läuferopfer, Schwächen auf g7 und f7 sowie Grundreihenmotive.

Band 5, Mattmotive, die Sie kennen müssen, erweitert den Blick auf klassische und moderne Mattbilder unterschiedlicher Schwierigkeit. Beide Kurse sind anschaulich und motivierend, weil Mattbilder emotional stärker haften als abstrakte Technik.

Im Gesamtwerk entsteht jedoch eine gewisse Überschneidung, da Mattangriff, Mattmotive und der Online-Schachkurs „Der Mattangriff“ verwandte Lernziele bearbeiten. Käufer sollten daher vermutlich weniger nach dem Titel als nach Vorwissen, gewünschtem Medium und Übungsanteil auswählen.

Verteidigung und Vorteilsverwertung: die beiden Enden praktischer Technik

Erfolgreich verteidigen
Erfolgreich verteidigen gehört zu Schneider-Zinners Einzelwerken, die nicht in den Bereich einer Reihe fallen. Angriffsliteratur ist reichlich vorhanden; Verteidigung wird dagegen häufig als passives Aushalten oder als Sammlung taktischer Komplikationen behandelt. Schneider-Zinner zeigt defensive Ressourcen systematisch auf und bezieht auch psychologische Aspekte ein (Zeitmanagement, der negative Trend einer Partie, sinkendes Selbstvertrauen und die Neigung, unangenehme Stellungen vorschnell abzuschreiben). Damit verschiebt er den Fokus vom einzelnen Rettungszug auf die Qualität des defensiven Entscheidungsprozesses.

Gerade diese Verbindung von Brett und Psyche überzeugt meines Erachtens voll. Turnierspieler kennen die Situation. Schlechte Verteidigung entsteht nicht nur aus fehlendem Variantenwissen, sondern auch aus emotionaler Überreaktion, in der man passiv verteidigt, zu schnell zieht oder panisch nach Gegenspiel sucht oder innerlich gar resigniert. Der Kurs sensibilisiert für Widerstandsfähigkeit und Ressourcenorientierung.

Jeder greift gerne an, jeder setzt den Gegner gerne unter Druck. Doch wenn wir selbst Ziel der gegnerischen Attacken sind, fühlen wir uns unwohl, ängstlich und unsicher. Dabei können wir gerade in der Verteidigung unglaublich viele Punkte retten.

Vorteilsverwertung meistern, Bände 1 und 2
Die zweiteilige Reihe Vorteilsverwertung meistern greift ein Problem auf, das nahezu jeder Turnierspieler kennt: Eine bessere oder sogar gewonnene Stellung wird nicht in einen vollen Punkt verwandelt.

Band 1 behandelt allgemeine Prinzipien und Grundlagen, darunter die Stabilisierung des Vorteils, die Einschränkung gegnerischen Gegenspiels und Konzepte wie Felder der unbedingten Wirksamkeit. Ein umfangreicher Aufgabenteil zwingt dazu, den Gewinnweg selbst zu bestimmen. Der Band ist besonders nützlich, weil er Vorteilsverwertung nicht auf vereinfachtes Abtauschen reduziert, sondern als Folge präziser Zwischenentscheidungen begreift.

Band 2 richtet denBlick stärker auf kritische Momente, Prophylaxe und Übergänge. Damit vermeidet Schneider-Zinner ein häufiges Missverständnis: Vorteilsverwertung bedeutet nicht immer sofortige Umsetzung, sondern mitunter auch eine langsame Verbesserung der Stellung. 

Zentral bleiben aber Konzepte wie jene kritischen Momente, in denen man prüfen muss, ob es sich um einen statischen oder dynamischen Vorteil handelt. Manchmal muss der Vorteil durch einen konkreten Durchbruch, eine taktische Operation oder den richtigen Übergang sofort realisiert werden. 

Die Zweiteilung ist sinnvoll, weil sie statische Kontrolle und dynamische Verwertung zusammenführt. Allerdings wäre für manche Lernende hier womöglich eine noch schärfere diagnostische Trennung hilfreich. Liegt das Problem in der Stellungsbewertung, in der Berechnung, im Zeitverbrauch oder in der Angst vor Vereinfachungen? Das Werk liefert Bausteine, die individuelle Ursache muss der Nutzer selbst bestimmen. Zusammengenommen bilden Verteidigung und Vorteilsverwertung die beiden Enden praktischer Technik. Im einen Fall gilt es, gegnerischen Druck auszuhalten und Ressourcen zu maximieren; im anderen, eigenes Übergewicht zu stabilisieren und Widerstand zu minimieren. Diese Symmetrie macht beide Werkgruppen für ein systematisches Trainingsprogramm besonders wertvoll. Sie sprechen genau jene Partiemomente an, in denen allgemeines Schachwissen in Ergebnisqualität übersetzt werden muss.

Die 60-Minuten-Kurse: kleine Themen, präzise gesetzt

Neben seinen längeren Kursen gibt es auch im Rahmen der Serie „In 60 minutes“ einige Werke Harald Schneider-Zinners. Neben ungleichfarbigen Läufern im Endspiel ist auch der Kurs zur Prophylaxe bestens geeignet, um kleinere Trainingseinheiten oder -abende zu organisieren und abzuhalten. Typisch für die Reihe ist das Material hier eher kompakt gehalten. Der Kurs Erfolgsfaktor Prophylaxe rückt gegnerische Ideen und Signalzüge in den Mittelpunkt und bietet Denkmethoden wie Vergleich und Zugfolgenprüfung.

Der Endspielkurs behandelt unter anderem verbundene und vereinzelte Mehrbauern, Blockadeideen, das Prinzip einer Diagonale und taktische Ablenkungsmotive.

Die Beschränkung auf eine Stunde ist hier eher Stärke als Schwäche. Jeder Kurs setzt einen klaren Wahrnehmungsimpuls, der anschließend in eigenen Partien gesucht werden kann. Gerade Trainer können daraus thematische Einheiten entwickeln. Vollständigkeit darf man jedoch nicht erwarten: Die Formate liefern verdichtete Orientierung, keine umfassende Theorie. Ihr größter Nutzen entsteht in Kombination mit eigener Beispielsammlung, Wiederholung und praktischen Aufgaben. Als Soloprodukte sind sie preislich und zeitlich niedrigschwellig. Als Bestandteil des Gesamtwerks zeigen sie Schneider-Zinners Talent, aus unscheinbaren Motiven trainierbare Kategorien zu formen. 

Scaffolding praktisch angewandt 

Wer sich mit Pädagogik und Didaktik auseinandergesetzt hat, wird den Begriff Scaffolding kennen, in dessen Zuge eine Stütze zunehmend abgebaut wird, bis der Schützling eigenständig die Probleme lösen kann. In Schneider-Zinners Werken lassen sich meines Erachtens fünf Konstanten erkennen:

  • Erstens denkt Schneider-Zinner in Motiven und Mustern.
  • Zweitens verbindet er ältere Klassiker mit aktuellen Partien, sodass Tradition nicht museal und Aktualität nicht theorielos wirkt.
  • Drittens führt er meist von Erklärung zu Anwendung.
  • Viertens greift er auf Material zurück, das im realen Training erprobt wurde.
  • Fünftens nimmt er psychologische und methodische Fragen ernst, ohne das Schachliche zugunsten allgemeiner Motivation zu verwässern.

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Diese Stärken erklären, warum seine Kurse für Trainer besonders ergiebig sind. Kapitel lassen sich in Unterrichtseinheiten übersetzen, Beispiele nach Schwierigkeit staffeln und Aufgaben zur Diagnose nutzen. Schneider-Zinner modelliert zugleich eine Art des Erklärens: Er benennt das Stellungsmerkmal, formuliert eine Leitfrage, prüft Kandidaten und verdichtet die Erkenntnis zu einem übertragbaren Satz. Wer selbst Schach unterrichtet, erhält daher nicht nur Inhalte, sondern implizit auch Methodik. Die Kehrseite dieser Systematik ist eine gelegentliche Tendenz zur Überkategorisierung. Spitzenschach bleibt konkret; ein Motiv kann mehrere strategische Funktionen zugleich erfüllen, und dieselbe Bauernstruktur kann je nach Figurenkonstellation völlig andere Pläne verlangen. Gute Lernende müssen deshalb den Schritt von der Regel zur Bedingung vollziehen, um nicht nur zu wissen, was häufig gilt, sondern zu erkennen, wann es gilt und wann nicht. Meine persönlichen Favoriten von Schneider-Zinners Kursen – etwa zum Tauschen, zur Verteidigung und zum Qualitätsopfer – fördern genau diese Denkweise. In stärker einführenden Teilen muss der Nutzer sie bewusst ergänzen.

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Zielgruppenbreite. ChessBase kennzeichnet viele Kurse zugleich für Fortgeschrittene, Turnierspieler und Profis. Tatsächlich profitieren diese Gruppen unterschiedlich. Ein Spieler um 1400 Elo benötigt andere Pausen, Aufgaben und Wiederholungen als ein Titelträger. Die Kurse können beiden etwas geben, bedeuten für beide aber nicht den identischen Lern- und Entwicklungsweg. Wer das Gesamtwerk nutzt, sollte deshalb nicht chronologisch alles konsumieren, sondern seine eigenen Partien als Ausgangslage für die Trainingsgestaltung heranziehen.

Für wen eignet sich welches Werk?

Für ambitionierte Vereinsspieler bilden Strategieschule 1, 2 und 6 den stärksten Einstieg. Sie vermitteln Beurteilung, Tauschentscheidungen und Bauernlogik – Kompetenzen, die unabhängig vom Repertoire wiederkehren. Danach sollte Band 5 als Test folgen. Spieler mit klaren taktischen Defiziten beginnen sinnvollerweise mit Taktikschule 1 und 2 und wechseln rasch zu Band 3, um gemischte Aufgaben ohne Motivhinweis zu lösen.

Für Spieler ab etwa gehobenem Vereinsniveau sind Erfolgreich verteidigen und Vorteilsverwertung meistern meiner persönlichen Meinung nach besonders empfehlenswert, weil hier nicht Grundwissen, sondern Ergebnisumsetzung trainiert wird. Es gibt bekanntlich nichts schwierigeres, als eine gewonnene Partie zu gewinnen. Die Strategieschule-Bände 3, 4 und 9 eignen sich als thematische Vertiefungen. Band 7 und 8 lohnen sich vor allem bei entsprechender Repertoirepassung. Trainer können nahezu alle Reihen nutzen, sollten das Videomaterial aber durch Vorfragen, schriftliche Lösungen, Wiederholungsintervalle und die Analyse eigener Partien ergänzen.

Die 60-Minuten-Kurse sind ideale Kurzthemen für Trainingstage oder als Vorbereitung auf eine thematische Einheit. Besitzer der Taktikschule sollten vor dem Kauf jedoch prüfen, ob sie vor allem ein anderes Medium oder tatsächlich zusätzlichen Stoff benötigen.

Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan?
Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan? Ziel dieses Videokurses ist es, dem Studierenden zahlreiche Muster und Ideen aus der Praxis für sein Training mitzugeben, um so den nötigen Feinschliff zu erlangen.

Fazit: Ein Portfolio aus der Praxis für die Praxis

Harald Schneider-Zinners ChessBase-Gesamtwerk gehört zu den geschlossensten deutschsprachigen Videobibliotheken für das praktische Mittelspiel- und Taktiktraining. Seine besondere Qualität liegt nicht in theoretischer Vollständigkeit und auch nicht in der Präsentation spektakulärer Neuheiten. Sie liegt in der didaktischen und thematischen Ausrichtung. Aus Partien werden Beispiele, aus Beispielen Motive, aus Motiven Leitfragen und aus Leitfragen trainierbare Entscheidungen.

Zum Autor:

Der internationale Meister Harald Schneider-Zinner schöpft aus seiner 20-jährigen Praxis, die ihm zu einem der erfolgreichsten Trainer Österreichs gemacht hat. Aus seiner „Strategieschule“ gingen die Großmeister und Stützen des Nationalteams Felix Blohberger und Valentin Dragnev hervor. Als Trainer des Frauen-Nationalteams erzielte er mit seinen Spielerinnen die größten Erfolge. Seit 2010 leitet er die Trainerausbildung in Österreich.

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Lukas Köpl, geboren 1989, ist ein leidenschaftlicher Vereins- und Turnierspieler, der mit aktiver Trainer- und Schiedsrichterlizenz seit mittlerweile über 15 Jahren erfolgreich als Schachtrainer tätig ist. Zu seinem erweiterten Themenfeld zählen journalistische Tätigkeiten für Schachzeitschriften und Verlage sowie die aktive Vereins- und Jugendarbeit. Als Schachspieler vertrat er über die Jahre in diversen Ligen bei mehreren Vereinen das Spitzenbrett.
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