Der indische Großmeister und bekannte Schachautor Surya Ganguly zeigt in seinem neuen Kurs „Calculation Step by Step, Vol. 1 – Foundations“, wie man gutes Rechnen erlernt. Thematisch unterteilt ist der Kurs in mehrere Kapitel, die jeweils eine Technik der Variantenberechnung zeigen. Zunächst ein kleiner inhaltlicher Einblick:
Die meisten Rechenfehler passieren früh in einer Variante, wenn forcierte Züge nicht berücksichtigt werden. In Fernandez Garcia-Marino Bravo folgte hier 19.Df3 Dxa2. Wer hatte dabei etwas übersehen?
(Die Lösungen zu den Aufgabe finden Sie unter dem Beitrag)
"Before going very deep, go broader." (Ganguly)
Ganguly zeigt die Technik, erstmal nicht in einem Abspiel in die Tiefe zu gehen, sondern ganz am Anfang der Variante zunächst verschiedene taktische Ideen zu berücksichtigen. Andernfalls bleibt so manches Kunststück verborgen.
Bura-Paric, Weiß am Zug!
Ganguly lässt einige komplizierte Bauernendspiele berechnen, was er für ein probates Mittel hält, um diese Fähigkeit zu trainieren. Hier bin ich auf Vol. 2 des Kurses, Advanced Practice, gespannt, denn mit mehr Figuren auf dem Brett ist Visualisierung doch noch um einiges schwieriger.
Oft führt der natürliche Zug nicht zum Ziel, dann spielt Elimination eine wichtige Rolle. Die letzte Trainingsstellung dieses Kapitels ist fantastisch, würde aber in einer Rezension zu weit führen!
Verschiedene taktische Ideen gegen den schwarzen König liegen in der Luft. Warum will es nicht so richtig funktionieren und wie bringt Weiß am Zug die Sache dann doch zum Laufen?
Natürlich weiß man in einer Partiesituation nicht, welche der Variantenberechnungstechniken gerade gefragt ist, häufig ist es auch eine Mischung. Aber es geht, wie der Kurstitel sagt, zunächst um die Foundations, die Grundlagen.
Wie wird man gut im Rechnen?
Was unterscheidet Gangulys Fritztrainer nun von den vielen anderen Kursen oder Büchern, die sich mit dem Thema Variantenberechnung befassen?
Der indische Großmeister spricht von Trainer zu Schüler – und macht klar, dass alle Stellungen blind im Kopf zu lösen sind, wie in einer Turniersituation.
"How would you play in a tournament game?"
Der Unterschied zur Turnierpartie ist bei den Trainingsstellungen jedoch, dass Aufgeben keine Option ist. Ganguly betont immer wieder sein Konzept, es so lange zu probieren und nach Ideen zu suchen, bis er eine Stellung gelöst hat. Auch wenn es eine halbe Stunde dauert oder eine Stunde oder länger.
Als gewissenhafter Schüler habe ich mich selbstverständlich an seine Vorgaben gehalten :-). Und ja, am Ende fühlt es sich dann doch gut an, wenn man aus eigener Kraft eine harte Nuss geknackt hat. Auch Gangulys Tipp, sich eine nicht gelöste Stellung abends vor dem Schlafen nochmal blind im Kopf vorzunehmen, habe ich getestet. Das „Krasenkow Problem“ war dann aber doch eine zu harte Nuss:
Schwarz am Zug gewinnt. Unglaublich schwer, aber nicht lang – die Lösung finden Sie im Kapitel „Short Calculation“.
Die Arbeitsethik, die Ganguly von sich und seinen Schülern einfordert, könnte auch etwas darüber aussagen, weshalb Indien so viele starke Großmeister hervorbringt. Nebenbei gibt Ganguly noch ein paar Tipps, um das Rechentraining in den Alltag zu integrieren: Social-Media-Konsum unterwegs auf Reisen? Nutzt das Handy lieber für Taktikaufgaben!
Surya Gangulys Fritztrainer „Calculation Step by Step, Vol. 1 – Foundations“ ist keine Sammlung von Trainingsstellungen, sondern eine Anleitung, wie man gutes Rechnen erlernt. Der indische Großmeister gibt Tools, um sich selbst zu trainieren:
"You are your own coach."
Der Kurs ist herausfordernd und spricht ambitionierte Vereinsspieler an. Mir hat der Kurs Spaß gemacht – zumal der indische Großmeister mit viel Begeisterung dabei ist und als ehemaliger Anand-Sekundant auch die ein oder andere Anekdote zu erzählen weiß.
Lösungen zu den Aufgaben:
Zum Autor:
Surya Shekhar Ganguly ist einer der am meisten ausgezeichneten Großmeister, die Indien hervorgebracht hat. Zu seinen größten Erfolgen zählen der Gewinn der Nationalen Meisterschaft, die er von 2003 bis 2008 sechs Mal in Folge gewann, die Asiatische Kontinentalmeisterschaft im Jahr 2009 und so bedeutende offene Turniere wie das Fujairah International Open im Jahr 2012 und das Belt and Road Open im Jahr 2019. Er vertrat Indien auch bei sechs Olympiaden und holte zweimal Einzelgold bei der Mannschaftsweltmeisterschaft, 2010 und 2019. Außerdem gehörte er zu dem Team von Sekundanten, das Vishy Anand in drei Weltmeisterschaftskämpfen zum Sieg verhalf, und zwar gegen Kramnik, Topalov und Gelfand in den Jahren 2008, 2010 und 2012.
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