Geburtstagskind verpasst Gewinn

25.06.2009 – Gestern feierte Boris Gelfand seinen 41. Geburtstag. Aber in der neunten Runde verpasste der israelische Großmeister eine gute Gelegenheit, sich selbst zu beschenken, denn in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern übersah er gegen Alexei Shirov einen studienartigen Gewinn. Am Ende hatte er zwei Bauern mehr, aber die reichten nicht zum Gewinn. Auch die Partien Ivanchuk gegen Kamsky und Nisipeanu gegen Radjabov endeten nach interessantem Verlauf Remis. Wie Drachenexperte Dorian Rogozenco festgestellt hat, war dabei besonders die Partie von Nisipeanu theoretisch interessant.Turnierseite..., Rogozenco Drachen-DVDs im Shop kaufen...Mehr...

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Runde 9: Die Analyse

Von GM Dorian Rogozenco

Nisipeanu-Radjabov erwies sich als theoretisch wichtige Partie im Drachen-Sizilianer. Der rumänische Großmeister hatte eine Neuigkeit vorbereitet, die sehr genaues Spiel von Schwarz verlangte. Radjabov machte alles richtig, aber trotzdem wirkte seine Stellung verdächtig. Doch die konkreten Varianten zeigten, dass Nisipeanu trotz der aktiven weißen Figuren nie mehr als Remis hatte, das dann auch im 40. Zug wegen der sich anbahnenden Zugwiederholung vereinbart wurde.

Ivanchuk stand gegen Kamsky die ganze Partie über etwas besser. Im 33. Zug entschied sich der Tabellenführer in Zeitnot für Damentausch, da er hoffte, im Endspiel einen Durchbruch organisieren zu können. Doch Kamsky fand eine Möglichkeit, seine Figuren vorteilhaft umzugruppieren und eine Art Festung zu errichten. Im 55. Zug einigte man sich auf Remis.

Gelfand-Shirov wirkte lange wie eine ruhige Partie, in der Weiß leichten Vorteil hatte, der aber nicht zum Gewinn ausreichte. Irgendwann entschied sich Shirov für aktive Verteidigung und gab seinen schwachen Bauern. Die Stellung war immer noch Remis, aber dann gestattete Shirov seinem Gegner in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern den König zu aktivieren. Irgendwann hatte Gelfand dann einen studienartigen Gewinn, den beide Spieler während der Partie jedoch übersehen hatten. Mit einem solchen Sieg hätte sich Gelfand, der an diesem Tag seinen 41. Geburtstag feierte, sich selbst das perfekte Geschenk machen können. Nach der Partie war der israelische GM enttäuscht, aber nahm es leicht: "Natürlich ist es schade, dass ich einen forcierten Gewinn verpasst habe, vor allem, weil ich die Idee gesehen habe. Aber im Prinzip war die Partie die ganze Zeit Remis und ich habe diese Gelegenheit nur erhalten, weil er am Ende ungenau gespielt hat."

Nisipeanu,L. D. - Radjabov,T.
Kings' Tournament Bazna, 24.06.2009


Nisipeanu zu Beginn einer theoretisch interessanten Partie

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 Sc6 8.Dd2 0-0 9.0-0-0 d5 10.Kb1 Sxd4 11.e5


Diese hübsche Idee eines zeitweiligen Figurenopfers wurde 1993 von dem Ukrainer Leonid Milov entdeckt und ist danach sehr populär geworden. Im Moment hat Weiß eine Figur weniger, aber Schwarz kann das nicht ausnutzen und muss den Springer bald zurückgeben.
11...Sf5 12.exf6 exf6
In der häufiger gespielten Variante 12...Lxf6 13.Sxd5 Dxd5 14.Dxd5 Sxe3 15.Dd2 Sxd1 16.Dxd1 kann im Prinzip nur Weiß auf Gewinn spielen. Der von Radjabov gewählte Zug ist von der Theorie weniger gründlich analysiert worden.
13.Lc5
Nisipeanu wählt die prinzipiellste Fortsetzung. Die wichtigste Alternative 13.Sxd5 Sxe3 14.Dxe3 Le6; 13.Dxd5 Dxd5 14.Sxd5 Sxe3 15.Sxe3 f5 ist ausgeglichen.
13...d4
Zu 13...Te8 ist wegen des hängenden Bauern d5 keine Zeit.
14.Lxf8 Dxf8
Ein solches Qualitätsopfer ist typisch für die Drachenvariante, wo der schwarzfeldrige Läufer des Weißen eine sehr wichtige Figur ist.
15.Sb5 Se3 16.Te1 f5


17.f4
Eine sehr interessante Neuerung! Der rumänische GM möchte seinen Gegner zwingen, den starken Springer zu tauschen. Nach 17.Sxd4 f4 sichern die starken Leichtfiguren Schwarz ausreichend Kompensation für die Qualität. Hier ein Beispiel aus der Praxis: 18.g3 Dd8 19.Sb3 (19.c3 verliert wegen 19...Lxd4 gefolgt von einem Läuferschach auf f5.) 19...Df6 20.Dc1 Lf5 21.Ld3 Tc8 (Stärker ist 21...Lxd3! 22.cxd3 Df5 mit schönem Spiel für Schwarz) 22.Lxf5 Dxf5 23.Te2 a5 24.The1 a4 25.gxf4 axb3 und in dieser unklaren Stellung einigte man sich auf Remis, Akshayraj,K (2400)-Ganguly,S (2603)/Mangalore 2008.
17...Dc5
Der einzige Zug, nach allen anderen hat Schwarz Schwierigkeiten.
18.c3 Sxf1 19.Te8+
19.Thxf1?? Dxb5.
19...Lf8 20.Dxd4 Dxb5 21.Dd8 Sd2+ 22.Kc2
22.Dxd2?? Dxe8; 22.Ka1? Dc5 23.Dxd2 b6.
22...Da4+
22...Dc5 funktioniert angesichts von 23.b4 nicht.
23.Kc1
23.Kxd2 sieht sehr riskant aus, obwohl sich Weiß nach 23...Dxf4+ 24.Kd1! Dh6 25.The1! f4 26.T1e2! gegen alle sofortigen Drohungen verteidigen kann.
23...Dxe8 24.Dxe8 Se4!


Nach einer mehr oder weniger forcierten Zugfolge ist eine sehr scharfe Stellung entstanden. Oft sind drei Figuren stärker als die Dame, aber hier hat Schwarz Probleme, seine Entwicklung zu vollenden und deshalb sieht Radjabovs Stellung gefährdet aus. Aber wenn Schwarz zu b6 und Lb7 kommt, dann hat er Vorteil und deshalb sind die nächsten Züge ebenfalls erzwungen.
25.Td1
Droht 26.Td8.
25...Sf6 26.De5 Sd7! 27.De8
Geht die Dame woanders hin, dann konsolidiert sich Schwarz mit Sc5-e6.
27...Sf6 28.Dd8 Se4


29.Td7
Der einzige Versuch auf Gewinn zu spielen. 29.De8 führt zu einem Remis durch Zugwiederholung.
29...Lxd7 30.Dxa8 Lc6 31.Dxa7 Sc5!
In der Analyse nach der Partie kamen Nisipeanu und Radjabov zu dem Schluss, dass dieser Zug sehr stark ist. Nisipeanu erkannte, dass Weiß sich besser mit Remis zufrieden geben sollte, bevor Schwarz noch Gegenspiel aufziehen kann.
32.g3 Sd3+ 33.Kb1
Nach 33.Kc2 spielt Schwarz trotzdem 33...Le4.
33...Le4 34.Ka1 Lc5 35.Db8+ Kg7 36.Dd8 Lg1 37.h4 h5 38.a4 Lf2 39.a5 Lxg3
Nach 39...Sc5 (mit der Idee, den Springer nach e6 zu ziehen, wonach Schwarz auf mehr als nur Remis spielen kann) kann Weiß mit 40.Db6 fortsetzen, wonach Schwarz sowieso nichts Besseres als Zugwiederholung hat.
40.Dd4+
Schwarz kann dem Dauerschach nicht entkommen: 40... Kh7 41.Dd7 Kg7 42.Dd4+ Kf8 43.Dd8+. Deshalb einigte man sich sofort auf Remis. ½-½

Ivanchuk,V - Kamsky,G
Kings' Tournament Bazna, 24.06.2009


Fand in Bazna wieder zur alten Form zurück: Vassily Ivanchuk


Gata Kamsky - trotz einiger unglücklicher Partien wirkt der amerikanische Großmeister gut gelaunt.

1.Sf3 d5 2.d4 c6 3.c4 Sf6 4.Sc3 a6 5.a4 e6 6.Lg5 Le7 7.e3 a5 8.Le2 Sa6 9.0-0 0-0 10.Db3 Sb4
Wie oft im Slawen hat Schwarz eine etwas passive, aber sehr solide Stellung.
11.Sa2 Sa6 12.Tac1 h6 13.Lh4 g5 14.Lg3 Se4 15.Sc3 Sxg3
15...h5 16.cxd5 exd5 ist günstig für Weiß: 17.Sxe4 dxe4 18.Sd2 h4 19.Le5 und Schwarz verbleibt mit einer Menge Schwächen.
16.hxg3 Lf6 17.Se5 Lg7


18.f4
Die weiße Initiative am Königsflügel sichert ihm leichten Vorteil.
18...Sb4 19.Tf2 Ld7 20.Sa2 Sxa2 21.Dxa2 Le8 22.Db3 Tb8 23.Lg4 De7 24.Db6 Dd8 25.Db3 De7 26.Sd3 f5 27.Lf3 g4 28.Le2 h5 29.Tff1 Tf6 30.Kf2 Th6 31.Th1 Lf6 32.Db6 Dd8


"Ich bin nicht sicher, dass Damentausch der richtige Plan war" (Ivanchuk). Das Problem für Weiß ist, dass er in dem entstehenden Endspiel den Vorstoß b2-b4 spielen muss, wenn er Fortschritte machen will, aber danach verfügt Schwarz über einen klaren Plan, um die Stellung zu halten.
33.Dxd8 Lxd8 34.Se5 Kg7 35.Ld3 Tf6 36.Tc2 Ta8 37.Tb1 Lc7 38.b4 axb4 39.Txb4 Lxe5 40.fxe5 Tf7 41.c5 Tc7 42.Ke2 Kf8 43.Tcb2 Ta7 44.Kd2 Ke7 45.Kc3 Kd8 46.Lc2 Th7 47.Tb1 Kc7 48.Th1 Th8 49.Tb6 Lf7 50.Kb4 Tha8


"Diese Verteidigungsaufstellung habe ich übersehen" (Ivanchuk). Jetzt wird klar, dass Weiß keinen Durchbruch hat.
51.Ta1 Ta5 52.Lb3 T8a7 53.Ta2 Ta8 54.Ta1 T8a7 55.Tf1 Ta8 ½-½

Gelfand,B - Shirov,A
Kings' Tournament Bazna, 24.06.2009


Geburtstagskind Gelfand zu Beginn der Partie.


In Feierlaune scheint Alexei Shirov nicht zu sein.

1.Sf3 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.g3 Lg7 6.Lg2 0-0 7.0-0 c5 8.Sxd5 Dxd5 9.d4 cxd4 10.Le3 Td8 11.Sxd4 Dh5 12.Dc2 Lxd4
Ein neuer Zug. Zuvor hat Schwarz 12...e5 gespielt.
13.Lxd4 Sc6 14.Lc3 Lh3 15.Lxc6 bxc6 16.Tfd1 Df5 17.Dxf5 Lxf5


18.Lb4 Kf8 19.Tdc1 a5 20.La3 Td2 21.Kf1 Tc2 22.f3
22.Txc2 Lxc2 23.Tc1 Le4 24.f3 Ld5 25.e4 Lxa2=.
22...Txc1+ 23.Txc1 Ta6 24.Lc5 Le6 25.a3 Ke8
Besser ist 25...h5, was den potenziell schwachen Bauern von h7 entfernt.
26.g4! Ta8 27.Ld4 Td8
Auch an 27...Kd7 ist nichts verkehrt.
28.Lb6 Tb8 29.Lxa5 Txb2 30.Txc6 Ld7 31.Tc3 Lb5 32.Te3 Kd7 33.Lb4 e6 34.g5! Kc6 35.Te5 Tc2 36.Kf2 La6 37.Le7 Lb5 38.Lf8 Kb6 39.Lb4 Kc6 40.h4 La6 41.Lf8 Lb5 42.Le7 Kb6 43.Te4 Tc4 44.Txc4 Lxc4


Trotz des weißen Mehrbauern ist das Endspiel wegen der ungleichfarbigen Läufer Remis.
45.e4 Lb3 46.Ke3 Ld1 47.f4 Lc2
Notwendig war 47...e5 mit leichtem Remis: 48.fxe5 (oder 48.f5 Kc6) 48...Lc2 49.Kd4 Kc6.
48.Kd4 Kc6 49.Ke5 Kd7 50.Kf6 Ke8 51.e5 Lb3 52.Lb4 Lc2 53.Kg7 La4 54.Kxh7 Lc2 55.Kg7 Lb3 56.Kf6 Lc2 57.Ld6! Lb3


Weiß zieht und gewinnt
58.a4?
58.f5!! Weiß gibt alle (!) Bauern am Königsflügel, gewinnt den Läufer und hindert den gegnerischen König dann daran, nach a8 zu kommen: 58...exf5 (58...gxf5 59.h5) 59.e6 Lxe6 (59...fxe6 60.Kxg6) 60.h5 gxh5 61.g6 fxg6 62.Kxe6. Beide Spieler sahen diese Idee, aber glaubten beide, die Stellung sei Remis, weil das Feld a8 die "falsche" Farbe hat. Gelfand berechnete diese Variante mit dem Läufer auf e7 und nicht auf d6, wonach die ganze Idee wegen f5-f4 tatsächlich nicht funktioniert. 62...Kd8 63.Kd5 Kc8 64.Kc6


Analysediagramm
Die Pointe der gesamten Idee: der schwarze König wird vom Feld a8 abgeschnitten! 64...g5 65.a4 f4 66.a5 f3 67.a6 f2 68.a7 f1D 69.a8D Matt!
58...Lxa4 59.f5 Lc2 60.fxe6 fxe6 61.Kxe6 Lb3+ 62.Kf6 Lc2
Weiß hat zwei Bauern mehr, aber die Stellung ist remis.
63.e6
63.h5 gxh5 64.g6 h4 65.g7 Lh7 und auch ohne den schwarzen h-Bauern ist die Stellung remis.
63...Ld3 64.Lg3 Lc2 65.h5 gxh5 66.g6 Ld3 67.Lh4 Kf8 68.e7+ Ke8 69.Kg7 Lc2 70.Kh6 Lb3 71.Kxh5


Weiß kann nicht gewinnen: 71... La2 72.Kh6 Lb3 73.Kh7 Lc2 74.Kh6 Lb3 75.g7 Lg8 76.Kg6 Kd7 und dann zurück nach e8. ½-½

Stand nach der 9. Runde:





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