Gioachino Greco und der Beginn des "Kombinationsspiels"

20.02.2017 – Der Name von Gioachino Greco wird den historisch interessierten Schachfreunden geläufig sein, doch über sein Leben wissen wohl nur die Wenigsten etwas. Geboren wurde Greco in Kalbrien. Sein Buch über das Schachspiel war ein Bestseller und er verdiente mit dem Schach ein Vermögen.

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Von Bastian Kissing

Anno 1600, als der Astronom Giordano Bruno aufgrund seiner astronomischen Thesen, die im Gegensatz zu den Lehren der Kirche standen, einen grausamen Ketzertod starb, kam im Kalabrien, dem Südzipfel Italiens, vermutlich in Celizo, ein Junge zur Welt, dessen Herkunft gerade im damals ständisch geprägten Europa in keiner Weise auf seine zwar kurze, aber doch so hell leuchtende Zukunft schließen ließe. Seine Eltern waren einfache Bauern, und durch seinen wachen Geist und von unermüdlichem Wissensdurst getrieben, erkannte der Junge, dass er in seinem Dorf keine Zukunft hatte, dass er zu Höherem berufen war. Und da er nicht das ihm vorbestimmt scheinende Los seiner Eltern teilen wollte, nahm er schon früh sein Schicksal in seine Hand und verließ als Glückssucher das elterliche Gehöft.

Auch wenn sich sein Werdegang aufgrund der spärlichen Quellenlage nur noch schwer rekonstruieren lässt, so ist doch gewiss, dass sich Greco als Heranwachsender in Rom aufgehalten und dort die gängige Schachliteratur von Ruy Lopez über Damiano bis zu Carrera studiert hatte. Wie dies bereits bei Ruy Lopez gegenüber dessen Vorgänger Lucena gewesen war, war der Ansporn für den 19jährigen Greco der, ein Schachbuch zu verfassen, es besser zu machen als seine schachlichen Vorbilder, da er in deren Werken viele Fehler gefunden hatte. Der Buchdruck hatte auch hier die Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen, beschleunigt, zudem kam Greco zugute, bei dem es sich nicht nur um einen gebildeten, sondern auch um einen mit den damals üblichen Konventionen auch im Hinblick auf den sprichwörtlichen „barocken Schwulst“ bestens vertrauten jungen Mann gehandelte hat, dass er im Laufe seines Lebens zahlreiche Gönner fand, die das Schach an ihren jeweiligen Höfen förderten, dafür nach spielstarken Spielern suchten und sich gern mit auf ihren Namen verbürgten Schachmanuskripten schmücken wollten, so dass diese Greco, der sie für seine Ideen begeistern konnte, die Finanzierung seiner Projekte ermöglichten. Davon zeugt das schriftliche Angebot seines ersten Schachmanuskripts an Herzog Heinrich II. von Lothringen, wobei Greco, in Kenntnis oder Unkenntnis der wahren Sachlage, auch gern die Fakten dahingehend bog, dass der Fürst sich geschmeichelt fühlen musste. Es sei daran erinnert, daß die Schachgeschichte heute im Einklang darin ist, dass die Erfindung des Schachspiels nicht Produkt einer Einzelerfindung, auch nicht die eines Fürsten, gewesen ist, sondern das Produkt einer sehr langen kollektiven Epoche, in der sich das ursprüngliche Würfelspiel zum indischen Tschaturanga entwickelte. Greco schrieb an den Herzog:

An seine Durchlauchtigste Hoheit von Lotthringen.

Durchlauchtigster Herr!

Der wahrhafte und glänzende Ruf der Heldentugenden Euerer Hoheit ist bis zu meinen Ohren gedrungen, wenngleich ich nur ein Einzelner unter Vielen, ja selbst nur Einer unter vielen, ja selbst nur einer unter aus der unzähligen Menge derer bin, welche die Sonne der Tugend sehen und bewundern. Derselbe hat mich von dem bis dahin gehegten Zweifel befreit, wenn ich dieses mein Erzeugniss, welches nicht meinethalben, wohl aber wegen der Eigenschaft des darin behandelten Gegenstandes nicht ganz zu verachten ist, und deshalb nur einen souveränen Fürsten, wie Euere Hoheit, zugeeignet werden darf - widmen und darbringen sollte.

Es ist dies die Abhandlung über das höchst edle Schachspiel, welches von einem Fürsten und höchst tapferen Krieger erfunden wurde, der aus Liebe zur Tugend, um die Musse ehrbar hinzubringen, dieses, ich will nicht sagen Spiel erdachte, sondern diesen Wettkampf des Denkvermögens ersann, welcher später Spiel genannt wurde, da er zum Zwecke allein unsere geistige Erholung hat. Euere Hoheit werden in diesem Buche, unter dem Bilde des gedachten Spieles, die erhabensten und ausgezeichnetsten Tugenden erkennen, welche Hochdieselben für die ganze Welt beachtenswerth machen, und mögen zugleich in mir ein unbeschränktes Verlangen wahrnehmen, Euerer Hoheit die Ergebenheit an den Tag legen, welche ich, sammt unserer ganze Provinz für Euere erhabene Familie bewahre, als für unsere alte Schutzherrin und Gebieterin.

Euerer Hoheit, dem wahren Tempel der Tugend und einzigen Spiegel kriegerischen Glanzes, dem ruhmreichen Nachkommen der alten Besitzer Calabriens, weihe ich also und widme ich meinen gegenwärtigen Band, damit Hochdieselben, als grosser Kenner des so schönen Spieles, ihm stets ein Gönner und Beschützer gegen diejenigen sein mögen, welche es wagen sollten, die erwähnten Vorzüge zu schmälern, die um so wahrer sind, als sie eben nur bei Eueres Gleichen sich in hervorragendem Maasse finden. Indem ich Euerer Hoheit die grösstmöglichste Glückseligkeit wünsche, küsse ich ehrfurchtsvoll das Kleid.

Zu Nancy am 25. Juli 1622.

Euerer Durchlauchtigsten Hoheit

Gehorsamster und Ergenster [sic!, vermutlich Ergebenster] Diener
Gioacchino Greco Calabrese."

Von der Lasa, Berliner Schacherinnerungen nebst den Spielen des Greco und Lucena, Leipzig, Verlag von Veit & Comp 1859 S. 125f.



Da das Schach im Barock ein Zeitvertreib der Adeligen gewesen war und sich das Schachleben vorzugsweise in deren Palästen abgespielt hatte, auf welche die gebildete Welt Europas ihre Augen warf, konnte Greco sich als spielstarker Schachmeister und hervorragender Schachbuchautor auch tatsächlich rasch einen guten Namen machen. Zugute kam ihm dabei, dass es ihm mit seinem, heute würden wir sagen "kriecherischen", Briefes an den Herzog von Lothringen gelang, dieses für ihn so nützliche Zweckbündnis zu schmieden. Im übrigen mag ihm sein, neutraler formuliert, gewandtes Auftreten dabei geholfen haben, in jedem Fürstenhof gut anzukommen und die Gunst des jeweiligen Granden zu gewinnen. Petzold hält zu Greco fest:

 

Der Schachruhm Grecos wäre bald verblichen, hätte er nicht zur Feder gegriffen. Sein ältestes Schachmanuskript stammt aus dem Jahre 1621. Er erwähnt darin jedoch ein um zwei Jahre älteres, das er noch in Rom zu schreiben begonnen hatte. Wie alle Schachmeister seiner Zeit war Greco auf die Gunst schachfreundlicher Fürsten oder sonstiger Nobilitäten angewiesen. Sein anfänglicher Gönner stammte aus dem traditionell mit Sizilien und Kalabrien verbundenen Hause der Anjous. Es handelte sich um den Herzog Heinrich II. von Lothringen, der von 1608 bis 1624 regierte. Das ihm gewidmete Schachmanuskript, das Greco entweder diktierte oder abschreiben ließ, befindet sich heute in der Bibliotheca Medicea-Laurengiana in Florenz. Eine auf Pergament übertragene und reich illustrierte französische Übersetzung aus dem Jahr 1622 gelangte nach Dresden. Weitere Handschriften waren im Besitz der Schachbuchsammler Robert Franz und Tassilo von der Lasa.

Joachim Petzold, Schach - Eine Kulturgeschichte, Edition Leipzig 1986, S. 183


Was wir heute an Greco so lieben und warum Greco, der übrigens viel von seinem Vorgänger Polerio, dem Theoretiker und in Madrid 1575 ersten Sekundanten der Schachgeschichte, der seine Landsleute Leonardo da Cutri und Paolo Boi zum Siege gegen die Lokalmatadoren Ruy Lopez und Alfonso Ceran getragen hatte, der einzige der frühen Schachmeister nach den Zugreformen am Ausklang des Mittelalters ist, der uns so nachhaltig im Gedächtnis verhaftet ist, liegt daran, dass er in seinen Partien den Traum der meisten Schachspieler erfüllt, möglichst früh, schön und effektvoll zu gewinnen. Er spielte glanzvoll, verkomplizierte früh die Lage, setzte dem gegnerischen König von Beginn an zu und liebte den verwegenen Königsangriff, durch den er oft genug zum schnellen Sieg kam. Trotz der Schnelligkeit seiner Siege sind seine Eröffnungszüge selten schreiend inkorrekt, zweischneidig durchaus, aber meistens gut begründet und entbehrten nicht - wie viel später bei Morphy - eines gewissen Systems, weswegen Botvinnik ihn den ersten wissenschaftlichen Schachspieler nannte.

Natürlich kam ihm das schwache Bild, dass seine Gegner abgaben, bei seinen schnellen Siegen zu Gute, aber zum einen ist dies nicht seine Schuld, und zum anderen half er durch diese besondere Form von Dominanz, die Jeremy Silman dergestalt ausdrückte, es käme ihm beim Studium von Grecos Partien so vor ( http://www.chesshistory.com/winter/winter62.html ), als spielte ein 1800er Eloträger dauernd gegen eine Masse von 1000-Elo-Spielern, den Lernenden in dieser frühen Anfangsphase des Schachs einen Leuchtturm zu setzen, an dem sich spätere Generationen orientieren konnten. Und sie haben sich an ihm orientiert. Bis zu Philidors Zeiten waren Grecos Schachwerke die in Europa populärsten und auflagenstärksten Schachbücher, und in ganzen Eröffnungssystemen wie im Königsgambit und in der Italienischen Partie, sind dem Lernenden Grecos Angriffsmuster und Kombinationen vor dem geistigen Auge präsent.

Das Besondere an den Schachwerken Grecos war neben der spielerischen Eleganz seiner vorgetragenen Partien und der Schönheit seiner veröffentlichten Studien, dass er nach Petzold der erste Schachbuchautor gewesen war, der nicht nur der Eröffnungsphase, sondern auch der gesamten Partie seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte (vgl. Petzold S. 183). Antonius van der Linde führt aus, Grecos Werke hätten in Ermangelung von Konkurrenz „länger als ein Jahrhundert als alleiniger Leitfaden für Schachspieler“ gedient (Antonius van der Linde, das Schachspiel des XVI. Jahrhunderts, S. 92).

Trotzdem ist Lindes Gesamturteil zu Greco bei weitem nicht so günstig, wie man vielleicht annehmen könnte, und vielleicht nimmt der für seine Bissigkeit bekannte Linde Greco hier übel, daß er sich, was die Schachregeln angeht, die in der Frühphase des modernen Schachs noch lange nicht in Gänze erkannt oder als gemeingültig anerkannt waren, nach Lasa eher opportunistisch den Gepflogenheiten in seinen jeweiligen Gastländern angepaßt habe (vgl. Lasa 120) und so mal nach heutigen Maßstäben korrekt rochierte; dann aber wieder mit dem Doppelzug Kg1 & Te1; darauf mit der Rochadestellung Kh1 & Kg1; dann spielte er mit dem alten Taschaturanga-Königssprung, der wiederum verschiedentlich ausgeführt wurde; dann rochierte er gar nicht, oder ein einziges Schachgebot genügte eine Rochade zu zerstören; außerdem gab es unterschiedliche Interpretationen, was die Bauernumwandlung oder die En-Passant-Regel anging - kurz, das Schach steckte nicht nur spielerisch, sondern auch regeltechnisch noch in seinen Kinderschuhen, und regeltechnisch war es ein einziges bis noch in die Zeit von Adolf Anderssen, der davon ausgegangen war, dass es unziemlich sei, sich eine zweite Dame zu wünschen (Linde, S. 120), hineinreichendes Chaos. Wir sind uns heute dessen nicht bewusst, weil wir nur die Glanzpartien Grecos kennen, die nach den durchgesetzten Schachregeln gespielt wurden oder wo zumindest die gespielte Partie ohne einen abweichenden Regelzug auskam. Aber Greco hat auch andere Partien gespielt, die heute nicht mehr aufs Brett kommen dürften.

 

Linde: „Als Schachspieler war Greco weniger ein schöpferisches Genie als ein reproducierendes, sich die vorhandenen Productionen Anderer schnell und selbständig aneignendes Talent. Die Zahl der zu seiner Zeit bekannten Spieleröffnungen hat er daher nicht, die Varianten in den gebräuchlichen Spielen dagegen mit vielen geistreichen Zügen bereichert.“ (Linde, S. 92f.)


Besonders angetan von der Spielweise Grecos ist aber Mihail Marin, der in Karl 2/2015 eine Geschichte der Mittelspieltheorie vorstellte und an zwei Beispielpartien des Kalabresen veranschaulichte, dass Greco schon damals sehr modern gespielt habe. Fast noch interessanter ist sein Urteil bei einem Vergleich mit einer Philidor-Partie. Obwohl Philidor einen „Meilenstein in der Evolution des Schachdenkens markiert“ (Karl, 1/2015, S. 39) habe, habe Marin es überrascht, dass mit Blick auf die Ausarbeitungen Grecos und Philidors beim Franzosen „trotz des logischen Ablaufs die Genauigkeit hinter der von Greco zurückblieb.“ (ebd.) Insofern mag Philidor, der so gut war, dass er in seiner großen Blüte von 50 Jahren zum Leidwesen der Eröffnungstheorieentwicklung fast nur noch zu Vorgabepartien gegen einen Gegner bereit war, 100 Jahre, Greco aber schon 200 Jahre dem Schach vorausgewesen sein. Grecos Matchstatistik aus der Datenbank von Chessgames, in der Greco auf 79 Siege ( http://www.chessgames.com/player/gioachino_greco.html ) ohne jedes Remis und ohne jede Niederlage kommt, dürfte bis heute und höchstwahrscheinlich für alle Zeiten ein einsamer Rekord sein. Wunderkinder waren sie beide.

Vielleicht war Gioachino Greco ein wenig zu spät in die Welt hineingeboren. Denn so wie sich das Goldene Zeitalter Italiens allmählich dem Ende zuneigte, so wie die frühmodernen Impulse rund um die Ideen der Renaissance und des Humanismus zugunsten religiöser Spannungen im innerchristlichen Konflikt rund um die Reformation und damit einhergehend neuer Judenverfolgungen, denn die Juden gerieten bei den innerchristlichen Auseinandersetzungen zwischen die Fronten, langsam erkalteten, so erstarb allmählich das Schachleben in Italien selbst, aber auch in Europa, und sicherlich wäre es denkbar, dass Gioacchino Greco durch die Umstände in Europa, der als 18jähriger den Prager Fenstersturz und damit das Fanal für die unheilvollen kriegerischen Verwicklungen Europas miterlebte, zu seinem Vagabundenleben getrieben worden war.

Als er 1622 von Paris aus ins sichere England übersetzte, erlebte er die neue Rohheit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie von Thomas Mann in dessen „Zauberberg“ als „die große Gereiztheit“ beschrieben wurde, am eigenen Leib, denn von Wegelagerern überfallen wurden ihm seine Pariser Gewinne in Höhe von 5.000 Scudi entrissen. Zum Glück für ihn kam er vorläufig mit seinem Leben davon und konnte die Kasse in London wieder auffüllen. Seine letzte Station vor seiner verhängnisvollen Fahrt zu den Westindischen Inseln, die bis heute oft als Westindien fehlinterpretiert übersetzt werden, weil die Westindischen Inseln sich nicht in Westindien, sondern im Atlantischen Ozean, Mittel- und Südamerika vorgelagert, befinden und zu diesem Zeitpunkt spanische Kolonialgebiete waren, war nicht zufällig Madrid, dort, wo bereits seine italienischen „Vorkämpfer“ Leonardo da Cutri und Paolo Boi am Hofe des Königs 1575 gegen die Spanier Lopez und Seran triumphieren konnten.

Auch Greco konnte sich der Gunst des spanischen Königs erfreuen, sein Gastgeber war nicht mehr Philipp II., sondern Philipp IV. Zugute kam Greco dabei, dass sein Gastgeber ähnlichen Alters war, der sich darüber hinaus noch politischer Ambitionen erfreute, da er in dem europäischen Konflikt als letzter spanischer König nach dem Untergang der Spanischen Armada 1588 in der Seeschlacht gegen Britannien versuchte, seine Großmachtstellung in Europa und damit auch seine niederländischen Provinzen zu verteidigen.

Das Schach wurde im Barock als gottgefälliges Spiel angesehen, das allegorisch die unantastbare göttliche Ordnung auf der Erde symbolisierte. Bereits der spätere Herzog von Braunschweig und Lüneburg, August II., hatte 1616 unter seinem Pseudonym Gustav Selenus mit seinem „Das Schach- oder Königspiel“ das Schachspiel als Abbild der göttlichen Ordnung dargestellt, in der jede Figur eine gesellschaftliche Stellung symbolisiere und zum Gelingen des Ganzen beitrage. Der Kasseler Sammler und Kunsthistoriker Siegfried Schönle hat für das Magazin für Schach- und Brettspielgeschichte „Caissa“ in dessen Erstausgabe 1/2016 eine Kompilation von Quellen aus dem Barock zusammengestellt, welche das Wechselverhältnis von Schach und der damaligen Kultur bzw. dem Lebensgefühl der Menschen ausdrückt. Natürlich wird sich in einer Quelle mit einem jener berüchtigten Kirchenmänner auseinandergesetzt, die sich, ganz wie im Mittelalter, nicht nur den Glücks-, sondern auch dem Schachspiel als Quell der Sünde angenommen haben. Doch läßt der Paduaner Bibelforscher Giovanne Stefano Menochio, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewirkt hatte, mit Petrus Damiani Ordinis S. Bendicti einem solchen Gottesmann mit dem Bischof von Florenz einen versierten Gegenspieler zu Wort kommen, der diesem erläutert, warum die Kirche das Schachspiel nicht wie die Würfelspiele verboten habe. Dessen Schlussfolgerung mag allerdings der Arbeiterschachbewegung des 20. Jahrhunderts wie ein Tiefschlag erscheinen, Siegfried Schöne erläutert aus den Texten Menochius´, in denen besagter Bendicti den schachfreundlichen Bischof zuerst ermahnt, um daraufhin von diesem „widerlegt“ zu werden:

Der seel. Petrus Damiani Ordinis S. Bendicti, Cardinal und Bischoff zu Osia erzehlet [...], daß er habe den Bischoff zu Florenz etwas hart mit Worten gestrafft
darumb daß derselbe im Schach gespihlet hätte
und zwar mit diesen Worten: „Ist es dann recht und deinem Ambt gemäß
am Abend eytel im Schachspihlen
und die Hand welche den Leib des HErn aufogffert
die Zung welche zwischen GOTT und dem Volck vermitteln solle
mit dem gottlosen Spihl schänden und besudeln“ [...]
dann als derselbige Bischoff nach empfangenem solchen Verweis geantwortet
das Schachspihl seye nit begriffen unter dem Wort alea, Würfelspihl
und sagt: „Die Recht habern das Würffelspihl verboten
und das Schachspihl stillschweigend zugelassen“
In der Auslegung verschiedener Texte gelang man zur Ansicht:
Dises alles seye gesagt den seel. Damian zu entschuldigen
dann die Lehrer gemeiniglich das Schachspihl nit verwerffen
als welches von sich selbe zugelassen
wann nit ein oder andere darbey einlauffende Umbständ dasselbe sträflich machen
Dahero Abbas [...] sagt: Aus diesem und dem Text wird die Folg gemacht
daß das Schachspihl denen Geistlichen nit verbotten
vil weniger denen Weltlichen
und dises wird gemeiniglich gehalten. Solches lehret auch der Archidiaconus [...] und gibt die Ursach
weil es ein Spihl des Verstandes.“
Das Schachspiel stehe eher denen nicht zu, welche körperlich hart arbeiten, aber denen mit „Gemüth und dem Verstand“.

Caissa 1/2016, S. 64


Von der im 17. Jahrhundert nach wie vor herrschenden Verwirrung, wie genau das Schachspiel denn nun zu spielen sei (wir haben bereits gelernt, dass sich die Regeln vor allem regional voneinander unterschieden), zeugt ein Werk von Georg Philipp Harsdörffer aus dem Jahre 1655, wo es um ein Rededuell zwischen zwei Herren geht, ob es denn erlaubt sei, einen Bauern in eine zweite Dame umzuwandeln, wobei die allegorischen „Argumente“, die für die jeweilige Position aufgefahren werden, aufschlussreich sind:

Schlüßlich führe ich meinen Beweiß von einer Gleichniß
wan einer sein Landgut verkauft
und dem Fisco [...] mit Schulden verhafft ist
so kann doch solcher das verkauffte Gut nicht wieder ansprüchig machen. Hieraus erhellet genugsam
daß der Bauer
welcher zu Ende gebracht worden
keine Königin machen könne
so lang die Seinige noch in dem Spiel stehet
sondern er müsse nach der Königin Verlust dahin gezogen werden.“
Der andere Herr argumentiert so:
„Bevor man zu spielen anfängt
pflegt man zu sagen: Ob der hinausgebrachte Stein eine Königin mache
oder nur den jenigen Stein
an welches Stelle er hinausgezogen worden?“ [...]
Die ganze Sache beruhet im Wolspielen: „Womit er meint, dass wer so gut spiele und einen oder mehrere Bauern bis auf die letzte Reihe durchbringe,
der müsse auch den Lohn erhalten, eine weitere Königin:
„Sollte Salomon kein König gewesen sein
weil er mehr als ein Weib gehabt?“
Hierher gehöret schließlich nicht das angefügte Gleichnis
und ist ein anders der Fiscus,
ein anders das Sachspiel [!]: Beharre also meine Meinung
daß der Bauer neben der Königin gleiche Macht haben könne und solle.

Ebd. S. 51


Das im Barock vor allem während des Dreißigjährigen Krieges vorherrschende Vanitas-Motiv der Vergänglichkeit findet sich zudem in einem Emblem von Henricus Engelgrave von 1651, wo himmlische Hände die Schachfiguren in einen Beutel legen und das von Greifvögeln umkränzt ist. Siegfried Schöne interpretiert das Bild: „Der Tod ist hier der große Gleichmacher, alle gesellschaftlichen Unterschiede werden durch ihn aufgehoben, Bauer, Dame und König fallen in ein und denselben Beutel“ und hält fest, dass es dieses Motiv im Barock noch in weiteren Variationen gebe (ebd. S. 43f.).

Und schließlich findet sich aus der Zeit eine Quelle, in der sich mit dem Schach eben wegen der Beanspruchung des Geistes kritisch auseinandergesetzt wird. Der Stein des Anstoßes ist für den Autoren Jacob Pontanus, eigentlich Jacob Spannmüller, ein Jesuit und Humanist, in einem Werk zwischen 1588-94, daß es sich hierbei um eine Ressourcenverschwendung handele, ein Argument, das im 20. Jahrhundert von der Philosophin des Individualkapitalismus, Ayn Rand, in einem offenen Brief an Boris Spasski ( https://www.schachburg.de/threads/1854-Schachwahn-im-Morphy-Jahr ) erneut aufgefahren wurde, ebenso wie von Hermann Hesse in seinem „Steppenwolf“, wobei dieser sich allerdings nicht auf das Schachspiel, sondern auf das Kreuzworträtsellösen als zu dessen Lebzeiten in Mode gekommene intellektuell fordernde Beschäftigung bezog (ebd.). Nach einem langen Streitgespräch gelangt Pontanus zudem zu einem Schluss, der selbst seit nunmehr 400 Jahren vor dem Smartphonezeitalter hochaktuell zu sein scheint:

Von der Perfektion der Sitten...
Das Spiel
Oheim: Es gehört sich, daß der junge Mann, ehrenwert und liberal erzogen, vor den Spielen zurückweicht, die als schlecht gelten. Ich glaube, dies sagen zu können...
Würfel auf gemalten Brettern.
Die Erfindung des Räuberspiels, gemeinhin Schach genannt, wird von einigen abgelehnt, obwohl es sehr verbreitet ist und gefällt.
Für viele schrieb Hieronymus Vida, ein Buch. Man sagt, daß das Spiel nichts Angenehmes habe. Es verlangt zwar Talent, aber ebenso ist es für den literarisch gebildeten weniger geeignet, weil er seinen Verstand, der schon durch Studien ermüdet ist. mehr durch Musen erholen soll, als durch neue Geistesarbeit zu belasten.
Nichts ist wertvoller als die Zeit, sie wird aber durch die Hohlheit des Schachspieles unpassend unpassend verbraucht. Es ist eine Erfindung von untätigen Menschen und es wird von denen, die Muße haben, am meisten aufgesucht.
Dies sagen jene.
N: Was ist Dein Urteil?
P: Ich will das Thema verlassen. Es entbehrt sicherlich der Schande, auch den Vornehmen wird das Spielen nicht verworfen.
N: Ich möchte lieber, daß Du über das Würfelspiel dich ausläßt.
P: Das Würfelspiel ist vor Troja erfunden. Einige haben Palamedes als Erfinder des Schachspiels zu entdecken geglaubt. Plato schreibt, ... irgendein Gott habe solche Spiele erfunden. Herodot teilte die Erfindung den Lydiern zu. Horaz weist darauf hin, daß das Spiel in Rom geboren war... alte Gesetze verboten das Würfelspiel...


Ebd. S. 68f.


Man entnimmt zudem dieser Anklage, sowohl was die Bezeichnung des „Räuberspiels“ angeht als auch, dass „das Spiel“, welches in Rom verboten gewesen sei (was nicht einmal stimmt, weil nur Glücksspiele von Spielverboten im Imperium Romanum betroffen waren, die Römer unterschieden zwischen schicklichen und unschicklichen [Glücks-] Spielen), dass auch in der frühen Neuzeit die Herkunft des Schachs den Menschen nicht immer klar war, denen es zudem schwer fiel, das römische Strategiespiel Latrunculi, wobei die Bezeichnung„Latrunculi“ ursprünglich eine Verniedlichungsform von Soldaten war, deren Bedeutung sich im Laufe der römischen Geschichte hin zu den genannten Räubern verschob, von dem aus Indien stammenden ursprünglich spätantiken Taschaturanga zu unterscheiden.

Wie wir gesehen haben, war nicht einmal der Name des Spiels unumstritten, der im Mittelalter, aber auch in der Neuzeit noch zahlreiche Variationen erlebte. Manchmal wurde direkt von ludus latrunculorum gesprochen, wenn eigentlich vom Schach die Rede war, das, worauf Juri Awerbach hinweist, ( https://en.wikipedia.org/wiki/Ludus_latrunculorum ) zudem selbst nicht nur die persische Bezeichnung für den König darstellte, sondern auch ein altgermanischer Begriff für „Räuber“ gewesen war.

Dass der 30jährige Krieg in Europa die barocke und überhaupt jede Ordnung durcheinanderwirbelte, ist bekannt. Etwa 100 Jahre brauchte Europa, das durch den Krieg und die mit ihm verbundenen Seuchen etwa ein Drittel seiner Bevölkerung verlor, wobei die Bevölkerungsverluste regional sehr unterschiedlich ausfielen, um sich von dieser Form der Selbstzerfleischung zu erholen. Auch dazu, wie dieser materielle und kulturelle Zusammenbruch einen langen Schatten auf das europäische Schachleben warf, ist schon viel geschrieben https://www.schachburg.de/threads/2140-O-Du-lieber-Augustin-Schach-im-30j%C3%A4hrigen-Krieg worden.

Als der so produktive Schachliterat Salvio, also jener Salvio, der mit „Il Puttino“ dem italienischen Vorkämpfer und Triumphator von Madrid 1575 Leonardo Cutri ein literarisches Denkmal setzte, 1634 den Tod des bereits seit einigen Jahren auf den Westindischen Inseln vor Mittel- und Südamerika vermeldete, könnte Greco, der vermutlich der Hölle des Krieges in Europa entkommen wollte, schon seit vier Jahren tot gewesen sein. Der sich lapidar als Bill ausgebende Autor der Seite Chessmaniac beruft http://www.chessmaniac.com/greco-and-chess/ sich dabei auf den Schachhistoriker Alessandro Sanvito, der seinen Schachhistorikerkollegen José Antonio Garcon durch den Hinweis, Vincent könnte der Schachlehrer der Lucrezia Borgia gewesen sein, dazu gebracht hatte, in verschiedenen Bibliotheken nach Material zu suchen, und der dabei herausfand, daß sowohl Lucena als auch Damiano „fleißig von Vicent abgekupfert“ http://www.schachmuseum.com/schachhistoriker.html hätten - eine These, welche die Schachhistoriker Ehn und Kastner zu dem Krimi verdichteten, Lucena und Vicent und evtl. noch Damiano seien in Wirklichkeit ein und dieselbe Person gewesen. https://www.schachburg.de/threads/2150-Ruy-Lopez-Priester-und-Schachmeister Greco jedenfalls hatte wohl noch rechtzeitig sein Testament machen können, sein Eigentum hinterblieb bei den Jesuiten, mit denen er auf seinen Schachreisen ein enges Beziehungsnetz knüpfen konnte.

Ob 1630, 1634 oder irgendwann dazwischen, so markiert Grecos Tod den Endpunkt des so stürmisch und verheißungsvoll beginnenden ersten Kapitels des modernen Schachs nach den Regelreformen, das nicht zufällig in eine Zeit fielen, in der neuer Aufbruchsgeist, neue Erfindungen und neue Auflehnung gegen althergebrachte Gebote und Verbote das mittelalterliche Trägheitsmoment ablösten. Nach Grecos frühem Tod regte sich mehr als 100 Jahre niemand mehr, der im Schach spielerisch zu Greco hätte aufschließen, geschweige denn, ihm an Popularität hätte gleichkommen können. Die Schönheit seiner Ideen, die Tiefe seiner Strategie, die Komposition seines Kombinationsspiels und die Wucht seiner Angriffe lassen ihn, was Meisterschaft und Klasse angeht, noch heute in strahlendstem Lichte erscheinen, und auch wenn heute in der Regel nicht mehr so einfach gewonnen werden kann, geben sie uns doch reichlich Ideen zur Hand, wie wir selbst im richtigen Moment losschlagen können, ohne den auch im Schach so wichtigen Kairos zu verpassen. Wer meint, der Gegner mache ohnehin keinen Fehler, der wird auch dann, wenn der Gegner Fehler macht - und diese wird er im Laufe der Partie nicht zu knapp machen - die Widerlegung seines Fehlers nicht finden.

 

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