Grand Swiss: Ein gebrauchter Tag für die deutschen GMs

von André Schulz
04.11.2021 – Die vier deutschen Großmeister spielten bisher ein ausgezeichnetes Turnier beim Grand Swiss, erwischten aber in Runde sieben einen schwarzen Tag - 0:4! An Tisch eins besiegte Alireza Firouzja Evgeny Najer und liegt nun alleine in Führung. Im Frauen Grand Swiss gewann Elisabeth Pähtz ihre Partie gegen Natalia Pogonina und bleibt Spitzenreiterin Lei Tingjie auf den Fersen. | Fotos: Mark Livshitz und Anna Shtourman

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Zur Hälfte der Grand Swiss Turniere in Riga, nach der sechsten Runde, wurde ein Ruhetag eingelegt und den Spielern eine Pause gegönnt. Einige Spieler nutzten vielleicht die Gelegenheit zu einem Besuch des Grabes von Michail Tal (1936-1992). Als Tal geboren wurde, war Lettland noch unabhängig, dann folgten wechselnde Besetzungen durch die UdSSR und das Deutschen Reich. 1944 wurde Lettland dann für lange Zeit Teil der UdSSR. Den weitaus größten Teil seines Lebens spielte Tal unter sowjetischer Flagge. Nach dem Zerfall der Sowjetunion lebte Tal eine Zeit lang auch in Bonn, wo er von Ernst Eimert unterstützt wurde.

Aus dem Schachmagazin 64, Juli 1992

Tals Grab befindet sich in Vidzemes, am östlichen Stadtrand von Riga, 15 Autominuten vom Stadtzentrum entfernt im Neuen Jüdischen Friedhof in einem Familiengrab. Der schwarze Grabstein zeigt ein Bild des 8. Weltmeisters, eine Zigarette rauchend, was unter den lettischen Schachfreunden kontrovers diskutiert wurde.

Foto: FIDE

Auf dem Grabstein ist allerdings ein falsches Todesdatum eingraviert. Tal starb nicht am 27. Juni 1992, sondern erst einen Tag später, am 28. Juni, in Moskau, an den Folgen eines Nierenleidens. 

In Abwandlung einer jüdischen Tradition hinterlassen die Besucher des Grabes auf der Anlage Schachfiguren, zumeist Damen. Zu Damen fühlte sich Tal nicht nur im Schach hingezogen und um seine Beziehungen ranken sich einige Geschichten. In einem Beitrag auf der Turnierseite des Grand Swiss Turniers fiel Andris Tihomirovs auf, dass neben dem Grab der Familie Tal das Familiengrab einer Familie Nepomniachtchi steht. Zufall?

Nach der sechsten Runde führten fünf Spieler das Feld des Grand Swiss an. Alireza Firouzja, Alexey Shirov, Evgeny Najer, Maxime Vachier-Lagrave und Sasikiran.

Die Paarungen an den Spitzentischen lauteten Firouzja-Najer, Sasikiran vs. Vachier-Lagrave und Esipenko gegen Shirov.

Die Partie zwischen Sasikiran und Maxime Vachier-Lagrave endete im Najdorf-Sizlianer mit Sasikiran an den weißen Steinen recht schnell remis. Aber die anderen beiden Spitzenpartien waren sehr spannend.

Alireza Firouzja versuchte an Tisch eins Evgeny Najers Russische Verteidigung zu knacken, was ihm nicht gelang. Zwar kam Firouzja in ein Turmendspiel mit Mehrbauern, doch das war eigentlich remis. Eigentlich, denn Najer verrechnete sich. Hier ist Karsten Müllers Analyse.

 

Auch die Partie zwischen Esipenko und Shirov endete in einem Turmendspiel mit Mehrbauern für Weiß, wurde aber remis.

Die vier deutschen Teilnehmer (mit Elisabeth Pähtz im Grand Swiss der Frauen sind es fünf) machten den deutschen Schachfreunden - und sich selbst natürlich auch - mit ihren Erfolgen bisher viel Freude. Alexander Donchenko, Matthias Blübaum, Dmitrij Kollars und Vincent Keymer spielen munter im oberen Tabellenbereich mit, treffen dort auf starke Gegner und bestreiten die Partien auf Augenhöhe.

Die verflixte 7. Runde wird jedoch als Schwarzer Tag für die vier deutschen Großmeister in die Geschichte dieses Turniers eingehen:

Alexander Donchenko verlor gegen den amtierenden Russischen Landesmeister Nikita Vitiugov. Matthias Blübaum unterlag dem früheren U20-Weltmeister Parham Maghsoodloo.

Alexander Donchenko

Dmitrij Kollars musste gegen Grigoriy Oparin ebenfalls eine Niederlage quittieren und auch Vincent Keymer stand gegen Nils Grandelius trotz langen Widerstands auf verlorenem Posten. 

Am Ende stand es diesmal also im Vergleich Deutschland gegen den Rest der Welt 0:4. In der Tabelle sind die deutschen Großmeister nun etwas zurückgefallen, befinden sich aber im Tabellenmittelfeld in bester Gesellschaft, wenn man sich etwas umschaut.

Mitfavorit Levon Aronian kam gegen einen gut vorbereiteten Andrei Volokitin mit der Spanischen Archangelsk-Variante schon in der Eröffnung unter Druck und musste dann ein schlechtes Endspiel verwalten.

 

[Schwarz kam aus der Spanischen Archangelsk-Variante in dieses unbequeme Endspiel.]

25.Ta7 Tbd8 [Ein besserer Versuch war 25...Ta8 26.Te7 Tad8 27.Sb3 e4]

26.Sb3 c5?! [Der Versuch, sich aktiv zu verteidigen, führt nicht zum Erfolg.]

27.Sxc5 Td2 28.Sd7 [Ernüchternd und eine starke Verteidigung gegen die Drohung Tffxf2.]

28...Td8 [28...Tfxf2 29.Ta8+ Kf7 30.Tf8+ verliert sofort.]

29.Sxe5 Txb2

 

30.Te1 [Vorbereitung zum Einmarsch auf die 7. Reihe.]

30...h6 31.Sg6 Kh7 32.Sh4 b4 33.Tee7 Tg8 [33...bxc3 34.Txg7+ Kh8 35.Sg6#]

34.cxb4 Txb4 35.f3 h5 36.Sf5 [Entscheidend. Schwarz verliert Material.] 

36...hxg4 37.Txg7+ Kh8 38.Txg8+ Kxg8 39.Tg7+ 1–0

Stand nach 7 Runden

Rk. Name Pts.  TB1 
1 Firouzja Alireza 5,5 27,0
2 Vachier-Lagrave Maxime 5,0 27,0
3 Sasikiran Krishnan 5,0 25,0
4 Shirov Alexei 5,0 22,0
5 Petrosyan Manuel 4,5 27,0
6 Yu Yangyi 4,5 26,0
7 Nihal Sarin 4,5 26,0
8 Ponkratov Pavel 4,5 25,5
9 Caruana Fabiano 4,5 25,0
10 Tari Aryan 4,5 25,0
11 Korobov Anton 4,5 24,0
12 Fedoseev Vladimir 4,5 23,5
13 Predke Alexandr 4,5 23,5
14 Najer Evgeniy 4,5 23,5
15 Sjugirov Sanan 4,5 23,0
16 Vitiugov Nikita 4,5 23,0
17 Sevian Samuel 4,5 23,0
18 Maghsoodloo Parham 4,5 23,0
19 Sargissian Gabriel 4,5 22,5
  Deac Bogdan-Daniel 4,5 22,5
21 Navara David 4,5 22,5
22 Anton Guijarro David 4,5 22,5
23 Sarana Alexey 4,5 22,0
24 Esipenko Andrey 4,5 22,0
25 Kryvoruchko Yuriy 4,5 21,5
26 Oparin Grigoriy 4,5 21,5
27 Howell David W L 4,5 21,5
28 Dubov Daniil 4,5 21,0
29 Grandelius Nils 4,5 21,0
30 Shevchenko Kirill 4,5 21,0
31 Volokitin Andrei 4,5 19,0
32 Harikrishna Pentala 4,5 19,0
33 Hovhannisyan Robert 4,0 25,5

114 Spieler

Partien

 


Grand Swiss der Frauen

Im Grand Swiss der Frauen hatte nach sechs Runden Lei Tingje die Führung übernommen. In der chinesischen Frauenrangliste ist Lei hinter den drei Weltmeisterinnen Yifan Hou, Ju Wenjun und Tan Zonqui die Nummer vier. In Riga ist die 24-Jährige aber die nominell beste Chinesin am Start, da die ersten drei Spielerinnen nicht dabei sind.

Lei kam in Runde sieben im Spitzenspiel zu einem überzeugenden Sieg gegen Nino Batsiashvili.

Batsiashvili,Nino (2484) - Lei,Tingjie (2505) [D27]

FIDE Grand Swiss Women Riga LAT (7.1), 03.11.2021 [as]

1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 Sf6 4.e3 e6 5.Lxc4 c5 6.0–0 a6 7.e4 [Eine seltener gespielte Gambitvariante. Weiß hat hier viele andere Züge probiert.]

7...b5 [Die Idee ist 7...Sxe4?! 8.d5 mit Initiative.] 8.Le2 Sxe4 9.a4 b4 10.Dc2?! [In drei aktuellen Vorgängerpartien geschah 10.Sbd2, jeweils mit Remis.]

10...Lb7 11.Td1 Sd7 12.Lf4 cxd4 13.Txd4 Tc8 14.Lc4 Sef6 15.Sbd2 Lc5 16.Td3 Db6 [Die weiße Kompensation hat sich verflüchtigt. Schwarz geht zum Gegenangriff über.]

17.Tf1 0–0 18.a5 Dc6 19.Te1

 

19... Tfe8 [Oder gleich 19...e5!? 20.Txd7 (20.Lg3 e4) 20...Dxd7 21.Lxe5 Tfe8–+]

20.Sh4? [20.Dd1!? um nach 20...e5 21.Lg3 e4 (Besser 21...La7) mit 22.Sd4 zu tricksen.]

20...e5 21.Lg5 e4 22.Tg3 Se5 23.Sf5 [Die weiße Angriffsformation sieht besser aus als sie in Wirklichkeit ist. Schwarz wehrt die vagen weißen Drohungen mit leichter Hand ab.]

23...Sh5 24.Db3 [24.Th3 Dg6–+]

 

24...e3 [24...Sxg3 war auch gut, aber Schwarz wirft auch noch das Mattmotiv auf g2 in die Waagschale.]

25.Sxe3 Lxe3 26.Ld5 [26.Tgxe3 Dxg2#; 26.fxe3 Sxg3–+; 26.Texe3 Sxg3–+]

26...Lxf2+ [Oder einfach 26...Dxd5]

27.Kxf2 Dc5+ [Für die Galerie.] 28.De3 Sd3+ 29.Kf1 Sxg3+ 30.Dxg3 Txe1+ 0–1

 

Die unmittelbaren Verfolger von Lei Tingjie waren Elisabeth Pähtz und Zhu Jinher. Die deutsche Nummer eins musste sich mit den weißen Steinen mit Natalia Pogonina auseinandersetzen.

 

 

38...Sf6 [Schwarz gibt den e5 und möchte dafür den e4 kassieren. Als Pointe der Abwicklung soll am Ende der c-Bauer laufen.]

39.Sxe5 Sxe4 40.f4 [Durchkreuzt den schwarzen Plan. Die Idee war 40.Lxe4 Lxe4+ 41.Txe4 c2 42.Sf3 (42.f4 Dxe5 43.fxe5 c1D=) 42...Dxd5= Der c-Bauer bietet hier ausreichende Kompensation.]

40...Dd8 41.Txe4 [Möglich war auch 41.Lxe4 Lxe4+ 42.Txe4 Dxd5 43.Dd3 Dxd3 44.Sxd3+–]

41...Lxe4+ 42.Lxe4 Da5 43.Sc6 Da2+ 44.Df2 Ta8 45.d6 Da4 [45...Dxf2+ 46.Kxf2 Ta2+ 47.Ke3 c2 48.Lxc2 Txc2 49.d7 reicht nicht.]

46.Se7+ Kf8 47.Lxa8 Dxa8+ 48.Kh2 Da4 49.Sf5 g6 [49...c2 50.Dd2+–]

 

50.Dd4 [Das war's...]

50...Dxd4 51.Sxd4 Ke8 52.Kg3 Kd7 53.Kf3 Kxd6 54.Sb5+ Kd5 1–0


Die zweite Verfolgerin Zhu Jiner verlor hingegen ihre Partie gegen Alexandra Kosteniuk. Die russische Ex-Weltmeisterin hatte in Runde fünf eine Niederlage gegen Nino Batsiashvili kassiert und arbeitet sich nun wieder nach oben.

 

[Schwarz spielte] 17...La6 [und stand nach] 18.Dg4 [schon auf Verlust.]

18...e5 [18...f6 19.dxe6 und nach 19...Lxc4 gewinnt 20.Lxc4 Saxc4 21.Txc4 Sxc4 22.Sf5+–]

19.f4 Dd7 20.Sf5 Sxf5 21.exf5 f6 22.fxe5 fxe5 23.Lxe5 [Eine furchtbare Stellung für Schwarz.]

23...Tf8 24.Dg3 Tf7 25.f6 g6 26.Tf4 Te8 27.Te1 Kh8 28.Tfe4 Sb7 29.Lb1 b5

 

30.Th4 [Gegen das kommende Matt gibt es keine Verteidigung.] 

30...Tg8 31.Lxg6 [Oder 31.Txh7+ Txh7 32.f7+ Thg7 33.Dh4#] 1–0

Stand

Rk. Name Pts.  TB1 
1 Lei Tingjie 6,0 25,5
2 Paehtz Elisabeth 5,5 28,0
3 Kosteniuk Alexandra 5,0 25,0
4 Kashlinskaya Alina 5,0 19,5
5 Batsiashvili Nino 4,5 28,0
6 Zhu Jiner 4,5 28,0
7 Dzagnidze Nana 4,5 27,5
8 Pogonina Natalija 4,5 26,0
9 Harika Dronavalli 4,5 25,5
10 Javakhishvili Lela 4,5 25,5
11 Muzychuk Mariya 4,5 25,0
12 Assaubayeva Bibisara 4,5 24,5
13 Zawadzka Jolanta 4,5 24,0
14 Badelka Olga 4,5 21,5
15 Munguntuul Batkhuyag 4,0 24,0
16 Stefanova Antoaneta 4,0 22,5
17 Shuvalova Polina 4,0 22,0
18 Vantika Agrawal 4,0 20,5
19 Cori T. Deysi 4,0 20,5
20 Cramling Pia 4,0 17,0
21 Abdumalik Zhansaya 3,5 24,0

50 Spielerinnen

Partien

 

Turnierseite...

Ergebnisse bei Chess-results...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Pemoe6 Pemoe6 09.11.2021 10:43
Das ist halt modern, siehe auch das Kandidatenturnier in Berlin seinerzeit ... soll Industrie-Charme vermitteln.
Aber mal im Ernst: Für die Pandemie jetzt ist die Halle in Riga super - dieser Riesenraum, die großen Tischabstände! Vielleicht waren das sogar die Überlegungen der Organisatoren.
Rainbow66 Rainbow66 04.11.2021 11:46
Ich wundere mich, dass in einem solchen "Turniersaal" den Spielern nicht die Freude am Schach vergeht. Wahrscheinlich gruselt es selbst dem Corona-Virus in einer solchen Umgebung.
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