Herzlichen Glückwunsch, Dagobert Kohlmeyer!

23.05.2011 – Als Sohn eines Geigenbauers gründete Dagobert Kohlmeyer in seiner Jugend in Thüringen eine Rockband, und ahnte sicher nicht, dass er als Hobbyschachspieler einmal vom Schach leben würde. Später arbeitete er für den Rundfunk der DDR. Schon vor der Wende machte sich Dagobert Kohlmeyer als Übersetzer für russische Schachbücher einen Namen und war auch im Westen in dieser Hinsicht ein gefragter Mann. Nach der Wende wechselte er ganz zum Schach und reiste als Schachjournalist zu Turnieren in aller Welt. Im Zuge seiner Arbeit traf er viele bekannte Personen, nicht nur aus dem Bereich des Schachs, und ist mit vielen Großen der Zunft befreundet. Unzählige Berichte für Printmedien, dpa und später das Internet, hier nicht zuletzt für ChessBase News sind seitdem entstanden, außerdem Zugtausende von Fotos. Anlässlich seines heutigen 65sten Geburtstages erinnert sich der Jubilar im Interview mit Frank Hoppe an einige Stationen seines Lebens. Zum Interview...

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„Ohne Schach wäre ich nicht nach Bahrain gekommen“
Interview mit Dagobert Kohlmeyer
Von Frank Hoppe

Der Berliner Schachpublizist Dagobert Kohlmeyer wird am heutigen Montag 65 Jahre. Er ist damit exakt fünf Jahre älter als Anatoli Karpow, den er wie alle anderen Figurenkünstler dieser Welt seit langem sehr gut kennt. Kohlmeyer ist Reporter, Schachchronist, Fotograf, Buchautor und Übersetzer. Auf den Spuren der Schachstars hat er in den vergangenen zwei Jahrzehnten die ganze Welt bereist und viel erlebt. Im folgenden Interview mit Frank Hoppe lässt der Jubilar einige markante Ereignisse und Erkenntnisse aus Vergangenheit und Gegenwart Revue passieren.

Frank Hoppe: Du bist 65 geworden. Gehst Du jetzt in Rente?

Dagobert Kohlmeyer: Nein, das passt nicht zu mir. Ich wundere mich allerdings etwas, jetzt dieses Alter erreicht zu haben. Als kreativer Mensch sollte man nicht sofort den Hammer fallen lassen und die Hände in den Schoß legen. Ich werde also weiterhin schachpublizistisch tätig sein - vielleicht in etwas geringerem Maße. Ich muss nicht mehr zu allen Turnieren dieser Welt fahren, man kann ja auch von zu Hause aus eine Menge tun. Stichwort Internet.

Bekommst Du als Freiberufler überhaupt Rente?

Natürlich. Ich war doch mehr als 20 Jahre in der Künstlersozialkasse, einer sehr nützlichen Einrichtung für Freischaffende. Dort sind Journalisten, Schriftsteller, Publizisten, Filmemacher, Musiker, Maler und andere kreative Leute Mitglied. Meine Rente ist also sicher. Sie ist nicht sehr groß, aber ich werde zurechtkommen.

Seit wann arbeitest Du als Schachjournalist?

Hauptberuflich begann das mit dem Fall der Mauer. Vorher war ich beim Rundfunk der DDR als Journalist beschäftigt. Bevor dort alles den Bach hinunterging - von ein paar Tausend Mitarbeitern sind vielleicht 200 übernommen worden - habe ich mich selbständig gemacht: als Übersetzer von Schachliteratur, als Artikelschreiber, als Fotograf sowie als Mitorganisator von Turnieren und Simultanveranstaltungen. Meine Vielseitigkeit und die russische Sprache haben mir beim Start in das neue Berufsleben sehr geholfen.

Hast Du eine fotografische Ausbildung?

Ich hatte keine. Aber durch meine Zusammenarbeit mit Zeitungen lernte ich gute Pressefotografen kennen, die mir sehr viel beigebracht haben. Den Blick fürs Motiv habe ich auf jeden Fall. Die technischen Details einer Kamera könnte die Generation meines Sohnes besser erklären als ich. Nebenbei bemerkt: Ich fotografiere lieber die Schachfrauen dieser Welt, denn sie sind einfach attraktiver. Wenn man vorwiegend die gleichen Gesichter von Karpow und Kasparow, Kramnik, Anand oder Topalow über Jahre hinweg sieht, freut man, sich über jede schöne Abwechslung.

Hast Du früher Deine Fotos selbst entwickelt?

Nein. Ich bin sehr froh, dass die Technik inzwischen so weit fortgeschritten ist. Die Digitalkamera nimmt einem mindestens zehn Arbeitsschritte ab: Kauf und Einlegen des Films, Weg zum Fotoshop, Warten auf die Entwicklung, Abholen der Papierfotos, Sortierung und Beschriftung, Eintüten in einen Briefumschlag, zur Post laufen, an Redaktionen schicken, dort werden sie eingescannt usw. Heute fotografiere ich Magnus Carlsen auf der Bühne, gehe ins Pressezentrum, stecke die Speicherkarte in mein Notebook, und nach drei Minuten kann das Foto in jeder Redaktion dieser Welt sein.

Sind Deine früheren Fotos digitalisiert?

Natürlich nicht alle. Viele sind bei dpa Zentralbild oder bei der Fotoagentur Imago, und vielleicht 10.000 Papierfotos liegen bei mir zu Hause, ein Großteil davon im Keller. Dazu kommen noch Unmengen an Digitalfotos in meinem Computer und den Notebooks. - Ich hatte mal vor, eine eigene Website zu machen und die Fotos für interessierte Redaktionen anzubieten, aber aus diesem Projekt ist bisher nie etwas geworden.

Wird das noch was?

Schaun wir mal. Dann bräuchte ich kompetente Hilfe, zum Beispiel von Frank Hoppe. Schreib das ruhig mit rein!

Du hast also jetzt schon eine fast sechsstellige Anzahl Fotos gemacht?

Ganz bestimmt. Aber nicht nur Schachspieler. Ich habe früher auch andere Sportarten, wie Leichtathletik fotografiert. Wie Du weißt, komme ich aus Jena. Ich kannte Heike Drechsler sehr gut, auch Sergej Bubka oder Carl Lewis bin ich häufig begegnet. Ich habe alle Großen dieser schönen Disziplin gern fotografiert und interviewt. Das sind bleibende Erinnerungen.

Welche anderen prominenten Persönlichkeiten hast du noch „abgeschossen“?

Viele Politiker, darunter Willi Brandt, Egon Bahr, Richard von Weizsäcker oder Michail Gorbatschow. Voriges Jahr traf ich die Nobelpreisträger Günter Grass und Robert Mundell (kanadischer Ökonom - Vater des Euro). Vom Schriftsteller Tschingis Aitmatow habe ich auch viele Fotos.

Durftest Du zu DDR-Zeiten ins westliche Ausland reisen?

Ich war kein „Reisekader“, durfte nur in die Sowjetunion, nach Polen, Ungarn und ins restliche sozialistische Ausland. Währenddessen kannte mein Cousin, der in Dortmund lebt, Rom, Paris, Wien und viele andere westliche Hauptstädte. Ich konnte es mir nicht vorstellen, auch mal dorthin zu fahren. Inzwischen kenne ich alle diese Städte. In Wien organisierte ich das Millennium Turnier 1996. Ich war seit 1990 in fünfzig Ländern dieser Erde in Sachen Schach oder privat, und diese Erlebnisse kann einem niemand mehr nehmen. Ohne Schach wäre ich wahrscheinlich nicht nach Argentinien, Indien oder Bahrain (Kramniks Computermatch 2002) gekommen.
Da ich im arabischen Raum viele Schachfreunde habe, verfolge ich die politischen Veränderungen dort mit großem Interesse. Erst vor ein paar Tagen erkundigte ich mich über Skype bei Slim Bouaziz in Tunesien, wie es ihm geht. Der erste Großmeister Afrikas und seine Familie sind wohlauf.

Du hattest aber vor der Wende 1989/90 schon für den Düsseldorfer Rau-Verlag gearbeitet?

Als Übersetzer des Sportverlages in Berlin, damals noch in meiner Freizeit, hatte ich mir schon einen Namen gemacht. Der Rau-Verlag suchte dringend einen Übersetzer für eine vierbändige Karpow-Eröffnungsreihe, und sie kamen auf mich. Das war mein Sprungbrett auch für die anderen Verlage. Das Honorar vom Rau-Verlag kassierte übrigens zum Großteil der Staat. Ich bekam nur ein Drittel in D-Mark und den Rest in DDR-Mark. Das änderte sich erst mit dem Mauerfall.

Wollten sie dich im Westen mal abwerben?

In der Tat gab es einmal so einen Versuch! Ich war vor dem Mauerfall zum Geburtstag meiner Tante in Dortmund. Einer der Verleger rief an und fragte mich "Herr Kohlmeyer, wollen Sie denn nicht hierbleiben?!" Nach fünf Sekunden Nachdenken antwortete ich "Nein. Ich habe meine Familie, meine Verwandten in der DDR. Ich fahre wieder zurück. Ich arbeite gern als Übersetzer für Sie, aber ich bleibe in der DDR." Ein paar Wochen oder Monate später hatte sich die Sache durch den Mauerfall erledigt. Dann stand die Frage nicht mehr.

Der Rau-Verlag hatte persönlich mit Dir Kontakt aufgenommen?

Nein, der Rau-Verlag fragte offiziell über den Sportverlag der DDR an. Der Beyer-Verlag und andere Verlage bekamen das mit und haben mich dann ausfindig gemacht.

Wie lange brauchst Du für die Übersetzung eines Buches?

Gute Frage. Es kommt natürlich auf den Umfang an. An einem guten Tag schaffe ich etwa 10-12 Seiten. Manche Manuskripte sind ja nicht so schwierig zu übersetzen, z.B. Eröffnungsbücher. Viel komplizierter war natürlich die Übersetzung der Biographie von Kortschnoi für die Edition Olms. Das war wie ein Roman, richtige Prosa, mitunter eine Quälerei. Zumal die Zusammenarbeit mit „Viktor dem Schrecklichen“ und seiner sich gern einmischenden Gattin nicht so einfach war. Als Schachspieler schätze ich Kortschnoi sehr, seine anderen Seiten möchte ich nicht kommentieren…

Sicher benötigt man zum Übersetzen viel Geduld.

Du sagst es. Und man bekommt Rückenschmerzen. Ein großes Problem waren früher die technischen Gegebenheiten. Die ersten Manuskripte habe ich in die Reiseschreibmaschine meines Großvaters getippt - mit drei Durchschlägen! Das Deckblatt für den Verlag, das zweite für den Lektor, das dritte für den Autor, das vierte für die Druckerei. Wenn man dann einen Fehler machte, musste der auf vier Seiten korrigiert werden! Heute undenkbar. Später hatte ich dann eine elektronische Schreibmaschine. Die konnte die Fehler ausixen, so wie mit Tipp-Ex. Die Krönung war dann natürlich der Computer, wo die Arbeitsproduktivität nochmal um hundert Prozent stieg.

Kannst Du vom Schachjournalismus leben?

Ja, wie man sieht. Reich bin ich aber nicht geworden, denn Schach ist nicht der Nabel der Welt. Da halfen mir nur Vielseitigkeit und Flexibilität: Schreiben, Interviews, Übersetzen, Fotos machen, Mitwirkung bei Schachveranstaltungen. Ich bin zum Beispiel seit nunmehr 21 Jahren jedes Jahr bei den Dortmunder Schachtagen als „Presseoffizier“. Das zeugt von Kontinuität. Ich weiß nicht, ob es einen Schachjournalisten gibt, der so lange jedes Jahr, ohne Pause, bei einem Event mitgewirkt hat. Leider gibt es nun viele Turniere gar nicht mehr, zum Beispiel in Tilburg, Linares, Monte Carlo oder Mainz. Das Aeroflot Open in Moskau steht auch auf der Kippe.

Musst Du Deine Reisen zu den Turnieren selbst bezahlen?

Im Prinzip ja – Flug oder Bahn, Hotel und so weiter. In seltenen Fällen tragen die Veranstalter die Übernachtung, wie beispielsweise in Dortmund, wo ich zum Turnierstab gehöre. Das Meiste muß man aber selbst bezahlen, und am Ende bleibt nach Abzug aller Unkosten oft nur sehr wenig vom Honorar übrig. Schach ist nur eine Randsportart. Wir sind halt nicht in Russland, wo das Spiel Nationalsport ist und die Zeitungen voll davon sind. Hierzulande muß man mit den Tageszeitungen kämpfen, um Schach überhaupt unterzubringen. Die Nachrichtenagentur dpa fährt ihre Schach-Berichterstattung auch zurück. Größere Meldungen oder Berichte gibt es dort jetzt nur noch von Superturnieren, WM-Finales oder Olympiaden. Früher war das anders. Allerdings wollten sie für den heutigen 60. Geburtstag Karpows eine längere Würdigung des 12. Weltmeisters.

Was ist mit den Tageszeitungen?

Eine Zeitung muß ich lobend erwähnen - das Neue Deutschland. Sie bringen immer sehr viel über unseren Sport und haben eine samstägliche Schachecke. Aktuell berichte ich dort gerade vom WM-Kandidatenturnier in Kasan. Jedes Jahr zu ihrem Pressefest laden sie renommierte Schachmeister zum Simultan ein. In diesem Jahr, am 28. Mai, wird es dank meiner Initiative Artur Jussupow sein. Ich finde, es gehört zur Kultur einer Redaktion, Schach im Blatt zu haben. Es gibt leider nur ganz wenige Redaktionen, die das tun: Helmut Pflegers Schachkolumne in der Zeit, die Welt am Sonntag, die Berliner Zeitung, wo Paul Werner Wagner jeden zweiten Samstag etwas schreibt. Man kann sie an einer  Hand abzählen, und das finde ich schade, denn Schach ist ein Teil des Weltkulturerbes. Jede Redaktion die etwas auf sich hält, sollte Schach den ihm gebührenden Raum einräumen.

Dein erster Schachartikel erschien 1981?!

Als Erwachsener. Vorher habe ich schon als Oberschüler Artikel geschrieben, damals im Thüringischen. Aber richtig begann es 1981. Nach dem 1. Kurt-Richter-Gedenkturnier in Berlin verfasste ich einen Bericht für die Zeitschrift „Schach“.

Da warst Du 35 Jahre alt. Was hast Du vorher gemacht?

Ich war im Rundfunk der DDR als Journalist beschäftigt, und vorher war ich zwei Jahre lang Dozent für Russisch und Deutsch.

Welche Sprachen sprichst Du?

Ich spreche Deutsch am besten (lacht), Russisch fließend. Englisch habe ich mir im Laufe der Jahre mehr oder weniger angeeignet. Durch die vielen Reisen ergab sich das fast von allein, ohne es speziell studiert zu haben. Etwas Spanisch spreche ich auch, weil ich sehr gern in diesem Land bin. Ich mache dort sehr oft Urlaub und werde das jetzt auch verstärkt tun. Kurz nach meinem Geburtstag breche ich auf und verbringe drei Wochen an der Costa Blanca.

Ohne Schach?!

Nein. Auch dort gibt es einen Schachklub, den ich regelmäßig besuche. Ein paar Wochen ohne Schach kann und möchte ich auch nicht sein. Und dann steht ja schon das Chess Meeting in Dortmund vor der Tür.

Anderes Thema. Du warst 1992 bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft zwischen Spasski und Fischer und hast auch ein Buch darüber geschrieben...

Das war ein Re-Match der beiden zur Erinnerung an die Weltmeisterschaft 1972 in Reykjavik. Bobby sah das natürlich als offizielle Weltmeisterschaft an. Es waren  viele Journalisten da. Allerdings befand sich Jugoslawien im Kriegszustand, und ich war aus Deutschland der einzige Journalist an beiden Schauplätzen! Die erste Hälfte fand in Sveti Stefan an der Adria statt, die zweite in Belgrad. Fünfzig Kilometer weiter in Bosnien fielen die Bomben. Meiner Mutter hätte ich das nicht erzählen dürfen. Die wäre in Ohnmacht gefallen.

Zumal Du verhaftet wurdest...

An einem Ruhetag spazierte ich am Adria-Strand entlang und wollte die Insel fotografieren. Plötzlich sprangen ein paar Männer aus dem Gebüsch und nahmen mich mit der Begründung fest, ich wollte Bobby fotografieren. Ich fragte "Wo ist Bobby?" Es waren Hunderte Leute am Strand, und er muß wohl da mit seiner Freundin Zita gebadet haben. Ich habe ihn aber nicht gesehen.
Die Männer hielten mich einen Nachmittag lang auf der Insel Sveti Stefan fest, forderten den Film aus meiner Kamera und drohten, mir alle Knochen zu brechen. Ich verlangte, den Hauptschiedsrichter Lothar Schmid anzurufen, der aber nicht erreichbar war. Ich überlegte, was es bringt, wenn ich den Film nicht herausgebe und öffnete dann meine Kamera.

Wie ging die Sache aus?

Die Zweimeter-Hünen mit riesigen Muskelpaketen aber wenig im Gehirn, garantiert keine Schachspieler (lacht) - haben vor meinen Augen triumphierend den Film aus der Kassette gezogen und belichtet. Danach durfte ich mit meiner Kamera wieder die Insel verlassen. An einem der nächsten Tage bin ich nochmal dorthin und habe die Insel aus sicherer Entfernung fotografiert. Turnierdirektor Janos Kubat entschuldigte sich später bei mir, und sein Statement wurde auch im Turnierbulletin veröffentlicht. Damit war für mich die Sache erledigt.

Es waren also nicht die Behörden, die Dich da festgesetzt haben?!

Nein, es waren die gelangweilten Bodyguards von Bobby Fischer, die sich wahrscheinlich gefreut haben, ein Opfer und etwas Abwechslung zu finden.

Konntest Du Fischer persönlich auf dieses Vorkommnis ansprechen?

Nein. Seine Auftritte bzw. die Pressekonferenzen verliefen immer nach dem gleichen Strickmuster. Man musste Fragen an den Amerikaner vorher schriftlich einreichen. Fischer hat nicht genehme Fragen in den Papierkorb geworfen bzw. beiseite gelegt. Spasski dagegen war ganz normal. Er hat frei gesprochen und auch spontane Fragen zugelassen. Einmal stand ich nur etwa anderthalb Meter von Fischer entfernt. Ich habe ein Foto machen können, auf dem sein Gesicht ganz groß zu sehen ist. Ich hätte ihn auch anfassen können, aber warum sollte ich das tun. Er war kein Halbgott für mich. Ein genialer Schachspieler, ja, ansonsten jedoch ein merkwürdiger, sehr einsamer Mann.

Mit wem hast Du Deine interessantesten Interviews gemacht?

Mit Boris Spasski. Er antwortet immer sehr originell und hat ganz viel Humor, auch wenn es ihm gesundheitlich nicht besonders geht. Sehr gute Gesprächspartner waren und sind auch Andrej Lilienthal, Wassili Smyslow, Wolfgang Uhlmann, Anatoli Karpow, Artur Jussupow, Wladimir Kramnik oder Peter Leko.


Besuch bei Andor Lilienthal


Im Flugzeug nach Elista, mit Wassily Smylow und Gattin


Interview mit Kramnik

Und das verrückteste Gespräch…?

Nicht zu toppen ist in dieser Beziehung ein Interview aus dem Jahre 1996, das ich in Paris mit Kirsan Iljumschinow führte. Der FIDE-Chef wollte damals allen Ernstes das WM-Finale Karpow-Kamsky in Bagdad unter der Schirmherrschaft von Saddam Hussein durchführen! Ich fragte ihn, ob er dem Teufel seine Seele verkaufen möchte. Seine Antwort: „Ich wollte den Skandal, um auf Schach aufmerksam zu machen.“ Zum Glück wurde nichts aus der Sache, die Amerikaner hätten Kamsky den Aufenthalt im Irak nicht erlaubt. Man landete schließlich … in Elista.

Du hast jetzt vielleicht mehr Zeit zum Verfassen von Schachbüchern. Was können wir in naher Zukunft erwarten?

Gerade habe ich mit dem Dortmunder Jerzy Konikowski ein Manuskript mit dem Titel „Von Schachgiganten lernen“ beendet. In dem Buch, das im Sommer im Beyer Verlag erscheint, werden die Karrieren der stärksten Spieler der Gegenwart von Anand bis Carlsen sowie ihre besten Partien vorgestellt. Artur Jussupow hat auch ein Kapitel dazu beigesteuert.

Zu Deinem 60. Geburtstag hast Du in einem Interview gesagt, dass Du mal Schlagzeuger in einer Rockgruppe warst.

Das stimmt. Es war im thüringischen Kahla bei Jena. Die Stadt ist durch ihr Porzellan und die Leuchtenburg bekannt. Wir nannten uns "Die Hirten", weil mein Bruder Schäfer von Beruf war. Er ist dann später ins Musikgeschäft eingestiegen, war etliche Jahre Tonmeister bei Karat, bei Veronika Fischer und anderen bekannten Bands. Er hat auch selbst komponiert und Schallplatten gemacht. Wir sind etwas musikalisch, unsere ganze Familie, denn der Vater war Geigenbauer. Daher die Liebe zur Musik. Als die Beatles aufkamen, legten wir die Geige beiseite und griffen lieber zur Gitarre. Vor einigen Monaten, als Paul McCartney in Berlin gastierte, war ich natürlich in dem Konzert.

Du spielst ja auch selbst Schach. Deine größten Erfolge?

Ach du meine Güte! Die sind mehr als bescheiden. Beim 3. Kurt-Richter-Gedenkturnier 1983 in Berlin-Marzahn war ich geteilter Zweiter. Peter Welz gewann. Da sind mir einige schöne Partien gelungen. Zum Glück muss ich ja mit Schach nicht SPIELEND mein Geld verdienen. Das ginge gar nicht.


Mit Miguel Najdorf, 1996

Aber Du warst auch Journalistenmeister.

Ja, richtig. Das hätte ich fast vergessen. Ich wurde zweimal Journalistenmeister in Berlin, 1983 und 1987. In Königs Wusterhausen habe ich auch mal ein kleines DDR-offenes Turnier gewonnen. In meinem Verein, SC Rochade, wurde ich einmal Pokalsieger. Aber das sind doch alles Peanuts.

2008 gab es in Dresden die Schacholympiade. Warst du damals beim Deutschen Schachbund fest angestellt?!

Fest angestellt? Nein, wie kommst du darauf? Es gab eine Bitte von DSB-Präsident Robert von Weizsäcker, Schach mehr in die Printmedien zu bringen. Das habe ich auch getan, und es gab eine Aufwandsentschädigung dafür, mehr nicht. Durch eine Indiskretion haben mich dann Leute, die mir noch nie gesonnen waren, öffentlich vehement angegriffen. Sie hätten wohl den Job selbst gern bekommen. Nach der Olympiade war die Sache dann erledigt, und ich hatte wieder meine Ruhe. Ich habe dann innerhalb weniger Wochen auch das Olympiabuch gemacht. Es war eine ganz schöne Plage, weil dort viele hineingeredet haben, die von der Materie keine Ahnung hatten. Frag meinen engagierten Lektor und Schachfreund Dr. Herbert Mayer, der könnte dir Geschichten erzählen. Aber das ist alles Historie. Das Buch ist letztlich ganz gut geworden und hat Anklang gefunden. Das ist die Hauptsache.

Dein Spanienurlaub steht jetzt erst einmal an. Welche Schachturniere besuchst Du als nächstes?

In Dortmund, bei den Schachtagen vom 21. bis 31. Juli, bin ich wieder dabei. Das Feld in diesem Jahr ist sehr interessant: Kramnik als Seriensieger, aber nicht die Dauergäste Leko und Naiditsch. Dafür Titelverteidiger Ponomarjow, der Aeroflot Opensieger und Vorjahreszweite Le Quang Liem aus Vietnam, dazu Nakamura und Giri - eine ganz interessante Mischung aus Erfahrung und Jugend. Von deutscher Seite nimmt Georg Meier erstmalig teil. Das ist mein nächstes größeres Projekt.

Und Turniere im Ausland?

Im Moment steht nichts an, es gibt ja viele Traditionsturniere nicht mehr. Sonst wäre ich im Sommer natürlich auch wieder nach Mainz gefahren. Ich bin aber gespannt, wohin die nächste Weltmeisterschaft vergeben wird. Die FIDE hat ja London leider sausen lassen. Man konnte sich nicht einigen, was ich sehr bedaure. London ist eine Weltstadt und wäre ein attraktiver Spielort gewesen im nächsten Jahr. Der finanzielle Background war sicher vorhanden. 2012 sind Olympische Sommerspiele in London, und zusätzliche Gelder wären mit Sicherheit geflossen. Aus irgendeinem Grund hat die FIDE den fast fertigen Ausrichtervertrag abgelehnt. Ich vermute, dass sich einige Funktionäre wieder mal die Taschen füllen wollten und London da nicht mitgespielt hat.   

Eine andere Frage an den Kenner der internationalen Schachszene. Was ist mit den Russen los? Warum haben sie ihre führende Rolle im Weltschach fast gänzlich eingebüßt?

Die Antwort darauf ist nicht einfach. Aber ich denke, dass die Hauptursache in den politischen Veränderungen zu suchen ist. Diese führten dazu, dass die Russen ihre frühere Vormachtstellung verloren haben. Nach dem Zerfall der UdSSR gab es bei ihnen so etwas wie eine Stunde null. Das ist ungefähr so, als wenn die USA von heute auf morgen 20 Bundesstaaten verlieren würden. Welches Land, und sei es noch so riesig, kann das denn ohne weiteres verkraften?

Jede ehemalige Sowjetrepublik schickte auf einmal ihre eigenen Spieler zu Schacholympiaden. Usbekistan holte 1992 in Manila Silber - unglaublich! Die Ukraine und Armenien waren in den letzten Jahren je zweimal Olympiasieger. Russland kam bei den Männern in Turin und Dresden nicht mal in die Medaillenränge. Den Einzelweltmeister 2005 stellte Bulgarien, und seit 2007 sitzt mit Vishy Anand ein Inder auf dem Thron.

Sind es nur die politischen Veränderungen gewesen?

Vor allem, aber sicher nicht allein. Andere Länder, besonders in Asien - wenn wir nur an China und Indien denken - haben mächtig aufgeholt und sind in der Weltspitze angekommen. Ich habe mich mit Karpow 2006 in Mexiko lange über dieses Thema unterhalten. Wir fuhren an einem turnierfreien Tag zu den Pyramiden in der Nähe von Mexiko-City, und er sagte damals: „Nach dem Zerfall der Sowjetunion kriselte unser Schach. Wir haben viele Jahre verloren, was das Trainingssystem und die Wettbewerbe für junge Talente angeht. Das Interesse am Schach in der russischen Bevölkerung ist nach wie vor riesig, aber im Spitzensport fehlt eine richtige Konzeption. Dazu gibt es auch noch Kompetenzgerangel.“

Ein trauriger Höhepunkt dessen war ja die Besetzung des Zentralen Schachklubs in Moskau im Mai 2010…  

Das war Ausdruck erbitterter Matchkämpfe im russischen Verband, wo man sich einfach nicht auf einen Kandidaten (Iljumschinow oder Karpow) für die Wahlen zum FIDE-Präsidenten einigen konnte. Das alles war auch nicht förderlich für den Spitzensport. Mit Wladimir Kramnik ist vor ein paar Tagen der letzte Botwinnik-Schüler aus dem laufenden WM-Kandidatenturnier ausgeschieden. Michail Moisejewitsch wäre ganz sicher sehr zornig gewesen, wenn er noch erlebt hätte, dass sein Schützling in zwei Partien schon nach acht bzw. 16 Zügen Remis gemacht hat. So kann man natürlich nicht wieder Weltmeister werden. Ich werde Wladimir in Dortmund  fragen, was ihn in Kasan gehindert hat, so engagiert wie in jüngeren Jahren zu spielen.  

Letzte Frage: Wie siehst du denn heute die Arbeit des Deutschen Schachbundes?

Ganz sicher gibt es sehr viele engagierte Funktionäre, deren Tätigkeit zu würdigen ist. Aber es wurde nicht geschafft, den Schwung der WM 2008 in Bonn und der Olympiade in Dresden zu nutzen. An einem Tag wie heute mag ich nichts mehr über die Fehler mit der Herren-Nationalmannschaft bei der Olympiade 2010 sagen. Die Schachöffentlichkeit hierzulande, aber auch die Verbände unserer europäischen Nachbarstaaten (kleinere als wir, denen es ökonomisch viel schlechter geht) haben das nicht verstanden. Viele fragten mich, wie es möglich ist, dass eine so wohlhabende Nation wie Deutschland nicht ihre besten Schachspieler zu einer Olympiade schicken kann. Ich hatte keine gute Antwort darauf.

Vielen Dank für das Gespräch, Dagobert!

 

 

 

 


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