Igor Ivanov 8.1.1947-17.11.2005

28.11.2005 – Mit fünf Jahren lernte Igor Ivanov von seiner Mutter das Schachspiel und galt schon mit acht als eines der größten Talente seiner Heimatstadt Leningrad. Nach dem Wunsch seiner Mutter hätte er Konzertpianist werden sollen, doch die Liebe zum Schach überwog und Ivanov wurde Berufsschachspieler. Ende der Siebziger Jahre eilte er von Turniersieg zu Turniersieg und schaffte dabei u.a das Kunststück Weltmeister Anatoly Karpov zu schlagen. Bei einem Zwischenstopp in Neufundland, nach einem Turnier in Kuba, bat er 1980 um politisches Asyl und blieb in Kanada. Später übersiedelte er in die USA. Dort verdiente er sein Geld als Profi und Schachtrainer. Mit 7000 Partien in seiner fünf Jahrzehnte umfassenden Laufbahn war er einer der fleißigsten Spieler überhaupt. Am 17. November starb der 9-fache Sieger des US Chess Federation Grand Prix in St.George, Utah. Igor Ivanov wurde 58 Jahre alt. Ivanov gegen Karpov 1979...John Donaldson über Igor Ivanov...

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2019 mit 7,4 Mio. Partien und über 70.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

Großmeister Igor Ivanov
von John Donaldson


Igor Ivanov als Kind beim Schachspiel

Igor Ivanov wurde am 8. Januar 1947 in St Petersburg (ehemals Leningrad) geboren. Als er fünf Jahre alt war, brachte ihm seine Mutter das Schachspielen bei, und es dauerte nicht lang, bis er gegen sie gewinnen konnte. Igors erstes Buch war ein Schachbuch, und schon in sehr jungen Jahren konnte er seine Partien im Gedächtnis behalten. Mit acht Jahren war Igor ein ausgebildeter Spieler, der täglich in den Schachpalast kam, wo er als eins der viel versprechendsten jungen Talente galt – wobei dieses Potenzial eine Weile ruhen sollte. Igors Mutter wollte, dass er Konzertpianist wird, und bat ihren Sohn, weniger Schach zu spielen und seine musikalischen Talente stärker zu betonen.

Aber als sie starb, als er 14 war und ihn als Waise zurückließ, da begann er wieder Schach zu spielen. Sein musikalisches Talent (Klavier und Cello) verhalf ihm zu Vergünstigungen und einem eigenen Zimmer im Waisenhaus, aber seine Liebe zum Schach war größer. Mit 18 schrieb er sich an der Leningrader Universität ein, um Mathematik zu studieren, aber bald gab er das Studium der Mathematik auf, um eine Karriere als Berufsschachspieler einzuschlagen.


Igor Ivanov beim Spiel in der Sowjetunion in den 70ern


Malevinsky und Sturua im Vordergrund; Ivanov dahinter

Anfangs arbeitete Igor als Leiter eines Armeeschachclubs in Leningrad. Die Arbeit war angenehm, aber ließ ihm nicht viel Zeit, um Schach zu spielen, weshalb er schnell einschlug, als ihm eine Stellung als Berufsspieler in Tadschikistan angeboten wurde. Dort blieb Igor nur ein Jahr und zog dann nach Usbekistan, wo er die Republik am ersten Brett in der jährlich ausgetragenen Spartakiade vertrat. In einem solchen Wettbewerb zog er 1979 durch einen Sieg über den amtierenden Weltmeister Anatoli Karpov erstmals die Aufmerksamkeit der ganzen Schachwelt auf sich.

Sowjetische Spieler hatten von Igor schon Jahre zuvor gehört, vor allem 1978 und 1979. Igor spielte im gesamten sowjetischen Imperium und gewann nicht nur einige wichtige Turniere, sondern gewann sie darüber hinaus so überlegen, dass man einfach auf ihn aufmerksam werden musste: 1. Platz im Zaitsev Gedenkturnier in Wladiwostok 1978, 1. Platz in Yaroslavl 1979 und wieder Erster beim Tashli Tailiev Gedenkturnier in Ashkhabad, Ende 1979. In diesem Turnier erzielte er ein Ergebnis von 12 Punkten aus 13 (!) Partien, drei Punkte mehr als der Zweitplatzierte Kakageldyev. Leider sind nur wenige Partien aus diesen Turnier erhalten geblieben. Man findet ein paar hier und dort in Shakhmaty Bulletin, Shakhmaty Riga, Shakhmaty v SSR und weniger bekannten sowjetischen Schachzeitschriften, aber nie komplette Bulletins der ganzen Turniere, deren Partieaufzeichnungen wahrscheinlich vor langer Zeit verloren gingen. Igor selbst war in Bezug auf Aufzeichnungen nie besonders gut und so vermitteln die Partien aus Wladiwostok und dem Halbfinale der UdSSR-Meisterschaft 1978 in Daugavpils (=1. mit Kasparov) in der Partiendatei nur einen Geschmack der Zeit, in der Igor sein Spiel als "furchtlos ohne Gefühl für Sicherheit" beschrieben hat.

Der Sieg über Karpov brachte Igor seine erste Reise ins Ausland, um am Capablanca Gedenkturnier 1980 in Kuba teilzunehmen. Auf dem Rückweg in die Sowjetunion gab es einen Zwischenstopp zum Auftanken in Gander, in Neufundland, wo Igor die kanadische Regierung um politisches Asyl bat, was ihm auch gewährt wurde. Dieser Zug führte, wie nicht anders zu erwarten, zu tiefgreifenden Veränderungen in Igors Leben. Ein Mehr an persönlicher Freiheit stand fehlender finanzieller Sicherheit gegenüber. Als Berufsschachspieler in der Sowjetunion ging es Igor ziemlich gut, aber eine solche Beschäftigung gab es damals in Nordamerika, vor allem in Kanada, 1980 kaum. Außerdem musste sich Igor als Schachspieler anpassen. In Wochenendturnieren nach Schweizer System mit zwei oder drei Partien pro Tag zu spielen ist nicht ganz das gleiche wie ein Rundenturnier mit 16 Spielern, das über drei Wochen geht. Ebenso wenig wie fast immer ein Hundert-Prozent-Ergebnis erzielen zu müssen, um einen Preis zu gewinnen.

Igor ließ sich in Montreal nieder und lernte schnell Französisch und Englisch. Er und Kevin Spraggett, der enorm schnell besser wurde, dominierten das kanadische Schach in der nächsten Dekade. Igor gewann die Geschlossene Meisterschaft seines neuen Heimatlands in vier von fünf Anläufen, die er zwischen 1981 und 1987 unternahm. 1985 belegte er sowohl im Canadian Open als auch bei den Geschlossenen Kanadischen Meisterschaften in Edmonton, Alberta, den geteilten ersten Platz, wobei er seine Partien gleichzeitig spielte! Igor spielte für Kanada 1984 und 1988 bei der Schacholympiade und vertrat die Nation 1982 beim Interzonenturnier in Toluca, Mexiko. Dieses Turnier brach Igor das Herz, obwohl er es damals noch nicht wusste. Mit einem Ergebnis von 7,5 aus 13 war er nach Tie-Break Vierter, aber die GM-Norm – die im Interzonenturnier für einen Titel gereicht hätte – waren 7,8 Punkte. So wie Igor gespielt hat, dachte er wahrscheinlich, der GM-Titel würde an der nächsten Ecke bereits auf ihn warten, aber tatsächlich sollte es noch 24 Jahre dauern, bevor er Großmeister wurde. Unwillkürlich fragt man sich, wie dieser Titel sein Leben mit mehr Einladungen und besseren Konditionen hätte leichter machen können.

Kanada ist ein sehr schönes Land und eins, das eine Reihe guter Schachspieler hervorgebracht hat (Yanofsky, Suttles, Biyiasas, Spraggett, Lesiege, Charbonneau und Bluvstein), aber es ist kein viel versprechender Ort für einen Berufsschachspieler. Es ist kein Zufall, dass der ehemalige Teilnehmer am Kandidatenturnier Kevin Spraggett in Europa lebt und Igor in die Vereinigten Staaten zog. In den USA wartet auf Berufsschachspieler kein Kessel voller Gold, aber wenn man bereit ist, zu reisen, dann gibt es irgendwo immer ein Turnier mit einem Preis von $300 oder mehr für den ersten Platz. Schachspieler aus der ganzen Welt kennen das World Open und das National Open, große Turniere mit oft über 1.000 Teilnehmern und fünfstelligen Beträgen für den Gewinner des ersten Preises. Solche Turniere gibt es allerdings nur vereinzelt und der Wettbewerb dort ist so hart, dass niemand sicher sein kann, zu gewinnen. Um als Berufsspieler in Nordamerika vom Spielen allein zu leben, muss man kleinere Turniere finden, wo die Chancen zu gewinnen, ziemlich hoch sind. Igor schlug diesen Weg in den 80ern entschlossen ein und bis 1997 hatte er 9 der US Chess Federation's Grand Prix Serien gewonnen. Bei diesem jährlichen Wettbewerb, bei dem jedem Turnier Punkte auf der Basis der Höhe des Preisgeldes verliehen werden, ($300 können z.B. sechs Punkte bedeuten), erreichte Igor in einem Jahr einmal beinahe 500 Punkte. Das deutet nicht auf viele freie Wochenenden hin! Am Ende des Jahres musste Igor oft lange Reisen unternehmen, um an kleinen Turnieren teilzunehmen, und seinen Sieg im Grand Prix zu sichern. Einmal fuhr er in weniger als einer Woche mit dem Bus von Los Angeles nach Atlanta und zurück (insgesamt beinahe 6.000 Meilen oder 10.000 Kilometer)!


North Bay 1994 International Open: (von links nach rechts Boris Spassky (Ehrengast), Igor Ivanov, Jonathan Berry - Turnierdirektor, Deen Hergott, Derrick Bessette – Ko-Organisator des Turniers, Ron Smith, Eduard Rozentalis und Alexey Shirov.

Ende der 90er begann Igor weniger zu spielen und konzentrierte sich stärker darauf zu unterrichten. In der Vergangenheit hatte er als Sekundant von Viktor Kortschnoj bei der Weltmeisterschaft 1981 gearbeitet, aber seine größten Erfolge feierte er an der Shelby School in Arizona, der er als Trainer zu zwei Nationalen Meisterschaften verhalf. Vor kurzem zog Igor erst nach Central und dann nach St. George, Utah. Er ist Grandmaster-in-Residence (er erhielt den GM-Titel 2005 für Normen, die er in den frühen 90ern erzielt hatte, aber von denen er nichts wusste) an der St. George Chess School und lebte in den Bergen von Süd-Utah mit seiner Frau Elizabeth, einer Lehrerin im Ruhestand. Er unterrichtete Schach, veranstaltete jeden Sommer ein Schachlager, gab Klavierabende im St. George Stift, kümmerte sich um Petruska und Sasha (zwei sehr verwöhnte Katzen) und war ein leidenschaftlicher Gärtner und Leser. Igor war bei vielen Schachspielern sehr beliebt, die seinen ausgezeichneten Sinn für Humor, seine Tierliebe und seine Lebensfreude schätzten.


Igor Ivanov beim 2005 National Open im Juni 2005

Am 17. November starb Igor Ivanov im Alter von 58 Jahren in St.George.

Der Autor dieser Zeilen ist zuversichtlich, dass Igor und seine Partien bei vielen Schachfreunden noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben werden.

 

 

 

 

 

 

 

 



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren