Interview mit Alexander Donchenko

von ChessBase
01.10.2020 – Alexander Donchenko gewann vor einigen Wochen das ACP-ChessBase Onlineturnier auf Playchess und setzte sich dabei unter anderem gegen Nikita Vitiugov und Gawain Jones durch. Im Interview mit Bojana Bejatovic sprach der deutsche Spitzenspieler über Online-Schach, Einstellung und Trainingsmethoden und beantwortete auch philosophische Fragen zum Schachspiel. | Foto: Amruta Mokal

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Talent und Arbeit...


Das Interview erschien auf Englisch auf der ACP website. Nachdruck in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.


Herzlichen Glückwünsch zum Gewinn des ACP-ChessBase KO-Turniers! Wie fühlen Sie sich?

Ich bin sehr glücklich, dass es mir gelungen ist, während des gesamten Turniers konzentriert zu bleiben und einige qualitativ hochwertige Partien gegen starke Gegner zu spielen. Nach solchen anstrengenden Matches mit je vier Schnellschachpartien fühlt man sich aber erst einmal ziemlich müde.

Wie war Ihre Vorbereitung auf das Turnier? War dies Ihre erstes Online-Turnier oder hatten Sie schon an anderen Online-Turnieren teilgenommen?

Ich habe mich nicht groß vorbereitet, vielleicht etwa 20 Minuten für jeden Gegner. Ich habe einfach versucht, zur Startzeit ausgeruht zu sein. Gelegentlich spiele ich bei "Titled Tuesdays" oder "Titled Arenas" mit, aber im Allgemeinen spiele ich nicht viel online. Das war wahrscheinlich mein erstes Online-Turnier mit Schnellschachbedenkzeit.

Was halten Sie von solchen Online-Events im Vergleich zu den regulären "Over the Board"-Turnieren? Was gefällt Ihnen besser und was sind die psychologischen Unterschiede?

Online-Turniere waren für mich immer so etwas wie ein leichter Zeitvertreib, der nicht ganz ernst zu nehmen ist. Das liegt vor allem daran, dass sie lockerer sind als OTB-Veranstaltungen, da sie nicht ausgewertet werden und die Zeitkontrollen meist kürzer sind. Das Fehlen eines physischen Gegners führt aber dazu, dass man beim Online-Schach meist nicht die besten Leistungen bringt. Bei großen Open und bis zu einem gewissen Grad bei allen Online-Turnieren kann Betrug nicht ausgeschlossen werden, bei allen Kontrollmaßnahmen. Deswegen glaube ich, dass Online-Turniere nie den Status wie OTB-Turnier bekommen werden.

In der dritten Partie gegen GM Vitiugov gab es einige interessante Möglichkeiten, wie auch in der letzten Partie des Matches. Im Finale konnte Jones die zweite Partie retten. Hier sind die drei Partien zum Nachspielen:  

 

Wie gehen Sie mit dem psychologischen Druck um, wenn Sie in einer Partie eine Gelegenheit verpasst haben? Beeinflusst Sie das für einige Zeit oder akzeptieren Sie es einfach und schauen auf die nächsten Herausforderungen, die die neue Position bietet?

Das ist vielleicht eines der schwierigsten Dinge, die man im Schach lernen muss. Man kann nur durch die Praxis trainieren. Es ist in der Regel eine Frage der Einstellung und kann kaum perfektioniert werden. Ein gutes Beispiel aus meinen eigenen Partien gab es bei meinem letzten Turnier in Ceske Budejovice. In meiner Partie in Runde 4 gegen Michalik habe ich nicht 20.Sxc5 gespielt (Ich habe den Zug gesehen, aber verworfen) und meinen Fehler gleich nach meinem Zug erkannt. Trotzdem gelang es mir, nach dieser verpassten Gelegenheit einigermaßen gut weiter zu spielen und meinen Gegner etwas unter Druck zu setzen, auch wenn es nicht zum Sieg reichte.

 

Was ist das Wichtigste, das ein Schachspieler für sein Spiel tun muss?

Darauf gibt es wahrscheinlich unzählige Antworten. Ich gehe mit Begeisterung ans Brett. Egal, ob man viel oder wenig trainiert hat. Mann muss in der Lage sein, dann so viel wie möglich zu zeigen, wenn es am wichtigsten ist, nämlich in der Turnierpartie. Sonst bleibt man immer unter seinen Möglichkeiten

Was ist wichtiger - Verständnis oder Wissen?

Bis zu einem gewissen nicht so hohen Niveau wird beides bis zu einem gewissen Grad nötig sein. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Verständnis entscheiden. Mit einem guten Schachverständnis kann man auch ohne Wissen spielen. Und Wissen kann man leichter erwerben als Verständnis.

Was war der beste Rat, der Ihnen gegeben wurde, und welchen Rat würden Sie den aufstrebenden Spielern da draußen geben?

Einer der besten Ratschläge, der mir gegeben wurde, war, dass Talent nicht reicht, um große Erfolge zu erzielen. Man muss auch viel Arbeit investieren. Ich war immer ziemlich faul, wenn es um Analysen, Übungen usw. ging, und habe erst spät damit begonnen, an meinem Schach zu arbeiten. Ich würde aufstrebenden Spielern trotzdem raten wollen, am meisten auf ihre Leistung am Brett zu achten. Die Freude am Spiel und am Wettstreit in den Turnieren kann man nicht wie eine Eröffnung lernen. Deshalb ist es notwendig, sich diese zu bewahren und weiterzuentwickeln, damit auch die anderen Verbesserungen Früchte tragen können.

Haben Ihre Gedanken Muster, die sich an ihrem Wissen orientieren oder lassen Sie die Kreativität alleine wirken? 

Ich glaube, dass jeder Schachspieler (mich eingeschlossen) in Mustern denkt, sogar unbewusst. Das Wissen über diese Muster ermöglicht uns, gute Züge zu finden wie auch die Ausnahmen von den Schablonen. Das richtige Ausbalancieren von Mustererkennung und Intuition ist das Geheimnis des Erfolges.  

Kann es einen Menschen glücklich machen, nichts zu erreichen? :)

Das ist für mich eine zu philosophische Frage. Man müsste wissen, was "nichts" beschreibt oder beinhaltet und ob sich das Erreichen nur auf die eigenen gesetzten Ziele bezieht. Alles, was ich sagen kann, ist, dass das Erreichen in einem Kontext von Wettbewerb und/oder Anerkennung meiner Meinung für die meisten Menschen nicht notwendig ist, um sie glücklich zu machen.

Und die letzte Frage. Glauben Sie, dass das Schachspiel an einen Punkt gekommen ist, an dem nichts Neues mehr erfunden werden kann. Kann man alles über das Schachspiel wissen?

Ich glaube, im Moment ist das Gegenteil der Fall. Wenn wir heutzutage Stellungen gründlich analysieren (selber oder mit einer Engine), entdecken wir in vielen Situationen versteckte Möglichkeiten. Jede sinnvolle Neuerung und jede neue Variante zeigt uns, was wir bisher verpasst haben und dass es noch viel mehr zu finden gibt. Daher glaube ich, dass die Reise zum "Lösen" des Schachspiels noch lange nicht zu Ende ist und dass es noch viel Raum für Verbesserungen und Fortschritte gibt. Ob Perfektion oder vollständige Information (im Sinne von perfektem Spiel) in absehbarer Zeit erreichbar ist oder nicht, sollte für einen praktischen Spieler für seine Entscheidungen am Brett unerheblich sein.

Übersetzung: André Schulz


All Partien des ACP KO Turniers

 

 

Interview mit Elena Tomilova, Siegerin des ACP-ChessBase Frauen-K.o.-Turniers




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