Interview mit Anand: Schach ist dynamischer geworden

04.12.2010 – Das Hamburger Abendblatt hat in seiner heutigen Ausgabe ein Interview mit Viswanthan Anand veröffentlicht. Sportredakteur Rainer Grünberg, früher selbst als Spieler in der Schachbundesliga aktiv, sprach mit dem Weltmeister u.a. über den Einfluss der Computer auf das moderne Schach, aber auch auf andere Lebensbereiche: Außer der frei zugänglichen Information im Schach haben dort die Spitzenschachprogramme das Verständnis des Spiels deutlich verändert: "Mit dem wachsenden Verständnis des Schachspiels stoßen wir immer häufiger auf Züge, die wir früher aus allgemeinen Erwägungen verworfen hätten. Glaubten wir einst, dass es in hundert Stellungen eine "Ausnahme" gibt, so sind es heute dreißig. Das ist das Verdienst der Computer", erklärt Anand. Im Übrigen arbeite er selbst auch noch gerne am dreidimensionalen Holzschachbrett. Seinen nächsten WM-Kampf werde er wohl 2012 in London bestreiten. Für Carlsens Ausstieg aus dem Zyklus hat er offenbar wenig Verständnis: "Im Gegensatz zu den vergangenen zehn, 15 Jahren stehen diesmal fast alle Eckdaten unumstößlich fest. Wir hatten lange nicht mehr so viel Klarheit im Kampf um die Weltmeisterschaft wie im Augenblick." Interview beim Hamburger Abendblatt...Nachdruck...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung:


Bad Soden Marken-Sportschuhe, Jeans, grüne Fleecejacke, den Reißverschluss hochgezogen, den Kragen hochgeklappt, „es ist kalt geworden in Deutschland“, sagt Viswanathan Anand, 40, zur Begrüßung. Der Schach-Weltmeister kommt gerade aus seiner Heimat Indien, am nächsten Tag gibt er in Zürich ein Simultan, ein Reihenspiel gegen 35 Gegner. Zwischendurch besucht er seinen Freund und Berater Hans-Walter Schmitt in Bad Soden. Hier im Taunus, ganz in der Nähe des Frankfurter Flughafens, hat er sich auf seine beiden erfolgreichen WM-Kämpfe 2008 in Bonn gegen den Russen Wladimir Kramnik und 2010 in Sofia gegen den Bulgaren Wesselin Topalow mit seinen Sekundanten jeweils drei Monate lang vorbereitet. Beim Italiener im Zentrum Bad Sodens ist Anand Stammgast. Er bestellt auf Deutsch. Wolfsbarsch mit gedünstetem Gemüse, dazu Wasser, später eine Cola und Pfefferminztee. „Seit ungefähr neun Jahren esse ich auch Fisch“, sagt der Vegetarier. 
 

Auch zu Hamburg pflegt der Champion Beziehungen. Das Schachsoftware-Haus ChessBase in der AlsterCity versorgt ihn seit 23 Jahren mit Datenbanken, Spielprogrammen und Analysemodulen. Das Abendblatt bringt ihm im Auftrag der Firma die neueste DVD mit, auf der rund 4,5 Millionen Schachpartien gespeichert sind. Die Daten stünden ihm auch online zur Verfügung, „aber sicher ist sicher. Ich muss mich darauf verlassen, dass ich sie benutzen kann, wann immer ich sie unterwegs brauche“, sagt Anand. Er gehört zur ersten Generation von Großmeistern, die mit Computern aufgewachsen sind.


Abendblatt: Herr Anand, haben Sie ein Schachbrett in Ihrem Arbeitszimmer?
 

Viswanathan Anand: Natürlich.


Sind Sie da nicht ein wenig altmodisch?
 

Anand: Weil einige jüngere Spieler behaupten, sie besäßen keins mehr? Das ist Propaganda. Schach wird nun mal bei Turnieren auf Brettern und nicht hat an Monitoren gespielt. Ich überzeuge mich stets am
Brett, ob die Positionen, die ich spielen will, mir auch gefallen, ob ich wirklich alles verstehe, was ich mit dem Computer analysiert habe. Dreidimensional sieht man doch noch um einiges besser. Der Raum ist eine wichtige Komponente im Schach. Richtig ist, dass ich das Brett weit weniger als früher benutze. Ich arbeite hauptsächlich am Rechner.


Wie haben die Computer das Schachspiel verändert?


Anand: Durch die Datenbanken ist heute jedem eine Fülle an Informationen zugänglich, die sich früher nur privilegierte Minderheiten mit entsprechenden Netzwerken, wie in der Sowjetunion, beschaffen konnte. Das hat zu einer demokratischen Verbreiterung des Wissens geführt und die Möglichkeit eröffnet, sich vorhandene Erkenntnisse weit schneller anzueignen. Das gilt im Übrigen für die meisten Lebensbereiche. Wenn wir etwas wissen wollen, googeln wir. Heute ist es nicht mehr ganz so wichtig, dass du in Russland oder Europa geboren wirst, um ein guter Schachspieler zu werden, der kannst du jetzt überall auf der Welt bei entsprechendem Talent werden. Zudem sind die Schachcomputer inzwischen derart stark, dass man alle Phasen der Partie umfangreicher, tiefer und genauer analysieren kann. Alle diese Faktoren haben das Spiel verändert, wir verstehen es heute besser. Schach ist dynamischer geworden, das Zusammenspiel der Figuren effektiver. Die Fähigkeit, sich in schlechten Stellungen oder gegen Königsangriffe zu verteidigen, hat sich dramatisch erhöht. Allgemeine Grundsätze treten mehr und mehr in den Hintergrund, das Berechnen von Zugfolgen wird wichtiger.


Welchen Einfluss haben die Computer auf Ihr Denken?


Anand: Ich bin kritischer geworden, hinterfrage bei meinen Entscheidungen viel öfter meine Denkschemata und lasse mich weniger von allgemeinen Strategien leiten. Ich suche nach dem besonderen Zug, der Ausnahme von der vermuteten Regel, die ja nie eine Regel, sondern ein Krückstock zur Orientierung war. Diese sogenannten Ausnahmen folgen ja ebenso einer Logik, nur haben wir diese bisher nicht erkannt. Es gibt beim Schach keine geheimen Informationen. Wir müssen nur zusammenbringen, was zusammengehört.


Wird im Computer-Zeitalter die „Ausnahme“ zur Regel?


Anand: Mit dem wachsenden Verständnis des Schachspiels stoßen wir immer häufiger auf Züge, die wir früher aus allgemeinen Erwägungen verworfen hätten. Glaubten wir einst, dass es in hundert Stellungen eine „Ausnahme“ gibt, so sind es heute dreißig. Das ist das Verdienst der Computer. Sie weisen dich auf eine Vielzahl ungewöhnlicher Ideen hin. Menschen scheuen sich, Ungewöhnliches zu denken. Computer zwingen dich dazu.


Sind wir prinzipiell denkfaul?


Anand: Nicht faul, sondern verhaftet in Muster. Die kritische Distanz zu dem, was wir tun oder denken, fehlt oft. Wir geben uns zu früh zufrieden, Dinge in Kategorien einzuteilen und sie dort zu belassen. Die Computer holen sie wieder aus diesen Schubladen heraus.


Brauchen wir noch Philosophen, wo doch die Wahrheit nicht im Allgemeinen, sondern im Konkreten zu liegen scheint.


Anand: Ich rufe jetzt nicht das Ende der Philosophie aus, nur weil ich meine, dass wir viel konkreter denken müssen. Im Gegenteil. Kritik der Vernunft ist ja ein Grundpfeiler der Philosophie. Wir brauchen Orientierung, wir brauchen ein Grundverständnis von Zusammenhängen. Wir müssen wissen, in welche Richtung wir zu suchen haben und wo wir etwas finden können. Es gibt inzwischen einen derart großen Müll an Informationen, dass der, der sinnvoll selektieren kann, gewinnt. Die Art, wie wir Wissen verarbeiten, wird immer entscheidender werden.


Welche Rolle kommt dabei den Computern zu?


Anand: Wir müssen der Pilot bleiben, der Computer darf nicht ins Cockpit.


Auf den Finanzmärkten scheinen bis heute diese Rollen vertauscht zu sein.


Anand: Um sinnvoll mit Computern arbeiten zu können, muss man sie verstehen, wissen, wie sie funktionieren, was sie können, wo ihre Grenzen sind. Es ist dringend notwendig, eine kritische Distanz zu den Ergebnissen von Computern zu behalten, wollen wir von ihren Rechenfähigkeiten maximal profitieren. Diese kritische Distanz scheint mir in einigen Bereichen der Weltwirtschaft abhandengekommen zu sein.


Am Schachbrett verfolgen selbst Sie nicht immer diese Prinzipien mit der nötigen Konsequenz. Im WM-Kampf gegen Topalow unterlief Ihnen in der ersten Partie ein derart grober Patzer, dass Sie sofort hätten aufgeben können.


Anand: Ich hatte eine zu Hause vorbereitete Stellung auf dem Brett, nur konnte ich mich nicht mehr an die exakte Zugfolge in dieser Variante erinnern. Ich wusste nur, dass ich irgendwann diesen ungewöhnlichen Zug König von g8 nach f7 spielen musste. Nur leider habe ich den richtigen Zeitpunkt verpasst.


Und dann spielen Sie diesen Zug, ohne ihn zu überprüfen?


Anand: In dieser frühen Phase der Partie musste ich mich darauf verlassen, was wir vorbereitet hatten. Natürlich kann ich alles noch mal am Brett analysieren, und ich würde dann auch wahrscheinlich zum richtigen Ergebnis kommen. Aber es bleibt ein Rest Unsicherheit, doch etwas übersehen zu haben. Dieses Abspiel war derart kompliziert, dass ein Irrtum nicht auszuschließen ist. Wenn ich mir jedoch so früh viel Zeit zum Berechnen von Zugfolgen nehme, wird sie mir später, wenn es vermutlich noch komplizierter wird, fehlen (für 40 Züge stehen jedem Spieler gewöhnlich zwei Stunden Bedenkzeit zur Verfügung, die Red.). Das war deshalb eine rein pragmatische Entscheidung.


Wird das Gedächtnis bei diesen umfangreichen Vorbereitungen zum Schlüssel schachlichen Erfolges und Misserfolges?


Anand: Ich kann mir in der Tat nicht alles exakt merken, ich versuche zentrale Ideen und ganz wichtige Züge zu behalten. Alle Weltklassespieler haben heute immer mal wieder Probleme mit der präzisen Erinnerung an Varianten. Das ist der überbordenden Fülle an Material geschuldet, das wir zu verarbeiten haben. Früher wusste ich auch alle Telefonnummern, die ich benutzte, auswendig, heute sind das zu viele geworden. Dafür gibt es ja schließlich Computer.


In zwei Wochen werden Sie 41 Jahre alt. Denken Sie manchmal ans Aufhören?


Anand: Ich werde nicht bis ins Alter von 60 oder 70 Jahren Schachturniere spielen. Aber ich werde auch nicht wie vor fünf Jahren Garri Kasparow (der 13. Weltmeister der Schachgeschichte, die Red.) von einem Tag auf den anderen aufhören. Das wird ein längerer Prozess werden. Im Augenblick fühle ich mich körperlich und geistig frisch genug, um noch ein paar Jahre auf höchstem Niveau spielen zu können.


Wann müssen Sie ihren Weltmeistertitel wieder verteidigen?


Anand: Voraussichtlich im April 2012 in London. Die Verträge sind bereits fixiert.


Wer wird Ihr Herausforderer?


Anand: Es gibt heute so viele gute Spieler, die alle die Klasse haben, um Weltmeister zu werden.


Der Norweger Magnus Carlsen, der vor einem Jahr im Alter von 18 Jahren Weltranglistenerster wurde, bis Sie ihn jetzt wieder ablösten, will in dem anstehenden WM-Zyklus nicht mitspielen. Verstehen Sie seine Entscheidung?


Anand: Nein, denn im Gegensatz zu den vergangenen zehn, 15 Jahren stehen diesmal fast alle Eckdaten unumstößlich fest. Wir hatten lange nicht mehr so viel Klarheit im Kampf um die Weltmeisterschaft wie im Augenblick.

Das Interview führte Rainer Grünberg 



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