Interview mit Anatoly Karpov zu den Prager Plänen

14.05.2002 – Anatoly Karpov war einer der Ehrengäste des Deutschen Schachbundes bei der Feier zum 125jährigen Jubiläum. Der 12.Weltmeister war extra aus New York angereist, morgens um 5 Uhr MESZ in Frankfurt gelandet und dann eiligst nach Leipzig gereist, wo er um 10.30 rechtzeitig zu Beginn des Festaktes im Neuen Rathaus eintraf. Für die Leser von chessbase.de gab er ein Interview, in dem er sich zu den Prager Plänen äußert. Dabei ist er der Meinung, dass außer Anand und Ivanchuk auch die früheren FIDE-Weltmeister Alexander Kahlifmann und Anatoly Karpov selbst hätten beteiligt werden müssen. Das Interview mit Anatoly Karpov...

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Karpov über Prag

Anatoly Karpov, der 12. Weltmeister (von 1975–1985) und FIDE-Weltmeister (nach der Trennung von Kasparov von 1993–1999) ist einer der größten Spieler unserer Zeit. Nach zwei eher mageren Jahren meldete sich Anatoly, mittlerweile 50, mit Pauken- und Trompeten zurück: Er errang K.O.-Siege über Nigel Short, Vladimir Kramnik, Alexander Morozevich und Alexei Shirov bei der Eurotel World Chess Trophy in Prag, dem wahrscheinlich stärksten Schnellschachturnier aller Zeiten. Zuvor hatte schon beim FIDE World Cup in Dubai groß aufgespielt. Am letzten Wochenende weilte Karpov bei den Feierlichkeiten zum 125. Jubiläum des Deutschen Schachbundes in Leipzig, als Ehrengast und Redner. Bei dieser Gelegenheit gab er für ChessBase das folgende Interview.



ChessBase: Was halten Sie von den in Prag gefassten Entschlüssen?

Karpov:
Allgemein glaube ich, es ist positiv für das Schach. Am Ende wurde jedem klar, dass die Spaltung der Schachwelt absolut negativ war – für uns, die Sponsoren, für das Schach allgemein. Daher freute ich mich, die Reden in Prag zu hören, wo ich in den ersten beiden Stunden bei den Treffen dabei war. Die Wiedervereinigung war zweifellos nötig, das hätten alle schon vor vielen Jahren begreifen sollen. Die Spaltung dauerte zehn Jahre, das ist eine lange Zeit. Sie führte zu vielen Komplikationen, die wir berücksichtigen müssen. Alle momentan vorgeschlagenen Pläne kamen von außerhalb der FIDE. Bessel Kok, Kasparov, Kramnik, die Leute aus Dortmund - sie alle machten Vorschläge, welche die FIDE einfach akzeptierte. Wahrscheinlich – mit Sicherheit – hat lyumzhinov Vorverhandlungen geführt. Wir wissen, dass er etwas mit Kasparov unterschrieben hat, aber im Detailplan müssen sie die Interessen der Föderationen und der Spieler schützen. Im Moment jedoch kamen alle vorgeschlagenen Pläne von außen; die Interessen der FIDE und der Spieler, welche die FIDE unterstützen, werden also nicht vertreten. Nur ein einziger Spieler kommt von der FIDE-Seite, Ruslan Ponomariov, der amtierende Weltmeister. In den letzten zehn Jahren hatte die FIDE aber vier Weltmeister, und Anand wie Ivanchuk weigerten sich, in Dortmund zu spielen, im Interesse der FIDE. Sie waren loyal gegenüber der FIDE und haben sie verteidigt.
ChessBase: Und was missfällt Ihnen an dem Plan?

Karpov:
Ich weiß nicht, ob Kasparov und Kramnik noch immer beanspruchen können, Weltmeister zu sein. Bei Kasparov ist das natürlich gänzlich unklar, weil er ja einen Wettkampf mit Kramnik spielte, der als Weltmeisterschaftsmatch tituliert wurde, und unterlag. Kasparov war äußerst erfolgreich bei Turnieren, doch das Match um den Titel hat er nun mal verloren, daher kann er sich nicht als amtierender Weltmeister bezeichnen, bis er Kramnik geschlagen hat. Allerdings ist er der erfolgreichste Turnierspieler der letzten Jahre, daher finde ich, er hat gewisse Rechte. Wenn man den Sieger eines Wettkampfes als einzigen Weltmeister akzeptieren will, muss Kasparov dabei sein. Wenn man dann noch Kramnik und Ponomariov dazu nimmt, ist alles klar.

ChessBase:
Meinen Sie damit, man sollte eine Wiedervereinigung mit nur diesen drei Spielern veranstalten?

Karpov:
Ja, ganz gleich nach welchem System, sie sollten einfach gegeneinander antreten, sonst niemand.

ChessBase:
Und das wäre eine Lösung?

Karpov:
Ich will mal so sagen: es würde keine zusätzlichen Probleme schaffen. Es würde den Titel vereinen. Aber wenn man das Dortmunder Turnier als eine Art Qualifikation für Kramnik akzeptiert, wird es sehr viel schwerer.

ChessBase:
Also was genau schlagen Sie vor? Was würden Sie tun, wenn Sie überall das Sagen hätten und heute eine Entscheidung treffen müssten?

Karpov:
Darüber habe ich noch nicht genau nachgedacht, und ich sehe die Probleme. Es ist nicht so einfach, unmittelbare Ratschläge zu erteilen. Es muss Lösungen geben, aber leicht ist es nicht. Ich denke, angesichts der neuen Situation sollten die Dortmunder Veranstalter vielleicht überlegen, was sie tun sollen: Dortmund als Kandidatenturnier für Kramnik beibehalten oder es eben umorganisieren, mit den anderen Spielern.

ChessBase: Sie meinen Anand und Ivanchuk?

Karpov:
Ja, sowie Khalifman und mich selbst.

ChessBase:
Soll das heißen, die schnellste Lösung wäre jetzt, das Dortmunder Turnier um vier Spieler zu erweitern?

Karpov: Ja, wahrscheinlich ist das einfacher. Wenn man das Bild der Schachwelt so dramatisch verändern will, sollte man etwas anderes organisieren.

ChessBase:
Dortmund absagen?

Karpov: Nein, Dortmund als traditionelles Turnier belassen, mit Lutz, der nichts mit den Kandidaten und der neuen Situation zu tun hat. Denn die deutschen Veranstalter haben natürlich das Recht, einen Lokalmatador einzuladen, und Christopher ist ein sehr guter Spieler. Er sollte also am Dortmunder Turnier teilnehmen. Aber man sollte ein weiteres Turnier mit allen Topspielern organisieren.

ChessBase:
Und was wäre mit dem Sieger des Turniers?

Karpov:
Alles andere kann so bleiben. Kramnik hat eingewilligt, gegen den Gewinner von Dortmund anzutreten; Kasparov ist bereit, gegen Ponomariov zu spielen, und umgekehrt ist es wahrscheinlich genauso. Es wäre also einfacher, es so zu belassen.

ChessBase:
Und in welchem Zeitrahmen sollte all dies passieren?

Karpov:
Nein, das geht zu weit ins Detail, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.

ChessBase:
Wurden Sie in Prag bzw. beim Vereinigungsplan konsultiert?

Karpov:
Ich nahm nur während der ersten zwei Stunden an dem Treffen teil, sonst nichts.

ChessBase:
Wie ist dieser Tage Ihr Verhältnis zu Ilyumzhinov? Sie waren früher sehr enge Freunde.
 

Karpov: Ilyumzhinov? Glauben Sie etwa, die Sache vor dem Olympischen Gerichtshof in Luzern war etwas zwischen Freunden?

ChessBase:
Bitte frischen Sie unser Gedächtnis auf.

Karpov:
Die FIDE hat mir einfach ein Jahr meiner Weltmeisterschaft gestohlen. Sie haben den Zyklus von zwei Jahren auf ein Jahr reduziert. Deshalb mussten wir in Luzern vor Gericht gehen.
ChessBase: Und seitdem sind sie nicht gut aufeinander zu sprechen?

Karpov:
Was heißt seitdem? Wenn wir ein gutes Verhältnis gehabt hätten, dann wäre es ja nicht soweit gekommen. Damit meine ich übrigens die Führung der FIDE. Die FIDE selbst habe ich die ganze Zeit unterstützt; ich hatte also keine Probleme mit der Organisation, sondern mit der Führung.

ChessBase:
Verspüren Sie Bitterkeit gegenüber der FIDE?

Karpov:
Schwer zu sagen. Zuerst muss ich die Leute treffen, mit ihnen reden, verstehen, was genau sie in Prag gemacht haben. Als ich Prag verließ, war ich zufrieden mit der Situation. Zu jenem Zeitpunkt sah alles gut aus. Aber jetzt muss ich erst mal die Unterlagen prüfen und mit den Leuten reden; anschließend kann ich mir ein klares Bild machen.

ChessBase:
Kasparovs Verhältnis zur FIDE und zu Kirsan Ilyumzhinov ist offenbar bestens.

Karpov:
Makropolous sagte in Prag, dass an den Vorschlägen viele Dinge ein wenig merkwürdig sind. Ursprünglich hatte Kasparov die FIDE verlassen und die Spaltung der Schachwelt verursacht. Nun wird es in diesem vorgeschlagenen System am Ende ein Wiedervereinigungsmatch zwischen der Kramnik-Gruppe und der FIDE-Gruppe geben. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Kasparov Ponomariov schlägt und dann in diesem Wettkampf die Seite der FIDE vertritt. Das Zweite, was Makropolous nicht verstehen konnte, war, wie die FIDE-Weltmeister ausgeschlossen werden konnten, mit Ausnahme Ponomariovs.

ChessBase: Glauben Sie, bei einer Teilnahme an den Wiedervereinungsturnieren hätten Sie eine Chance auf ein Comeback als Weltmeister?
Karpov: Naja, was die letzten zwei Jahre angeht, kann ich nicht behaupten, ich hätte Schach - und vor allem die Vorbereitung - allzu ernstgenommen. Denn auf Grund all der Geschehnisse machte es mir keinen Spaß, und es ist schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, an dem man keine Freude hat. Aber jetzt ändert sich die Situation, und ich betreibe wieder einmal ernsthafte Wettkampfvorbereitung.

ChessBase:
Dann fängt es an, Ihnen wieder Spaß zu machen?
Karpov: Ja, die Arbeit macht mir wieder Spaß. Ich kann sehen, wofür ich etwas tue, und dann kann ich es genießen.

Das Interview führte Frederic Friedel
 

 



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