Interview mit Georg Meier

22.04.2008 – Im Rahmen der Vorbereitung auf die Schacholympiade im eigenen Land hat der Deutsche Schachbund eine große Delegation zur Europameisterschaft nach Plovdiv geschickt. Mit Daniel Fridman, Jan Gustafsson, Leonid Kritz, Rainer Buhmann und David Baramidze ist die deutsche Nationalmannschaft fast geschlossen am Start. Aber auch die Spieler der Jugendolympiamannschaft versuchen, sich hier für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Von den Jugendspielern hat Georg Meier einen besonders steilen Aufstieg hinter sich. In fünf Jahren überbrückte der Trierer mehr als 400 Elopunkte und wurde Großmeister. Bei der letzten Junioren-Weltmeisterschaft scheiterte der Bremer Bundesligaspieler nur knapp. In Povdiv, wo Meier die Erstrundenaufgabe ohne Mühe meisterte, sprach Dejan Bojkov mit dem deutschen Spitzenspieler. Interview mit Georg Meier...

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Interview mit Georg Meier


Wann hast Du angefangen, Schach zu spielen?

Die Regeln habe ich von meiner Mutter gelernt, als ich drei oder vier Jahre alt war. Aber erst als ich neun war, haben wir entdeckt, dass es Vereine und Turniere gibt. Ich fing an in Kinderturnieren zu spielen und kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag habe ich das erste Mal an einem Open teilgenommen. Verglichen mit dem Standard der Generation junger GMs hatte ich einen sehr langsamen Start.

Wer war Dein erster Trainer?

Am Anfang habe ich fast ausschließlich mit Büchern gearbeitet, bis ich 2001 ein bisschen mit GM Lev Gutman trainiert habe.

Wer hat am meisten zur Verbesserung Deiner Spielstärke beigetragen?

Eindeutig GM Vladimir Chuchelov, mit dem ich seit 2002 trainiere. Er hat mich den ganzen Weg von einem Spieler mit 2140-Elo zum Großmeisterlevel begleitet!


Vladimir Chuchelov

Wichtig waren auch die Bücher von Vasily Smyslov, die ich intensiv studiert habe, als ich jünger war. Sie haben viel zur Entwicklung meines Positionsspiels beigetragen. Er ist immer noch eins meiner Schachidole.

In den letzten zwei Jahren hast Du rasante Fortschritte gemacht: Du wurdest Großmeister und Deine Elo-Zahl ist enorm gestiegen? Woran liegt das?

Das begann, nachdem ich mein Abitur gemacht habe. Ich hatte in den letzten Jahren auf dem Gymnasium einfach zu wenig Zeit für Schach. Aber nach meinem Abitur hatte ich den starken Wunsch, zumindest GM zu werden. Ich beschloss, den Beginn meines Studiums ein Jahr hinauszuzögern und mich nur aufs Schach zu konzentrieren. Das erste Jahr war ein bisschen schwierig, aber dann zahlte sich meine Arbeit allmählich aus, ich machte eine GM-Norm nach der anderen und verbesserte meine Elo-Zahl in fast jedem Turnier.

Ich betrachte mein eigenes Spiel sehr kritisch und analysiere sehr sorgfältig, eine Einstellung, die sicher dazu beigetragen hat, dass ich besser wurde.

Letztes Jahr in Eriwan, in Armenien, hattest Du sehr gute Chancen, Jugendweltmeister zu werden, aber hast in der letzten Runde gegen Ahmed Adly verloren. Was ist da passiert?

Meine Erinnerung an dieses Turnier ist noch frisch, da dies trotz der Niederlage in der letzten Runde das beste Ergebnis war, das ich je bei einer Weltmeisterschaft erzielt habe – aber auch die größte Enttäuschung meiner noch jungen Karriere.Solch ein 13-rundiges Turnier kostet eine Menge Energie. Ich habe während des gesamten Turniers sehr schlecht geschlafen und außerdem habe ich mir eine Lebensmittelvergiftung eingefangen und wurde krank. So war ich nach nur zehn Runden schon sehr erschöpft, da ich immer nur an den Spitzenbrettern gespielt habe und von allen Teilnehmern die stärksten Gegner hatte.

Aus Erfahrung weiß ich, dass Krankheit – wenn sie nicht allzu ernsthaft ist – einen nicht daran hindert, gutes Schach zu spielen. Aber sobald einmal ein bestimmter Punkt erreicht ist, sind die Batterien einfach leer. In der letzten Runde kommt es meistens vor allem darauf an, wie viel Energie man noch hat und nicht mit welcher Farbe oder gegen welchen Gegner man spielt.

In der letzten Runde gegen Ahmed habe ich ungewöhnlich langsam gespielt und bin irgendwann aus Erschöpfung zusammengebrochen – in einer ungefähr ausgeglichenen Stellung, die ich normalerweise nicht verlieren würde. Wie man sich nach einer solchen Partie fühlt, kann man nicht beschreiben.

Du bist Teil der zweiten deutschen Mannschaft bei der Olympiade in Dresden. Wer gehört sonst noch zum Team?

Die anderen Teammitglieder sind unser berühmter Arik Braun, der 2006 U-18 Weltmeister wurde, Falko Bindrich, der mit 17 bereits GM ist, sowie IM Sebastian Bogner and Niclas Huschenbeth.

Wie unterstützt euch der Deutsche Schachbund bei der Vorbereitung auf die Olympiade?

Er übernimmt die Kosten für etliche wichtige Turniere und etwa drei- bis viermal im Jahr organisiert er Trainingssitzungen für die Jugendmannschaft. Auf der Trainerliste stehen so berühmte Namen wie Yusupov, Dorfman, Karsten Müller und in der letzten Zeit vor allem Ribli, mit dem mir das Training am meisten Spaß macht. Mit Spielern aus dem „goldenen Zeitalter“ des Schachs zu trainieren, ist etwas ganz Besonderes. Einfach deshalb, weil sie Schach auf klassische Weise gelernt haben, und wenn man mit ihnen arbeitet, dann spürt man ihre Liebe zum Schach. Für mich ist das immer sehr schön und bereichernd. Da er herausragt, erwähne ich Anatoly Karpov gesondert. Das Jugendteam hat auch ein paar Trainingssitzungen mit ihm absolviert, und wenn man strategische Stellungen verstehen will, dann kann es nichts Besseres geben, als mit diesem Schachgenie zu analysieren.

Die Unterstützung, die wir zur Zeit vom Deutschen Schachbund erhalten, ist allerdingsaußergewöhnlich, denn dies ist die Vorbereitung auf die Olympiade in unserem Land. Nach diesem großen Ereignis hört das leider alles auf.

Hast Du einen regelmäßigen Trainer?

Nicht mehr, aber ich arbeite immer noch mit Chuchelov, im Vergleich zu den ersten Jahren unserer Zusammenarbeit allerdings nur noch sehr selten. Meistens arbeite ich allein und wann immer es möglich ist auch mit Schachfreunden von mir, was natürlich viel mehr Spaß macht.

Welche Sprachen sprichst Du?

Nur ein paar der wichtigsten: Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch. Ich möchte in der Zukunft noch mehr lernen, zum Beispiel Russisch.

Treibst Du Sport?

In letzter Zeit nicht mehr regelmäßig, was ein großer Fehler ist; mit Sicherheit wiegt dieser Fehler schwerer, als ein paar Eröffnungsvarianten nicht zu kennen.Aber ich habe mir für kommenden Sommer ehrgeizige Ziele gesetzt. Wenn ich wieder zu Hause bin, dann werde ich mich zwingen, jeden Morgen Laufen zu gehen und Yoga zu machen. Ich bin überzeugt, dass das allein meine Ergebnisse schon sehr verbessern wird.

Was ist Dein absolutes Lieblingsschachbuch?

Endgame Virtuoso von Vasily Smyslov

Was erwartest Du von Plovdiv und Bulgarien?

Das ist das erste Mal, dass ich in Bulgarien bin und leider weiß ich nur sehr wenig über Dein Land. Aber ich habe gelesen, dass Plovdiv eine historisch einzigartige Stadt ist und ich hoffe, ich werde sie mit vielen schönen Erinnerungen verlassen!

Welches Ziel hast Du für die Europameisterschaft?

Ich fühle mich in der Rolle des Außenseiters wohl – und dazu gehöre ich als Nummer 130 der Setzliste mit Sicherheit – da ich dann ohne Druck spielen kann. Ich werde einfach versuchen, gutes Schach zu spielen und hoffe, gut in Form zu sein. Dann gibt es sicher eine Chance, sich für den World Cup zu qualifizieren. Letztes Jahr war ich in einer vergleichbaren Situation (da war ich sogar nur ungefähr Nummer 200 auf der Setzliste) und schied erst im Tie-Break um die Qualifikationsplätze aus.

Erzähl uns noch ein bisschen mehr über Schach in Deutschland. Die deutschen Spieler sind sehr diszipliniert und gebildet! Warum ist das so, was ist der Grund dafür?

Es wird viel für den durchschnittlichen Vereinsspieler gemacht, da es viele offene Turniere gibt – vor allem die Chess Classic in Mainz, die viele Amateure anziehen und auf breites Interesse stoßen. Andererseits gibt es für Spieler auf meinem augenblicklichen Niveau fast keine Turniere in Deutschland, in denen ich gegen stärkere Gegner antreten kann, was so wichtig ist, wenn man sich weiter verbessern will. Deshalb spiele ich, von der Bundesliga einmal abgesehen, nur selten in Deutschland.

Ausnahmslos alle ursprünglich aus Deutschland stammenden deutschen Spieler gehen aufs Gymnasium, bis sie 18 oder 19 sind. Dann konzentrieren sie sich eine gewisse Zeit aufs Schach und fangen danach an zu studieren. Während ihres Studiums spielen sie nur noch gelegentlich Schach, mehr als Hobby. Es ist sehr selten, dass sich jemand dafür entscheidet, dauerhaft Schachprofi zu werden. Und das ist leicht nachzuvollziehen, da man mit den meisten normalen Jobs sehr viel mehr Geld verdient als mit Schach. Schachprofi zu sein, wird in der deutschen Gesellschaft außerdem als etwas „sehr Exotisches“ angesehen. Ich glaube, in Deutschland kann man vom Schach nur gut leben, wenn man entweder ein sehr guter Trainer ist oder dauerhaft Platz Eins oder Zwei der nationalen Rangliste belegt.

Die „deutsche Disziplin“ liegt in der deutschen Mentalität begründet; es gibt ein typisches Sprichwort: “In Frankreich arbeiten die Leute, um zu essen, in Deutschland essen die Leute, um zu arbeiten.” Übrigens gefällt mir Frankreich sehr gut :)

Gibt es spezielle Programme, um Schach in Schulen oder in der Armee in Deutschland zu fördern?

In den letzten Jahren hat sich Einiges in Bezug auf Schach-in-der-Schule Programme getan und sie werden immer beliebter. Das liegt zum Teil daran, weil die deutschen Schüler im PISA-Test schlecht abgeschnitten haben, was in Deutschland zu einer großen Diskussion geführt hat, wie man die Ausbildung verbessern kann.

In der Armee gibt es ein Programm zur Förderung von Spitzensportlern. Nach zwei Monaten Grundausbildung werden sie von weiterem Armeedienst freigestellt und erhalten ein monatliches Gehalt, damit sie sich auf ihre Karriere als Sportler konzentrieren können. Schach ist Teil dieses Programms, aber Schachspieler können nur ein oder zwei Jahre dabei bleiben, während Profisportler aus anderen Disziplinen so lange in dem Programm bleiben können, wie sie zu den Besten des Landes gehören. Im Moment befinden sich Elisabeth Pähtz, Arik Braun und David Baramidze in diesem Armeeprogramm.


Elisabeth Pätz in Uniform

Danke für das Gespräch und viel Glück im Turnier!


Die Fragen stellte IM Dejan Bojkov.

 

 

 


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