Interview mit Herbert Bastian

23.07.2011 – Das klare Votum für Herbert Bastian bei der letzten Präsidiumswahl kam auch für den neuen Präsidenten etwas überraschend. Der saarländische Verbandspräsident ist aber schon seit langem in die Arbeit des DSB eingebunden und hat in der Vergangenheit oftmals die Interessen der Landesverbände vertreten. Als besondere Aufgaben im neuen Amt sieht der hauptberufliche Lehrer die Stärkung des deutschen Schachs im internationalen Wettbewerb und die Öffnung der Vereine für Frauen. Die Nationalmannschaft soll als Marke entwickelt werden, die Vereine sollen im Hinblick auf neue Mitglieder für Frauen - und nicht nur für den weiblichen Nachwuchs - attraktiver werden. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem neuen DSB-Präsidenten am Rande des Dortmunder Schachturniers. Zum Interview...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Kein neuer Besen, aber ein Umdenken im deutschen Schach
Interview mit DSB-Präsident Herbert Bastian
Von Dagobert Kohlmeyer

Der neue Präsident des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian hat zwei Tage das Dortmunder Chess-Meeting besucht. Am Rande des stärksten klassischen Turniers in Deutschland gab der 58-jährige Internationale Meister unserem Reporter Auskunft über seine Visionen und Ziele. 

Herr Bastian, mit 127:78 Stimmen wurden Sie Anfang Juni in Ihr Amt gewählt. Haben Sie mit einem so deutlichen Ergebnis gerechnet?

Das kann ich klar mit nein beantworten. Es war nicht nur für mich eine große Überraschung. Ich denke, der Unterschied zum Gegenkandidaten Hans-Jürgen Weyer ergab sich durch die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Arbeit. Ich kooperiere ja schon sehr lange eng mit dem DSB, und das hat offensichtlich Früchte getragen.

Vor zwei Jahren sind Sie bereits gegen Ihren Vorgänger Robert von Weizsäcker angetreten, hatten seinerzeit aber noch keinen Erfolg.

Sicher, doch hatte ich gar nicht die Erwartung, die damalige Wahl zu gewinnen. Ich wollte nur deutlich machen, dass die Landesverbände einen Politikwechsel möchten. Also nicht vorwiegend auf der FIDE-Schiene fahren und die Position des Weltverbandes einnehmen, sondern mehr die der eigenen Vereine, also auf die Basis schauen. Denn wir haben ja sehr viele Probleme.

Was hat denn Robert von Weizsäcker gut gemacht, und was ist ihm weniger gelungen?

Gut war die Medienresonanz, ohne Zweifel. Er hat klare Botschaften verkündet, was er vorhat und Begeisterung für das Schach geweckt. Nicht nur für sein Metier, das Fernschach. Was er meiner Ansicht zu wenig getan hat, war die Pflege direkter, persönlicher Kontakte zu den Landesverbänden. Hinhören, was sind die Sorgen der kleinen Vereine, der einfachen Schachspieler. Sicher war das bei ihm auch eine Zeitfrage.

Welche Visionen hat der neue DSB-Präsident Herbert Bastian? Was muss jetzt vor allem angepackt werden?

Meine Visionen sind im Moment eher Träume. Natürlich träume ich davon, dass das deutsche Schach im Weltkonzert wieder eine größere Rolle spielt. Das heißt, dass unsere Nationalmannschaft unter die besten Zehn kommt. Klar ist natürlich, dass man so etwas nicht einfach erzwingen kann. Es wird ein längerer Prozess sein, den ich vielleicht mit einleiten kann und den meine Nachfolger dann weiter gestalten müssen. Doch dieses Ziel muss der Deutsche Schachbund als Sportorganisation einfach verfolgen. Sonst führt er sich selbst ad absurdum.


Herbert Bastian und Horst Metzing

Und weitere Ziele?

Ganz problematisch ist die Struktur unserer Vereine. Wenn wir Sport betreiben, müssen wir daran denken, dass (mehr als) die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus Frauen besteht. Aber wir haben nur sieben Prozent weibliche Mitglieder in unseren Schachklubs. So wie die Vereine derzeit strukturiert sind, sind sie völlig unattraktiv für Frauen und Mädchen. Wenn wir im deutschen Sport eine Rolle spielen wollen, müssen wir die Struktur unserer Schachklubs verändern.

Wie soll das praktisch aussehen?

Das heißt, die Frauen müssen dort nicht nur Figuren bewegen, sondern neben dem Breitensport auch Punktspiele bestreiten. Denn alles, was im Schach um Punkte kämpft, ist eigentlich „Leistungssport“. Egal, wie alt die Frauen oder Mädchen sind. Manche kommen schon als Kinder zum Schach, andere erst jenseits der Dreißig. Die Vereine müssen auch für diese Leute attraktiv werden. Also man darf nicht nur im Hinterkopf haben, ob jemand für die erste Mannschaft geeignet ist, sondern muss auch fragen, ob er oder sie den Verein bereichern kann. Da muss ein Umdenken stattfinden. Das gehört ebenfalls zu meinen Visionen.

Zum Eröffnungsbankett in Dortmund haben Sie die Diskrepanz zwischen dem deutschen Spitzen- und Breitenschach angesprochen. Worin besteht diese in kurzen Worten?

Die Nationalmannschaft muss mehr ins Bewusstsein unserer Basis gerückt werden. Sie muss zu einer echten Marke aufgebaut werden. Den Leuten in den Vereinen muss klar sein, dass dieses Team für uns alle kämpft und das es da eine gewisse Solidarität, auch bei Niederlagen, geben muss. Und natürlich müssen die Besten für unser Land spielen. Dafür sollten wir alles tun.

Wie sehr hat Sie die Pleite des Herrenteams bei der Schacholympiade 2010 in Chanty-Mansysk geschmerzt?

Es war mehr als traurig, dass dort nicht unsere besten Großmeister spielten. Aber in jeder Krise steckt auch eine Chance. Die Pleite hat hoffentlich alle wachgerüttelt. Wir wollen es künftig besser machen, auch wenn es keine Patenrezepte gibt. Wichtig sind ein verstärktes Marketing und eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe mich auch schon mehrmals mit Arkadij Naiditsch getroffen, der eine größere Wertschätzung der Nationalspieler erwartet. Allerdings muss er sich künftig mit abfälligen Bemerkungen über den Bundestrainer in der Öffentlichkeit zurückhalten. Wir lassen es nicht zu, dass Großmeister Uwe Bönsch auf diese Weise demontiert wird.


Herbert Bastian und Vize Michael Langer

Die Führungsriege des DSB ist bis auf Vizepräsident Michael S. Langer fast völlig ausgewechselt worden. Geschah das nach dem Motto: „Neue Besen kehren gut?“

Was mich betrifft, so kann man nicht sagen, dass ich ein neuer Besen bin. Dafür arbeite ich schon zu lange bei den Landesverbänden. Was wir verändern müssen und wollen, ist der Arbeitsstil. Dazu gehört vor allem eine größere Transparenz und dass alle Probleme, die anstehen, offen auf den Tisch gelegt werden. Nur so können wir die besten Lösungen für das deutsche Schach finden.

Noch etwas anderes: Wie überall ist die Computertechnik auch beim Schach im Vormarsch. Leider häufen sich dadurch national und international auch die Betrugsversuche. Ihre Meinung dazu?

Diese Entwicklung und damit verbundene Betrügereien sehe ich mit Sorge. Wir hatten ja erst bei den deutschen Einzelmeisterschaften in Bonn so einen Fall. Turnierdirektor Ralph Alt hat inzwischen ja schon eine Spielsperre von zwei Jahren ausgesprochen. Das DSB-Präsidium befasst sich in Kürze noch einmal mit diesem Thema und wird Anfang August eine endgültige Erklärung dazu herausgeben.

Werden Sie als neuer Schach-Präsident mehr Zeit haben als Ihr Vorgänger?

Ich arbeite als Lehrer an einer Gesamtschule, und diese Tätigkeit ist ebenfalls sehr zeitaufwendig. Aber es gibt ja die Ferien und die Wochenenden, wo man viel tun kann. Und mein Schulleiter ist sehr interessiert am Schach. Er hat viel Verständnis für mein Amt, und auch von seiner Seite erhalte ich Unterstützung. 

Wer gewinnt das Turnier in Dortmund?

Sehr große Chancen hat für mich neben Wladimir Kramnik vor allem Hikaru Nakamura. Natürlich drücke ich besonders Georg Meier fest die Daumen, dass er in diesem Klassefeld gut abschneidet. In der ersten Partie hat er gegen den starken Le Quang Liem ja mühelos ein Remis erreicht.

 

 

 

 

 

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren