Interview mit Joel Lautier

09.08.2004 – Neues Deutschland veröffentlichte in seiner Wochenendausgabe ein Interview mit Joel Lautier, das Dr. René Gralla geführt hat. Der Präsident der im letzten Jahr gegründeten Association of Chess Professionals äußert sich zur FIDE, die durch die Kontakte ihres Präsidenten IIiymshinov zu Hussein und Gaddhafi das Schach in Verruf gebracht habe und zur ACP, deren Aufgabe er darin sieht, den Profis Einnahmen zu sichern und die Reputation des Spitzenschach zu verbessern. Ein weiteres Thema ist die Inhaftierung Fischers in Japan. Interview bei Neues Deutschland...Nachdruck des Interviews...

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Der folgende Artikel erschien in Neues Deutschland. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

„Notfalls gehen wir unseren eigenen Weg weiter – ohne die FIDE“

Sprechgesänge, Trillerpfeifen und rote Fahnen im Turniersaal: Die sind wohl auch in Zukunft nicht zu erwarten, jetzt nachdem sich die ACP gegründet hat, die „Association of Chess Professionals“ mit Hauptquartier in Paris. Doch immerhin: Überall wird von der Individualisierung der Gesellschaft gesprochen, aber ausgerechnet die als super eigenbrötlerisch verdächtigten Schachspieler stemmen sich der modischen Attitüde gegen kollektives Handeln entgegen - und bringen eine eigene Gewerkschaft auf den Weg.

Wofür die ACP streitet, darüber hat mit ihrem Präsidenten Joel Lautier der Journalist Dr. René Gralla gesprochen. Der 31-jährige Franzose Lautier hat vor einem knappen Jahr mit fünf Mitstreitern angefangen; inzwischen bekennen sich rund 240 Top-Sportler zum kleinen, aber feinen Interessenverband. Das Ergebnis unermüdlicher Lobbyarbeit von Lautier, der selber Großmeister ist, fünf Sprachen spricht (Französisch, Englisch, Russisch,  Deutsch und Spanisch) und obendrein noch Shogi spielen kann, die äußerst anspruchsvolle japanische Variante des Schachspiels; schließlich stammt die Mutter des energischen Jung-Gewerkschafters aus dem fernöstlichen Kaiserreich.

Das Multitalent Lautier ist ab Ende September Match-Direktor des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Titelträger Wladimir Kramnik (Russland) und dessen Herausforderer Peter Leko (Ungarn) im Schweizer Brissago. Wegen der gebotenen Neutralität mag Lautier dafür keine Prognose abgeben, dafür kommentiert er noch einmal aus Sicht der ACP die aktuelle Affäre um den Ex-Weltmeister Bobby Fischer und dessen Verhaftung in Japan.


Joel Lautier bei der Presseerklärung der ACP

Herr Lautier, Sie sind Präsident der ACP, der ersten Gewerkschaft der Berufsschachspieler. Wozu brauchen wir eine Gewerkschaft für Schachprofis?

Viele Dinge laufen schief, so wie der Weltschachbund FIDE Schach managt. Ein Beispiel waren die Europameisterschaften 2003 in der Türkei. Die FIDE hatte die Teilnehmer gezwungen, ein bestimmtes Hotel zu buchen – zu überhöhten Preisen, anstelle eines Discounts, der eigentlich normal gewesen wäre. Mit diesem Zuschlag hat die FIDE den Wettbewerb finanziert; im Ergebnis sind die Spieler selber die Sponsoren gewesen. Das macht keinen Sinn! Wozu brauchen wir dann noch einen Weltschachbund? Da können wir Spieler unsere Turniere gleich selber veranstalten: Jeder zahlt in einen Topf ein, und wie beim Poker heißt es am Ende: „The winner takes it all.“

Der FIDE gelingt es nicht, Geldgeber für Schach zu gewinnen?

Genau. Allein durch die Verbindungen ihres Präsidenten, des Herrn Kirsan Iljumschinow, hat der Weltschachbund Sponsoren finden können. Und Herr Iljumschinow ist ein etwas merkwürdiger Geschäftsmann, um es mal so zu sagen: Er arbeitet zusammen mit Leuten wie Muammar al-Gaddafi; früher ist das ein Saddam Hussein gewesen.

Herr Iljumschinow, der nebenbei auch noch die Russische Federationsrepublik Kalmückien regiert, soll während der Amtszeit von Saddam Hussein eine WM in Bagdad geplant haben?!

Das ist richtig. Auf diese Weise bekommt unser Spiel einen sehr schlechten Ruf: Seriöse Sponsoren möchten nicht mit den erwähnten Leuten in Verbindung gebracht werden. Entsprechend das Hauptanliegen der ACP: Wir wollen wieder eine gewisse Ordnung in das internationale Schach bringen. Die FIDE ist nicht mehr dazu in der Lage, Turniere vernünftig zu organisieren. Nehmen wir den wichtigsten Wettbewerb, die Weltmeisterschaft: Die FIDE hat die diesjährige WM im libyschen Tripolis durchgeführt – an einem Ort, zu dem die israelischen Spieler nicht reisen konnten. Obendrein hat der FIDE-Präsident den Oberst Gaddafi zum „Großmeister“ ernannt, am Ende der WM. Das ist total lächerlich! Wir Schachspieler wissen, welcher Einsatz notwendig ist, um Großmeister zu werden – aber Herr Iljumschinow gibt den Titel einfach an jemanden weg, der ein Turnier veranstaltet. Von solchen Dingen haben wir genug.

Ihre ACP, Herr Lautier, will verhindern, dass sich so etwas wiederholt?

Wir wollen für Schach wenigstens einen Teil des Prestiges wiedergewinnen, das es während der vergangenen Jahre verloren hat. Wenn die FIDE auf unsere Forderungen nicht reagiert und mit uns kooperiert: Wir können die FIDE dazu nicht zwingen. Wir wären glücklich, mit der FIDE zu arbeiten, wenn sich die FIDE vernünftig verhalten würde. Da sie es aber nicht eilig zu haben scheint, das zu tun, dann gehen wir eben unseren eigenen Weg weiter. Ohne die FIDE.

Das typische Kampfmittel einer Gewerkschaft ist der Streik. Wird die ACP ihre Mitglieder auffordern, Turniere der FIDE zu boykottieren?

Insofern unterscheiden wir uns von einer üblichen Gewerkschaft. Wir wollen nicht nur protestieren und Streik oder Boykott als die einzigen Mittel einsetzen, um uns Gehör zu verschaffen. Wir nehmen die Dinge selber in die Hand: Als ACP organisieren wir Turniere künftig nach professionellen Gesichtspunkten. Und das an ganz normalen Austragungsorten – und nicht mehr dort, wo das Geld aus dubiosen Quellen stammt.

Deswegen haben Sie jetzt Ihre neue ACP-Tour gestartet – eine Serie von Turnieren, die das Gütesiegel der ACP tragen.

Ja. Die lächerlichen Vorfälle aus der Vergangenheit – das die Teilnehmer ihre eigenen Turniere finanzieren - , die werden sich bei uns nicht wiederholen. Außerdem: Wir wollen so viele Wettbewerbe wie möglich realisieren, das werden während der laufenden ersten Saison über 30 sein: damit eine große Zahl von Spielern die Chance erhält, sich nach unserem eigenen Rating-System für die „ACP Master’s am Ende des Turnierzyklus 2004/2005 zu qualifizieren. Die ACP Master’s werden entschieden zwischen September und Dezember 2005, und der Sieger wird zum Besten Spieler der Saison erklärt. Insofern orientieren wir uns am Vorbild Tennis, wo dieses Modell sehr gut funktioniert. Bisher ist das in der Schachwelt ja anders gewesen: Leute fangen damit an, sich einen Namen zu machen, dann werden sie zu Eliteturnieren eingeladen. Ergebnis: Nur eine sehr begrenzte Zahl von Spielern kann Geld verdienen. Wir wollen viele offene Turniere einbeziehen, um das System dynamischer und offener zu machen.

Wie viel Geld kann ein Schachprofi verdienen?

Das hängt natürlich sehr stark von der einzelnen Person ab. Die Top Ten nehmen sicher mehr als 100.000 Dollar im Jahr ein, die besten hundert Spieler der Welt kommen vielleicht auf 50.000 Dollar.

Was ist mit dem Weltmeister Wladimir Kramnik oder mit Ex-Champ Garri Kasparow: Sind die beiden Millionäre?

Das nehme ich an.

Wird sich aus Ihrer ACP ein Gegenverband zum Weltschachbund FIDE entwickeln?

Sie können das ruhig eine Konkurrenz nennen. Die Profis werden dort sein, wo das Geld ist. Wenn wir genügend Sponsoren für Schach finden, werden die Spieler bei uns mitmachen. Dafür arbeiten wir hart, und die Dinge entwickeln sich gut. Die FIDE hat nicht einmal ein eigenes Team, das sich mit der Sponsorensuche beschäftigt: Sie wissen nicht, wie das überhaupt funktioniert. Schließlich hat der Weltschachbund auch schon Turniere derart finanziert, dass der Präsident selber – also Herr Iljumschinow – sein eigenes Geld dafür ausgegeben hat. Was eine eigenartige Vorgehensweise ist,  so arbeitet eine Sportvereinigung normalerweise nicht. Zumal es noch nicht einmal ganz sicher ist, ob das eingesetzte Geld das persönliche Geld von Herrn Iljumschinow gewesen ist – oder ob jenes Geld, auf das er Zugriff gehabt hat, aufgrund seiner Geschäftsaktivitäten oder seiner politischen Position geflossen ist.

Sie sind jetzt Spitzenfunktionär Ihrer Schachgewerkschaft, aber gleichzeitig auch Profispieler. Haben Sie überhaupt noch Zeit für das Training?

Ich muss mich wirklich anstrengen, um ein wenig freie Zeit zu finden, damit ich mein Schach verbessern kann. Normalerweise habe ich dafür wenigstens sechs bis sieben Stunden am Tag investiert; heute schaffe ich höchstens zwei bis drei Stunden.

Immerhin spielen Sie aber ein wenig Shogi. Da gibt es ja die Theorie, dass man im üblichen internationalen Schach besser wird, wenn man parallel auch noch eine asiatische Variante pflegt. Haben Sie diesen Effekt an sich beobachtet: dass Sie Shogi spielen – und dann bessere Einfälle im Schach haben?

Manchmal bekommt man vielleicht einige recht originelle Ideen. Aber die beste Methode ist es doch, am Schach selber zu arbeiten.

Welchen Grad haben Sie im Shogi erreicht?

Ich bin da nicht besonders stark. Bei Turnieren bin ich nicht gestartet; ich schätze, es ist der 1. Kyu.

Schach hat viele Schlagzeilen in den vergangenen Tagen gemacht, wegen der Verhaftung von Bobby Fischer in Japan; der Ex-Weltmeister soll an die USA ausgeliefert werden. Der Nordamerikaner ist der erste gewesen, der größere Summen für Schach gefordert und erstritten hat; er ist damit Gründervater des Profisports im Schach. Abgesehen von Fischers unerträglichen Hetzreden gegen Israel und sein Heimatland USA: Wäre es nicht an der Zeit, dass sich die Profi-Organisation ACP für Fischer einsetzt?

Wir wissen, dass Fischer ein großer Schachspieler war. Aber viele mögen nicht besonders, was er über andere Themen jenseits vom Schach meinte sagen zu müssen. Sicherlich wird im Fall Fischer ein ziemlich seltsames Spiel gespielt: Es scheint eine Idee der gegenwärtigen US-Administration zu sein, ihm Probleme zu machen.

Vor allem wohl wegen seines Beifalls für die Terroranschläge vom 11. September 2001 …

… das ist einfach nur dumm gewesen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es für Menschen, die wegen der Ereignisse gelitten haben, schrecklich gewesen ist, Fischer zu hören. Deswegen wohl will die US-Administration zeigen, dass sie solche Leute bestraft. Das ist ein kompliziertes Thema; außerdem ist nicht klar, wie man ihm helfen kann. Mehrere Schachverbände haben sich in Washington für Fischer verwandt, aber ohne jeden Erfolg. Wir müssen die juristische Auseinandersetzung abwarten: ob Fischer tatsächlich rechtliche Regeln verletzt hat, als er trotz eines Embargos gegen Jugoslawien dort 1992 einen Wettkampf mit Boris Spassky ausgetragen hat - oder ob hier ein Rechtsmissbrauch der US-Administration vorliegt.

Wird die ACP wenigstens einen Rechtsanwalt für Fischer besorgen?

Ich denke, er hat schon einen Rechtsbeistand in Japan.

Interview: Dr. René Gralla

 

 

 

 



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