Interview mit Michael S. Langer

von André Schulz
28.08.2020 – Mit dem Beschluss, der DSJ die Umgründung in einen Verein zu ermöglichen, hat der außerordentliche Bundeskongress in Magdeburg eine wichtige Entscheidung getroffen. Michael Langer ist sich aber nicht sicher, ob damit alle Konfliktpunkte beseitigt sind und zeigte sich im Interview über andere Beschlüsse konsterniert. | Fotos vom Kongress: Deutscher Schachbund

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Am Rande des Meisterschaftsgipfels in Magdeburg fand ein außerordentlicher Bundeskongress statt. Wer dich über Arbeit im Deutschen Schachbund informieren will, findet reichlich Material in der Kongressbroschüre, die auch ein Protokoll des Bundeskongresses vom Juni 2019 enthält. Die Kongressbroschüre enthält zudem die Satzung des Deutschen Schachbundes und eine Liste der Anträge für den außerordentlichen Bundeskongress 2020. Über die Beschlüsse beim außerordentlichen Bundeskongress hat der Schachbund auf seiner Webseite informiert.

Kongressbroschüre...

Beschlüsse des außerordentlichen Bundeskongress...

 

Michael S. Langer

Michael S. Langer hat als Präsident des Niedersächsischen Schachbundes an dem Kongress 2020 in Magdeburg teilgenommen und schildert in einem Interview seine Eindrücke.

Der wichtigste Punkt beim außerordentlichen Bundeskongress war die Abstimmung über die Umgründung der Schachjugend zum eingetragenen Verein. Gab es große Diskussionen zu diesem Thema? Welche Argumente für und wider wurden vorgetragen?

Ja! Es wurde ausführlich und lange diskutiert. Eine echte Debatte um für und wider der Eigenständigkeit einer Jugend auf Bundesebene wurde aber nicht geführt. Es ging hauptsächlich um Fragen zu den Anträgen. Deren Umsetzung mit den Kernfragen Altersgrenze, Sitz im Präsidium, finanzielle Ausstattung der DSJ und eigene Geschäftsstelle standen im Mittelpunkt des Kongresses.

Wie hat man sich den Verlauf eines solchen Kongresses vorzustellen? Wie viele Delegierte haben teilgenommen?

Die Landesverbände lassen sich vor Ort durch Delegierte vertreten. Eine einzelne Person kann hierbei maximal zehn Stimmen auf sich vereinen. Ich gebe zu, dass ich nicht gezählt habe. Es werden zu Beginn des Kongresses in jedem Fall weniger als 77 Personen, aufgrund des Hygienekonzeptes des Hotels war dies die kommunizierte Höchstgrenze, im Saal gewesen sein. Wir Niedersachsen haben aufgrund unserer Mitgliederzahlen 13 Stimmen und hatten diese auf sieben Delegierte verteilt.

Die Delegierten

Wie bewerten Sie das Ergebnis aus der Sicht eines Landespräsidenten?

Ich kann das Ergebnis noch nicht abschließend bewerten. Der Kongress war auch bei mir von Emotionen geprägt und sehr anstrengend. Ich hoffe, dass die erzielten Ergebnisse die Basis für eine Rückkehr zur Sacharbeit darstellen. In jedem Fall schüttele ich immer noch den Kopf darüber, dass wir uns ernsthaft mit Raumaufteilungen und damit einhergehend Toilettennutzung von leitenden Mitarbeitern befassen mussten. Enttäuscht bin ich darüber, dass Jörg Schulz, dessen Entlassung der Grund für diesen Kongress war, am Ende nicht oder nur in geringem Umfang an Bord bleiben konnte.

Können alle mit dem gefundenen Kompromiss leben?

Wie eben gesagt, ich kann die Ergebnisse des Kongresses nicht mal für mich selbst abschließend bewerten. In jedem Fall liegt noch sehr viel Arbeit vor allen Beteiligten.

Welche offenen Fragen gibt es noch?

Das Kernthema der nächsten Wochen und Monate ist die finanzielle Ausstattung der DSJ. Hier gilt es Lösungen zu finden, die ein eigenverantwortliches Handeln der DSJ umsetzbar werden lassen. Dass das erst jetzt, nach dem Kongress passiert, sehe ich kritisch. Hier ist unnötig viel Zeit ins Land gegangen.

Welches Verhältnis hat die Niedersächsische Schachjugend zu ihrem Landesverband?

Im derzeitigen Geschäftsführenden Vorstand sitzen drei Personen, die 1. Vorsitzender der Niedersächsischen Schachjugend waren oder gerade eben sind. Das zeigt unseren Willen und unsere Fähigkeit, die wertvollen Ressourcen des Jugendbereichs nachhaltig und ganzheitlich in die Arbeit unseres Verbandes einzubeziehen. Auch unsere Besetzung in Magdeburg war ein ausgewogener Mix aus Verband und Schachjugend. Die im deutschen Schach gern geführten Diskussionen über Haftung und Verantwortung werden auch in Niedersachsen geführt. Aber unter dem Vorzeichen, dass wir Lösungen suchen. Hier möchte ich mich auch ganz klar zu meiner Rolle in der Zusammenarbeit mit der Jugend äußern. Natürlich trage ich abschließend die rechtliche Verantwortung. Ich habe davor keine Angst. Wir stehen untereinander im regelmäßigen Austausch und ich weiß, welche Themen anliegen. Das verschafft gegenseitige Sicherheit.

Wie stand die Niedersächsische Schachjugend zu dem Konflikt zwischen der Deutschen Schachjugend und dem Deutschen Schachbund?

Die Niedersächsische Schachjugend arbeitet seit vielen Jahren eng mit der Deutschen Schachjugend zusammen. Auch aufgrund dieser gemeinsamen Grundlage standen wir als Gesamtverband den Argumenten der DSJ immer näher. Nichts desto trotz haben wir im Vorfeld des Kongresses bei internen Vorbereitungssitzungen auch kontrovers diskutiert. In Niedersachsen gab es eine Auseinandersetzung mit den Fragen nach dem grundsätzlichen für und wider. Wirklich gestört hat uns die passive und zum Teil verweigernd wirkende Haltung des DSB-Präsidiums.

Welche Auswirkungen hat das Abstimmungsergebnis für die Niedersächsische Schachjugend?

Im Innenverhältnis keine! 

Welche anderen wichtigen Entscheidungen wurden getroffen?

Die meisten anderen Anträge wurden, da sie für den Fall eines Scheiterns der DSJ-Anträge gestellt wurden, zurückgezogen. Auf der Seite des DSB lässt (s.o) sich nachlesen, welche Anträge behandelt und wie sie entschieden wurden. Aus niedersächsischer Sicht begrüßen wir die Zustimmung zum badischen Antrag, die Beitragsordnung im Hinblick auf Passivmitgliedschaften anzupassen.

V.li.: Malte Ibs, Olga Birkholz, Horst Metzing, Ullrich Krause, Boris Bruhn 

Der Niedersächsische Schachverband hatte einen Antrag auf Abwahl des Vizepräsidenten Verbandsentwicklung, Boris Bruhn, gestellt? Was war der Grund für diesen ungewöhnlichen Antrag?

Wir waren und sind in Abstimmung mit anderen Landesverbänden der Ansicht, dass wir einen ganzheitlich agierenden Vizepräsidenten Verbandsentwicklung dringender denn je benötigen. In der derzeitigen zudem von Corona geprägten Gesamtlage brauchen wir Ideen, Vorschläge und umgesetzte Konzepte. Es muss zudem eine enge Zusammenarbeit mit der DSJ erfolgen. Boris Bruhn sehen wir nicht als denjenigen, der diese Aufgabe bewältigen kann oder zumindest annimmt.

Der Antrag kam aber gar nicht zur Abstimmung, weshalb nicht?

Es gab den letztendlich erfolgreich gestellten Antrag (110:104) auf Nichtbefassung. Dieses vom Präsidium forcierte Vorgehen lässt mich auch Tage nach dem Kongress konsterniert zurück. Ich hätte es gut ausgehalten, wenn unser Antrag inhaltlich, und dabei gern auch emotional und kritisch diskutiert worden wäre. Aber ihn, geprägt vom Gefühl einer moralischen Überlegenheit, einfach nur nicht sehen und behandeln wollen!?

Übrigens: Beim gewählten Vorgehen waren Präsidium und Referenten abstimmberechtigt. Bei einer Abstimmung in der Sache wäre dies nicht der Fall gewesen.

Wie viele Semester Vereinsrecht muss man studieren, um als Delegierter an einem Bundeskongress teilnehmen und alle Vorgänge und Anträge verstehen zu können?

;-)

Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte André Schulz




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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